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Werbeanzeige "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (D 1939) / © Jugendfilm-Verleih

Krieg und Frieden: Pazifistische und militaristische Botschaften im Märchenfilm

Zum Märchen gehört der Krieg wie rauschende Feste oder spannende Abenteuer. Im Märchenfilm spiegelt der Umgang mit militärischen Konflikten immer auch die Entstehungszeit der jeweiligen Produktion wider.

„Es war einmal ein großer Krieg, und als der Krieg zu Ende war, bekamen viele Soldaten ihren Abschied“ (Grimm 1980, S. 392): Der Krieg, das zeigt exemplarisch der Beginn des Grimm’schen Märchens „Bruder Lustig“, zählt in der traditionellen Volkserzählung zu den „thematischen Selbstverständlichkeiten“ (Lehmann 1996, Sp. 422).

Klingt hier das Schicksal eines abgedankten Soldaten an, wie auch in den Grimm-Märchen „Das blaue Licht“ oder „Sechse kommen durch die ganze Welt“, so werden in anderen Märchen junge Männer in den Krieg geschickt, wenn sie als Freier einer Prinzessin „nicht erwünscht“ (ebd.) sind – auch in der Hoffnung, dass sie nie mehr zurückkehren.

Krieg in der Geschichte des deutschen Märchenfilms

Wird der Krieg in den Märchenvorlagen demnach nur als „schicksalhafte Erfahrung“ (ebd.) erlebt, so hinterfragt der Märchenfilm oftmals seine Notwendigkeit – und bewertet militärische Konflikte sowie damit einhergehende Gewalt mitunter kritisch.

Die Geschichte des deutschen Märchenfilms zeigt dabei gleichzeitig, dass eine Bewertung immer von der Entstehungszeit der jeweiligen Verfilmung abhängig ist, wie Beispiele aus dem Deutschland des 21. Jahrhunderts, der DDR und dem „Dritten Reich“ zeigen.

„Das blaue Licht“ (BRD 2010): Soldaten als traumatisierte Märchenhelden

Was (im Märchen) der Krieg aus Soldaten macht, versucht Eugen Drewermann in „Heimkehrer aus der Hölle: Märchen von Kriegsverletzungen und ihrer Heilung“ (2010) zu deuten. Am Beispiel von drei Grimm’schen Erzählungen zeigt der Theologe, wie Soldaten als traumatisierte Märchenhelden in ein alltägliches und normales Leben zurückfinden wollen – und das vor dem Hintergrund des Bundeswehreinsatzes im Afghanistan-Krieg.

Der gesamtdeutsche Märchenfilm hat eins dieser drei Soldatenmärchen adaptiert: „Das blaue Licht“ (2010). Darin ist der junge Soldat Jakob gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, aber nur noch ein trauriges Wrack: verwundet, ausgemergelt, ausgehungert. Und darüber hinaus vom machthungrigen König um den Sold betrogen. Völlig mittellos sieht Jakob einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch ein blaues Zauberlicht hilft ihm, die Lebensfreude zurückzugewinnen.

"Das blaue Licht" (BRD 2010): Soldat Jakob (Christoph Letkowski, r.) / © HR/Felix Holland

„Das blaue Licht“ (BRD 2010): Soldat Jakob (Christoph Letkowski, r.) / © HR/Felix Holland


Dabei versucht der Märchenfilm, allgemeingültige Fragen zu beantworten: Wer profitiert vom Krieg? Welche wahren Ziele stehen generell hinter Kriegsabsichten? Und welche Rolle spielen eigentlich Soldaten bei der ganzen Sache? In einer Zeit, in der in Deutschland pazifistische Überzeugungen aktuell nicht hoch im Kurs stehen, wagt sich „Das blaue Licht“ mutig aus der Deckung. Und muss dennoch keine Kritiker fürchten. Es ist ja nur ein Märchen.

„Der Bärenhäuter“ (DDR 1986): Krieg trifft vor allem Bevölkerung

Einen ähnlichen Pazifismus (obwohl der Begriff im ‚Friedensstaat DDR‘ umstritten war) verfolgt auch eine DEFA-Verfilmung von „Das blaue Licht“ (DDR) aus dem Jahr 1976 – und ebenso „Der Bärenhäuter“ (DDR 1986): Am Beginn dieses Märchenfilms zieht es den Ex-Soldaten Christoffel nach Hause. Aber, ach: Der Krieg hat aus seiner Heimat ein Trümmerfeld gemacht. Von seiner Familie sind nur Grabsteine geblieben.

"Der Bärenhäuter" (DDR 1986): Ex-Soldat Christoffel (Jens-Uwe Bogadtke, r.) kann wieder lachen / © Progress

„Der Bärenhäuter“ (DDR 1986): Ex-Soldat Christoffel (Jens-Uwe Bogadtke, r.) kann wieder lachen / © Progress


Der Krieg und seine Folgen werden in der Studioproduktion mit eindringlichen Bildern von Zerstörung, Tod und Trauer verbildlicht, der vor allem die Bevölkerung trifft. Kein Wunder, dass sich Christoffel – „arm wie eine Kirchenmaus und ohne Hoffnung“ (Giera 1990, S. 123)“ – mit dem Teufel verbündet, der ihn zum Bärenhäuter macht.

Die DDR leitet alle Fragen rund um Krieg und Frieden immer vom „Klassenkampf“ ab. Und: „Kriege [haben] letzlich ihre Wurzel im Privateigentum an Produktionsmitteln und im Klassenantagonismus der Ausbeutergesellschaft […]“ (Kleines politisches Wörterbuch 1985, S. 273). Das heißt im Klartext: Siegt die Arbeiterklasse über ihre Ausbeuter, gibt es auch keine Kriege mehr. So einfach ist das.
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DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

Doch nicht nur vorhandene Ansätze in Märchenvorlagen, die Krieg und seine Folgen wie in „Der Bärenhäuter“ thematisieren, werden dramaturgisch ausfabuliert. Erfahrungen mit militärischen Konflikten und der damit verbundenen Gewalt werden auch neu in die Handlung von Märchenfilmen aufgenommen.

„Jorinde und Joringel“ (DDR 1986): Lovestory und Antikriegsgeschichte

Ein Beispiel ist der DEFA-Film „Jorinde und Joringel“ (DDR 1986): Die Grimm’sche Geschichte vom Mädchen Jorinde, das von einer Zauberin in eine Nachtigall verwandelt und von seinem Freund Joringel erlöst wird, ist zeitlich und historisch nicht festgelegt. Diese Raum- und Zeitlosigkeit nutzen die Drehbuchschreiber Wera und Claus Küchenmeister und verlegen die Handlung in die Zeit des 30-jährigen Krieges (1618–1648):

Eine dreiköpfige Familie ist auf der Flucht vor den Kriegswirren. Sie finden in einem zerstörten Dorf einen kleinen Jungen, allein zurückgelassen. Sie nehmen ihn mit – und nennen ihn Joringel.

Der Horror des Krieges wird hier nicht nur mit Kriegswaisen, sondern auch mit brutalen Landsknechten bildlich umgesetzt. Diese schrecken nicht vor Verbrechen wie Mord und Vergewaltigung zurück. „Jorinde und Joringel“ wird so zur mahnenden „Antikriegs-Fabel“ (Schmitt 1993, S. 474). Denn: Die Schreckensbilder im Märchenfilm lassen sich als Gleichnis aktueller kriegerischer Auseinandersetzungen begreifen – wenn auch zu drastisch: „Jorinde und Joringel“ ist erst ab zwölf Jahren freigegeben.

„Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953): Einfaches Volk zerreißt Kriegserklärung

Eine wesentlich kindgerechtere Umsetzung des Themas zeigt dagegen ein früher DEFA-Märchenfilm. Für „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) wird in die Handlung zusätzlich eine Episode mit einer pazifistischen Botschaft eingefügt:

Muck muss als Oberleibläufer des Sultans dem Nachbarland eine offizielle Kriegserklärung überbringen. Auf dem Weg dorthin trifft der kleine Held auf einfache Menschen, die entsetzt auf die Nachricht eines möglichen Krieges reagieren. Gemeinsam wird deshalb die Kriegserklärung unter lautem Jubel zerrissen.

Regisseur Wolfgang Staudte und Co-Autor Peter Podehl zeigen hier Gespür für die Zeit: Acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges beziehen sich beide „direkt auf das Alltagsbewußtsein [der] Zuschauer“ (Richter/Richter 1990, S. 33). Daher ist dieser Zusatz, der in der Vorlage von Wilhelm Hauff nicht zu finden ist, eine pazifistische Bereicherung des Märchens.

„Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939): Vater zieht in den Krieg

Filmplakat "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (D 1939) / © Jugendfilm-Verleih

Filmplakat „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939) / © Jugendfilm-Verleih

Eher auf einen Krieg vorbereitend als diesen kritisch hinterfragend ist dagegen eine Verfilmung aus dem Jahr 1939. In „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939) kommt dem Vater der schönen Königstochter, deren Stiefmutter versucht, sie dreimal zu töten, eine größere Bedeutung zu.

Heißt es bei den Grimms über den Vater nur: „Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin“ (Grimm 1980, S. 269), so tritt er in der Filmhandlung als Nebenfigur auf. Als Schneewittchen 18 Jahre wird, zieht der König in den Krieg, um sein Land zu verteidigen.

Kritisch ist nicht, dass der Vater entgegen der populären Vorlage zusätzlich ins Figurenensemble aufgenommen wird. Es erscheint sinnvoll, seine noch blasse Rolle bei den Grimms auszufabulieren. Entscheidend ist, dass er auf die Rolle als oberster Feldherr und pflichtbewusster Verteidiger seines Landes reduziert wird – und das in einem Jahr, in dem das „Dritte Reich“ mit dem Überfall auf Polen einen Weltkrieg beginnt.

Damit deckt sich die Filmhandlung mit den damaligen Alltagserfahrungen des Publikums. „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ zeigt, dass deutsche Märchenfilme eben nicht nur pazifistische, sondern auch militaristische Tendenzen in sich tragen können – ohne dass Kriegstreiberei kritisch hinterfragt wird. Vielmehr ist dieser NS-Märchenfilm ein Beitrag zur „Disponierung der Masse für Krieg und Wehrbereitschaft“ (Donner 1995, S. 31), der zweifellos seine Entstehungszeit gleichnishaft reflektiert.

Filme (in Reihenfolge der Nennung):

  • „Das blaue Licht“ (BRD, 2010, R: Carsten Fiebeler)
  • „Das blaue Licht“ (DDR, 1976, R: Iris Gusner)
  • „Der Bärenhäuter“ (DDR, 1986, R: Walter Beck)
  • „Jorinde und Joringel“ (DDR, 1986, R: Wolfgang Hübner)
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte)
  • „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D, 1939, R: Carl Heinz Wolff)

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Bruder Lustig. In: In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 1, S. 392–404.
  • Brüder Grimm: Sneewittchen. In. Ebd. S. 269–278.
  • Donner, Wolf: Propaganda und Film im „Dritten Reich“. Mit einem Nachwort von Andreas Kilb und Illustrationen von Bernd Pohlenz. Berlin, 1995.
  • Drewermann, Eugen: Heimkehrer aus der Hölle. Märchen von Kriegsverletzungen und ihrer Heilung. Mannheim, 2010.
  • Giera, Joachim: Der Bärenhäuter. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 123–126.
  • Kleines politisches Wörterbuch. Hrsg. von Gertrud Schütz [u. a.]. Nachdruck der 4., bearbeiteten und ergänzten Auflage von 1983. Berlin, 1985.
  • Lehmann, Albrecht: Krieg. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 8, Berlin/New York, 1996, Sp. 421–430.
  • Richter, Erika/Richter, Rolf: Die Geschichte vom kleinen Muck. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 29–33.
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen: eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt a. M., 1993.


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