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Prinz Himmelblau und Fee Lupine / Foto: Radio Bremen/Michael Ihle

Prinz Himmelblau und Fee Lupine (D 2016): Date mit Erdbeermarmelade

Hat die ARD bisher meist Volksmärchen verfilmt, so ist die Geschichte über „Himmelblau und Lupine“ das erste Feenmärchen in der TV-Reihe „Auf einen Streich“. Der Märchenfilm, nach einer Vorlage von Christoph Martin Wieland aus dem 18. Jahrhundert, punktet vor allem mit Witz, Esprit und einem unkonventionellen Prinzen-Date im Feenwald.

„Dschinnistan“-Ausgabe von 1968. Mit Illustrationen v. Werner Klemke

„Dschinnistan“-Ausgabe von 1968. Mit Illustrationen v. Werner Klemke

Seit 2008 hat die ARD über 40 Märchen für ihre Reihe „Auf einen Streich“ verfilmt. Dabei sind Vorlagen der Brüder Grimm mit mehr als 30 überproportional häufig vertreten. Gerade einmal vier Drehbücher gehen auf Hans Christian Andersen zurück. Und Ludwig Bechstein und E. T. A. Hoffmann befinden sich mit gar nur einem verfilmten Märchen am Ende der Statistik. Das zeigt, dass die Grimms in Deutschland auch im 21. Jahrhundert ein unglaublich großes Standing im öffentlich-rechtlichen Märchen-TV genießen.

Und das, obwohl es in Deutschland (und in Europa) an Märchendichtern nie gefehlt hat, die unser Bild von dieser Gattung bis heute prägen. Allein deutsche Autoren, wie Theodor Storm, Wilhelm Hauff, Novalis oder Johann Karl August Musäus, der mit seinen „Volksmärchen der Deutschen“ (1782/86) erstmals volkstümliche Überlieferungen für ein größeres Publikum zusammenstellt, zeigen das meisterhaft. Ein Zeitgenosse von Musäus ist ebenso Christoph Martin Wieland. Auch er, ein studierter Jurist und Erzieher des Prinzen Karl August in Weimar, veröffentlicht Märchen.

ARD-Märchenfilm geht auf Feenmärchen zurück

Allerdings ganz andere als Musäus, denn: „Ammenmärchen, im Ammenton erzählt, mögen sich durch mündliche Überlieferung fortpflanzen, aber gedruckt müssen sie nicht werden“, meint Wieland etwas arrogant. Auch wenn er nicht recht behalten wird – denn die späteren Grimmschen Märchen beruhen ja zumeist auf mündliches Weitergeben –, so orientiert sich Wieland mit seinen Geschichten an den „Conte de Fées“, den damals auch in Deutschland bekannten französischen Feenmärchen.

Happy End: Himmelblau (Jonathan Berlin) mit Lupine (Ruby O. Fee) inmitten von Elfen und Feen / © RB/Michael Ihle

Happy End: Himmelblau (Jonathan Berlin) mit Lupine (Ruby O. Fee) inmitten von Elfen und Feen / © RB/Michael Ihle


Darin überrascht er mit literarischen Anspielungen und witzigen, eleganten Wendungen (vgl. Mayer/Tismar 2003, S. 39). 1786/89 veröffentlicht Wieland „Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geistermärchen“. Das Sammelwerk enthält frei bearbeitete Übersetzungen französischer Feenmärchen. Er plant die Märchensammlung in acht Bänden, wegen mangelnden Verkaufserfolgs erscheinen allerdings nur drei (vgl. Tarot 1993, S. 65). In einem steht auch das Märchen „Himmelblau und Lupine“.

Szenenbild: dunkles Burgschloss vs. helle Feenwelt

Die Erzählung über die unglückliche Liebe zwischen Fee Lupine und Prinz Himmelblau gefällt auch der ARD, sodass sie das erste Mal ein Märchen von Christoph Martin Wieland verfilmt. Drehbuchschreiberin Annette Schönberger bastelt aus der Vorlage, die in der Länge überschaubar, doch in Handlung und Figuren etwas uneinheitlich wirkt, ein Filmmanuskript. Darin vergrößert sie das Figurenensemble. Zudem finden sich Hauptfiguren in neuen Bewährungssituationen wieder, um Motive ihres Handelns zu vertiefen.

Familienkonflikt: Die Königin (Mechthild Großmann) erfährt, dass Sohn Himmelblau eine Fee liebt / © RB/Michael Ihle

Familienkonflikt: Die Königin (Mechthild Großmann) erfährt, dass Sohn Himmelblau eine Fee liebt / © RB/Michael Ihle


Anders als in der Vorlage werden von Beginn an zwei Geschehensorte gegenübergestellt: die höfische Welt im Burgschloss, in dem die Königin (Mechthild Großmann) mit Sohn Himmelblau (Jonathan Berlin) residiert, und die Feenwelt im Wald, in der auch Lupine (Ruby O. Fee) lebt. Sind die Räume des Hofs meist dunkel und grau (Thronzimmer, Burgverlies, Schlosshof), so zeigt sich das Feendorf als paradiesische Idylle: hell und lichtdurchlässig, natürlich und grün. Die zeltähnlichen Behausungen fügen sich organisch in die Natur ein.

Von Schlafzimmerbildern und guten Partien

Dabei erinnert die Feenwelt an eine Wald-Kommune oder auch an – naja – „Schlafzimmerbilder“ von Hans Zatzka aus dem frühen 20. Jahrhundert. Diese wurden in den 1920er- und 1930er-Jahren über das Ehebett gehängt und zeigten oftmals „neckisch agierend[e] Nymphen, Nixen und Mädchen“ (Bernhard 2011, S. 142) in der Natur. Um diesem Ausstattungs-Kitsch zu entgehen, erweitert der ARD-Märchenfilm das Personal um Kinder, junge Männer – und Kranke und Verletzte, die gesund gepflegt werden (Szenenbild: Veronika Große).

Motiv-Vorbild: Der erfolgreichste Produzent von „Schlafzimmerbildern“ ist der Wiener Maler Hans Zatzka (1859–1945)

Motiv-Vorbild: Der erfolgreichste Produzent von „Schlafzimmerbildern“ ist der Wiener Maler Hans Zatzka (1859–1945)


Damit bietet die Feenwelt wieder einen bildlichen Gegensatz zur höfischen Welt, wenn hier die Königin sagt: „Wir sind ausgeblutet, leer. Der letzte Krieg gegen König Richard hat all unsere Reserven aufgebraucht.“ Auch deshalb möchte sie Sohn Himmelblau mit einer „guten Partie“, sprich: reichen Prinzessin, verheiraten. Doch der Spross will nicht und macht sich auf die Suche nach einer Frau, die ihm gefällt, egal, ob reich oder arm. Um das zu verhindern, sucht die Königin Rat bei Confidante (Friederike Kempter).

Prinz Himmelblau verliebt sich in Fee Lupine

Wird die Königin neu ins Drehbuch aufgenommen, so ist Confidante bereits in der Vorlage enthalten, allerdings als Fee, die mit Himmelblau flirtet, obwohl er doch Lupine liebt. Diese Wielandsche Dreiecksgeschichte ordnet Drehbuchautorin Schönberger neu: Confidante ist nun eine böse Hexe, die seit Jahren im Burgverlies einsitzt. Das wirkt sich wiederum auf die dramaturgische Funktion der einzelnen Figuren aus, denn: „Die Hexe ist negative Gegenfigur zur Fee“ (Freund 2005, S. 104).

Gegenfigur: Confidante (Friederike Kempter) torpediert gängige Vorstellungen einer bösen Hexe / © RB/Michael Ihle

Gegenfigur: Confidante (Friederike Kempter) torpediert gängige Vorstellungen einer bösen Hexe / © RB/Michael Ihle


Damit sind die Rollen – gut und böse – klar verteilt. Zugleich vermischen sich Volksmärchen und Feenmärchen, wenn Confidante nicht hässlich und alt (typische Hexe), sondern jung und hübsch (typische Fee) ist. Dennoch kann nur sie der Königin helfen, um Himmelblau davon abzubringen, sich in eine Fee zu verlieben. Dummerweise passiert das wirklich, als er mit seinem Knappen Fred (Patrick Güldenberg) im Wald umherreitet. Dort begegnen die beiden zufällig den Feen Lupine und Elli (Sarina Radomski), ihre Schwester.

Prinzen-Date mit Erdbeermarmelade im Feenwald

Bereits hier deuten Gemeinsamkeiten zwischen Himmelblau und Lupine darauf hin, dass die beiden etwas verbindet: Als Lupine gegenüber Elli ihr etwas ungezogenes Pony Alfonse verteidigt („Es ist halt sehr kontaktfreudig!“), verwendet Himmelblau Sekunden später dieselben Worte, als das Pony seine Stute Anna beschnuppert („Ach, er ist sicherlich einfach nur sehr kontaktfreudig.“). Dieses Wie-aus-einem-Mund-dasselbe-Sagen, weil beide offenbar ähnlich denken, sind kleine, aber feine Dialog-Ideen für Verliebte.

Date: Prinz Himmelblau (Jonathan Berlin) trifft Fee Lupine (Ruby O. Fee) mit Pony Alfonse im Wald / © RB/Michael Ihle

Date: Prinz Himmelblau (Jonathan Berlin) trifft Fee Lupine (Ruby O. Fee) mit Pony Alfonse im Wald / © RB/Michael Ihle


Dass Himmelblau, der so heißt, „teils, weil seine Augen von dieser Farbe waren, teils, weil er sich den ganzen Sommer durch in himmelblauen Schielertaft zu kleiden pflegte“ (Wieland), Fee Lupine zu einem Erdbeermarmeladenbrot einladen möchte, ist eine weitere kleine, aber feine Idee. Denn die Frucht gilt als Symbol von Liebe und Sinnesfreude. Solche Anspielungen hätten Wieland gefallen. Das Date verhindert allerdings Confidante. Sie verzaubert beide, sodass der eine schön aber hochmütig, der andere zur selben Zeit hässlich aber liebenswürdig ist.

Coming-of-Age-Abenteuer und Eltern-Kind-Konflikt

Dass das Böse besiegt wird, steht auch in einem Feenmärchen außer Frage. Dabei setzt der ARD-Märchenfilm nicht auf Kampf und Action, sondern auf sphärische Chorgesänge in der Feenwelt. Diese werden bei Wieland auch in „Timander und Melissa“, seinem wohl bekanntesten Feenmärchen, gesungen. Die Geschichte über zwei Liebende, Prinz und Prinzessin, stellt ebenso zwei Welten gegenüber: „die Geschäfte des Hofs werden in eine lehrreiche Verbindung mit den Tugenden des idyllischen Landlebens gebracht“ (Mayer/Tismar 2003, S. 39).

Fred (P. Güldenberg), Elli (S. Radomski) und Lupine (R. O. Fee) trauern um Himmelblau (J. Berlin) / © RB/Michael Ihle

Fred (P. Güldenberg), Elli (S. Radomski) und Lupine (R. O. Fee) trauern um Himmelblau (J. Berlin) / © RB/Michael Ihle


Diese Idee steckt ähnlich im ARD-Märchenfilm „Prinz Himmelblau und Fee Lupine“. Er erweitert das Thema zudem um ein Coming-of-Age-Abenteuer und einen Eltern-Kind-Konflikt, wenn der Prinz gegen den Widerstand der Mutter in die Welt auszieht und die Liebe findet. Dabei hinterlassen die zwei Welten (Schloss, Feendorf) und die darin manifestierten Unterschiede dennoch den stärksten Eindruck in dieser Adaption, auch weil hier auf eine „Königin der Feen“ (Wieland) verzichtet wird. Eine Feenwelt braucht keine Hierarchien.

Film: „Prinz Himmelblau und Fee Lupine“ (2016, R: Markus Dietrich, BRD).

Drehorte:

  • Kratteichen, ‎27412 Buchholz/Vorwerk (Feendorf)
  • Oberes Selketal, Burg Falkenstein 1, 06543 Falkenstein/Harz (Schloss)
  • Vossberger Dünen, 27367 Sottrum-Everinghausen
  • Wald in Brundorf hinter dem Naturfreundhaus, 28790 Schwanewede

Literatur:

  • Bernhard, Andreas: Der deutsche Wald in Malerei und Grafik. In: Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald. Berlin, 2011
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Mayer, Mathias/Tismar, Jens: Kunstmärchen. 4. Auflage. Stuttgart, 2003
  • Tarot, Rolf (Hrsg.): Kunstmärchen. Erzählmöglichkeiten von Wieland bis Döblin. Unter Mitarbeit von Gabriela Scherer. Frankfurt am Main, 1993
  • Wieland, Christoph Martin: Dschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen. München, 1996

  • Headerfoto: Prinz Himmelblau (Jonathan Berlin) und Fee Lupine (Ruby O. Fee) / DVD-Cover