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Märchenhafte Drehorte: Wo die Gänsemagd ihren Prinzen trifft

Märchenhafte Drehorte: Wo sich die Gänsemagd verliebt

In das Grimmsche Märchen von der Gänsemagd und ihrem sprechenden Pferd Falada hat sich nicht nur Heinrich Heine verliebt, sondern auch ein paar Regisseure von Märchenfilmen. Als Drehorte haben sich die Filmteams die Schlossparks Charlottenburg und Glienicke oder romantische Burgen, wie Falkenstein/Harz, Schönfels, Kronberg/Taunus und Ronneburg ausgesucht. Eine TV-Version entstand in den Ateliers von Studio Hamburg.

„Der Gänsemagd“: Illustration von Heinrich Vogeler (um 1900)

„Der Gänsemagd“: Illustration von Heinrich Vogeler (um 1900)

Sogar Heinrich Heine hat der Grimmschen „Gänsemagd“ – in Wahrheit eine Königstochter, die von ihrer Kammerjungfer zur Magd degradiert wird – ein kleines lyrisches Denkmal gesetzt: In seinem „Deutschland. Ein Wintermärchen“ finden sich im Kaput XIV fünf Verse, in denen er „Von der Königstochter erzählte, / Die einsam auf der Heide saß / Und die goldenen Haare strählte“. Ihr Schicksal erzählen die Brüder Grimm märchenhaft-poetisch im zweiten Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“, der 1815 erscheint.

Poetisch auch deshalb, weil darin gereimte Sprüche dem Happyend auf die Sprünge helfen: Eine Königstochter reist zu einem fremden Königssohn, mit dem sie verheiratet werden soll. Ein sprechendes Pferd, das auf den Namen Falada (aus dem Arabischen = Omen, Prophezeiung) hört, und eine Kammerjungfer begleiten die Prinzessin. Auf der Reise zwingt die Magd die Königstochter, die Rollen zu tauschen: Die Magd wird zur Prinzessin. Die Prinzessin wird zur Magd – und muss schwören, nichts zu verraten.

Szenen für Märchenfilme an Außenschauplätzen gedreht

Filmplakat: „Die Gänsemagd“ (1957, Fritz Genschow)

Filmplakat: „Die Gänsemagd“ (1957, Fritz Genschow)

Der Königssohn heiratet nichtsahnend die falsche Braut. Die wahre hütet fortan als Magd Gänse. Ihrem Pferd Falada wird der Kopf abgeschlagen und übers Stadttor genagelt. Wenn morgens die Gänse unterm Tor hinausgetrieben werden, ruft die Gänsemagd: „O du Falada, da du hangest.“ Und der Kopf antwortet: „O du Jungfer Königin, da du gangest, / wenn das deine Mutter wüßte, / ihr Herz tät ihr zerspringen.“ Eines Tages belauscht der alte König ihr Gespräch und kommt dem Geheimnis auf die Spur …

Das Märchen über eine „der poetischsten Heldinnen der Grimms“ (Diederichs), deren Haare zudem aus Gold sind und Zauberkräfte besitzen, wird bisher viermal in Deutschland verfilmt. Die abenteuerliche Reise der beiden Mädchen ins andere Königreich oder die Szenen, in denen die Gänsemagd zusammen mit Gänsejunge Kürdchen auf der Wiese die Herde hütet, sind wohl zwei Gründe, dass das Märchen vor allem an Außenschauplätzen fürs Kino adaptiert wird und nicht nur in Studiokulissen.

Schlosspark Charlottenburg und Glienicke: Sightseeing in Agfacolor

Schlosspark Charlottenburg / Foto: meyertobi / pixelio.de

Schlosspark Charlottenburg / Foto: meyertobi / pixelio.de

Das findet auch Fritz Genschow. Der Berliner Regisseur dreht Szenen für seine Verfilmung von „Der Gänsemagd“ im Spätsommer 1957 in West-Berlin. Das Drehbuch hält sich an die Vorlage der Brüder Grimm, nur ein paar zusätzliche Figuren werden neu aufgenommen, um das kurze Märchen filmisch zu verlängern. Cineastischen Charme versprüht „Die Gänsemagd“ immer dann, wenn Genschow Schlösser und Parks für den Dreh nutzt, obwohl er oftmals nur die Kamera aufstellt und alles ein wenig abfotografiert wirkt.

Greifen- oder Johannitertor / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikimedia Commons

Greifen- oder Johannitertor / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikimedia Commons

Zum Beispiel die Abreise der Prinzessin Rose Magret (Rita-Maria Nowotny) und ihrer Kammerzofe Malice (Renate Fischer-Fuller) durch das Johannitertor am Haupteingang zum Schlosspark Glienicke. Oder die Ankunft der jungen Frauen im Schlosspark Charlottenburg, in dem beide über eine Stahlbrücke, die sogenannte Hohe Brücke, reiten. Das Schloss selbst ist im Film das Zuhause des Prinzen Friedbert (Günther Hertel). Das Happyend wird im Schlosspark gefeiert. Danach geht es zur Agfacolor-Trauung vor die Dorfkirche Marienfelde.

Film: „Die Gänsemagd“ (1957, R: Fritz Genschow, BRD). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Berlin, u. a.

  • Schlosspark Glienicke, Königstraße 36, 14109 Berlin: Johannitertor, auch Greifentor
  • Schlosspark Charlottenburg, Spandauer Damm 20–24, 14059 Berlin: Hohe Brücke, auch: Schlossbrücke; vorderer Teil des Barockgartens
  • Schloss Charlottenburg (Rückseite zum Park)
  • Villa Monheim, Inselstraße 5, 14129 Berlin: Szenen aus „Dornröschen“ (1955, R: Fritz Genschow) werden auch für die Hochzeit in „Die Gänsemagd“ verwendet
  • Dorfkirche Marienfelde, Alt-Marienfelde, 12277 Berlin: Westturm, Eingangsportal

Hamburg-Wandsbek/Studio Hamburg: Märchenwelt entsteht im Atelier

In den 1970er-Jahren entsteht im Auftrag des Schweizer Fernsehens für die deutsche und rätoromanische Schweiz (SF DRS) eine Reihe von TV-Märchenfilmen. Daran ist auch die deutsche Ullstein AV Produktions- und Vertriebs GmbH mit Sitz in Berlin beteiligt. Gedreht wird in den Ateliers von Studio Hamburg, das zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) gehört. Die Koproduktionen werden von Rudolf Jugert in Szene setzt. Der Regisseur beginnt bereits in den 1940er-Jahren an der Seite von Helmut Käutner als Assistent und steigt später zu einem der produktivsten westdeutschen Spielleiter auf.

Ab 1971 verfilmt er sieben Grimmsche Märchen. Die Qualität einiger dieser Filme erinnert heute ein wenig an B-Movies, d. h. zweitklassigen Filmen, die mit wenig Geld gedreht sind. In „Die Gänsemagd“ fällt zudem auf, dass der Film zwischen Märchen- und Erotik-Genre pendelt, wenn die Prinzessin (Alena Penz) in einer Nacktszene zu sehen ist. Die Schauspielerin startet später folgerichtig eine Karriere als Erotik-Filmstar. Es scheint, dass Jugert neue Möglichkeiten des Märchenfilms ausloten möchte, die sich jenseits von kindertümlichen Verfilmungen der 1950er- und 1960er-Jahre bewegen. Gerade das macht seine Märchenproduktionen ungewöhnlich anders.

Film: „Die Gänsemagd“ (1971, R: Rudolf Jugert, BRD/CH). Ist auf VHS erschienen.

Drehort: Studio Hamburg GmbH, Jenfelder Allee 80, 22039 Hamburg

Burg Falkenstein/Harz und Burg Schönfels: Zurück ins Mittelalter (Teil 1)

Burg Schönfels / Foto: Dagmar Flehmig / pixelio.de

Burg Schönfels / Foto: Dagmar Flehmig / pixelio.de

Anders als in der 1971er-Verfilmung, die mit ihren Rokoko-Kostümen ans 18. Jahrhundert erinnert, setzt die DEFA in ihrer Adaption von 1988 aufs Spätmittelalter: Gleich am Beginn des Märchenfilms erzählt eine weibliche Off-Stimme von einer „Burg über dem Tal“ in der ein König und eine Königin lebten … Zu sehen ist die imposante Burg Falkenstein im Harz. Dort residiert Prinzessin Aurinia (Dana Morávková) mit ihrer Mutter (Regina Beyer) und Liesa (Michaela Kuklová) – Aurinias beste Freundin und spätere Gegenspielerin.

Burg Falkenstein / Foto: Jörg-W. Biester / pixelio.de

Burg Falkenstein / Foto: Jörg-W. Biester / pixelio.de

Liesa ist hier keine Kammerjungfer, sondern die Tochter eines im Krieg getöteten feindlichen Fürsten, der einst grundlos das Land von Aurinias Vater angriff. Obwohl sie wohlbehütet mit der Prinzessin aufwächst, fühlt sich Liesa im Vergleich zu Aurinia zurückgesetzt … Drehbuchautorin Angelika Mihan versucht mit der Vorgeschichte, die Gründe für Liesas miesen Charakter zu liefern. Was nur bedingt funktioniert, denn das heißt im Umkehrschluss: Böse Menschen (Liesas Vater) setzen auch böse Kinder (Liesa) in die Welt. Schade, denn abgesehen davon steckt der Film voller guter Ideen und liefert märchenhafte Bilder – auch von der sächsischen Burg Schönfels.

Film: „Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Falada“ (1988, R: Konrad Petzold, DDR). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte:

  • Burg Falkenstein, 06543 Falkenstein/ Harz OT Pansfelde
  • Burg Schönfels, Burgstraße 34, 08115 Lichtentanne

Burg Kronberg/Taunus und Burg Ronneburg: Zurück ins Mittelalter (Teil 2)

Burg Kronberg/Taunus / Foto: Johannes Robalotoff / Wikimedia Commons

Burg Kronberg/Taunus / Foto: Johannes Robalotoff / Wikimedia Commons

Offenbar hat Regisseurin Sibylle Tafel die DDR-Verfilmung von „Die Gänsemagd“ so gut gefallen, dass auch sie das Setting ins Spätmittelalter verlegt. Gedreht wird dieses Mal aber auf der Burg Kronberg im Taunus und der Ronneburg bei Hanau. Das Drehbuch für den ARD-Märchenfilm schreiben Anja Kömmerling und Thomas Brinx. Beide haben sich auch überlegt, dass Prinzessin Elisabeth (Karoline Herfurth) nicht zufällig an irgendeinen fremden Prinzen versprochen wird – wie es noch bei den Grimms im Märchenbuch steht.

Burg Ronneburg / Foto: Rolf Krekeler / pixelio.de

Burg Ronneburg / Foto: Rolf Krekeler / pixelio.de

Nein, die Heirat der beiden Königskinder wird schon von den beiden Vätern arrangiert. Und die Motive der bösen Zofe Magdalena (Susanne Bormann)? Die liegen in einem traumatischen Kindheitserlebnis, das sie Jahre zuvor als kleines armes Mädchen erfährt. Später rächt sich Magdalena, mittlerweile zur Zofe aufgestiegen, als sie mit Prinzessin Elisabeth zu Prinz Leopold (Florian Lukas) reitet. Der Weg führt beide auch durch den Büdinger Forst: eine romantische Wald-Landschaft im Südosten Hessens. Der Psycho-Trip kann beginnen …

Film: „Die Gänsemagd“ (2009, R: Sibylle Tafel, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Burg Kronberg, Schlossstraße 10/12, 61476 Kronberg
  • Burg Ronneburg, 63549 Ronneburg
  • Büdinger Wald, Wetterau- und Main-Kinzig-Kreis, Hessen

Literatur:

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980
  • Diederichs, Ulf: Who’s who im Märchen. Düsseldorf, 2006
  • Heine, Heinrich: Im Anfang war die Nachtigall. Aus Lyrik und Prosa. Berlin, 1964


Headerfoto: Karoline Herfurth als Prinzessin Elisabeth in „Die Gänsemagd“ (2009), Foto: HR/Felix Holland