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Kammerzofe Lisbeth (Luise von Finckh) lernt Johann (Jonas Lauenstein) die höfischen Tänze / © rbb/Michael Rahn

Die Galoschen des Glücks (D 2018) – oder: Der sympathische Betrüger

Vor 180 Jahren erschien das Märchen von den magischen Schuhen. Hans Christian Andersen schrieb es. Die ARD hat es – mit Hilfe von Shakespeare und Molière – neu fürs Weihnachtsprogramm verfilmt. TV-Premiere ist am 26. Dezember 2018 um 13.15 Uhr.

© Robert Kittler Verlag (1844)

© Robert Kittler Verlag (1844)

Als im Jahr 1844 das Büchlein „Neue Mä[h]rchen von H. C. Andersen“ im Hamburger Verlag Robert Kittler erscheint, befindet sich darunter auch „Die Galoschen des Glücks“. Andersen, dänischer Märchendichter, hatte die Geschichte 1838 in seiner Heimat erstmals veröffentlicht. Sie erzählt von magischen Überziehschuhen, die ihren Besitzer an jeden Ort und in jede Zeit bringen, in die er sich wünscht. Nun soll das Märchen die Herzen der deutschen Leser erobern.

Doch anders als zum Beispiel das kurze Märchen „Der Schweinehirt“, das ebenso in jener Hamburger Ausgabe zu finden ist, sind „Die Galoschen des Glücks“ eine über etliche Buchseiten ausgebreitete „Parabel vom Glück“ (Diederichs 1995). Oder anders gesagt: Ein Lehrstück, bei dem der Leser etwas entschlüsseln muss. Puh! Da verwundert es nicht, wenn schon in einer Buchbesprechung von 1845 zu lesen ist:

„Das Märchen von den Galoschen ist vielleicht das einzige in der Sammlung, welches Kindern bisweilen unverständlich und für den denkenden Menschen geschrieben ist, es umhüllt sehr ernste Lebensanschauungen.“ (Winter 1845)

Diese Geschichte erzählt das Andersen-Märchen

Heute, über 170 Jahre später, scheinen diese Einwände immer noch aktuell. Denn als die ARD entscheidet, das Märchen von den „Galoschen des Glücks“ zu verfilmen, scheint es ihr offenbar auch zu „unverständlich“, „denkend“ und „ernst“, um es nah am Original für ihre TV-Reihe „Auf einen Streich“ zu adaptieren. Doch was ist denn jetzt so, sagen wir mal, kopflastig an dem Märchen von den magischen Überziehschuhen?

Erdbeersymbolik: Lisbeth (Luise v. Finckh, r.) ist verliebt, aber nicht in Frau Glück (Inka Friedrich) / © rbb/Michael Rahn

Erdbeersymbolik: Lisbeth (Luise v. Finckh, r.) ist verliebt, aber nicht in Frau Glück (Inka Friedrich) / © rbb/Michael Rahn


Die Geschichte spielt in Kopenhagen. Zwei Feen names Glück und Leid setzen ein Paar Galoschen aus, die – wenn sie übergestreift werden – Wünsche erfüllen. Beide sind sich aber uneins, ob die Träger, damit glücklich oder unglücklich werden. Die Praxis zeigt’s: In sechs Kapiteln wird erzählt, welche Abenteuer ein Justizrat, ein Nachtwächter, ein Volontär, ein Kopist (Schreiber) und ein Theologiestudent mit den Galoschen erleben.

„Die Galoschen des Glücks“ – ein typisches Kunstmärchen

Diese versetzen den ersten in die Vergangenheit, den zweiten in den Körper eines anderen usw. Das Besondere: Die einzelnen Episoden sind jeweils abgeschlossen, dennoch miteinander verflochten. So drängt die Handlung ständig vorwärts, streift Figuren, beschreibt unglaubliche Abenteuer – und gibt dabei auch Antwort auf die Frage, ob es ein kluger Wunsch ist, ein anderer Mensch zu sein: zum Beispiel schöner, reicher, mächtiger. Oha!

Traumtänzer: Johann (Jonas Lauenstein, M.) möchte kein Geiger sein, sondern ein cooler Prinz / © rbb/Michael Rahn

Traumtänzer: Johann (Jonas Lauenstein, M.) möchte kein Geiger sein, sondern ein cooler Prinz / © rbb/Michael Rahn


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Die skurrilen Abenteuer, die die Figuren mit den Galoschen erleben, bringen sie jedoch auf den (harten) Boden der Realität zurück. Die Botschaft: Dem Wünschen sind Grenzen gesetzt. Das ist typisch für Kunstmärchen, zu denen auch „Die Galoschen des Glücks“ gehört. Hier weiß der Erzähler, so der Literaturwissenschaftler Winfried Freund (1938–2011), „um die Kluft zwischen dem, was ist, und dem, von dem er möchte, dass es sein sollte“ (Freund 2005).

„Ein Schloss, eine Prinzessin und eine Liebesgeschichte“

Dieser tiefere Sinn spiegelt sich auch in der neuen Verfilmung wider, wenngleich die altbekannten Ingredienzen eines ARD-Märchenfilms – „ein Schloss, eine Prinzessin und eine Liebesgeschichte“ (ARD-Pressemitteilung) – neu in die Geschichte mit aufgenommen werden. Gleichzeitig verabschieden sich die Filmemacher von der originellen Handlungsstruktur und fast aller Figuren des Originalmärchens.

Typische Zutaten eines ARD-Märchens: „ein Schloss, eine Prinzessin und eine Liebesgeschichte“ / © rbb/Michael Rahn

Typische Zutaten eines ARD-Märchens: „ein Schloss, eine Prinzessin und eine Liebesgeschichte“ / © rbb/Michael Rahn


Freilich ist das auch in der Länge des Formats begründet: In nur 60 Minuten können die Drehbuchschreiber – hier sind es Thomas Brinx und Anja Kömmerling – keine episodenreiche Geschichte erzählen. Dennoch geht die dramaturgische Neuausrichtung der ARD-Märchenfilme bisweilen mit einer Verflachung der Geschichte einher, wie erwähnt: Schloss, Prinzessin, Liebesgeschichte. Das reicht oftmals nicht.

Drehort ist das Schloss Stülpe in Brandenburg

Brinx/Kömmerling gehören allerdings zu den erfahrenen Autoren in diesem Genre. Von den 46 ARD-Märchen, die seit 2008 für die Reihe „Auf einen Streich“ produziert wurden, entfallen auf beide allein acht Neuverfilmungen. Dazu zählen „Siebenschön“ (2014), „Das Märchen vom Schlaraffenland“ (2016), „Der Schweinehirt“ (2017) – und „Die Galoschen des Glücks“ (2018).

Schloss Stülpe: Das Herrenhaus in Südbrandenburg ist die Residenz von Großherzogin Ottilie / © rbb/Michael Rahn

Schloss Stülpe: Das Herrenhaus in Südbrandenburg ist die Residenz von Großherzogin Ottilie / © rbb/Michael Rahn


Ihre Version des Andersen-Märchens führt den Zuschauer nicht ins Kopenhagen des Biedermeier, sondern in die brandenburgische Kleinstaaten-Provinz des 18. Jahrhunderts: Drehort ist das schmucke Schloss Stülpe unweit von Luckenwalde. Dort hält Großherzogin Ottilie (Corinna Kirchhoff) Hof. Sie wird von ihrer Nichte Prinzessin Aurora (Josefine Voss) und deren Kammerzofe Lisbeth (Luise von Finckh) besucht.

Frau Glück und Frau Sorge ziehen die Fäden

Hier lebt ebenso der junge, verträumte Diener Johann (Jonas Lauenstein). Zu gern würde er als Prinz um die Hand von Aurora anhalten. Dummerweise hat er als Lakai aber null Chancen. Dabei merkt er nicht, dass sich die Zofe Lisbeth in ihn verliebt hat. Sie hat auch einen Traum, möchte Schauspielerin werden und übt schon mit Versen aus Shakespeares „Romeo und Julia“. Im Gegensatz zu Johann tut sie aktiv etwas dafür, ganz nach dem Motto: Lebe deinen Traum!

Küchenphilosophie: Frau Glück (Inka Friedrich) kocht. Johann (Jonas Lauenstein, l.) träumt lieber / © rbb/Michael Rahn

Küchenphilosophie: Frau Glück (Inka Friedrich) kocht. Johann (Jonas Lauenstein, l.) träumt lieber / © rbb/Michael Rahn


Die bei Andersen nur am Anfang und Ende agierenden Feen ziehen in der Neuverfilmung als die Köchinnen Frau Glück (Inka Friedrich) und Frau Sorge (Annette Frier) weitaus aktiver die Schicksalsfäden. Beide sorgen in der Verfilmung für die komischen Momente, wenn sie Dinge plötzlich verschwinden lassen, sich aus Schusseligkeit verzaubern – oder die Glücksgaloschen unbeaufsichtigt bleiben und so die Turbulenzen in Gang setzen.

Dennoch täuscht das nicht darüber hinweg, dass sich der ARD-Märchenfilm ein bisschen zu sehr an ein anderes Genre lehnt: den Kostümfilm.

Weiß gepuderte Perücken und tote Schmetterlinge

Freilich lassen sich mit Kleidung (Kostümbild: Polly Matthies) sowie Frisuren und Make-up (Maskenbild: Heike Merker, Annett Schulze, Jule Hübner) Figuren und deren Eigenschaften trefflich beschreiben. Der blasse Teint und die weiß gepuderten Perücken des affektierten Adels kontrastieren mit der gesunden Gesichtsfarbe und dem Naturhaar der sympathischen Dienerschaft. Der Kulturanthropologe Daniel Devoucoux sprach einmal zutreffend vom „Frisieren der Charaktere“ (Devoucoux 2007).

Liebesbeweis: Prinz Ludwig (Jonas Lauenstein, M.) beschenkt Prinzessin Aurora (Josefine Voss) / © rbb/Michael Rahn

Liebesbeweis: Prinz Ludwig (Jonas Lauenstein, M.) beschenkt Prinzessin Aurora (Josefine Voss) / © rbb/Michael Rahn


Diese Strategie setzt das Szenenbild (Alexander Wolf) konsequent fort: So sammelt Prinzessin Aurora bunte, aber tote Schmetterlinge für ihre Schaukästen und -gläser. Sie interessiert nicht die lebendige, sondern die künstlich konservierte Natur. Dabei steht der Schmetterling symbolisch noch für etwas Anderes. Er gilt als schillernder Meister der Verwandlung: von der Raupe über die Puppe bis zum Falter – oder auf Johann bezogen: vom Diener zum Prinzen.

Temporeiche Aktionen für die Kleinen, doppelbödige Zufälle für die Großen

Denn als er zufällig die Glücksgaloschen anzieht, geht sein Wunsch in Erfüllung: Aus dem einfachen Johann wird Prinz Ludwig. Ob die Schuhe ihn glücklich machen? Nichtsahnend über deren Zauberkraft schickt ihn Regisseurin Friederike Jehn in temporeiche Aktionen, wenngleich diese etwas zu sehr aufgebauscht werden und wohl vor allem jüngere Zuschauer ansprechen sollen. Die älteren freuen sich dagegen über doppelbödige Zufälle.

Verzaubert: Lisbeth (Luise v. Finckh) erkennt Johann (Jonas Lauenstein) nicht in seinen Kleidern / © rbb/Michael Rahn

Verzaubert: Lisbeth (Luise v. Finckh) erkennt Johann (Jonas Lauenstein) nicht in seinen Kleidern / © rbb/Michael Rahn


Einer der amüsantesten ist ein Theaterstück, das zwei Schausteller anlässlich des Geburtstages von Prinzessin Aurora im Schloss aufführen: „Der Tartuffe oder Der Betrüger“. Die Komödie des französischen Dichters Molière (1622–1673) erzählt von einem Heuchler, der sich für etwas ausgibt, was er selbst nicht ist. Prinz Ludwig aka Diener Johann sitzt – wen wundert’s – nicht im Publikum. Nur soviel: Molières Held wird am Ende verhaftet. Johann darf auf die Hilfe von Frau Glück und Frau Sorge hoffen. Er ist halt ein sympathischer Betrüger.

Film: „Die Galoschen des Glücks“ (BRD, 2018, R: Friederike Jehn). Erscheint demnächst auf DVD.

Drehorte:

  • Schloss Stülpe, Schönefelder Chaussee 17, 14947 Nuthe-Urstromtal
  • Studio Babelsberg, Außenkulisse Märchendorf, August-Bebel-Str. 26–53, 14482 Potsdam

Primärliteratur: Neue Mä[h]rchen von H. C. Andersen. Aus dem Dänischen von D. Le Petit. Mit sechs Bildern. Hamburg, Robert Kittler, 1844.

Sekundärliteratur:


Headerfoto: Kammerzofe Lisbeth (Luise von Finckh) lehrt Johann (Jonas Lauenstein) die höfischen Tänze / © rbb/Michael Rahn