Schlagwort-Archive: irina popow

Foto: MDR/Sandra Bergemann

Die kleine Meerjungfrau (D 2013) – oder: Frauen zeigen Märchenfilme und Männer ihre Brüste

Obwohl ARD-Märchenfilme eine Männerdomäne sind, schafft es ab und zu auch einmal eine Frau, sich den Regie-Stuhl zu schnappen. Regisseurin Irina Popow verfilmt 2013 das Märchen von Hans Christian Andersen: „Die kleine Meerjungfrau“ – und überrascht mit einer androgynen Nixe in Männerklamotten. Eine kleine Märchenfilm-Revolution.

Filmplakat "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste"

Filmplakat „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ / © missingFilms

Männer drehen Märchenfilme und Frauen spielen Prinzessin. Nein, das ist kein Sequel des Kinostreifens „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ (2013) – gedreht von der jungen Nachwuchsregisseurin Isabell Šoba. Aber, was Šoba mit ihrem provokanten Filmexperiment zeigen wollte, nämlich, dass es mit der Chancengleichheit von Männern und Frauen in der Filmindustrie nicht weit her ist, trifft auch für den öffentlich-rechtlichen Märchenfilm zu. Zugegeben, Brüste von Frauen werden nicht gezeigt, weil Märchen vorrangig für Kinder produziert werden.

Doch dass zumeist Männer Märchenfilme drehen und auf Festivals zeigen, stimmt dann doch. Von den 30 Märchenadaptionen, die die ARD bisher in ihrer „Auf-einen-Streich“-Reihe produziert hat, wurden zwischen 2008 und 2013 satte 23 von männlichen Regisseuren in Szene gesetzt. Nur sieben Mal saß eine Frau auf dem Regie-Stuhl. Traurige, aber wahre Märchenfilm-Realität. Sicher, nicht nur der Regisseur oder die Regisseurin prägt einen Film. Dazu gehört ein ganzes Team, darunter Drehbuchschreiber, Kameraleute, Szenenbildner, das zumeist aus Frauen und Männern besteht.

Die kleine Meerjungfrau: Anti-Film im männlichen TV-Märchenkino?

Und doch: Beim Regisseur oder bei der Regisseurin laufen nun einmal alle Fäden zusammen, werden erzählerische und ästhetische Entscheidungen getroffen. Deshalb ist es 2013 fast eine kleine Sensation, als bekannt wird, dass zwei der vier neuen ARD-Märchenfilme von Frauen gedreht werden. Eine ist Irina Popow. Fernseh-Regisseurin, Jahrgang 1967 und auf TV-Serien spezialisiert. Im Sommer 2013 verfilmt sie eines der bekanntesten Märchen von Hans Christian Andersen: „Die kleine Meerjungfrau“, das der Däne 1837 erstmals veröffentlicht.

Die traurige Geschichte einer Nixe aus dem Meer, deren Liebe zu einem Prinzen auf der Erde unerwidert bleibt, ist ein Märchen ohne Happy End. Nicht ungewöhnlich für Andersen, wohl aber für ARD-Märchenfilme mit optimistisch-fröhlichen Schlusssequenzen. Deshalb ist die Story, anders als die meisten Grimmschen Märchen, durchaus eine Herausforderung. Dass sich dieser eine Frau – Autorin Bettine von Borries – stellt, könnte „Die kleine Meerjungfrau“ in doppelter Hinsicht (neben Regisseurin Popow) zum Anti-Film im männlichen TV-Märchenkino machen.

Meerjungfrau Undine ist irgendwie anders

So führt denn auch eine weibliche Off-Stimme (Meret Becker) in das Märchen ein, erzählt von der Meerjungfrau Undine (Zoe Moore), die im Vergleich mit ihren zwei Schwestern „irgendwie anders“ ist, das heißt: neugierig auf die Welt oben, auf der Erde. Während sich Aquarella (Clara Gerst) und Melusine (Franziska Breite) auf dem Meeresgrund ihre Haare bürsten, ist Undine meist über Wasser. Damit wird nicht nur die Story in Gang gesetzt, wenn Undine bei ihren Erkundungen Prinz Nikolas (Philipp Danne) vorm Ertrinken rettet und sich in ihn verliebt.

Es werden auch zwei Identifikationsmodelle für Frauen angeboten, ohne dass diese gegeneinander ausgespielt werden. Sprich: Es ist okay, wenn Mädchen es zu Hause am schönsten finden (Aquarella und Melusine), aber es ist auch in Ordnung, wenn ihnen das zu wenig ist (Undine). Dass sich dabei trotzdem andere Klischees – visuelle – darunter mischen, beweist, dass Filme, bei denen Frauen Regie führen, auch in Stereotype-Fallen tappen können. Das fällt am Beginn des Films auf, wenn sich Undine und Nikolas vor Strand-und-Meer-Kulisse kennenlernen.

Frauen zeigen Märchenfilme und Männer ihre Brüste

Kitschroman-Ästhetik im Märchenfilm? / © Heyne

Kitschroman-Ästhetik im Märchenfilm? / © Heyne

Zum Beispiel, als die Nixe den halbnackten Prinzen vorm Ertrinken rettet und ins Leben zurückholt, oder als sie – nachdem sie Fischschwanz gegen Menschenbeine eingetauscht hat – vom abermals halbnackten Prinzen auf Händen ins Schloss getragen wird. Lustig. Diese Einstellungen (Kamera: Patrick Popow) erinnern ein wenig an Cover von Kitschromanen, auf denen muskulöse Männer mit freiem Oberkörper junge Frauen in den Armen halten. Klar, das kann eine Regisseurin machen, aber sind das nicht allzu klischeebeladene Bilder?

Dass es auch anders geht, zeigen Figurenzeichnungen, die besser funktionieren, vor allem die beiden Frauen: Meerjungfrau Undine und Meerhexe Mydra. Letztere, von Meret Becker gespielt, wird als widersprüchlicher, bisweilen komischer Charakter inszeniert. Sie scheint gute und böse Eigenschaften in sich zu vereinen. Das macht sie interessant und verdrängt zugleich das vereinfachte Gut-und-Böse-Schema des Märchens. Zudem haben Mydra und Undine viel gemeinsam: sie sind neugierig, haben viele Fragen und suchen nach Antworten.

Alleinerziehende Märchenkönige, aufmüpfige Königskinder

Es scheint, dass Mydra auch Mutterersatz für Undine ist, denn ihr Vater, der Meerkönig (Ben Becker), ist alleinerziehend. Eine Meerkönigin fehlt an seiner Seite. Auf dem Land, im Reich des Königs Sigismund (Christian Steyer) und seines Sohns Prinz Nikolas, gibt es eine ähnliche Familiensituation. Das fällt auf, als die beiden Könige ihren Kindern einmal die Leviten lesen: Diese Einstellungen (Meerkönig vs. Undine und Landkönig vs. Nikolas) werden so montiert, dass sie vom Zuschauer in eine Verbindung gebracht werden können (Schnitt: Karola Mittelstädt).

Undine muss einen hohen Preis dafür zahlen, dass sich ihr Fischschwanz in Menschenbeine verwandelt. Meerhexe Mydra erfüllt ihr diesen Wunsch nur, wenn sie einwilligt, dass sie ihre Stimme verliert. An Land wird sie stumm wie ein Fisch sein – und zu Schaum werden, sollte der Prinz eine andere heiraten. Undine geht auf alles sein, weil sie Nikolas liebt. Obwohl sich das Drehbuch damit eng an die Andersen-Vorlage hält, sind es wieder die Charaktere, besonders die Heldin, mit denen der Märchenfilm Neues ausprobiert.

Zwischen Sticknadel und Degen: Undine als androgyne Figur

Es sind vielleicht die schönsten Momente in „Die kleine Meerjungfrau“, wenn gezeigt wird, wie Undine das Leben auf dem Land neugierig entdeckt: Blumen, Bücher, Tiere. Dass ihr partout keine engen Kleider passen wollen, ist schlüssig: Als Nixe musste sie keine tragen. Wenn sie plötzlich in den bequemen Sachen des Prinzen dasteht – Hose, Hemd und Dreispitz auf dem Kopf – verabschiedet sich der Film auch vom klassischen Märchen, in denen junge Frauen vor allem Prinzessin spielen. Nikolas nennt Undine ironisch, aber liebevoll, seinen „kleinen Bruder“.

Doch sie ist mehr: Undine wird zur androgynen Figur zwischen Sticknadel und Degen. Auch weil sie mädchen-untypisch dem Prinzen und seinen Kumpels Hannes (Rasmus Max Wirth) und Tönnes (Björn v. d. Wellen) in sportlichen Belangen (Schwimmen, Reiten, Fechten) weit überlegen ist. Dumm nur, dass sie von Nikolas nicht als Frau wahrgenommen wird, die ihn liebt. Auch nicht, als am Tag der Hochzeit, an dem er aus Staatsräson die Prinzessin des Nachbarreichs heiraten soll, sein „wildes Mädchen“ im Empirekleid (Kostüm: Frauke Firl) vor ihm steht.

Eine Seele hat, wer wahrhaft liebt!

Obwohl hier beide in denselben Farbtönen gekleidet sind – den Farben des Meeres: türkis und blau – und damit nach außen ein Stück Gemeinsamkeit zeigen, gibt es dennoch keine gemeinsame Zukunft. Denn als seine zukünftige Braut, Prinzessin Anneline (Maria Ehrich), erscheint, erkennt er in ihr seine vermeintliche Lebensretterin und heiratet sie. Wie schon bei Andersen bekommt Undine eine letzte Chance, um nicht zu Schaum zu werden: Ihre Schwestern haben von Mydra einen Dolch bekommen, für den sie ihr goldenes Haar opfern mussten.

Tötet Undine ihren Prinzen mit diesem Dolch, dann heißt das für sie: Leben. Doch, wie der Zuschauer schon am Beginn des Märchenfilms erfahren hat: Eine Seele hat, wer wahrhaft liebt. Undine beweist in dem Augenblick, in dem sie es nicht übers Herz bringt, Nikolas zu töten, dass sie wahrhaft liebt – und eine Seele hat. Es war eine Prüfung, die Mydra Undine auferlegt hat, und Undine hat diese bestanden. Für die Ex-Meerjungfrau beginnt jetzt eine Reise in die Welt, auf der sie Mydra ein Stück des Wegs begleitet. Denn für Undine gibt es noch viel zu entdecken.

Film: „Die kleine Meerjungfrau“ (2013, Regie: Irina Popow, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Schloss Wörlitz, 06785 Oranienbaum-Wörlitz OT Wörlitz
  • Schloss Mosigkau, Knobelsdorffallee 3, 06847 Dessau-Roßlau
  • Schloss Oranienbaum, Schlossstraße 10, 06785 Oranienbaum-Wörlitz
  • Saalfelder Feengrotten, Feengrottenweg 2, 07318 Saalfeld/Saale
  • Geiseltalsee, 06242 Braunsbedra/Neumark

Headerfoto: Tönnes (Björn von der Wellen, v.l.n.r.), Hannes (Rasmus Max Wirth) und Prinz Nikolas (Philipp Danne) staunen über das junge Mädchen (Zoe Moore) / Foto: MDR/Sandra Bergemann