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Anton Spieker als Titelfigur im Märchenfilm Hans im Glück / Foto: NDR/Georges Pauly

Hans im Glück (D 2016): Aus dem Leben (k)eines Taugenichts

Die Geschichte vom Hans im Glück liest sich wie ein Antimärchen, weil der Held nur verliert, aber nie etwas gewinnt. Oder doch? Die ARD hat den bekannten Schwank für ihre Märchenfilm-Reihe „Auf einen Streich“ neu adaptiert – und erzählt darin über einen jungen Mann, der eigentlich nur seine Freiheit lebt und dabei die Liebe gewinnt.

Im Märchen vom „Hans im Glück“ geht es scheinbar um einen naiven Kerl, der unvorteilhaft tauscht und am Ende mit leeren Händen dasteht: Der junge Mann, der sieben Jahre seinem Herrn gedient hat, erhält zum Lohn einen Klumpen Gold. Weil ihm dieser zu schwer ist, tauscht er ihn gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, die Gans gegen einen Schleifstein. Der plumpst ihm versehentlich in einen Brunnen. Doch Hans nimmt’s gelassen und dankt Gott, dass er ihn von aller Last befreit hat.

Startkapital: Hans erhält vom Gewürzhändler (Heino Ferch) zum Lohn einen Klumpen Gold / © NDR/Georges Pauly

Startkapital: Hans erhält vom Gewürzhändler (Heino Ferch) zum Lohn einen Klumpen Gold / © NDR/Georges Pauly


Klingt merkwürdig und faszinierend zugleich. Vielleicht auch deshalb ist „Hans im Glück“ das „beliebteste Schwankmärchen in der Grimmschen Sammlung, Ludwig Bechstein hat es nacherzählt, Chamisso in Verse gesetzt, […]“ (Lüthi). Zugleich hat das Märchen, das heute fast jeder kennt, immer wieder zu Lesarten herausgefordert – eben weil es auf den ersten Blick so einfach erzählt ist. So sehen die einen den Sinngehalt vor allem in der „Geringschätzung des Materiellen“. Andere meinen im Hinblick auf den inhaltlichen Aufbau des Märchens: „In dem Maße, wie die materiellen Werte schwinden, nimmt der geistige Sinn zu“ (Freund).

„Hans im Glück“ zwischen Soziologie und Psychoanalyse

Dabei sind Kernaussage und Struktur des Märchens nur zwei Ansätze von möglichen Deutungsrichtungen. Wird „Hans im Glück“ soziologisch betrachtet, also der Blick auf das zwischenmenschliche Verhalten von Hans und seinen Handelspartnern gelenkt, so ist im Märchen auch eine Kritik an der „kapitalistischen Warentauschgesellschaft“ lesbar. Dieser Punkt erinnert durchaus an heutige Kaufaktionen und heißt nichts anderes, als „dass der Einzelne für sein Geld, das er zahlt (Tauschwert), immer weniger zurückerhält, als das Geld wert ist (Gebrauchswert)“ (Freund). Hans verarmt von Tauschhandel zu Tauschhandel.

Pferd gegen Kuh: Hans (Anton Spieker, r.) tauscht unvorteilhaft mit dem Bauern (Max Hopp) / © NDR/Georges Pauly

Pferd gegen Kuh: Hans (Anton Spieker, r.) tauscht unvorteilhaft mit dem Bauern (Max Hopp) / © NDR/Georges Pauly


Letztlich ist das Schwankmärchen ebenso aus der Psychoanalyse deutbar. Hans definiert Armut als etwas Gutes, „indem er in seiner Fantasie die Illusion, reich zu sein, durchspielt und dabei erkennt, dass Reichtum nur belastet und einschränkt“ (Freund). Die vier Beispiele einer inhaltlichen, strukturellen, soziologischen und psychoanalytischen Lesart zeigen, dass „Hans im Glück“ ein mehrdeutiges Märchen ist und Raum lässt für ganz verschiedene Aussagen. Märchenfilme greifen genau diese – mal weniger, mal mehr – auf und setzen zudem neue Aspekte, die wiederum oftmals die Entstehungszeit widerspiegeln.

Das Meer als wichtiger (Sehnsuchts-) Ort in „Hans im Glück“

In Deutschland wird das Märchen bereits seit den 1910er-Jahren verfilmt. 2015 adaptiert der Norddeutsche Rundfunk (NDR) „Hans im Glück“ auch für die ARD-Reihe „Auf einen Streich“. Dass dabei der Geschehensort des Märchens, das bei Grimm und Bechstein noch irgendwo spielt, nicht nur ins norddeutsche Tiefland sondern auch an die Ostsee verlegt wird, ist dem NDR als Produzenten geschuldet. Schon in den NDR-Märchenfilmen „Der Meisterdieb“ (2010) und „Vom Fischer und seiner Frau“ (2013) spielt die norddeutsche Küste eine wichtige Rolle.

Nebenfiguren: Hans (A. Spieker, r.) trifft Knudsen (G. P. Wöhler) und Elisabeth (M. Barthel) / © NDR/Georges Pauly

Nebenfiguren: Hans (A. Spieker, r.) trifft Knudsen (G. P. Wöhler) und Elisabeth (M. Barthel) / © NDR/Georges Pauly


In allen drei Filmen sitzt der in Flensburg (sic!) geborene Christian Theede auf dem Regiestuhl. Das Drehbuch schreiben für alle drei NDR-Märchen die erfahrenen Autoren Leonie und Dieter Bongartz. Als „Hans im Glück“ bereits abgedreht ist – im November 2015 – stirbt Dieter Bongartz nach schwerer Krankheit. In seinem letzten NDR-Märchenfilm zeigen er und Leonie noch einmal, wie gekonnt und sinnhaft beide die Ostsee als wichtigen (Sehnsuchts-) Ort der Handlung integrieren. Strand und Meer bieten hier mehr als Hintergrundrauschen und Staffage.

Geschichte über jungen Mann, der seine Freiheit leben möchte

Ihr Hans (ausgezeichnet: Anton Spieker) ist der Sohn einer Fischerfamilie. Sieben Jahre arbeitet er weit weg im Haus eines Gewürzhändlers (Heino Ferch), als er eines Morgens aufwacht und weiß: seine Zeit als Diener ist vorbei. Er will nach Hause zu seiner Mutter ans Meer. Der Herr lässt ihn ungern gehen („Was soll ich ohne dich machen!“), auch weil Hans als schlaues Köpfchen unentbehrlich für ihn ist. Dem Helden werden damit von Beginn an Eigenschaften, wie klug und sympathisch, zugesprochen, die wenig an den Grimmschen Hans erinnern.

Schwein für Gans: Hans (Anton Spieker, r.) tauscht mit dem Burschen (Alexander Finkenwirth) / © NDR/Georges Pauly

Schwein für Gans: Hans (Anton Spieker, r.) tauscht mit dem Burschen (Alexander Finkenwirth) / © NDR/Georges Pauly


Überdies zeigt diese Idee noch etwas Anderes. Hier soll eigentlich kein Schwankmärchen erzählt werden, sondern eine Geschichte über einen jungen Mann, der seine Freiheit leben möchte. Das Startkapital dafür kann sich sehen lassen: Sein Herr entlohnt ihn mit einem Klumpen Gold, so groß wie Hans‘ Kopf. Auf seinem Weg nach Hause trifft er den Kaufmann Knudsen (Gustav Peter Wöhler) mit seiner Tochter Elisabeth (Michelle Barthel), die als fahrende Händler verschiedene Waren in Gegenden, wo diese billig sind, einkaufen, und wieder teurer verkaufen.

Neue Nebenfiguren in „Hans im Glück“ vertiefen Filmhandlung

Das Drehbuch nimmt diese zwei Nebenfiguren neu auf, um bestimmte Themen zu verdeutlichen und Hans‘ Charaktereigenschaften zu vertiefen. Dabei wird der cholerische Knudsen, der sich keine Ruhe gönnt, als Kontrastfigur zum ausgeglichenen Hans beschrieben. Das Drehbuch legt ihm dabei hin und wieder bekannte Sprichwörter in den Mund: „Die Lust ist der Feind der Pflicht“, „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ oder „Zeit ist Geld“. In den Augen von Workaholic Knudsen ist Hans ein Tunichtgut und Tagedieb, vor dem man sich in Acht nehmen sollte.

Parallelfiguren: Hans (Anton Spieker) und Elisabeth (Michelle Barthel) haben vieles gemeinsam / © NDR/Georges Pauly

Parallelfiguren: Hans (Anton Spieker) und Elisabeth (Michelle Barthel) haben vieles gemeinsam / © NDR/Georges Pauly


Das sieht seine Tochter Elisabeth nach und nach anders. Sie freundet sich mit Hans an, den sie und ihr Vater immer genau dann treffen, wenn er mal wieder einen – in Elisabeths Augen – unvorteilhaften Tauschhandel hinter sich hat: den schweren Goldklumpen fürs bequeme Reiten auf einem Pferd, das Pferd für eine gemütliche Kuh und so weiter und so fort. Hans meint dennoch: „Was bringt es mir, wenn für andere etwas mehr wert ist, mich muss es glücklich machen.“ Anders als Knudsen wird Elisabeth als Parallelfigur zu Hans angelegt. Beide haben Vater oder Mutter verloren. Beide sind jung, klug, lebensbejahend und verlieben sich ineinander.

Soundtrack im Märchenfilm: Goethe, Eichendorff und Howard Shore

Dabei unterstützt die Musik von Peter W. Schmitt Hans‘ Maxime und erzählt ganz nebenbei die Geschichte des Helden. So singt Hans während seiner Wanderung nach Hause ein Lied, dessen Text den Vierzeiler „Erinnerung“ von Goethe („Willst du immer weiterschweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.“) oder Joseph von Eichendorffs Gedicht „Der frohe Wandersmann“ zitiert, aus seiner romantischen Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“: Darin wird von einem Müllerssohn erzählt, der – ähnlich wie Hans – sorglos durch die Welt reist, auf finanzielle Sicherheit pfeift und ein märchenhaftes (Ehe-) Glück findet. Der Grimmsche Hans und Eichendorffs Taugenichts als Brüder im Geiste.

Dreharbeiten: Als „Hans im Glück“ im April 2015 entsteht, hat auch das Filmteam Wetter-Glück / © NDR/Georges Pauly

Dreharbeiten: Als „Hans im Glück“ im April 2015 entsteht, hat auch das Filmteam Wetter-Glück / © NDR/Georges Pauly


Ansonsten setzt Schmitt auf sinfonische Filmmusik, die bisweilen an Howard Shores Soundtrack zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie (USA/NL 2001–2003) erinnert inklusive spielerische Flötenmelodien, nur dass eben nicht Mittelerde, sondern die norddeutsche Tiefebene gezeigt wird. Einerseits unterstützt die Kamera von Simon Schmejkal diese Musikidee mit seinen grandiosen Landschaftsaufnahmen, die Hans in der Weite der Natur aus der Vogelperspektive zeigen. Andererseits greift Schmejkal mit seiner Kamera immer wieder auch eines der zentralen Themen von „Hans im Glück“ auf: die Freiheit – wenn der Held im Gras liegend den Blick gen Himmel richtet, über den Wolken, dort wo die Freiheit wohl grenzenlos sein muss …

Glücks- und Schicksalsgöttin Fortuna hat das letzte Wort

Wenn Hans am Ende die zuletzt eingetauschten wertlosen Schleif- und Felssteine in einen Brunnen fallen, spürt er diese Freiheit nun auch am eigenen Körper: keine Last, die er herumschleppen muss. Als er sein Ziel das Meer erreicht, zeigt der Märchenfilm nicht ohne Grund das Boot, das einst seinem Vater gehörte, und den Namen dieser kleinen Nussschale: Fortuna (lat. „Glück“, „Schicksal“). Dass ihm dazu die Glücks- und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie noch Elisabeth an seine Seite zaubert, ist wahrlich märchenhaft – obwohl es sich bei „Hans im Glück“ ja „um kein Märchen im eigentlichen Sinn [handelt], da jegliches Wunder fehlt.“ (Rölleke)

Film: „Hans im Glück“ (2016, R: Christian Theede, D). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Freilichtmuseum am Kiekeberg, Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten-Ehestorf
  • Hamburg
  • Ostseestrand, 24113 Molfsee

Literatur:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 166–172.
  • Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. 3., unveränderte Auflage. Göttingen, 1989, S. 104.
  • Rölleke, Heinz: Glück und Unglück in Grimms Märchen zu den Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, in: Ehlers, Swantje (Hrsg.): Märchen-Glück. Glücksentwürfe im Märchen. Schriftenreihe Ringvorlesungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn. Hrsg. von Kurt Franz. Bd. 4. Baltmannsweiler, 2005, S. 7.


Headerfoto: Anton Spieker als Titelfigur im Märchenfilm „Hans im Glück“ / Foto: NDR/Georges Pauly