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König Drosselbart 2008

Märchenhafte Drehorte: Wo König Drosselbart der Prinzessin eine Lektion erteilt

König Drosselbart hat einen Koffer in Berlin. Fast scheint es so im Hinblick auf die Drehorte, an denen das Märchen bisher verfilmt wird: zum Beispiel im Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg oder vor den Jagdschlössern Glienicke und Grunewald. Der Märchenfilm, den die ARD im Jahr 2008 produziert, entsteht allerdings in der Gegend, in der die Brüder Grimm dieses und andere Märchen aufschreiben: in Hessen.

König Drosselbart (Illustration, um 1900)

König Drosselbart (Illustration, um 1900)

Ist „König Drosselbart“ nun ein Chauvi-Märchen, oder nicht? Kritiker sehen in der Geschichte über eine schöne Königstochter, deren Hochmut ziemlich drastisch gebrochen wird, schnöde „Männerfantasien“ (Köhler-Zülch). Hübsch verpackt in einem Märchen-Kostüm der Brüder Grimm. Gewiss, diese Lesart ist nicht so leicht von der königlichen Hand zu weisen: Erst wird eine junge Frau, die reihenweise Freier verspottet, von ihrem Vater zur Strafe dazu verdonnert, einen bettelarmen Spielmann zu heiraten.

Dann lässt er die Blaublütige in seiner Hütte „sauerste Arbeit tun“ (Grimm), um sie zu erniedrigen und ihr eine Lektion zu erteilen: Hochmut kommt vor dem Fall! Doch wir wären nicht im Märchen, wenn sich am Ende nicht alles zum Guten wendet. Der Spielmann ist kein anderer als der verkleidete König Drosselbart – einer der Freier, den sie mit den Worten abservierte: „ei […], der hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel“ (Grimm). Am Ende lässt er den Schwindel auffliegen und heiratet die Königstochter.

Berlin: „König Drosselbart“ als Stummfilmmärchen für Kinder

Bereits in der Stummfilmära wird „König Drosselbart“ verfilmt. Alf Zengerling adaptiert 1929 das Märchen. Der Berliner Regisseur startet an Weihnachten 1928 seine ersten drei Märchenstummfilme für Kinder: „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“ und „Hans im Glück“. Zuvor werden im Schulkino und in den Lichtspielhäusern zumeist Märchenadaptionen aus den 1910er- und frühen 1920er-Jahren gezeigt. Das sehen viele Lehrer kritisch, denn diese Filme werden für Erwachsene gedreht und nicht immer kindgerecht in Szene gesetzt.

„König Drosselbart“ zählt zu den ersten Märchenfilmen, die gezielt für ein Kinderpublikum hergestellt sind. Die damalige Filmkritik nimmt die 82-minütige Verfilmung wohlwollend auf: „Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg gut, gleichfalls Photographie und Bildschnitt. Der Film wird zu Unterrichtszwecken für Grundschulklassen empfohlen“, schreibt „Der Bildwart“. Die Außenaufnahmen entstehen in und um Berlin. Im EYE Filmmuseum in Amsterdam hat sich der erste von sechs Akten des Märchenfilms erhalten – mit niederländischen Untertiteln.

Drehort: Berlin und Umgebung

Film: „König Drosselbart“ (1929, R: Alf Zengerling). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Berlin: „König Drosselbart und die hochmütige Prinzessin“ lernen sprechen

Obwohl sich seit 1929 der Tonfilm durchsetzt, hält Alf Zengerling weiterhin an seinen Märchenstummfilmen fest: „Nein, vorläufig werden Schneewittchen, Rotkäppchen, der Wolf usw. nicht sprechen“, so der Berliner Regisseur noch 1930 gegenüber der Zeitschrift „Der Bildwart“. Ein Jahr später ändert er seine Meinung überraschend und beginnt seine zehn Märchenstummfilme, die er von 1928 bis 1930 produziert, nachzusynchronisieren. Dazu zählt auch „König Drosselbart“ von 1929, den er als einer der letzten vertont.

In der Zwischenzeit dreht sich der Wind in Deutschland. Die Nationalsozialisten ergreifen die Macht. Das hat auch Auswirkungen auf das Märchen. Jenes wird „zum Schaubild völkischer Tugenden“ (Prestel 1940, S. 62), wie Treue, Standhaftigkeit, Opfersinn, stilisiert – weil diese Charaktereigenschaften auch die Märchenhelden auszeichnen. In dieser Umbruchzeit vertont Zengerling seinen „Drosselbart“. Mit einem neuen Titel erhält die Adaption am 5. März 1934 die Zulassung von der nationalsozialistischen Film-Prüfstelle.

Drehort: Berlin und Umgebung

Film: „König Drosselbart und die hochmütige Prinzessin“ (1929/34, R: Alf Zengerling). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Oberverwaltungsgericht in Berlin: 14 Nachtdrehs für „König Drosselbart“

Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg / Foto: wolf rabe / fotocommunity.de

Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg / Foto: wolf rabe / fotocommunity.de

Gut zwanzig Jahre später wird das Märchen erneut verfilmt. Wieder in Berlin. Das frühere Preußische Oberverwaltungsgericht, ein imposanter Justizpalast in der Hardenbergstraße, verwandelt sich in ein Königsschloss. Zwei Wochen darf das Filmteam in den majestätischen Innenräumen drehen. Allerdings nur nachts. Tagsüber wird das Oberverwaltungsgericht von Juristen bevölkert. Das Gebäude ist in der „König Drosselbart“-Version von 1954 das Zuhause von Prinzessin Christine (Gisela Fritsch).

Die Außenaufnahmen für den Märchenfilm entstehen im Grunewald. Hier wird das Jagdschloss Grunewald zum Domizil von König Drosselbart (Ottokar Runze), der sich als Spielmann verkleidet und die Prinzessin zur ordentlichen Hausfrau erzieht. Ein paar Szenen werden mit der Kamera auch in der sogenannten Saubucht festgehalten, ein sumpfiges Gelände zwischen Barssee und Pechsee. Premiere feiert die 135.000-DM-Produktion (sic!) schließlich am 27. Juni 1954 auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Drehorte:

  • Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, Hardenbergstraße 31, 10623 Berlin
  • Jagdschloss Grunewald, Hüttenweg 100 (am Grunewaldsee), 14193 Berlin
  • Revierförsterei Saubucht, Havelchaussee 96, 14193 Berlin

Film: „König Drosselbart“ (1954, R: Herbert B. Fredersdorf, BRD). Ist auf VHS erschienen.

Jagdschloss Glienicke bei Berlin: Märchenfilm-Dreh in turbulenten Zeiten

Jagdschloss Glienicke im Jahr 2009 / Foto: Manfred Brückels / Wikimedia Commons

Jagdschloss Glienicke im Jahre 2009 / Foto: Manfred Brückels / Wikimedia Commons

Alles andere als märchenhaft ist die politische Großwetterlage als der Produzent Fritz Genschow seine Version von „König Drosselbart“ verfilmt: Drehort ist das geteilte Berlin 1961/62. Es sind die Jahre des Mauerbaus. Ausgerechnet das Jagdschloss Glienicke, das sich im Süden Berlins in der Nähe der Sektorengrenze befindet, sucht er sich als Schlosskulisse aus. Inmitten von DDR-Grenzanlagen residiert nun König Pompus (Axel Kubitzky) und möchte seine Tochter, die Prinzessin (Henriette Gonnermann), verheiraten.

In den Außenaufnahmen für „König Drosselbart“ ist noch die alte Park-Fassade des Jagdschlosses Glienicke zu erkennen. 1964 lässt Architekt Max Taut diese in den unteren beiden Etagen aufbrechen und setzt einen Glaserker ein. Von soviel Bautätigkeit ist der Schlosspark Ruhwald, ein anderer Drehort, weit entfernt. Das Schloss wird 1937 abgerissen. Park und Nebengebäude werden im 2. Weltkrieg stark beschädigt. Die Kolonnaden am Kavaliershaus haben die Zeiten überstanden: Hier heiratet König Drosselbart (Felix Grimm) die geläuterte Prinzessin.

Drehorte: u. a.

  • Jagdschloss Glienicke, Königstraße 36B, 14109 Berlin
  • Schlosspark Ruhwald, Spandauer Damm 220, 14052 Berlin

Film: „König Drosselbart“ (1962, R: Fritz Genschow, BRD). Ist auf VHS und DVD erschienen.

DEFA-Filmstudio Potsdam-Babelsberg: „König Drosselbart“ erstmals in Farbe

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Eine der bekanntesten Verfilmungen – wenn nicht gar die populärste – dreht die DEFA 1964/65. DDR-Star Manfred Krug verdreht als König Drosselbart der Prinzessin Roswitha (Karin Ugowski) den Kopf. Wie schon in der West-Adaption von 1954 ist die Königstochter zwar auch hier stolz und hochmütig, doch ist der Spott auch ein Ventil, sich gegen die Bevormundung ihres Vaters König Löwenzahn (Martin Flörchinger) zu wehren. Roswitha möchte sie selbst sein – kein Püppchen, das wie auf einem Viehmarkt versteigert wird.

Die Filmarchitekten Erich Krüllke und Werner Pieske setzen das kluge Drehbuch gestalterisch um. Beide sind die heimlichen Stars des Märchenfilms, weil ihre stilisierten einfarbigen Kulissen den optimalen Hintergrund bieten, vor dem die Schauspieler in ihren farbigen Kostümen erst so richtig zur Hochform auflaufen. Und: Der trotz Atelierproduktion hell und unbegrenzt erscheinende Film-Hintergrund wird dadurch erreicht, dass alle Szenen auf einem Podest ausgeleuchtet und gedreht werden. Geniale Idee. Genialer Märchenfilm.

Drehort: Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin

    Film: „König Drosselbart“ (1965, R: Walter Beck, DDR). Ist auf VHS und DVD erschienen.

    Zürich/Schweiz: TV-Märchenfilm „König Drosselbart“ entsteht im Studio

    Zürich / Foto: berggeist007 / Pixelio.de

    Zürich / Foto: berggeist007 / Pixelio.de

    In den 1970er-Jahren entsteht im Auftrag des Schweizer Fernsehen für die deutsche und rätoromanische Schweiz, kurz: SF DRS, eine Reihe von TV-Märchenfilmen. Daran ist auch die deutsche Ullstein AV Produktions- und Vertriebs GmbH mit Sitz in Berlin beteiligt. Die Koproduktionen werden von Rudolf Jugert in Szene setzt. Der Regisseur beginnt bereits in den 1940er-Jahren an der Seite von Helmut Käutner als Assistent und ist damals an bedeutenden NS-Kinofilmen, wie „Wir machen Musik“ (1942) oder „Große Freiheit Nr. 7“ (1944), beteiligt.

    Nach dem Krieg führt Jugert in „Film ohne Titel“ (1947/48) erstmals selbst Regie. „König Drosselbart“ dreht er wenige Jahre vor seinem Tod. Obgleich die Ausstattung, wie Bauten und Kostüme, Liebe zum Detail zeigt, und die Filmmusik erfrischend modern klingt, kommen die Dialoge überraschend altbacken daher. Drehbuchautor Heinz Bothe-Pelzer lässt den in einen Bettelmann verkleideten Drosselbart (Thomas Astan) allen Ernstes zur Königstochter (Renate Pichler) sagen: „Wenn ein Mann abends nach Hause kommt, dann will er essen! Also, merk dir das, Frau!“ Noch besser: „Oder willst du die Rute auf deinem Rücken spüren?“ – Aua!

    Drehort: SF DRS-Filmstudios, Zürich

    Film: „König Drosselbart“ (1976, R: Rudolf Jugert, CH/BRD). Ist auf VHS erschienen.

    Arwaburg/ČSSR: „König Drosselbart“ als Märchenfilm-Koproduktion

    Arwaburg / Foto: Wojsyl / Wikimedia Commons

    Arwaburg / Foto: Wojsyl / Wikimedia Commons

    Das Märchen vom „König Drosselbart“ zählt zu den Vorlagen, die das ZDF Mitte der 1980er-Jahre in europäischen Koproduktionen neu verfilmt. Hans-Dieter Radke aus der damaligen ZDF-Redaktion „Kinder und Jugend“ will mit den TV- und Kinofilmen „große und kleine Zuschauer gleichzeitig ansprechen“ (KJK 30-2/1987). Auch deshalb entstehen für die tschechoslowakisch-deutsche Koproduktion aufwändige Außenaufnahmen auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Darunter ist die imposante Arwaburg aus dem 13. Jahrhundert.

    Die schaurig-schöne Burganlage ist mehr als sechzig Jahre zuvor Kulisse für den Vampirfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1921, R: Friedrich Wilhelm Murnau). Für „König Drosselbart“ filmt das Drehteam zudem in kleinen slowakischen Ortschaften, wie Jur nad Hronom, Dol’any und Oravský Podzámok. Der Märchenfilm in der Regie von Miloslav Luther, der auch am Drehbuch beteiligt ist, wird erstmals am 24. Dezember 1984 im ZDF gezeigt. Ein Jahr später startet er unter dem Titel „Eine Braut für König Drosselbart“ in den DDR-Kinos.

    Drehorte:

  • Arwaburg
  • Barrandov Filmstudios
  • Dol’any
  • Jur nad Hronom
  • Oravský Podzámok

Film: „König Drosselbart“ (1983/84, R: Miloslav Luther, BRD/ČSSR). Ist auf VHS erschienen.

Schloss Braunfels bei Wetzlar: ARD-Märchenfilm entsteht in Hessen

Schloss Braunfels / Foto: Thomas Max Müller / Pixelio.de

Schloss Braunfels / Foto: Thomas Max Müller / Pixelio.de

Als die ARD im Dezember 2008 mit ihrer Märchenreihe „Sechs auf einen Streich“ startet, wird „König Drosselbart“ als eines der ersten Grimmschen Märchen verfilmt. Das Filmteam entscheidet sich für Außenaufnahmen in Nordhessen, das zugegeben nicht gerade arm an märchenhaften Wäldern und Schlössern ist. In einem residiert Prinz Richard (Ken Duken), der sich in Prinzessin Isabella (Jasmin Schwiers) verguckt. Richards Zuhause ist das Schloss Braunfels in Mittelhessen: ein architektonischer Historismus-Mix mit Romantik-Touch.

Dumm nur, dass beide die Sprösslinge zweier verfeindeter (Königs-) Familien sind. Bei Shakespeare endet das bekanntermaßen tragisch. Hier nicht. Und doch muss sich Richard erst als musizierender Bettelmann verkleiden, damit er die Liebe Isabellas gewinnt. Im nordhessischen Reinhardswald bringt er der hochmütigen Königstochter bei, dass Demut besser als Hochmut ist. Letztlich lernt Richard – der eigentlich Prinz Drosselbart heißen müsste, da er noch kein König ist – auch etwas fürs Leben dazu. Chauvi-Märchen, Adé!

Drehorte:

  • Schloss Braunfels, 35619 Braunfels
  • Schloss Büdingen, Schlossplatz 1, 63654 Büdingen
  • Bergpark Wilhelmshöhe, Schlosspark 3, 34131 Kassel
  • Tourist-Info Märchenland Reinhardswald, Markt 5, 34369 Hofgeismar

Film: „König Drosselbart“ (2008, R: Sibylle Tafel, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Literatur:

  • Boje: Filmschau König Drosselbart. In: Der Bildwart. Blätter für Volksbildung 8 (1930), H. 5.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke, Bd. 1. Stuttgart, 1980.
  • Prestel, Josef: Sendung des Märchens. In: JSW 45 (1940), H. 7/8.
  • Schmitt, Christoph: Die Welt des Märchens – neuer Programmschwerpunkt des Zweiten Deutschen Fernsehens. Gespräch mit Hans-Dieter Radke, Redaktion „Kinder und Jugend“. In: Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz (KJK) 8 (1987), H. 30-2.
  • Zülch-Köhler, Ines: König Drosselbart, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Bd. 8. Berlin/New York, 1996.

Header-Foto: König Drosselbart als Bettler (Ken Duken) und Prinzessin Isabella (Jasmin Schwiers) im ARD-Märchenfilm von 2008 / Copyright HR/Jacqueline Krause-Burberg