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Vom Fischer und seiner Frau (D 2013): Die soziale Frage im Märchenfilm

Love-Story, Umwelt-Krimi, Sozial-Drama: Der ARD-Märchenfilm „Vom Fischer und seiner Frau“ (2013) kommt als Filmgenre-Mix daher – und profitiert davon. Die zeitlose und spannende Geschichte über einen sprechenden Plattfisch, der zwei Fischerleuten Wünsche erfüllt, ist heute so aktuell wie vor 200 Jahren.

© Carl Schünemann Verlag

© Carl Schünemann Verlag

Nicht der Märchenfilm sondern die Illustration im Märchenbuch setzt zuerst Märchen in Bilder um: anfangs auf Papier mit Bleistift oder Tusche, später digital am Computer. Dennoch haben beide – Film und Buch – eines gemeinsam: Sie erzählen mit Hilfe von Bildern Märchen visuell immer wieder neu, auch wenn sie sich an klassischen Grimmschen Vorlagen orientieren. Filmregisseure und Buchillustratoren werden damit zu Märchenerzählern 2.0 und beamen die Urform der Literatur ins 21. Jahrhundert.

Dass dabei, ähnlich wie im Märchen, kleine Wunder passieren, zeigen jüngste Adaptionen der plattdeutschen Geschichte „Von dem Fischer un syner Fru“. Im Jahr 2013 wird das Märchen gleich zweimal wiederentdeckt: einerseits in einem neuen ARD-Märchenfilm, andererseits in einem neuen Märchenbilderbuch vom Carl Schünemann Verlag. Im letztgenannten hat die Berliner Grafikerin Julia Beutling die Geschichte über den armen Fischer illustriert, der mit seiner Frau Ilsebill in einem schäbigen „Pißputt, dicht an der See“ (Grimm) lebt.

Märchen spiegelt auch Klimaprobleme und Umweltzerstörung wider

Einmal fängt der Fischer einen wundersamen sprechenden Butt, lässt ihn aber auf sein Bitten wieder frei. Als der Fischer seiner Frau Ilsebill davon erzählt, möchte sie sich zum Dank etwas wünschen dürfen: eine hübsche Hütte. Der Butt erfüllt ihren Wunsch. Doch „das zunächst glücklich Erlangte [wird] durch Maßlosigkeit wieder aufs Spiel gesetzt“ (Freund), wenn sich die Frau später anstatt der Hütte ein Schloss wünscht, dann König, Kaiser, Papst und Gott werden will. Am Ende finden sich beide im Pisspott wieder.

Julia Beutling setzt in ihren Illustrationen zu „Von den Fischer un siine Fru“ die Kernthemen Gier und Maßlosigkeit trefflich um, aber bei ihr entstehen zugleich – ganz im Sinne einer visuellen Märchenerzählerin – neue bildliche Assoziationen: „Die Frau mit ihrer nimmersatten Gier nach mehr Besitz und Macht und die Natur, die deutlich ihren Widerwillen gegen diese Entwicklung zeigt, spiegeln auch unsere derzeitigen Klimaprobleme und die Zerstörung der Umwelt wider“, so Beutling gegenüber der Zeitschrift Märchenspiegel.

ARD-Märchenfilm rückt soziale Frage in den Mittelpunkt

Arm, aber nicht ganz glücklich: Ilsebill (Katharina Schüttler) und Hein (Fabian Busch) / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Arm, aber nicht ganz glücklich: Ilsebill (K. Schüttler) und Hein (F. Busch) / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Das wird besonders in den Illustrationen deutlich, die eine allmähliche Verfärbung des Meeres oder die Mutation des anfangs kleinen Butts in einen Riesenfisch zeigen. Diesem „Plädoyer für den sorgsamen Umgang mit Tier und Natur“ (Pecher) sieht sich ebenso der ARD-Märchenfilm „Vom Fischer und seiner Frau“ verpflichtet, wenngleich Drehbuchschreiber Leonie und Dieter Bongartz sowie Regisseur Christian Theede auch hier als visuelle Märchenerzähler neue eigene Akzente setzen.

Wundersamer Fang: Fischer Hein (F. Busch) zieht einen Fisch aus dem Wasser / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Wundersamer Fang: Fischer Hein (F. Busch) zieht einen Fisch aus dem Wasser / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Im ARD-Märchenfilm wird die soziale Frage ins Blickfeld gerückt – und sinnhaft mit den Folgen von übersteigertem Materialismus verknüpft. Die Adaption fragt nach Problemen, die auftauchen können, wenn einige bevorteilt, andere benachteiligt werden. Wie im Märchen lebt der Fischer Hein (Fabian Busch) mit seiner Frau Ilsebill (Katharina Schüttler) in einem armseligen Pisspott. Obwohl Mangel und soziale Misere in der 1-Raum-Behausung spürbar sind (Szenenbild: Julian Augustin), haben sich beide gern wie am ersten Tag.

Farbdramaturgie im Film: dunkler Himmel, schwarzgrünes Meer

Erfüllung: Noch freut sich Ilsebill (K. Schüttler) mit Hein (F. Busch) über die schöne Hütte / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Erfüllung: Noch freut sich Ilsebill (K. Schüttler) mit Hein (F. Busch) über die Hütte / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Denn es ist keine, wie noch in der Vorlage von Philipp Otto Runge aufgeschrieben und 1812 in den Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlicht, „Geschichte einer unglücklichen Ehe“ (Johnson). Vielmehr wird gezeigt, wie Gier und Maßlosigkeit Beziehungen verändern können. Anfangs scheint es gerechtfertigt, dass sich Ilsebill eine schöne Hütte vom Zauberfisch wünscht – und wenig später auch in ihr sitzt. Zuvor hat Hein den sprechenden 3-D-Butt (Stimme: Jan Fedder) gefangen und ihm das Leben geschenkt.

Farbdramaturgie: ein dunkler Gewittersturm kündigt sich an / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Farbdramaturgie: ein dunkler Gewittersturm kündigt sich an / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Doch „dem Wünschen sind auch Grenzen gesetzt“ (Freund). Ilsebill spürt sie nicht, als sie ein ums andere Mal etwas Neues fordert und unzufrieden mit dem ist, was sie vorher besaß. Doch der Zuschauer nimmt die Veränderungen wahr. So wechselt das Wetter im Laufe der Handlung. Am zu Beginn wolkenlosen blauen Himmel zieht ein dunkler Gewittersturm auf – der das nahende Unheil atmosphärisch schon einmal vorweg nimmt. Und das anfangs türkisblaue Meer färbt sich zunehmend violett, dann schwarzgrün – und stinkt obendrein.

Die Machtgier des einen führt zu Hunger, Not und Leid des anderen

Hilfsbereit: Hein (F. Busch) bringt Klaas (P.-H. Brix) ein paar Fische / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Hilfsbereit: Hein (F. Busch) bringt Klaas‘ Familie (P.-H. Brix) ein paar Fische / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Das ökologische Gleichgewicht ist gestört. Hein ahnt, dass die maßlosen Wünsche schuld sein könnten („es ist nicht recht“), doch er ist auch Ehemann und in seiner Liebesbeziehung gefangen. Deshalb läuft er immer wieder zum Butt und trägt den neuen Wunsch Ilsebills vor. Gleichzeitig werden Heins soziale Beziehungen auf die Probe gestellt, zum Beispiel die Freundschaft zu Kumpel Klaas (Peter-Heinrich Brix): Die neu ins Drehbuch aufgenommene Figur, ein vierfacher Vater, verdient sein Geld als Fischer und ernährt davon seine Familie.

Böse Vorahnung: Hein (F. Busch) will Klaas (P.-H. Brix) helfen / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Böse Vorahnung: Hein (F. Busch) will Klaas (P.-H. Brix) helfen / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Doch das Meer leidet plötzlich unter Fischmangel. Die Netze bleiben leer. Das wirkt sich unmittelbar auf Klaas‘ Leben, oder allgemeiner formuliert: auf den Erwerb aller armen Fischer im Dorf aus. Seine Bewohner, zu denen Klaas und seine Familie gehören, können mit Fischfang kein Geld verdienen und sich davon nicht mehr ernähren. Sie müssen wegziehen. Die Küstensiedlung verödet. Und: Hein verliert damit auch seinen besten Freund Klaas. Maßlose Wünsche als Auslöser für zuerst ökologische, dann soziale Katastrophen.

Fischerfrau Ilsebill: im Märchenfilm kein holzschnittartiger Charakter

König Ilsebill (K. Schüttler): der Fischerfrau Wunsch hat sich erfüllt / Foto: NDR/Marion von der Mehden

König Ilsebill (K. Schüttler): der Fischerfrau Wunsch hat sich erfüllt / Foto: NDR/Marion von der Mehden

So klug wurden bisher in keinem ARD-Märchenfilm globale aktuelle Fragen sinnhaft in die Handlung eines über 200-jährigen Märchens integriert. Das Autoren-Duo Bongartz schafft das ganz unaufgesetzt. Dabei verlieren beide nicht die Figuren aus den Augen, vor allem Ilsebill: Der Charakter ihrer Fischerfrau, in der Vorlage nur holzschnittartig beschrieben, ist differenzierter. Es werden Motive für ihre dreisten Wünsche erkennbar. Das zeigt sich zum Beispiel, als sich Ilsebill ein Schloss wünscht und darin adlige Nachbarn zum Essen einlädt.

Erhöht: Hein (F. Busch), Bischof (R. Kowalski), Kaiser Ilsebill (K. Schüttler) / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Erhöht: Hein (F. Busch), Bischof (R. Kowalski), Kaiser Ilsebill (K. Schüttler) / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Graf (Patrick Heyn) und Gräfin Lausenburg (Catrin Striebeck), deren Name an Läuse als blutsaugende Parasiten erinnert, lassen Ilsebill und Hein jedoch die sozialen Unterschiede deutlich spüren und machen sich lustig. Die Fischerfrau sinnt auf Rache („Die lachen nicht noch einmal!“). Damit werden ihre maßlosen Wünsche, später König, Kaiser und Papst zu werden, vielleicht nachvollziehbarer. Dass sie in den Ämtern „entweiblicht“ (Theede) wird, weil in ihren Wünschen die feminine Endung -in fehlt, streift zudem Gender-Fragen.

Am Ende möchte Ilsebill Gott werden – und scheitert

Fast am Ziel: Ilsebill (K. Schüttler) mit der Tiara, der Papstkrone / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Fast am Ziel: Ilsebill (K. Schüttler) mit der Tiara, der Papstkrone / Foto: NDR/Marion von der Mehden

Diese werden sichtbar, wenn Ilsebill männliche Königs-, Kaiser- und Papstgewänder trägt, die ihre Weiblichkeit verstecken und sie in ein androgynes Wesen verwandeln (Kostüme: Elena Wegner). Im Märchenfilm wie in der Märchenvorlage erfüllen sich alle Wünsche Ilsebills an den Butt – bis auf einen. Am Ende möchte sie der liebe Gott werden. Im Übrigen auch wieder eine männliche Rolle. Doch das ist nicht der Grund, weshalb der Zauberfisch diesen Wunsch nicht erfüllt, nicht erfüllen kann. Ilsebill hat den Bogen überspannt.

Apokalypse: Hein (F. Busch) trägt dem Butt Ilsebills letzten Wunsch vor / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Apokalypse: Hein (F. Busch) trägt dem Butt Ilsebills letzten Wunsch vor / Foto: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Denn: „Der Mensch kann nicht eins werden mit dem, was ihm das Leben geschenkt hat und was ihn am Leben erhält“ (Freund). Soweit die philosophische Begründung. Der Film zeigt mit dem Finger eher auf Gefühlskälte und soziales Desinteresse, das die Fischerfrau in ihren Rollen als König, Kaiser und vor allem Papst als oberster Hirte und Stellvertreter Christi gegenüber ihren Untertanen ausstrahlt. Kein Wunder, dass der Butt sie am Ende wieder in ihren Pisspott zaubert. Doch: Auch einem Zurück-auf-Los-Ende wohnt manchmal ein Zauber inne.

Film: „Vom Fischer und seiner Frau“ (2013, Regie: Christian Theede, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Freilichtmuseum am Kiekeberg, Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten-Ehestorf (Fischerdorf)
  • Holmer Sandberge, 25488 Holm (Ilsebills und Heins Zuhause)
  • 23774 Heiligenhafen (Heins Angelplatz am Strand)
  • Schloss Tremsbüttel, Schlossstraße 10, 22967 Tremsbüttel (Herrenhaus)
  • Gutshof Emkendorf, 24802 Emkendorf (Königspalast)
  • Kulturkirche Altona, Max-Brauer-Allee 199, 22765 Hamburg (Papst-Dom)

Literatur:

  • Brüder Grimm: Von dem Fischer un syner Frau, in: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke, Bd. 1. Stuttgart, 1980/2001, S. 119-127.
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 85.
  • Hein, Anna: Anna Hein im Gespräch mit Julia Beutling, Stipendium Märchenillustration 2014 für „Von den Fischer un siine Fru“, in: Märchenspiegel – Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege, Heft 04/2014, S. 33-35.
  • Johnson, Uwe: Nachwort, in: Von dem Fischer un syner Fru. Ein Märchen nach Philipp Otto Runge mit sieben kolorierten Bildern von Marcus Behmer und einem Nachwort von Beate Jahn. Mit einer Nacherzählung und einem Nachwort von Uwe Johnson. Leipzig, 1987, S. 59.
  • Pecher, Claudia Maria: Märchenillustrationspreis 2014. Laudatio auf Julia Beutling, in: Märchenspiegel – Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege, Heft 04/2014, S. 32f.
  • Theede, Christian: Bonus-Extra „Der seltsame Fang“, in: „Vom Fischer und seiner Frau“, DVD, 2013

Header-Foto: Fischer Hein (Fabian Busch) fängt einen wundersamen Butt / Foto: NDR/Marion von der Mehden