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Foto: Peter Mountain / © 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (USA 2016)

Sieben Jahre nach „Alice’s Adventures in Wonderland“ (1865) veröffentlichte Lewis Carroll seine Fortsetzung „Through the Looking-Glass“. Fast so lange ließ auch Teil 2 des Disney-Filmerfolgs „Alice im Wunderland“ von 2010 auf sich warten. Ab 26. Mai 2016 blickt die Heldin nun endlich hinter den 3-D-Spiegel – und tritt in die Fußstapfen der Time Traveler.

Filme über Zeitreisen, in denen sich die Helden mal in der Vergangenheit mal in der Zukunft wiederfinden, kennt der Zuschauer besonders aus den Genres Science Fiction oder Fantasy. Die bekanntesten Zeitreisenden sind zweifellos Marty McFly alias Michael J. Fox aus der Trilogie „Zurück in die Zukunft“ (USA 1985-1990) oder die „Time Bandits“ (GB 1981), jene sechs Zwerge, die Altmeister Terry Gilliam in Szene setzt. Hingegen finden im klassischen Märchenfilm-Genre abenteuerliche Reisen in die Zukunft oder in die Vergangenheit selten statt.

Zwar gibt es Wanderungen ins Jenseits, doch „[d]em Märchen ist nicht nur das Jenseitige keine «ganz andere» Dimension, [in] ihm steht auch die Vergangenheit spannungslos neben der Gegenwart.“ (Lüthi) Zeitreisen wären da, um es wortwörtlich zu sagen, reine Zeitverschwendung. Doch es gibt Ausnahmen, vor allem wenn sich der Märchenfilm mit dem Fantasy-Genre verbündet und damit gleichzeitig die Dimension der Zeit aufgewertet wird. Ein aktuelles Beispiel ist die neue Disney-Verfilmung „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“.

Alice hinter den Spiegeln: Märchen oder Nonsens-Geschichte?

Nun werden Fans des Autors Lewis Carroll einwerfen, seine Geschichten „Alice’s Adventures in Wonderland“ (1865) und „Through the Looking-Glass and What Alice found there“ (1872) sind überhaupt keine Märchen, sondern Nonsens-Geschichten im Kunstmärchen-Gewand, in denen die Titelfigur „aus der Wirklichkeit in eine skurrile Phantasiewelt“ (Freund) versetzt wird. Für die Kategorie Märchen sprechen allerdings „bestimmt[e] Märchenmotive“ (Breitkreuz), die die Handlung bestimmen. Dagegen fehlt „ein vorgezeichnetes Ziel, das der Held entweder erreicht oder verfehlt, […].“ (Mayer/Tismar)


Überraschenderweise taucht das Zeit-Motiv in der Diskussion als Indiz für oder gegen das Märchen nicht auf. Dabei ist Pünktlichkeit sowie ihr groteskes Infragestellen in Carrolls erster Geschichte „Alice im Wunderland“ überdeutlich – nicht nur ein weißes Kaninchen, das ständig auf seine Uhr starrt und meint, dass es zu spät kommt, sondern auch die Fünf-Uhr-Tee-Episode mit dem Hutmacher zeugen davon. Vielleicht sind es diese Ideen, die Drehbuchautorin Linda Woolverton dazu bringen, die Zeit als Erzählmotor für einen zweiten „Alice“-Film zu nutzen.

Produzenten lehnen Adaption der Carroll-Vorlage ab

Jedenfalls ist Suzanne Todd, Produzentin von „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“, über Carrolls zweite Geschichte „Through the Looking-Glass“ nicht besonders amused: „’Alice hinter den Spiegeln‘ ist im Grunde eine Ansammlung beliebiger und bizarrer Episoden aus Carrolls Leben, die eigentlich in keinem Zusammenhang zueinander stehen.“ Nicht ganz, denn die Titelfigur muss als Damenbauer riesige Schachbrettfelder überqueren, um im achten Feld Königin zu werden. Dabei trifft sie auf Gestalten, wie Zwiddeldum und Zwiddeldei oder Goggelmoggel.

Das scheint neben Suzanne Todd aber den drei anderen Produzenten – Joe Roth, Tim Burton und Jennifer Todd – zu wenig für eine Fortsetzung von „Alice im Wunderland“ (USA) von 2010. So hat der neue „Alice“-Film außer des Carroll-Titels „Hinter den Spiegeln“ wenig mit der Vorlage gemeinsam. Nur dass Alice Kingsleigh, wieder gespielt von Mia Wasikowska, durch einen Kamin-Spiegel in eine Traumwelt wechselt, in der sie auf alte Bekannte trifft, wie die sprechende Raupe Absolem, die Weiße Königin (Anne Hathaway) oder ihre Schwester (Helena Bonham Carter).

Alice beamt sich mit Zeitmaschine in die Vergangenheit

Bei ihrer Rückkehr in die fantastische Welt von Unterland erfährt Alice, dass der verrückte Hutmacher Tarrant Hightopp (Johnny Depp) nun vollends nicht mehr er selbst ist. Er vermisst seine Familie, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Nur die Vergangenheit weiß, was mit ihnen passiert ist. Alice möchte ihrem besten Freund helfen und macht sich auf die Suche nach der Chronosphäre, eine Metallkugel im Innern einer großen Uhr, die Objekte zu jedem beliebigen Ort und in jede beliebige Zeit beamen kann – also eine Zeitmaschine.


Diese Chronosphäre wird allerdings bewacht von der Zeit (cool: Sacha Baron Cohen) – ein menschenähnliches Wesen, das in seinem Schloss der Ewigkeit residiert. Der König aller Uhren weiß, dass die kleine Metallkugel ihrem Besitzer ermöglicht, auf dem Ozean der Zeit in die Vergangenheit zu reisen … Die Idee der personifizierten Zeit ist so neu nicht. Schon der klassische Märchenfilm kennt den Herrn der Zeit, der „die Geschicke der Menschen in seiner Hand“ hält (Simons): In „Das Schloss hinterm Regenbogen“ (RO 1969) ist es ein alter weißhaariger Mann.

Zeit-Figur (Sacha Baron Cohen) wird zum Schwellenhüter

Er thront neben einem überdimensionalen Rad, mit dem die Lebensfäden der Menschen – und auch ihr Schicksal – gesponnen werden. In „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ sind es abertausende Uhren, die den Herrn der Zeit umgeben und mit denen er über Leben und Tod entscheidet. Sein dunkles Kostüm und eine schwarze kronenähnliche Haube lassen ihn ambivalent erscheinen. Dennoch ist er nicht Alices Gegenspieler, obwohl er versucht, dass sie nicht in den Besitz der Chronosphäre kommt. Eher ist er als Nebenfigur eine Art Schwellenhüter.

Christopher Vogler, Story-Berater bei den Disney-Studios, schreibt über diese Figurenrolle: „Jeder Held begegnet auf seinem Weg ins Abenteuer immer wieder Hindernissen. An jeder Pforte zu einer neuen Welt erwartet ihn ein machtvolles Wesen, das darauf bedacht ist, die Unwürdigen am Übertreten dieser Schwelle zu hindern.“ Dass der Herr der Zeit als übergeordnete Instanz aufgebaut wird, zeigen ebenso die Dialoge mit Alice, in denen er meint: „Man kann die Vergangenheit nicht ändern. […] Obwohl ich anmerken darf, dass man von ihr lernen könnte.“

Alice lernt hinter den Spiegeln fürs Leben in der Wirklichkeit

Dieses Zitat streift eine Kernfrage der Verfilmung: Ist es vielleicht doch möglich, die Zukunft neu zu erschaffen? Alice versucht es und reist mit Hilfe der gestohlenen Chronosphäre ins Vergangene, um die Familie des Hutmachers zu finden. Dort trifft sie auf Freunde und Feinde in jeweils verschiedenen Stadien ihres Lebens. Der Zuschauer erfährt während der Zeitreisen, warum die Rote Königin Iracebeth so böse ist oder woher der Fünf-Uhr-Tee seinen Namen hat. Damit spannt die Fortsetzung von „Alice im Wunderland“ einen Bogen zur ersten Verfilmung von 2010.


Doch anders als in den literarischen „Alice“-Vorlagen ist die Titelheldin im Film nicht „die gleiche wie zuvor, wenn sie am Ende [aus ihren Träumen] erwacht.“ (Klotz) Das zeigt sich besonders in der Rahmenhandlung, die das neue Abenteuer umgibt. Alice nimmt etwas von ihren Zeitreisen in die Gegenwart mit: keine Chronosphäre, sondern Erfahrungen, die eine unangepasste junge Frau im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts braucht, um sich in der Männer-Gesellschaft durchzusetzen. Von ihr können Mädchen auch heute noch etwas lernen.

Film: „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ (2016, Regie: James Bobin, USA)

Drehorte:

  • Gloucester Docks, Gloucester GL12HE, UK
  • Longcross Studios, Chobham Ln, Longcross, Chertsey, Surrey KT16 0EE, UK
  • Shepperton Studios, Shepperton, Surrey TW17, UK

Literatur:

  • Breitkreuz, Hartmut: Alice im Wunderland, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 1, Berlin/New York, 1977, Sp. 314.
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 74.
  • Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. München, 2002, S. 286.
  • Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. 11., unveränderte Auflage. Tübingen/Basel, 2005, S. 23.
  • Mayer, Mathias/Tismar, Jens: Kunstmärchen. 4. Auflage. Stuttgart/Weimar, 2003, S. 115f.
  • Simons, Rotraudt: Das Schloß hinterm Regenbogen (Tinerete fără bătrînete), in: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 354.
  • Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Aus dem Amerikanischen von Frank Kuhnke. Frankfurt a. M., 2010, S. 121.

  • Headerfoto: Auf einem Empfang entdeckt Alice (Mia Wasikowska) einen magischen Kaminspiegel, durch den sie in das fantastische Reich von Unterland zurückkehren kann. Die Szene zitiert eine der 51 Illustrationen von John Tenniel, die er für „Alice hinter den Spiegeln“ (1872) zeichnet / Foto: Peter Mountain / © 2016 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.