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Peter Rauch, Gilbert von Sohlern, Michael Markfort / Foto: BR

Märchenhafte Drehorte: Wo Zwerg Nase vom bösen Zauber erlöst wird

Zwerg Nase, ein verzauberter Junge, der zum Meisterkoch avanciert, wäre heute vielleicht Moderator einer TV-Kochshow. Wie die aussehen könnte, zeigen vier Märchenfilme über den kleinwüchsigen Koch – entstanden zwischen 1953 und 2008 an märchenhaften Drehorten (und in historischen Schlossküchen) in Bayern, Brandenburg sowie Berlin.

Verwandlungen finden sich oft im Märchen, meist ausgelöst durch eine Verwünschung oder Verzauberung. Häufig kommt es dabei vor, dass Menschen in Tiere („Der Froschkönig“) oder sonderliche Gestalten verwandelt werden. Bisweilen nimmt die Zauberei auch „komisch-groteske Züge“ (Freund) an. Wie in Wilhelm Hauffs „Der Zwerg Nase“ von 1827, einem der bekanntesten Verwandlungs-, aber zugleich auch Erlösungsmärchen. Denn die Märchenlogik will es, dass der böse Fluch eines Zauberers oder einer Hexe am Ende zumeist gebrochen wird.

Monatskalenderblatt: Zwerg Nase / Illustration: Paul Hey / Ackermann Kunstverlag

Monatskalenderblatt: Zwerg Nase / Illustration: Paul Hey / Ackermann Kunstverlag

In „Der Zwerg Nase“ verwandelt die Fee Kräuterweis den Jungen Jakob in einen hässlichen Gnom. Zuvor muss er der alten Frau sieben Jahre dienen, lernt in der Zeit aber die Kochkunst. Obwohl er der Fee entkommt, ist er jetzt ein Außenseiter. Alle verlachen ihn wegen seiner langen Nase und Zwergengröße. Bei einem Herzog, der Feinschmecker ist, steigt er zum Unterküchenmeister auf. Hier lernt Zwerg Nase – so nennt ihn der Herzog spöttisch – die sprechende Gans Mimi kennen, die ebenso verwünscht ist. Mit ihrer Hilfe findet er das Kraut Nießmitlust, das ihn endlich erlöst.

Wer heute das Märchen „Zwerg Nase“ liest, fühlt sich wegen seiner „individuelle[n] Charaktere“ und „detaillierten Ausmalung“ (Träger) von Lebensverhältnissen mitunter an Filmdrehbücher und „Regieanweisungen“ (Schmitt) erinnert – obwohl die Bilder ja erst siebzig Jahre nach Hauffs Tod (1827) laufen lernen. Da verwundert es nicht, dass das Märchen früh verfilmt wird: Trickfilmer Ladislaus Tuszynski und Heinz Hanus, österreichischer Stummfilmpionier, adaptieren 1921 „Zwerg Nase“ als 25-minütigen Schauspieler-Märchenfilm mit Zeichentricksequenzen.

Kloster Ottobeuren im Allgäu: Zwerg Nase kocht in der Benediktiner-Abtei

Seerosenteich Kloster Ottobeuren / Foto: Richard Mayer / Wikimedia Commons

Seerosenteich Kloster Ottobeuren / Foto: Richard Mayer / Wikimedia Commons

1952 wird „Zwerg Nase“ erstmals in einem abendfüllenden Spielfilm in Deutschland adaptiert. Märchenfilm-Produzent Hubert Schonger hat sich als Drehorte für Außen- und Innenaufnahmen das bayrische Städtchen Memmingen und das Kloster Ottobeuren ausgesucht. Das mittelalterliche Stadtbild von Memmingen bietet dabei vor allem Kulisse für die Szenen, in denen der kleine Jakob (Hans Dieter Götz) von der Fee Kräuterweis (Edith Schultze-Westrum) entführt wird: So hält Kameramann Wolf Schwan den sogenannten Einlass, eines der Memminger Stadttore, im Bild fest.

Als der in einen Zwerg verzauberte Jakob der Fee entkommt, führt ihn sein Weg zum Palast des Herzogs (Ernst Rotmund): die Benediktiner-Abtei Ottobeuren. Weil das Kloster im 18. Jahrhundert zu einer barocken Anlage umgebaut wird – mit „schlossartigen Einfahrten, Gärten, repräsentativen Innenräumen“ (Schonger) –, bietet es eine perfekte weltliche Schlosskulisse. Hier zeigt Zwerg Nase (Hans Clarin) seine Kochkünste, allerdings nur bei Groß- und Nahaufnahmen. Ist er von hinten zu sehen, doubelt ihn der kleinwüchsige Schauspieler Richard Krüger: der böse Zwerg aus „Das singende, klingende Bäumchen“ (1957, R: Francesco Stefani, DDR).

Drehorte:

  • Benediktiner-Abtei Ottobeuren, Sebastian-Kneipp-Straße 1, 87724 Ottobeuren: u. a. Museum Barockbibliothek, Klosterinnenhof mit Brunnen, Basilika, Marktplatz
  • Memmingen, 87700 Memmingen: u. a.
  • Einlass-Tor, Am Einlass, 87700 Memmingen
  • Ehemaliges Steuerhaus (Laubengang), Marktplatz 16, 87700 Memmingen

Film: „Zwerg Nase“ (1953, R: Francesco Stefani, BRD). Ist auf VHS erschienen.

Berlin-Adlershof: Zwerg Nase steigt erstmals zum Fernseh-Koch auf

Fernsehzentrum Adlershof im Jahre 2005 / Foto: Georg Slickers / Wikimedia Commons

Fernsehzentrum Adlershof im Jahre 2005 / Foto: Georg Slickers / Wikimedia Commons

In der DDR wird das Märchen zweimal verfilmt: Am 8. Juni 1958 zeigt der damalige Deutsche Fernsehfunk (DFF) erstmals seine Studio-Version im TV-Programm. Zu dieser Zeit sind allerdings erst 300.000 Fernsehgeräte in der DDR angemeldet, das heißt, dass nur wenige das Märchenspiel in der Regie von Hans-Günther Bohm sehen können. Das Drehbuch schreibt Ursula Kümpfel. Regisseur und Autorin sind seit mehreren Jahren ein eingespieltes Team. Schon 1954 produzieren beide zwei Märchenspiele für das Fernsehzentrum Berlin (FZ), namentlich der Vorläufer des DFF:

„Die Osterhasen von Kuckuckshöh“ und „Vom König, der das Lernen verbietet“. Vier Jahre und eine Umbenennung später wird „Zwerg Nase“ verfilmt. Im Schauspieler-Ensemble ist auch Kurt Schmidtchen, der 1956 die Titelfigur im DEFA-Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“ übernimmt. Obwohl aus der Frühzeit des DFF nur wenige Fernsehproduktionen archiviert sind, haben sich sechs (sic!) Filmminuten von „Zwerg Nase“ aus dem Jahr 1958 erhalten. Und auch zwei Spielbücher, eine Besetzungsliste sowie ein Szenenbild-Grundriss sind überliefert.

Drehort: Deutscher Fernsehfunk, Studio Berlin-Adlershof, Rudower Chaussee 3, 12489 Berlin

Film: „Zwerg Nase“ (1958, R: Hans-Günther Bohm, DDR). Nicht auf VHS oder DVD erschienen.

Potsdam-Babelsberg: Die zweite TV-Karriere des Fernseh-Kochs Zwerg Nase

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Zwanzig Jahre nach der ersten DDR-Verfilmung von „Zwerg Nase“ flimmert im Dezember 1978 die zweite TV-Adaption über die ostdeutschen Fernsehschirme. Kein Geringerer als DEFA-Autor Günter Kaltofen (u. a. „Schneewittchen“, 1961 und „König Drosselbart“, 1965) verfasst das Drehbuch, stirbt aber überraschend im Mai 1977. Erst nach seinem Tod wird der Märchenfilm in den DEFA-Studios Potsdam-Babelsberg gedreht. Hier verorten Filmarchitekt Lothar Holler und Kostümbildnerin Beate Faeth das Märchen zum Teil in der Zeit, in der es Hauff 1827 veröffentlicht.

So erinnern die Marktszenen, in denen Jakob (Matthias Glugla) die Hexe alias Fee Kräuterweis (Doris Abeßer) trifft, an das Biedermeier. Dagegen scheint das Esszimmer des Palastes, in dem Zwerg Nase (gespielt von der damals 33-jährigen Schauspielerin Carmen-Maja Antoni) seine Speisen dem Herzog (Peter Bause) serviert, eher Renaissance als 19. Jahrhundert. Passt das zusammen? Durchaus. Weil der unberechenbare Herzog damit als ein Mann der Vergangenheit gezeigt wird, dessen System sich bereits überlebt hat. Ganz im Sinne Hauffs, der auch in der Vorlage eine „schneidige Absolutismus- und Hofkritik“ (Ewers) durchschimmern lässt.

Drehort: Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin

Film: „Zwerg Nase“ (1978, R: Karl-Heinz Bahls, DDR). Ist auf DVD erschienen.

Schloss Weißenstein: Zwerg Nase erfindet die Pommes Frites

Schloss Weißenstein, Pommersfelden / Foto: Zairon / Wikimedia Commons

Schloss Weißenstein, Pommersfelden / Foto: Zairon / Wikimedia Commons

Mit neuen Rezepten und frischen Dekor-Ideen überrascht der bislang letzte Märchenfilm über „Zwerg Nase“, der Herbst 2007 im Auftrag des Bayrischen Rundfunks gedreht wird. Einige Außenaufnahmen werden in der Kaiser- und Bischofsstadt Bamberg gefilmt: Die sogenannte Alte Hofhaltung dient als Kulisse für die Marktplatz-Szenen. Hier wird Jakob (Justus Kammerer) von der Fee Kräuterweis („Tatort“-Staatsanwältin: Mechthild Großmann) in ihr Haus gelockt. Die bizarre Behausung der Alten – im Studio nachgebaut – trägt expressionistischen Charakter:

Darin finden sich schiefe Wände, schräge Linien, spitz zulaufende Räume – gefilmt aus einer verzerrten Perspektive (Kamera: Axel Block). Zudem wirken die Farben, im Gegensatz zu den warmen Erdtönen in den Außenaufnahmen, kalt und leblos. Es sind Angst-Räume, in denen die Figuren wie Gefangene wirken. Als der verzauberte Jakob (Michael Markfort) entkommt, bewirbt er sich vor dem Schloss Seehof – ein ehemaliges Jagdschloss – mutig als Koch. In den Küchen- und Saalräumen des Barockschlosses Weißenstein serviert er später dem Herzog Alois (Markus Majoswki) frittierte Kartoffeln. Der ist hin und weg – und stellt Jakob alias Zwerg Nase ein …

Drehorte:

Film: „Zwerg Nase“ (2008, R: Felicitas Darschin, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Weitere Verfilmung: „Zwerg Nase“ (1980, R: Johannes Hoflehner, Österreich). Nicht auf VHS oder DVD erschienen. Mehr

Literatur:

  • Ewers, Hans-Heino: Nachwort, in: Hauff, Wilhelm: Sämtliche Märchen. Mit den Illustrationen der Erstdrucke. Hrsg. von Hans-Heino Ewers. Stuttgart, 2002, S. 461
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 106
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen. Eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt a. M., 1993, S. 47
  • Träger, Claus: Nachwort, in: Wilhelm, Hauff: Märchen. Leipzig, 1989, S. 135
  • o. A.: Märchenfilm in schwäbischem Rahmen. Hubert Schonger dreht seinen Hauff-Film „Zwerg Nase“, 26.9.1952

Header-Foto: Zwerg Nase (Michael Markfort), Haushofmeister Pestalozzi (Gilbert von Sohlern) und Meister Schorsch (Peter Rauch) im Märchenfilm „Zwerg Nase“ (D 2008) / Foto: Bayrischer Rundfunk