Archiv für den Monat: November 2019

Headerfoto: Die 12 Monate sind in Sorge: Die Jahresuhr dreht sich nicht weiter. Es droht, ewig Winter zu bleiben / © Radio Bremen/Michael Ihle

Multikulti-WG in der Käseglocke: Das Märchen von den 12 Monaten (D 2019)

Haben Sie sich schon mal gefragt, ob es dem Februar gefällt, der kürzeste Monat zu sein? Die Antwort gibt’s in einem kurzweiligen ARD-Märchenfilm der Reihe „Sechs auf einen Streich“. TV-Premiere ist am 26. Dezember 2019 um 13.10 Uhr im ERSTEN.

© Forgotten Books

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Die Märchendichter Jakob und Wilhelm Grimm kennt jeder. Den Namen Josef Wenzig (1807–1876) werden aber die wenigsten schon einmal gehört haben. Dabei war der in Prag lehrende Professor der deutschen Sprache im Rückblick fast so bedeutend wie seine Kollegen aus Deutschland.

Wenzig veröffentlichte 1857 den „Westslawischen Märchenschatz“, eine deutschsprachige Sammlung von Märchen, Sagen und Geschichten verschiedener tschechischer und slowakischer Autoren wie zum Beispiel Karel Jaromír Erben und Božena Němcová. Der Tscheche wollte damit den Deutschen die slawische Märchenwelt ein Stück weit näherbringen.

Märchen und Sagen kennen keine Grenzen

Wie es der Zufall wollte: Im selben Jahr gaben auch die betagten Grimms ihre schon damals legendären „Kinder- und Hausmärchen“ letztmalig in Eigenregie heraus, die sogenannte ‚Ausgabe letzter Hand’. Doch anders als die Grimms stellte Wenzig in seinem Vorwort etwas Überraschendes seiner Märchensammlung heraus:

„Je mehr selbst die entferntesten Völker und Staaten Europas durch die neugeschaffenen Verkehrsmittel räumlich zusammen rücken, […]: um desto nötiger ist es, daß sie sich auch geistig näher kommen und sich wechselseitig kennen lernen, um sich zur Förderung ihres gemeinschaftlichen Besten freundlich die Hand zu reichen.“ (Wenzig 1857)

Kurzum: Märchen verbinden. Kennen keine Grenzen. Und sollen als kulturelle Brücke dienen. Besonders zwischen Tschechen und Deutschen.

Premiere beim Festival des osteuropäischen Films

Was hätte Wenzig wohl zur Verfilmung eines seiner gesammelten Märchen gesagt, das ausgerechnet beim diesjährigen 29. FilmFestival Cottbus (FFC) uraufgeführt wurde? Das Festival des osteuropäischen Films sieht sich – wie Wenzigs „Westslawischer Märchenschatz“ – als grenzenüberschreitend und völkerverbindend. So war das FFC der perfekte Ort für die Premiere von „Das Märchen von den 12 Monaten“ im November 2019.

Kinoplakat "Die zwölf Monate" (UdSSR 1956) / © DEFA-Stiftung

Kinoplakat „Die zwölf Monate“ (UdSSR 1956) / © DEFA-Stiftung

Die ursprüngliche Geschichte „Die zwölf Monate“, die Wenzig von Božena Němcová übernahm, erzählt von einer Mutter, die ihre eigene faule Tochter verhätschelt, aber ihre fleißige Stieftochter schikaniert.

Sie schickt das Mädchen im eisigen Monat Januar dreimal in den Wald: Es soll einen Strauß Veilchen, eine Handvoll Erdbeeren und ein paar Äpfel nach Hause bringen.

Die zwölf Monate – zwölf junge und alte Männer mit magischen Kräften – helfen dem Mädchen. Die Stiefmutter und ihre eigene Tochter haben am Ende das Nachsehen.

Im ARD-Märchen dreht sich alles um den 29. Februar

Im Gegensatz zu einem sowjetischen Zeichentrickfilm von 1956 und einem tschechischen Schauspielerfilm aus dem Jahr 2012, die beide auf jene slawische Vorlage zurückgehen, übernimmt das ARD-Märchen nur einzelne Motive und fabuliert neu.

Der Frostige Fürst (A. Schwering-Sohnrey, l.) will der Königin (M. Rönnebeck) schaden / © Radio Bremen/Michael Ihle

Der Frostige Fürst (A. Schwering-Sohnrey, l.) will der Königin (M. Rönnebeck) schaden / © Radio Bremen/Michael Ihle


So löst bei Drehbuchschreiberin Anette Schönberger der nur alle vier Jahre stattfindende 29. Februar das Erzählen aus: An diesem Tag muss Königin Klara (Marie Rönnebeck), die über das Menschen- und Zauberreich der zwölf Monate herrscht, die Jahresuhr auf den März umstellen.

Doch die Königin wird seit Wochen immer schwächer, ihre Zauberkraft schwindet. Schafft sie es nicht, wird es für immer Februar bleiben: dunkel, kalt, schmuddelig. Das wäre eine Katastrophe – sowohl für Mensch und Natur als auch für die Monate selbst.

Mal komisch, mal tragisch: die zwölf Monate

Diese werden nicht ausschließlich von Männern gespielt, sondern von bis ins Detail durchdachten weiblichen und männlichen Haupt- sowie Nebenfiguren mit ganz individuellen Eigenschaften. Ihre Aufgabe ist es, komische, aber auch tragische Momente miteinfließen zu lassen – die die Märchenfilm-Story unterhaltsam bereichern und den Erzählfluss in Gang halten.

Multikulti-WG in der Käseglocke: Die zwölf Monate vor ihrem Wohnhaus im Wald / © Radio Bremen/Michael Ihle

Multikulti-WG in der Käseglocke: Die zwölf Monate vor ihrem Wohnhaus im Wald / © Radio Bremen/Michael Ihle


Neben dem ständig zu Scherzen aufgelegten April sind das vor allem der lehrerhafte März (Friederike Linke), der selbstverliebte Juni (fabelhaft: Bruno Eyron), der wiederum ein Techtelmechtel mit dem schönen Juli (Nina Gnädig) hat und der zerzauste September (Laura Lo Zito), in dessen Haaren sich unschön das Herbstlaub verfängt.

Regisseurin Frauke Thielecke inszeniert die zwölf Monate als Modell einer modernen, multikulturellen und generationsübergreifenden Wohngemeinschaft. In dieser leben Jung und Alt sowie Weiß und Schwarz zumeist harmonisch zusammen.

Eigenwilliger Drehort: Worpsweder Käseglocke

Dabei sieht der Wohnort (Szenenbild: Veronika Große), die Worpsweder Käseglocke – ein 1926 erbautes Haus im niedersächsischen Künstlerdorf –, genauso eigenwillig aus wie seine zwölf fantastischen Bewohner (Kostüme: Anna Scholich; Maske: Daniela Schmiemann, Claudia Rotoli).

Drehpause im Februar: Der September (Laura Lo Zito) übt schon einmal für den Herbst / © Radio Bremen/Michael Ihle

Drehpause im Februar: Der September (Laura Lo Zito) übt schon einmal für den Herbst / © Radio Bremen/Michael Ihle


Der ambivalente Februar (ausgezeichnet: Christoph Bach) ist der einzig tragisch veranlagte Monat. Er fühlt sich ungeliebt und von jeher benachteiligt, weil er von allen die wenigsten Tage zählt: nämlich 28, und jedes vierte Jahr gerade einmal 29. Deshalb verbündet er sich mit dem Frostigen Fürsten (Arndt Schwering-Sohnrey), um endlich ernst genommen zu werden.

Beide haben trotzdem die Rechnung ohne die elf verbleibenden Monate gemacht. Sie ahnen, dass der Frostige Fürst versucht, die Macht der Königin zu brechen und damit den Fortgang des Jahres zu verhindern.

Wichtige Zutaten: Veilchen, Erdbeeren, Apfel

Der März findet aber das Rezept für einen Trank, der die Königin gegen den Einfluss der frostigen Kräfte schützen kann. Dazu braucht es aber vier bestimmte Zutaten. Drehbuchschreiberin Anette Schönberger besinnt sich hier auf drei Motive der Märchenvorlage: Veilchen, Erdbeeren und ein Apfel. Dumm nur, dass diese Zutaten nicht an einem 29. Februar wachsen.

Magisches Trio: Juni (Bruno Eyron), März (Friederike Linke), September (Laura Lo Zito) / © Radio Bremen/Michael Ihle

Magisches Trio: Juni (Bruno Eyron), März (Friederike Linke), September (Laura Lo Zito) / © Radio Bremen/Michael Ihle


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So machen sich das Mädchen Luise (Nina Kaiser) und der Koch Valentin (Jascha Rust) auf die Suche nach den drei Zutaten für das heilende Getränk. Beide Figuren werden neu in die Handlung aufgenommen; damit entfällt der ursprüngliche Erzählplot vom fleißigen und faulen Mädchen des Originalmärchens. Gleichzeitig kann so die im Märchenfilm obligatorische Boy-meets-Girl-Geschichte als klassischer Plot ausgespielt werden. Diese scheint Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten vor allem für das erwachsene Publikum wichtig.

Ein komplexes Märchen rund um die Jahreszeiten

Dennoch funktioniert die erzählerische Idee, weil die Hauptakteure des Films – der März, Juni und September – Luise und Valentin bei ihrer abenteuerlichen Suche nach den Zutaten unterstützen. Denn nur in diesen Monaten wachsen entweder Veilchen, Erdbeeren oder Äpfel. Die vierte Komponente, den letzten Flockenflug, kann allerdings nur der Februar beisteuern.

Schwere Aufgabe: Valentin (Jascha Rust) und Luise (Nina Kaiser) mitten im Schneesturm / © Radio Bremen/Michael Ihle

Schwere Aufgabe: Valentin (Jascha Rust) und Luise (Nina Kaiser) mitten im Schneesturm / © Radio Bremen/Michael Ihle


Am Ende besinnt er sich – und erkennt: Nur zusammen sind die zwölf Monate stark. Oder wie die Produzentin Katharina Wagner in einem Interview auf die Frage über die aktuelle Botschaft des Märchenfilms antwortete:

„Die Natur ist ein komplexes System, auf das wir aufpassen müssen. Alles ist aufeinander abgestimmt und funktioniert nur zusammen.“

Fazit: Diese erzählerische Neuausrichtung fürs 21. Jahrhundert – modern, vielschichtig, witzig – hätte auch Josef Wenzig und Božena Němcová gefallen.

Film: „Das Märchen von den 12 Monaten“ (BRD, 2019, R: Frauke Thielecke).

Drehorte:

  • Käseglocke, Lindenallee 13, 27726 Worpswede
  • Schloss Marienburg, Marienberg 1, 30982 Pattensen
  • 21244 Buchholz in der Nordheide
  • 31134 Hildesheim

Verwendete Quellen:

  • Němcová, Božena: Die zwölf Monate. In: Němcová, Božena: Das goldene Spinnrad und andere tschechische und slowakische Märchen. Leipzig/Weimar, 1983, S. 24–33.
  • [o. A.]: 5 Fragen an … Produzentin: Katharina Wagner. Unter: 6 auf einen Streich. Märchenfilm-Archiv (vom 21.10.2019, abgerufen: 24.11.2019).
  • Wenzig, Josef: Vorwort. In: Westslawischer Märchenschatz (1857). Unter: Online-Literatur-Archiv Gutenberg-DE.
  • Wenzig, Josef: Von den zwölf Monaten. In: Westslawischer Märchenschatz (1857). Unter: Online-Literatur-Archiv Gutenberg-DE.


Headerfoto: Die 12 Monate sind in Sorge: Die Jahresuhr dreht sich nicht weiter. Es droht, ewig Winter zu bleiben / © Radio Bremen/Michael Ihle