Hervorgehobener Beitrag
Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Was ist heute vom DEFA-Märchenfilm der untergegangenen DDR übrig geblieben?

Als der Historiker llko-Sascha Kowalczuk mit „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ (2019) ostdeutsche Befindlichkeiten unter die Lupe nahm, provozierte er – dreißig Jahre nach dem Mauerfall – eine kontroverse Debatte. Lobte der 1976 von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann in der „Berliner Morgenpost“ Kowalczuks Essay als „glänzendes Buch“ und „wahrhaftige Analyse“, so urteilte im „Deutschlandfunk Kultur“ die DDR-Ex-Leistungssportlerin Ines Geipel deutlich kritischer.

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de


Kowalczuk bediene mit seiner „Strategie des halben Blicks“ nur den „aktuellen Hype: da der Schuld-Westen, dort der Opfer-Osten“, so Geipel, die auch Mitbegründerin des „Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“ ist. Gleichwohl hält die Zeit des Bilanzziehens unvermindert an. Sie mündet dabei vor allem in einer Frage: Wie wirkt sich eine sogenannte „Übernahme“, oder anders gesagt: der Beitritt der DDR (nach Artikel 23 des alten Grundgesetzes), auf das heutige Deutschland aus?

„Kulturelle Hegemonie“ und fehlende „Ost-Eliten“

Dabei rückte Kowalczuk den Blick auch auf eine westdeutsche ‚Vorherrschaft’ im Kulturbetrieb des seit 30 Jahren vereinten Deutschlands. Diese Erkenntnis war zwar schon damals nicht neu, gewann aber mehr und mehr an Relevanz im öffentlichen Diskurs. Jene ‚West-Dominanz’ nannte Kowalczuk „kulturelle Hegemonie“, geprägt von fehlenden „Ost-Eliten“ und einer damit verbundenen „Abwertung“ ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler.

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de


Dabei meint der wissenschaftlich eher umstrittene Begriff „Eliten“ (vgl. Waldmann 1998, S. 113–116) Personen, die in Institutionen oder Organisationen aufgrund ihrer (Leitungs-)Funktion und der daraus resultierenden Macht einen gesellschaftspolitischen Einfluss besitzen. „Ost-Eliten“ sind hierbei jene, die in der DDR geboren oder nach dem 3. Oktober 1990 in den neuen Bundesländern oder Ostberlin geboren und/oder aufgewachsen sind und deren Eltern aus der DDR stammen.

Eine ‚West-Vorherrschaft’ im Märchenfilm nach 1990?

Zwar gibt es einige wenige Statistiken, die den Anteil der Ostdeutschen an den gesamtdeutschen Eliten bemessen (vgl. Kollmorgen 2021), doch gilt landläufig die Meinung, dass sich ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler „im vereinten Vaterland noch am besten behauptet“ haben (Eckert 2021, S. 283).

Dennoch finden sich selten valide Erhebungen, die sich tiefergehend dem Kulturbetrieb, zum Beispiel der Filmbranche widmen. Schon gar nicht dem bundesdeutschen Märchenfilm, der aber vor dem Hintergrund der 40-jährigen DDR-Märchenfilmgeschichte und des anhaltenden gesamtdeutschen Märchenfilmbooms seit Mitte der 2000er-Jahre einen näheren Blick lohnt und Fragen aufwirft.

Gibt es heute (oder immer noch) eine sogenannte „Repräsentationslücke“ (Kollmorgen 2021, S. 231) von DDR-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern, oder umgekehrt gefragt eine ‚West-Vorherrschaft’, im bundesdeutschen Märchenfilm nach 1990? Und wenn ja, wie groß ist diese, was sind hierfür die Gründe und folgen daraus unmittelbare Defizite?

Die Abwicklung von DFF und DEFA

Als die DEFA, das ehemalige staatliche Filmstudio der DDR, 1992 von der Treuhandanstalt an einen französischen Mischkonzern verkauft wird, blickt es in seiner über 45-jährigen Geschichte auf etwa 40 Schauspieler-Märchenkinofilme zurück. Zudem produziert die DEFA für den staatlichen Deutschen Fernsehfunk (DFF, 1956–1971, 1990–1991) bzw. das Fernsehen der DDR (1972–1990) etwa 20 Märchenfernsehfilme bzw. -spiele.

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG


Ihr künstlerisches Niveau, lobenswerte Leistungen der Schauspielstars und dramaturgisch gut durchdachte Geschichten machten viele der Märchenadaptionen – trotz einer mal mehr, mal weniger durchschimmernden Ideologie – damals wie heute zu Filmklassikern, die sogar in den Westen exportiert und dort in TV und Kino gezeigt wurden. Dennoch fielen mit der Abwicklung von DEFA und DFF schlagartig zwei Institutionen weg, die diese Märchenfilme produzierten. Das daran beteiligte künstlerische Personal verlor von heute auf morgen seine gesicherte Existenz.

Neuanfang in unbekanntem Produktionsmarkt

„Das Telefon stand plötzlich still“, erinnerte sich später der Filmkomponist Peter M. Gotthardt in einem Interview an die Nachwendezeit – und meinte damit die ausbleibenden Aufträge. Gotthardt, der mit der Filmmusik zu „Die Legende von Paul und Paula“ (DDR, 1973, R: Heiner Carow), aber auch zum DEFA-Märchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“ (DDR, 1979, R: Siegfried Hartmann) zu den wichtigsten DDR-Filmkomponisten zählte, schaffte den Neuanfang in einem gänzlich unbekannten Produktionsmarkt mit hohem Konkurrenzdruck. Vielen anderen Kolleginnen und Kollegen gelang das allerdings nicht.

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR


Das hatte auch damit zu tun, dass sich – auf das Märchenfilmgenre bezogen – die Nachfolger des DFF, die 1992 neu gegründeten ARD-Landesrundfunkanstalten Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB, seit 2003: Rundfunk Berlin-Brandenburg, kurz: RBB) erst einmal neu aufstellen mussten (vgl. Wiedemann 2017, S. 215). Die Produktion neuer Märchenfilme stand nicht auf der Tagesordnung. Das künstlerische DEFA-Märchenfilmerbe schien vorerst niemanden zu interessieren.

Einige ‚Überläufer’ in Fernsehen und Kino

Mit wenigen Ausnahmen: MDR und ORB übernahmen 1992 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem Sender Freies Berlin (SFB) die Endproduktion von „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“ (TV-Erstausstrahlung: 10.5.1992). Gedreht wurde die 8-teilige Fantasy-Serie nach Motiven der Brüder Grimm noch von der bereits abgewickelten DEFA-Studio Babelsberg GmbH (vgl. Wiedemann 2015, S. 9).

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB


Der Filmstab gehörte fast ausschließlich zum früheren DEFA-Personal: Die Regie übernahm der ehemalige DDR-Regisseur Günter Meyer (u. a. „Spuk unterm Riesenrad“, 1978), der bis Anfang der 2000er-Jahre weiter Akzente im Fantasy-Fach setzte.

Zudem starteten sogenannte ‚Überläufer’ wie „Das Licht der Liebe“ (DDR/D 1991) und „Olle Hexe“ (DDR/D 1991), die bereits vor dem 3. Oktober 1990 abgedreht, aber erst danach im gesamtdeutschen Kino uraufgeführt wurden.

Stabile Strukturen und Netzwerke im Westen

Der frühe gesamtdeutsche Märchenfilm nach 1990 wurde dennoch von den Akteurinnen und Akteuren in den etablierten alten Bundesländern geprägt. Hier gab es Strukturen und Netzwerke, die über Jahrzehnte gewachsen waren und sich weiter als stabil erwiesen. So führte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) Anfang der 1990er-Jahre seine Reihe „Die Welt des Märchens“ fort. Darin verfilmte der öffentlich-rechtliche Sender in Koproduktion mit der ČSSR (später: ČSFR und ČZ) sowie westeuropäischen Fernsehanstalten bekannte Märchen für Kino und TV.

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF


Opulente Produktionen wie „Dornröschen“ (ČSSR/D/F 1990), „Der Reisekamerad“ (ČSSR/D/F/I/AT 1990), „Der Froschkönig“ (ČSFR/D/F/I 1991), „Schneewittchen und das Geheimnis der Zwerge“ (ČSFR/D/I/ES 1992) oder „Des Kaisers neue Kleider“ (ČZ/D/ES/I 1994) rekrutierten ihr Personal dabei ausschließlich aus populären westdeutschen Schauspielstars, wie Iris Berben, Judy Winter, Michael Degen oder Harald Juhnke, und tschechoslowakischen Filmschaffenden.

Ebenso verfuhr die ARD, die „Das Zauberbuch“ (ČZ/D 1996) mitproduzierte, oder der Bayerische Rundfunk (BR), der sich an „Der Feuervogel“ (ČZ/D 1997) und „Die Seekönigin“ (ČZ/D 1998) beteiligte. Ostdeutsches Personal war auch hier, aufgrund der beteiligten westdeutschen Landesrundfunkanstalt (BR), so gut wie nicht vertreten.

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF


Für westliche Entscheidungsträgerinnen und -träger in ARD und ZDF kamen Ostdeutsche auch deshalb nicht infrage, weil etwaige künstlerische Positionen in den TV-Redaktionen oder Filmstäben ohnehin bereits besetzt waren. Eine Neu- oder Umverteilung war nicht gewollt.

Ostdeutsche Aspirantinnen und Aspiranten wurden nicht zuletzt diskreditiert („Bolschewistenfunk“), weil sie nach Ansicht der westdeutschen Elite mit ihrer (künstlerischen) Arbeit das DDR-Regime direkt oder indirekt gestützt hätten. Und das, obwohl nach dessen Ende das DEFA- und DFF-Personal über berufliche Qualifikationen und notwendiges Fachwissen verfügte.

Lichtblick am Ende der 1990er-Jahre

Da wirkte es wie eine große Überraschung als Ende der 1990er-Jahre der frühere DEFA-Regisseur Rolf Losansky „Hans im Glück“ (D 1999) vorlegte – und dabei auf ein proportional ausgeglichenes hochkarätiges Ost-West-Schauspielensemble zurückgriff. Der Grund dafür mag darin gelegen haben, dass den von der Westberliner Genschow-Film GmbH produzierten Märchenfilm neben dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) auch der in Potsdam ansässige ORB und der 1997 im thüringischen Erfurt gestartete ARD-/ZDF-Kinderkanal (seit 2012: KiKA) mitfinanzierte, für den der MDR bis heute verantwortlich ist.

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film


Und auch wenn der Posten des KiKA-Programmgeschäftsführers von 1997 bis 2017 mit westdeutsch sozialisierten männlichen Entscheidungsträgern besetzt wurde (seit 2018: Astrid Plenk aus Bernburg/Sachsen-Anhalt), ist es denkbar, dass sich schon Ende der 1990er-Jahre die Redaktionen zum Teil aus ostdeutschem Personal zusammensetzten – und sich dieser Umstand auf die Märchenfilm-Produktionsplanung (Regie, Drehbuch, Schauspiel etc.) auswirkte.

Märchen-Parodien in Kino und TV für Erwachsene

Dennoch ging von „Hans im Glück“ vorerst keine Trendwende aus. Schlichtweg aus dem einfachen Grund, weil das deutsche Märchenfilmgenre Anfang der 2000er-Jahre keine wichtigen Adaptionen nach Grimm, Andersen und Co. für ein Kinderpublikum produzierte. Fragen nach einer ‚West-Dominanz’ oder einer ‚Ost-Verdrängung’ spielten deshalb vorerst noch keine Rolle.

Gleichwohl war das Märchen weiter präsent: als Parodie in Kino und TV für Erwachsene. So funktionierten die von Otto Waalkes mitproduzierten Filmkomödien „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ (D 2004) und „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ (D 2006) an den Kinokassen. Und im Privatsender ProSieben flimmerte „Die Märchenstunde“ (D/AT/ČZ 2006–2012) der Rat Pack Filmproduktion (München) über die Bildschirme.

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures


Hier wie dort griffen die Filmverantwortlichen auf westdeutsches Personal zurück, das vor oder hinter der Kamera agierte, wenn man von wenigen im Osten geborenen Schauspielstars (Nina Hagen, Mirco Nontschew, Jeanette Biedermann etc.) einmal absah.

„Sechs auf einen Streich“ und „Märchenperlen“

Ab Mitte der 2000er-Jahre erlebte der Märchenfilm im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von ARD und ZDF ein Comeback. Die meist an den Weihnachtsfeiertagen erstmalig gezeigten Adaptionen der Reihen „Märchenperlen“ (ZDF, seit 2005, auch Koproduktionen) und „Sechs auf einen Streich“ (ARD, seit 2008) richteten sich dabei sowohl an ein Kinder- als auch Familienpublikum.

Dafür gründete die Kinder- und Jugendredaktion des ZDF Anfang der 00er-Jahre eine Art ‚Think Tank’, dem auch der Münchner Filmproduzent Ernst Geyer angehörte. Die Denkfabrik sollte eine Konzeption für zunächst sechs Märchenfilme entwickeln. Darin wurden auch fünf Drehbuchautoren und eine Drehbuchautorin aus den alten Bundesländern berufen. Mitfinanziert wurden die ersten vier Märchenfilme (2005–2008) neben der Länderförderung Bayern und Hamburg von der in Leipzig ansässigen Mitteldeutschen Medienförderung (vgl. Ungureit 2009, S. 10f.).

Ostdeutsche im ARD- und ZDF-Märchenfilm

Um tendenzielle Aussagen darüber zu treffen, ob und wie viele DDR-sozialisierte Filmemacherinnen und -macher das bundesdeutsche Märchengenre mitpräg(t)en, soll der Blick stichprobenartig auf die Bereiche Regie und Drehbuch gelenkt werden.

Bis 2021 drehte das ZDF 19 Märchenfilme*, an denen insgesamt 13 Regisseure (10) und Regisseurinnen (3) beteiligt waren. Davon sind zwei (15 Prozent)** im Osten geboren: Karola Hattop, die seit 1973 Kinder- und Familienfilme für das DDR-Fernsehen und später für das ZDF zwei Märchenfilme („Die sechs Schwäne“, 2012 und „Die Schneekönigin“, 2014) inszenierte, sowie Carsten Fiebeler („Die goldene Gans“, 2013), der erst nach der Wende als Regisseur arbeitete. Koproduziert wurden diese drei ZDF-Märchenfilme von der im Jahr 2000 im thüringischen Erfurt gegründeten Kinderfilm GmbH (später: Mideu Films GmbH).

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans


Anders als beim ZDF verteilt sich die Produktion der ARD-Märchenfilme auf die neun Landesrundfunkanstalten. Die in der DDR geborene ehemalige RBB-Mitarbeiterin Sabine Preuschhof koordinierte die Reihe „Sechs auf einen Streich“ in den ersten Jahren. Werden die 52 ARD-Adaptionen bis 2021 im Hinblick auf Ost-West-Besetzung ausgewertet, zeigt sich folgendes Bild: Von insgesamt 26 Regisseuren (20) und Regisseurinnen (6) haben fünf (19 Prozent) eine Ost-Sozialisation**.

Fürneisen und Fiebeler gehören zu Top-Regisseuren

Darunter ist Bodo Fürneisen, der bei fünf ARD-Märchenfilmen auf dem Regiestuhl sitzt – er wird nur übertroffen vom westdeutschen Regisseur Christian Theede mit sechs NDR-Adaptionen. Fürneisen hatte bereits für das DDR-Fernsehen die Klassiker „Die Geschichte vom goldenen Taler“ (DDR 1985) sowie „Die Weihnachtsgans Auguste“ (DDR 1988) inszeniert. Fiebeler kommt insgesamt auf vier ARD-Adaptionen und zeigt, dass man in ZDF und ARD erfolgreich Märchen verfilmen kann.

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR


Dabei verantwortet die fünf Fürneisen-Märchenfilme und eine Fiebeler-Adaption die in Potsdam ansässige Landesanstalt RBB. Fiebelers drei andere ARD-Verfilmungen entstehen zwar unter Federführung der westdeutschen Anstalten Hessischer Rundfunk (HR) bzw. Südwestrundfunk (SWR), werden aber zum Teil von der Kinderfilm GmbH produziert: „Das blaue Licht“ (D 2010).

Nur wenige ‚ostdeutsche’ Märchenfilm-Drehbücher

Bei zwei weiteren mit Osthintergrund (Regie) gedrehten Filmen ist neben Radio Bremen (RB), dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem HR auch der MDR als Koproduzent vertreten. Einen weiteren Märchenfilm verantwortet die in Leipzig ansässige Landesanstalt ganz allein, wobei zudem die Kinderfilm GmbH das Märchen im Auftrag des MDR produziert.

Im Hinblick auf eine Ost-West-Sozialisation von Drehbuchautorinnen und -autoren im ZDF- und ARD-Märchenfilm zeigt sich ein ähnliches Bild: Von insgesamt 17, die an den „Märchenperlen“ beteiligt sind, hat nur ein Drehbuchschreiber (6 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Dieser ist aber an drei ZDF-Märchenfilmen beteiligt. Bei den ARD-Produktionen haben von insgesamt 28 Autorinnen und Autoren vier (14 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Zwei davon arbeiten allerdings gleich an drei Märchenfilmen mit.

Von „Das kalte Herz“ zu „Timm Thaler“

Einzelne Kinofilme in den 2010er-Jahren wie die Filmmärchen „Aschenbrödel und der gestiefelte Kater“ (D 2013) und „Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte“ (D 2013, koproduziert vom BR), aber auch das nach einer klassischen Vorlage entstandene „Das kalte Herz“ (D 2016, koproduziert u. a. von ARD/MDR/SWR und mitfinanziert u. a. von Mitteldeutsche Medienförderung und Medienboard Berlin-Brandenburg) entstehen wieder weitgehend mit westdeutsch sozialisierten Filmschaffenden, wobei letztere Märchenverfilmung mit André M. Hennicke und Jule Böwe zwei ostdeutsch sozialisierte Schauspielstars engagiert.

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH


Eine Ausnahme stellt die fantastische Romanverfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (D 2017) dar, die u. a. von den im thüringischen Gera geborenen Andreas Dresen (Regie) und Jörg Hauschild (Schnitt) sowie von der aus Potsdam stammenden Sabine Greunig (Kostüme) inszeniert wurde. Ostdeutsche wie Charly Hübner, Nadja Uhl, Reiner Heise oder Steffi Kühnert, aber auch die westdeutschen Schauspieler Justus von Dohnányi, Axel Prahl oder Bjarne Mädel machten den u. a. vom ZDF koproduzierten Kinofilm zu einem gesamtdeutschen Projekt.

Ostanteil proportional zur Gesamtbevölkerung

Demnach sind seit 1990 in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden, die entweder vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD, ZDF) oder von freien Produktionsfirmen hergestellt wurden. Doch untermauern die Statistiken und Filmbeispiele die These, dass es im bundesdeutschen Märchenfilm heute noch eine „Repräsentationslücke“ von DDR- oder ostdeutsch-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern gibt?

Vor dem Hintergrund, dass etwa 17 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ostdeutscher Herkunft sind (vgl. Kollmorgen 2021, S. 235) und diese Zahl als Vergleichsgröße gilt, wirkt der Regieanteil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von 19 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“) und 15 Prozent (ZDF: „Märchenperlen“) sowie der Drehbuchanteil von 14 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“)** relativ proportional. Nur der ‚ostdeutsche’ Drehbuchanteil am ZDF-Märchenfilm von 6 Prozent ist unterproportional.**

Die Zahlen zeigen zudem wenig überraschend, wenn die beiden ‚Ost-Landesanstalten’ RBB und MDR an Märchenfilmen der ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ beteiligt sind, werden für die Posten Drehbuch und Regie ebenso ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler interessant. Zudem wirkt sich die Beteiligung ostdeutscher Produktionsfirmen, beispielsweise der „Kinderfilm-GmbH“, auf den Anteil im Osten sozialisierter Akteure und Akteurinnen aus.

ARD-Landesanstalten mit ‚Lokalpatriotismus’

Dennoch lässt das nicht pauschal den Schluss zu, die in Thüringen bzw. Sachsen-Anhalt ansässige Firma arbeite vorrangig mit ostdeutschem Personal, im Unterschied zu im Westen ansässigen Produktionsfirmen.

Dafür spricht, dass „Kinderfilm“ auch ZDF-Märchenfilme verantwortete, die eine westdeutsche Regisseurin (Anne Wild: „Hänsel und Gretel“, 2006) oder einen westdeutschen Regisseur (Frank Stoye: „Der Zauberlehrling“, 2017; „Der süße Brei“, 2018) rekrutierten. Das gilt auch für die von „Kinderfilm“ produzierten ARD-Märchenfilme „König Drosselbart“ (D 2008), „Die Gänsemagd“ (D 2009) und „Rotkäppchen“ (D 2012) – alle in der Regie der Münchnerin Sibylle Tafel.

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland


Trotzdem scheint es, dass „Kinderfilm“ – im Gegensatz zu im Westteil Deutschlands ansässigen Produktionsfirmen – ein Stück weit sensibilisierter mit der Rekrutierung von Filmschaffenden umgeht. Andererseits kann dem Unternehmen, wie auch einigen ost- und westdeutschen ARD-Landesrundfunkanstalten allgemein vorgehalten werden, dass sie einen ‚Lokalpatriotismus’ bedienen, das heißt: vor allem Filmschaffende engagieren, die auf dem Gebiet der jeweiligen Rundfunkanstalt oder eines Bundeslandes leben und für den Sender bereits arbeiten.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn RBB und MDR keine oder weniger im Osten sozialisierte Künstlerinnen und Künstler rekrutieren würden, lägen die Anteile bei Regie und Drehbuch deutlich unter dem erwähnten quantitativen Minderheitenstatus der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung (17 Prozent). Denn die anderen sieben im Westen ansässigen Landesanstalten NDR, RB, WDR, HR, SWR, BR und Saarländischer Rundfunk (SR) würden das mit dem von ihnen engagierten Ostpersonal nicht auffangen.

Die ostdeutsche Übernahme

Doch wie wirkt sich der Ost-Regieanteil von 19 bzw. 15 Prozent sowie -Drehbuchanteil von 14 bzw. 6 Prozent auf die öffentlich-rechtliche Märchenfilmproduktion** aus? Folgen daraus unmittelbare Defizite?

Glaubt man Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim HR und ZDF, so ist es genau umgekehrt: Der heutige bundesdeutsche Märchenfilm ist eigentlich ein DEFA-Märchenfilm 2.0. Denn für Göhlen orientieren sich die ARD- und ZDF-Märchen „an einer tradierten Märchendramaturgie, wie sie seinerzeit insbesondere von der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA gepflegt wurde“ (Gangloff 2016, S. 8f.). Damit meint er, dass darin die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen dagegen durchgehend zu den Bösen zählten. Er halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen.

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR


Die Schweizer Filmkritikerin Christine Lötscher meint, dass sich die ARD- und ZDF-Adaptionen zudem gestalterisch „an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme“ (Lötscher 2017, S. 310) orientieren. Und: Wie den DDR-Produktionen liege dem öffentlich-rechtlichen Märchenfilm „eine Analyse und Interpretation der Textvorlage zugrunde; die zeitlosen Konflikte der Figuren werden konkretisiert, psychologisiert und in die Gegenwart übertragen“ (ebd. S. 311). Allerdings gelinge es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren.

Daraus wäre auf die hier diskutierte Frage zu schließen, dass sich seit 1990 keine westdeutsche „Übernahme“ in der gesamtdeutschen Märchenfilmproduktion, sondern umgekehrt eine ostdeutsche „Übernahme“ vollzogen hat – wenn auch ‚nur’ in dramaturgischer und gestalterischer Hinsicht.

Diversität: Frauenanteil und Migrationshintergrund

Gleichwohl bleibt damit die Frage nach einer angemessenen personellen ostdeutschen Teilhabe in der bundesdeutschen Märchenfilmproduktion bestehen. Flankiert wird sie allerdings im 21. Jahrhundert mit der Forderung nach einer generellen Diversität in diesem Filmgenre: Die stichprobenartigen Statistiken zeigten beispielsweise, dass der Frauenanteil – nicht nur im Regie- und Drehbuchfach – sehr gering ist.

Zudem sind Filmschaffende mit Migrationshintergrund noch Ausnahmen. Der deutsch-türkische Regisseur Cüneyt Kaya („Das Märchen vom goldenen Taler“, 2020), der in Istanbul geborene Regisseur und Drehbuchautor Su Turhan („Die drei Federn“, 2014; „Prinzessin Maleen“, 2015; „Der starke Hans“, 2020) oder der in Vietnam geborene Kameramann und Regisseur Ngo The Chau (u. a. „Die Hexenprinzessin“, D/CZ, 2020) sind drei Beispiele. Ebenso lassen sich hier der Finne Hannu Salonen („Des Kaisers neue Kleider“, 2010) oder die in Stockholm geborene deutsche Regisseurin Maria von Heland („Die Sterntaler“, 2011; „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, 2013) nennen.

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein


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* Ohne den Märchenfilm „Zwerg Nase“ (D, 2008, R: Felicitas Darschin). Dieser entstand im Auftrag des BR, wird aber zu den ZDF-„Märchenperlen“ gezählt, obwohl der Sender nicht daran beteiligt war.

** Die Herkunft der Filmschaffenden wurde in öffentlichen Quellen (Internet, Fachmedien) recherchiert und/oder individuell bei den Künstlerinnen und Künstlern angefragt (E-Mail). Da nicht zu allen Filmschaffenden die Herkunft recherchiert werden konnte, können die Zahlen prozentual leicht abweichen (Stand: 24.3.2022).

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Die kluge Bauerntochter (BRD 2010): Die Titelfigur (Anna Maria Mühe, l.) und ihre Freundin die Magd (Sabine Krause) bestaunen das Fernrohr des Königs / Foto: MDR/Sandy Rau

Märchenhafte Drehorte: Wo Brüderchen und Schwesterchen ein Obdach finden

Märchenhafte Drehorte: Wo Brüderchen und Schwesterchen ein Obdach finden

Die Geschichte ist ein Loblied auf die Geschwisterliebe. Zudem rührend und äußerst dramatisch von den Grimms erzählt. Da verwundert es kaum, dass das Märchen schon früh und bis heute verfilmt wird.

Das Schicksal der Geschwister findet sich seit der Erstausgabe in den „Kinder- und Hausmärchen“ (1812) der Brüder Grimm: Brüderchen und Schwesterchen fliehen vor ihrer hexenhaften Stiefmutter in den Wald, wo sie den Jungen in ein Reh verwandelt. In einem kleinen Haus finden die Kinder Unterschlupf. Ein König, der auf der Jagd ist, verliebt sich in Schwesterchen, nimmt es mitsamt Reh auf sein Schloss und heiratet das Mädchen.

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Drakonische Strafen, klassische Handlungsorte

Wenngleich der Tod von Schwesterchen, das in der Badstube als „schöne junge Königin […] ersticken mußte“ (Grimm 1980, S. 84), und das Ende von Stiefmutter und Stieftochter (die eine „mußte jammervoll verbrennen“, die andere „ward in [den] Wald geführt, wo sie die wilden Tiere zerrissen“, ebd. S. 86) gegen eine Verfilmung für Kinder sprechen, so bedient die Geschichte mit ihren Handlungsorten klassische Erwartungen an das Märchenfilm-Genre.

Brüderchen und Schwesterchen (um 1910): Franz Müller-Münster illustriert das Märchen / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Brüderchen und Schwesterchen (um 1910): Franz Müller-Münster illustriert das Märchen / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Da ist zum einen der romantische, vermeintlich Schutz bietende Wald, in dem Brünnlein fließen, wenngleich verzauberte, die dem Brüderchen zum Verhängnis werden. Zum anderen das Königsschloss nebst Garten, in dem das Reh herum springt. Außerdem ist dessen vorherige Verwandlung filmisch schon früh mit Trickverfahren, wie Überblendung oder Stopptrick, machbar (vgl. Wulff, Bender/Kempken).

Und doch gehört „Brüderchen und Schwesterchen“ zu den Märchen, die verhältnismäßig selten als Schauspielfilm adaptiert werden.

„Wie Brüderchen und Schwesterchen das Christkind besuchen“ (D 1912)

Eine erste Verfilmung, in dem das Geschwisterpaar im Titel genannt ist, datiert aus dem Kaiserreich. Das Drehbuch verfasst die Berliner Dramaturgin Luise Heilborn-Körbitz (1874–1961), eine der produktivsten Autorinnen der 1910er- und 1920er-Jahre. So schreibt sie zum Beispiel am Filmskript für die Thomas-Mann-Adaption „Buddenbrooks“ (1923, R: Gerhard Lamprecht) mit.

Exakt 100 Jahre später gehört sie zu den Filmfrauen, die in der 2023er-Ausstellung „WEIMAR WEIBLICH. Frauen und Geschlechtervielfalt im Kino der Moderne (1918–1933)“ im Deutschen Institut und Filmmuseum (DFF) in Frankfurt/Main vorgestellt werden. Hier mehr erfahren.

Brüderchen und Schwesterchen (1913): Figurenpaar am Märchenbrunnen in Berlin / © Architekturmuseum/TU Berlin

Brüderchen und Schwesterchen (1913): Figurenpaar am Märchenbrunnen in Berlin / © Architekturmuseum/TU Berlin


Über ihren siebenminütigen Stummfilm „Wie Brüderchen und Schwesterchen das Christkind besuchen“ in der Regie von Emil Albes (1861–1923) ist aber bislang wenig bekannt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Kinostreifen in Anlehnung an sogenannte „Weihnachtsmärchen“ konzipiert ist. Das sind ursprünglich Bühnenstücke fürs Theater, die im Advent aufgeführt werden (vgl. Uther 2014, Sp. 562–565).

Denkbar wäre, dass das vor der Stiefmutter flüchtende Geschwisterpaar am Weihnachtsabend auf das Christkind trifft, das den beiden Wünsche erfüllt. Offen bleibt, ob diese Szenen dann im Studio oder an Außenschauplätzen gedreht sind.

Drehort: unbekannt

Film: „Wie Brüderchen und Schwesterchen das Christkind besuchen“ (D, 1912, R: Emil Albes)

„Brüderchen und Schwesterchen“ (D 1929)

Ende der 1920er-Jahre startet der Regisseur Alf Zengerling (1884–1961) eine Märchenfilm-Offensive. Seine Stummfilme meist nach Grimmvorlagen, mit wenig Geld, aber viel Herzblut produziert, sind fürs Kinderpublikum gedacht. An Weihnachten 1928 laufen „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“ und „Hans im Glück“ in den Kinos an. „Brüderchen und Schwesterchen“ folgt im Sommer 1930.

Zwar hat sich der einstündige Märchenfilm – so der jetzige Stand – nicht erhalten, doch die Zulassungskarte der Film-Prüfstelle, die „Brüderchen und Schwesterchen“ am 11. Dezember 1929 freigibt, und ein Standfoto haben die Zeiten überdauert. Letzteres zeigt ein mittelalterlich anmutendes, aber wohl im Historismus (etwa 1850–1914) entstandenes Torhaus-Ensemble, das den Weg zu einer Baumallee begrenzt. Es könnte eine Schlossansicht darstellen.

Brüderchen und Schwesterchen (1929): Standfoto vom unbekannten Drehort / Quelle: Modenschau, Nr. 211/Juli 1930

Brüderchen und Schwesterchen (1929): Standfoto vom unbekannten Drehort / Quelle: Modenschau, Nr. 211/Juli 1930


Davor stehen ein uniformierter Wachsoldat sowie ein historisch gekleideter Mann (Karl Pflüger) und ein Mädchen (Eva Beer). Ob es sich um König und Schwesterchen handelt, ist nicht auszumachen. Dafür spricht aber, dass laut Zulassungskarte der junge Herrscher das Mädchen mit auf sein Schloss nimmt (3. Akt) und erst später („eines Tages“) heiratet (4. Akt). Denn: „Schwesterchen nahm an Alter und Schönheit zu …“.

Sonst hält sich der Märchenfilm, so die fünfseitige Inhaltsangabe, an die Grimm’sche Fassung. Bei den Dreharbeiten stehen der Däne Marius Holdt (1877–1974) und Rolf von Bodescu hinter der Kamera. Zudem wird die jüdische Sängerin und Schauspielerin Maria Forescu (geb. Maria Füllenbaum, 1875–1947) als eine der Darstellerinnen genannt. Forescu, die dem Holocaust nur knapp entgeht, könnte die Rolle der Stiefmutter übernommen haben.

Drehort: unbekannt

Film: „Brüderchen und Schwesterchen“ (D, 1929, R: Alf Zengerling)

Hohenschwangau/Bayern: „Brüderchen und Schwesterchen“ (BRD 1953)

Obgleich 1953 ein zeitgenössisches Filmplakat den westdeutschen „Märchenspielfilm getreu nach Gebrüder Grimm“ bewirbt, wird die Geschichte anders erzählt. Die Stiefmutter entfällt. Brüderchen (Götz Wolf) und Schwesterchen (Maria Kottmeier) sind zwei glückliche Königskinder, deren Mutter (Bettina Falckenberg, 1926–2020) aber krank ist.

Ihr Mann, der König (Arnold Marquis, 1921–1990), macht sich große Sorgen. Die Schwarze Usa (Martina Eginhart), eine böse Zauberin, und ihre Tochter Sule (Annemarie Wernicke) sind jetzt die neuen Gegenspielerinnen.

Brüderchen und Schwesterchen (1953): Die beiden Titelfiguren im Schlossgarten am Löwenbrunnen / © Schongerfilm

Brüderchen und Schwesterchen (1953): Die beiden Titelfiguren im Schlossgarten am Löwenbrunnen / © Schongerfilm


Brüderchen und Schwesterchen (1953): Blick vom Schlossfenster auf den Gänsemännchenbrunnen / © Schongerfilm

Brüderchen und Schwesterchen (1953): Blick vom Schlossfenster auf den Gänsemännchenbrunnen / © Schongerfilm


Abseits dieser dem Zeitgeist geschuldeten Verbesserungen, die das Bild der intakten Familie im Nachkriegsdeutschland bedienen, ist der schwarz-weiße Märchenfilm hübsch fotografiert. Einer der Drehorte ist das bayerische Schloss Hohenschwangau mit seinem zwischen 1833 und 1837 entstandenen Schlossgarten. So sind am Anfang der Gänsemännchen- und der Löwenbrunnen zu sehen. Später filmt Kameramann Wolfgang Schwan noch den Schwanenbrunnen.

Das Äußere der Lehmhütte, in der Schwesterchen und das Reh unterkommen, entsteht dagegen neu in einem Waldstück. Die Innenaufnahmen dreht Regisseur Walter Oehmichen (1901–1977) wiederum im Atelier der Schongerfilm in Inning am Ammersee. Am ersten Weihnachtstag 1953 feiert der Märchenfilm seine Premiere in mehreren westdeutschen Städten.

Drehorte: u. a.

  • Schloss Hohenschwangau, Alpseestraße 30, 87645 Schwangau
  • Schongerfilm, Filmstraße 2, 82266 Inning am Ammersee

Film: „Brüderchen und Schwesterchen“ (BRD, 1953, R: Walter Oehmichen, Hubert Schonger). Ist auf DVD erschienen.

Berlin: „Brüderchen und Schwesterchen“ (D 1992)

Anfang der 1990er-Jahre ist die Situation für den deutschen Märchenfilm alles andere als märchenhaft. Die Deutsche Film-AG, kurz: DEFA, wird abgewickelt und 1992 von der Treuhandanstalt an einen französischen Mischkonzern verkauft. Dabei blickt das staatliche Filmstudio der DDR in seiner über 45-jährigen Geschichte auf etwa 40 klassische Schauspiel-Märchenkinofilme zurück. Doch das geht im Nachwende-Trubel völlig unter.

Dazu passt, dass 1992 ein Film entsteht, der zwar von ehemaligen DEFA-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern erzählt ist und den Titel „Brüderchen und Schwesterchen“ trägt, das Märchen aber in die Nachwende-Gegenwart beamt. Kein Geringerer als Rainer Simon (*1941), bekannt durch die Verfilmungen „Wie heiratet man einen König“ (1969) und „Sechse kommen durch die Welt“ (1972), führt Regie.

Brüderchen und Schwesterchen (1987): Der Schauspieler Rolf Hoppe erzählt das Hörspiel-Märchen / © LITERA

Brüderchen und Schwesterchen (1987): Der Schauspieler Rolf Hoppe erzählt das Hörspiel-Märchen / © LITERA


Hörspielautorin und Dramaturgin Katrin Lange (*1942), die – wie es der Zufall will – ein paar Jahre zuvor eine Schallplattenbearbeitung des Märchens verfasst („Brüderchen und Schwesterchen“, 1987, LITERA), schreibt das Filmdrehbuch. Darin läuft Stefanie (Melanie Nanke) von zu Hause weg, vor allem vor ihrer Stiefmutter (Carina Wiese) und dem nervigen kleinen Bruder Stefan (Florian Huth). Das Mädchen macht sich auf die Suche nach seinem im Westen verschollenen Vater. Doch der Bruder hängt sich an seine Schwester.

Wo die Dreharbeiten stattfinden, lässt sich bislang noch nicht rekonstruieren. Doch da das Geschwisterpaar laut einer Inhaltsangabe „unheimliche Abenteuer“ in einem U-Bahn-Tunnel erlebt, ist es möglich, dass einige Szenen in Berlin entstehen.

Drehort: u. a. Berlin

Film: „Brüderchen und Schwesterchen“ (BRD, 1992, R: Rainer Simon), aus 5-teiligem Episoden-Fernsehfilm „Hier und Jetzt“ im Auftrag des ZDF. Erstsendung: 22.11.1992, 13.55 Uhr, ZDF.

Schloss Kühndorf/Thüringen: „Brüderchen und Schwesterchen“ (D 2008)

Gut 16 Jahre nach dem Gegenwartsmärchen wird die Geschichte wieder klassisch verfilmt. Die ARD, die 2008 ihre Reihe „Sechs auf einen Streich“ beginnt, in der sie bekannte Märchen adaptiert, wählt zum Start „Brüderchen und Schwesterchen“ aus. Weil der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) den Film produziert, zieht die Crew um Regisseur Wolfgang Eißler nach Thüringen.

Brüderchen und Schwesterchen (2008): Stiefmutter (A. Sawatzki), Tochter (L. Altenpohl) / © MDR/Antje Dittmann

Brüderchen und Schwesterchen (2008): Stiefmutter (A. Sawatzki), Tochter (L. Altenpohl) / © MDR/Antje Dittmann


Einer der Drehorte ist das Hennebergische Museum Kloster Veßra im Landkreis Hildburghausen/Südthüringen. Im pittoresken Fachwerkensemble müssen Brüderchen (Hans-Laurin Beyerling) und Schwesterchen (Odine Johne) erkennen, dass ihre neue Stiefmutter (Andrea Sawatzki) keinesfalls so bescheiden und liebevoll ist, wie sie sich zunächst gibt.
Brüderchen und Schwesterchen (2008): Drehort Fachwerkhaus im Kloster Veßra / © zaubervogel/pixelio.de

Brüderchen und Schwesterchen (2008): Drehort Fachwerkhaus im Kloster Veßra / © zaubervogel/pixelio.de


Brüderchen und Schwesterchen (2008): Geschwister (H.-L. Beyerling, O. Johne) mit König (J. Jägermeyr) / © MDR/Antje Dittmann

Brüderchen und Schwesterchen (2008): Geschwister (Beyerling, Johne) mit König (Jägermeyr) / © MDR/Antje Dittmann


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Nachdem sie dem Vater (Christoph M. Ohrt) den Kopf verdreht hat, zeigt sie ihr wahres Gesicht. Sie vergiftet ihren Mann und sperrt die Geschwister ein. Zwar gelingt beiden die Flucht, aber unweit des Dolmar (ein Ausflugs- und Aussichtsberg im Südthüringer Raum) verwandelt die Stiefmutter den Jungen in ein Reh. Als der junge König (Jonas Jägermeyr) das Mädchen auf sein Schloss mitnimmt – es ist die Johanniterburg in Kühndorf –, holen die Stiefmutter und ihre Tochter (Lisa Altenpohl) zum letzten Schlag aus.

Drehorte: u. a.

  • Hennebergisches Museum Kloster Veßra, Anger 35, 98660 Kloster Veßra
  • Johanniterburg Kühndorf (auch: Schloss Kühndorf), Schlossstraße 17, 98547 Kühndorf
  • Waldgebiet um den Berg Dolmar, 98547 Kühndorf

Film: „Brüderchen und Schwesterchen“ (BRD, 2008, R: Wolfgang Eißler). Ist auf DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • ARD „Das Erste“: Märchenhaft! Andrea Sawatzki spielt böse Stiefmutter. MDR verfilmt „Brüderchen und Schwesterchen“ für ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“. In: Presseportal (vom: 7.7.2008, abgerufen: 28.5.2024)
  • Bender, Theo/Kempken, Markus: Stopp-Trick. In: Lexikon der Filmbegriffe (abgerufen: 22.5.2024)
  • Brüder Grimm: Brüderchen und Schwesterchen. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam, 1980, Bd. 1, S. 79–86.
  • Gandert, Gero (Hrsg.): Der Film der Weimarer Republik 1929. Ein Handbuch der zeitgenössischen Kritik. Berlin/New York: De Gruyter, 1993, S. 757.
  • Grimm-Bilder Wiki: Brüderchen und Schwesterchen (abgerufen: 28.5.2024)
  • Hier und Jetzt (BRD 1992). In: Filmportal (abgerufen: 22.5.2024)
  • Jaspers, Christina: Podcast // WEIMAR WEIBLICH #9: Luise Heilborn-Körbitz. In: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum e.V. (abgerufen: 22.5.2024)
  • Osborn, Max: Der Märchenbrunnen am Friedrichshain zu Berlin. In: Architekturmuseum TU Berlin (abgerufen: 29.5.2024)
  • Uther, Hans-Jörg: Weihnachtsmärchen. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich u. a. Berlin/New York: de Gruyter, 2014, Bd. 14, Sp. 562–565.
  • Wie Brüderchen und Schwesterchen das Christkind besuchen (D 1912). In: Filmportal (abgerufen: 22.5.2024)
  • Wulff, Hans Jürgen: Blende II: Ab-, Auf- und Überblendung. In: Lexikon der Filmbegriffe (abgerufen: 22.5.2024)
  • Zulassungskarte: Brüderchen und Schwesterchen (1929), Prüf-Nr. 24478, vom 11.12.1929, ausgefertigt am 22.5.1930. In: BArch R 9346-I/16716.
  • [o. A.]: Märchenfilme. In: Modenschau. Illustrierte Monats-Zeitschrift für Heim und Gesellschaft 17 (1930), Nr. 211, Juli 1930, S. 3.


Brüderchen und Schwesterchen (2008): Der Junge (Hans-Laurin Beyerling) ist in ein Reh verwandelt; das Mädchen (Odine Johne) tröstet es / Foto: MDR/Antje Dittmann