Hervorgehobener Beitrag
Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Was ist heute vom DEFA-Märchenfilm der untergegangenen DDR übrig geblieben?

Als der Historiker llko-Sascha Kowalczuk mit „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ (2019) ostdeutsche Befindlichkeiten unter die Lupe nahm, provozierte er – dreißig Jahre nach dem Mauerfall – eine kontroverse Debatte. Lobte der 1976 von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann in der „Berliner Morgenpost“ Kowalczuks Essay als „glänzendes Buch“ und „wahrhaftige Analyse“, so urteilte im „Deutschlandfunk Kultur“ die DDR-Ex-Leistungssportlerin Ines Geipel deutlich kritischer.

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de


Kowalczuk bediene mit seiner „Strategie des halben Blicks“ nur den „aktuellen Hype: da der Schuld-Westen, dort der Opfer-Osten“, so Geipel, die auch Mitbegründerin des „Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“ ist. Gleichwohl hält die Zeit des Bilanzziehens unvermindert an. Sie mündet dabei vor allem in einer Frage: Wie wirkt sich eine sogenannte „Übernahme“, oder anders gesagt: der Beitritt der DDR (nach Artikel 23 des alten Grundgesetzes), auf das heutige Deutschland aus?

„Kulturelle Hegemonie“ und fehlende „Ost-Eliten“

Dabei rückte Kowalczuk den Blick auch auf eine westdeutsche ‚Vorherrschaft’ im Kulturbetrieb des seit 30 Jahren vereinten Deutschlands. Diese Erkenntnis war zwar schon damals nicht neu, gewann aber mehr und mehr an Relevanz im öffentlichen Diskurs. Jene ‚West-Dominanz’ nannte Kowalczuk „kulturelle Hegemonie“, geprägt von fehlenden „Ost-Eliten“ und einer damit verbundenen „Abwertung“ ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler.

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de


Dabei meint der wissenschaftlich eher umstrittene Begriff „Eliten“ (vgl. Waldmann 1998, S. 113–116) Personen, die in Institutionen oder Organisationen aufgrund ihrer (Leitungs-)Funktion und der daraus resultierenden Macht einen gesellschaftspolitischen Einfluss besitzen. „Ost-Eliten“ sind hierbei jene, die in der DDR geboren oder nach dem 3. Oktober 1990 in den neuen Bundesländern oder Ostberlin geboren und/oder aufgewachsen sind und deren Eltern aus der DDR stammen.

Eine ‚West-Vorherrschaft’ im Märchenfilm nach 1990?

Zwar gibt es einige wenige Statistiken, die den Anteil der Ostdeutschen an den gesamtdeutschen Eliten bemessen (vgl. Kollmorgen 2021), doch gilt landläufig die Meinung, dass sich ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler „im vereinten Vaterland noch am besten behauptet“ haben (Eckert 2021, S. 283).

Dennoch finden sich selten valide Erhebungen, die sich tiefergehend dem Kulturbetrieb, zum Beispiel der Filmbranche widmen. Schon gar nicht dem bundesdeutschen Märchenfilm, der aber vor dem Hintergrund der 40-jährigen DDR-Märchenfilmgeschichte und des anhaltenden gesamtdeutschen Märchenfilmbooms seit Mitte der 2000er-Jahre einen näheren Blick lohnt und Fragen aufwirft.

Gibt es heute (oder immer noch) eine sogenannte „Repräsentationslücke“ (Kollmorgen 2021, S. 231) von DDR-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern, oder umgekehrt gefragt eine ‚West-Vorherrschaft’, im bundesdeutschen Märchenfilm nach 1990? Und wenn ja, wie groß ist diese, was sind hierfür die Gründe und folgen daraus unmittelbare Defizite?

Die Abwicklung von DFF und DEFA

Als die DEFA, das ehemalige staatliche Filmstudio der DDR, 1992 von der Treuhandanstalt an einen französischen Mischkonzern verkauft wird, blickt es in seiner über 45-jährigen Geschichte auf etwa 40 Schauspieler-Märchenkinofilme zurück. Zudem produziert die DEFA für den staatlichen Deutschen Fernsehfunk (DFF, 1956–1971, 1990–1991) bzw. das Fernsehen der DDR (1972–1990) etwa 20 Märchenfernsehfilme bzw. -spiele.

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG


Ihr künstlerisches Niveau, lobenswerte Leistungen der Schauspielstars und dramaturgisch gut durchdachte Geschichten machten viele der Märchenadaptionen – trotz einer mal mehr, mal weniger durchschimmernden Ideologie – damals wie heute zu Filmklassikern, die sogar in den Westen exportiert und dort in TV und Kino gezeigt wurden. Dennoch fielen mit der Abwicklung von DEFA und DFF schlagartig zwei Institutionen weg, die diese Märchenfilme produzierten. Das daran beteiligte künstlerische Personal verlor von heute auf morgen seine gesicherte Existenz.

Neuanfang in unbekanntem Produktionsmarkt

„Das Telefon stand plötzlich still“, erinnerte sich später der Filmkomponist Peter M. Gotthardt in einem Interview an die Nachwendezeit – und meinte damit die ausbleibenden Aufträge. Gotthardt, der mit der Filmmusik zu „Die Legende von Paul und Paula“ (DDR, 1973, R: Heiner Carow), aber auch zum DEFA-Märchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“ (DDR, 1979, R: Siegfried Hartmann) zu den wichtigsten DDR-Filmkomponisten zählte, schaffte den Neuanfang in einem gänzlich unbekannten Produktionsmarkt mit hohem Konkurrenzdruck. Vielen anderen Kolleginnen und Kollegen gelang das allerdings nicht.

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR


Das hatte auch damit zu tun, dass sich – auf das Märchenfilmgenre bezogen – die Nachfolger des DFF, die 1992 neu gegründeten ARD-Landesrundfunkanstalten Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB, seit 2003: Rundfunk Berlin-Brandenburg, kurz: RBB) erst einmal neu aufstellen mussten (vgl. Wiedemann 2017, S. 215). Die Produktion neuer Märchenfilme stand nicht auf der Tagesordnung. Das künstlerische DEFA-Märchenfilmerbe schien vorerst niemanden zu interessieren.

Einige ‚Überläufer’ in Fernsehen und Kino

Mit wenigen Ausnahmen: MDR und ORB übernahmen 1992 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem Sender Freies Berlin (SFB) die Endproduktion von „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“ (TV-Erstausstrahlung: 10.5.1992). Gedreht wurde die 8-teilige Fantasy-Serie nach Motiven der Brüder Grimm noch von der bereits abgewickelten DEFA-Studio Babelsberg GmbH (vgl. Wiedemann 2015, S. 9).

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB


Der Filmstab gehörte fast ausschließlich zum früheren DEFA-Personal: Die Regie übernahm der ehemalige DDR-Regisseur Günter Meyer (u. a. „Spuk unterm Riesenrad“, 1978), der bis Anfang der 2000er-Jahre weiter Akzente im Fantasy-Fach setzte.

Zudem starteten sogenannte ‚Überläufer’ wie „Das Licht der Liebe“ (DDR/D 1991) und „Olle Hexe“ (DDR/D 1991), die bereits vor dem 3. Oktober 1990 abgedreht, aber erst danach im gesamtdeutschen Kino uraufgeführt wurden.

Stabile Strukturen und Netzwerke im Westen

Der frühe gesamtdeutsche Märchenfilm nach 1990 wurde dennoch von den Akteurinnen und Akteuren in den etablierten alten Bundesländern geprägt. Hier gab es Strukturen und Netzwerke, die über Jahrzehnte gewachsen waren und sich weiter als stabil erwiesen. So führte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) Anfang der 1990er-Jahre seine Reihe „Die Welt des Märchens“ fort. Darin verfilmte der öffentlich-rechtliche Sender in Koproduktion mit der ČSSR (später: ČSFR und ČZ) sowie westeuropäischen Fernsehanstalten bekannte Märchen für Kino und TV.

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF


Opulente Produktionen wie „Dornröschen“ (ČSSR/D/F 1990), „Der Reisekamerad“ (ČSSR/D/F/I/AT 1990), „Der Froschkönig“ (ČSFR/D/F/I 1991), „Schneewittchen und das Geheimnis der Zwerge“ (ČSFR/D/I/ES 1992) oder „Des Kaisers neue Kleider“ (ČZ/D/ES/I 1994) rekrutierten ihr Personal dabei ausschließlich aus populären westdeutschen Schauspielstars, wie Iris Berben, Judy Winter, Michael Degen oder Harald Juhnke, und tschechoslowakischen Filmschaffenden.

Ebenso verfuhr die ARD, die „Das Zauberbuch“ (ČZ/D 1996) mitproduzierte, oder der Bayerische Rundfunk (BR), der sich an „Der Feuervogel“ (ČZ/D 1997) und „Die Seekönigin“ (ČZ/D 1998) beteiligte. Ostdeutsches Personal war auch hier, aufgrund der beteiligten westdeutschen Landesrundfunkanstalt (BR), so gut wie nicht vertreten.

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF


Für westliche Entscheidungsträgerinnen und -träger in ARD und ZDF kamen Ostdeutsche auch deshalb nicht infrage, weil etwaige künstlerische Positionen in den TV-Redaktionen oder Filmstäben ohnehin bereits besetzt waren. Eine Neu- oder Umverteilung war nicht gewollt.

Ostdeutsche Aspirantinnen und Aspiranten wurden nicht zuletzt diskreditiert („Bolschewistenfunk“), weil sie nach Ansicht der westdeutschen Elite mit ihrer (künstlerischen) Arbeit das DDR-Regime direkt oder indirekt gestützt hätten. Und das, obwohl nach dessen Ende das DEFA- und DFF-Personal über berufliche Qualifikationen und notwendiges Fachwissen verfügte.

Lichtblick am Ende der 1990er-Jahre

Da wirkte es wie eine große Überraschung als Ende der 1990er-Jahre der frühere DEFA-Regisseur Rolf Losansky „Hans im Glück“ (D 1999) vorlegte – und dabei auf ein proportional ausgeglichenes hochkarätiges Ost-West-Schauspielensemble zurückgriff. Der Grund dafür mag darin gelegen haben, dass den von der Westberliner Genschow-Film GmbH produzierten Märchenfilm neben dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) auch der in Potsdam ansässige ORB und der 1997 im thüringischen Erfurt gestartete ARD-/ZDF-Kinderkanal (seit 2012: KiKA) mitfinanzierte, für den der MDR bis heute verantwortlich ist.

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film


Und auch wenn der Posten des KiKA-Programmgeschäftsführers von 1997 bis 2017 mit westdeutsch sozialisierten männlichen Entscheidungsträgern besetzt wurde (seit 2018: Astrid Plenk aus Bernburg/Sachsen-Anhalt), ist es denkbar, dass sich schon Ende der 1990er-Jahre die Redaktionen zum Teil aus ostdeutschem Personal zusammensetzten – und sich dieser Umstand auf die Märchenfilm-Produktionsplanung (Regie, Drehbuch, Schauspiel etc.) auswirkte.

Märchen-Parodien in Kino und TV für Erwachsene

Dennoch ging von „Hans im Glück“ vorerst keine Trendwende aus. Schlichtweg aus dem einfachen Grund, weil das deutsche Märchenfilmgenre Anfang der 2000er-Jahre keine wichtigen Adaptionen nach Grimm, Andersen und Co. für ein Kinderpublikum produzierte. Fragen nach einer ‚West-Dominanz’ oder einer ‚Ost-Verdrängung’ spielten deshalb vorerst noch keine Rolle.

Gleichwohl war das Märchen weiter präsent: als Parodie in Kino und TV für Erwachsene. So funktionierten die von Otto Waalkes mitproduzierten Filmkomödien „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ (D 2004) und „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ (D 2006) an den Kinokassen. Und im Privatsender ProSieben flimmerte „Die Märchenstunde“ (D/AT/ČZ 2006–2012) der Rat Pack Filmproduktion (München) über die Bildschirme.

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures


Hier wie dort griffen die Filmverantwortlichen auf westdeutsches Personal zurück, das vor oder hinter der Kamera agierte, wenn man von wenigen im Osten geborenen Schauspielstars (Nina Hagen, Mirco Nontschew, Jeanette Biedermann etc.) einmal absah.

„Sechs auf einen Streich“ und „Märchenperlen“

Ab Mitte der 2000er-Jahre erlebte der Märchenfilm im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von ARD und ZDF ein Comeback. Die meist an den Weihnachtsfeiertagen erstmalig gezeigten Adaptionen der Reihen „Märchenperlen“ (ZDF, seit 2005, auch Koproduktionen) und „Sechs auf einen Streich“ (ARD, seit 2008) richteten sich dabei sowohl an ein Kinder- als auch Familienpublikum.

Dafür gründete die Kinder- und Jugendredaktion des ZDF Anfang der 00er-Jahre eine Art ‚Think Tank’, dem auch der Münchner Filmproduzent Ernst Geyer angehörte. Die Denkfabrik sollte eine Konzeption für zunächst sechs Märchenfilme entwickeln. Darin wurden auch fünf Drehbuchautoren und eine Drehbuchautorin aus den alten Bundesländern berufen. Mitfinanziert wurden die ersten vier Märchenfilme (2005–2008) neben der Länderförderung Bayern und Hamburg von der in Leipzig ansässigen Mitteldeutschen Medienförderung (vgl. Ungureit 2009, S. 10f.).

Ostdeutsche im ARD- und ZDF-Märchenfilm

Um tendenzielle Aussagen darüber zu treffen, ob und wie viele DDR-sozialisierte Filmemacherinnen und -macher das bundesdeutsche Märchengenre mitpräg(t)en, soll der Blick stichprobenartig auf die Bereiche Regie und Drehbuch gelenkt werden.

Bis 2021 drehte das ZDF 19 Märchenfilme*, an denen insgesamt 13 Regisseure (10) und Regisseurinnen (3) beteiligt waren. Davon sind zwei (15 Prozent)** im Osten geboren: Karola Hattop, die seit 1973 Kinder- und Familienfilme für das DDR-Fernsehen und später für das ZDF zwei Märchenfilme („Die sechs Schwäne“, 2012 und „Die Schneekönigin“, 2014) inszenierte, sowie Carsten Fiebeler („Die goldene Gans“, 2013), der erst nach der Wende als Regisseur arbeitete. Koproduziert wurden diese drei ZDF-Märchenfilme von der im Jahr 2000 im thüringischen Erfurt gegründeten Kinderfilm GmbH (später: Mideu Films GmbH).

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans


Anders als beim ZDF verteilt sich die Produktion der ARD-Märchenfilme auf die neun Landesrundfunkanstalten. Die in der DDR geborene ehemalige RBB-Mitarbeiterin Sabine Preuschhof koordinierte die Reihe „Sechs auf einen Streich“ in den ersten Jahren. Werden die 52 ARD-Adaptionen bis 2021 im Hinblick auf Ost-West-Besetzung ausgewertet, zeigt sich folgendes Bild: Von insgesamt 26 Regisseuren (20) und Regisseurinnen (6) haben fünf (19 Prozent) eine Ost-Sozialisation**.

Fürneisen und Fiebeler gehören zu Top-Regisseuren

Darunter ist Bodo Fürneisen, der bei fünf ARD-Märchenfilmen auf dem Regiestuhl sitzt – er wird nur übertroffen vom westdeutschen Regisseur Christian Theede mit sechs NDR-Adaptionen. Fürneisen hatte bereits für das DDR-Fernsehen die Klassiker „Die Geschichte vom goldenen Taler“ (DDR 1985) sowie „Die Weihnachtsgans Auguste“ (DDR 1988) inszeniert. Fiebeler kommt insgesamt auf vier ARD-Adaptionen und zeigt, dass man in ZDF und ARD erfolgreich Märchen verfilmen kann.

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR


Dabei verantwortet die fünf Fürneisen-Märchenfilme und eine Fiebeler-Adaption die in Potsdam ansässige Landesanstalt RBB. Fiebelers drei andere ARD-Verfilmungen entstehen zwar unter Federführung der westdeutschen Anstalten Hessischer Rundfunk (HR) bzw. Südwestrundfunk (SWR), werden aber zum Teil von der Kinderfilm GmbH produziert: „Das blaue Licht“ (D 2010).

Nur wenige ‚ostdeutsche’ Märchenfilm-Drehbücher

Bei zwei weiteren mit Osthintergrund (Regie) gedrehten Filmen ist neben Radio Bremen (RB), dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem HR auch der MDR als Koproduzent vertreten. Einen weiteren Märchenfilm verantwortet die in Leipzig ansässige Landesanstalt ganz allein, wobei zudem die Kinderfilm GmbH das Märchen im Auftrag des MDR produziert.

Im Hinblick auf eine Ost-West-Sozialisation von Drehbuchautorinnen und -autoren im ZDF- und ARD-Märchenfilm zeigt sich ein ähnliches Bild: Von insgesamt 17, die an den „Märchenperlen“ beteiligt sind, hat nur ein Drehbuchschreiber (6 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Dieser ist aber an drei ZDF-Märchenfilmen beteiligt. Bei den ARD-Produktionen haben von insgesamt 28 Autorinnen und Autoren vier (14 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Zwei davon arbeiten allerdings gleich an drei Märchenfilmen mit.

Von „Das kalte Herz“ zu „Timm Thaler“

Einzelne Kinofilme in den 2010er-Jahren wie die Filmmärchen „Aschenbrödel und der gestiefelte Kater“ (D 2013) und „Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte“ (D 2013, koproduziert vom BR), aber auch das nach einer klassischen Vorlage entstandene „Das kalte Herz“ (D 2016, koproduziert u. a. von ARD/MDR/SWR und mitfinanziert u. a. von Mitteldeutsche Medienförderung und Medienboard Berlin-Brandenburg) entstehen wieder weitgehend mit westdeutsch sozialisierten Filmschaffenden, wobei letztere Märchenverfilmung mit André M. Hennicke und Jule Böwe zwei ostdeutsch sozialisierte Schauspielstars engagiert.

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH


Eine Ausnahme stellt die fantastische Romanverfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (D 2017) dar, die u. a. von den im thüringischen Gera geborenen Andreas Dresen (Regie) und Jörg Hauschild (Schnitt) sowie von der aus Potsdam stammenden Sabine Greunig (Kostüme) inszeniert wurde. Ostdeutsche wie Charly Hübner, Nadja Uhl, Reiner Heise oder Steffi Kühnert, aber auch die westdeutschen Schauspieler Justus von Dohnányi, Axel Prahl oder Bjarne Mädel machten den u. a. vom ZDF koproduzierten Kinofilm zu einem gesamtdeutschen Projekt.

Ostanteil proportional zur Gesamtbevölkerung

Demnach sind seit 1990 in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden, die entweder vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD, ZDF) oder von freien Produktionsfirmen hergestellt wurden. Doch untermauern die Statistiken und Filmbeispiele die These, dass es im bundesdeutschen Märchenfilm heute noch eine „Repräsentationslücke“ von DDR- oder ostdeutsch-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern gibt?

Vor dem Hintergrund, dass etwa 17 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ostdeutscher Herkunft sind (vgl. Kollmorgen 2021, S. 235) und diese Zahl als Vergleichsgröße gilt, wirkt der Regieanteil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von 19 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“) und 15 Prozent (ZDF: „Märchenperlen“) sowie der Drehbuchanteil von 14 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“)** relativ proportional. Nur der ‚ostdeutsche’ Drehbuchanteil am ZDF-Märchenfilm von 6 Prozent ist unterproportional.**

Die Zahlen zeigen zudem wenig überraschend, wenn die beiden ‚Ost-Landesanstalten’ RBB und MDR an Märchenfilmen der ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ beteiligt sind, werden für die Posten Drehbuch und Regie ebenso ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler interessant. Zudem wirkt sich die Beteiligung ostdeutscher Produktionsfirmen, beispielsweise der „Kinderfilm-GmbH“, auf den Anteil im Osten sozialisierter Akteure und Akteurinnen aus.

ARD-Landesanstalten mit ‚Lokalpatriotismus’

Dennoch lässt das nicht pauschal den Schluss zu, die in Thüringen bzw. Sachsen-Anhalt ansässige Firma arbeite vorrangig mit ostdeutschem Personal, im Unterschied zu im Westen ansässigen Produktionsfirmen.

Dafür spricht, dass „Kinderfilm“ auch ZDF-Märchenfilme verantwortete, die eine westdeutsche Regisseurin (Anne Wild: „Hänsel und Gretel“, 2006) oder einen westdeutschen Regisseur (Frank Stoye: „Der Zauberlehrling“, 2017; „Der süße Brei“, 2018) rekrutierten. Das gilt auch für die von „Kinderfilm“ produzierten ARD-Märchenfilme „König Drosselbart“ (D 2008), „Die Gänsemagd“ (D 2009) und „Rotkäppchen“ (D 2012) – alle in der Regie der Münchnerin Sibylle Tafel.

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland


Trotzdem scheint es, dass „Kinderfilm“ – im Gegensatz zu im Westteil Deutschlands ansässigen Produktionsfirmen – ein Stück weit sensibilisierter mit der Rekrutierung von Filmschaffenden umgeht. Andererseits kann dem Unternehmen, wie auch einigen ost- und westdeutschen ARD-Landesrundfunkanstalten allgemein vorgehalten werden, dass sie einen ‚Lokalpatriotismus’ bedienen, das heißt: vor allem Filmschaffende engagieren, die auf dem Gebiet der jeweiligen Rundfunkanstalt oder eines Bundeslandes leben und für den Sender bereits arbeiten.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn RBB und MDR keine oder weniger im Osten sozialisierte Künstlerinnen und Künstler rekrutieren würden, lägen die Anteile bei Regie und Drehbuch deutlich unter dem erwähnten quantitativen Minderheitenstatus der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung (17 Prozent). Denn die anderen sieben im Westen ansässigen Landesanstalten NDR, RB, WDR, HR, SWR, BR und Saarländischer Rundfunk (SR) würden das mit dem von ihnen engagierten Ostpersonal nicht auffangen.

Die ostdeutsche Übernahme

Doch wie wirkt sich der Ost-Regieanteil von 19 bzw. 15 Prozent sowie -Drehbuchanteil von 14 bzw. 6 Prozent auf die öffentlich-rechtliche Märchenfilmproduktion** aus? Folgen daraus unmittelbare Defizite?

Glaubt man Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim HR und ZDF, so ist es genau umgekehrt: Der heutige bundesdeutsche Märchenfilm ist eigentlich ein DEFA-Märchenfilm 2.0. Denn für Göhlen orientieren sich die ARD- und ZDF-Märchen „an einer tradierten Märchendramaturgie, wie sie seinerzeit insbesondere von der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA gepflegt wurde“ (Gangloff 2016, S. 8f.). Damit meint er, dass darin die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen dagegen durchgehend zu den Bösen zählten. Er halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen.

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR


Die Schweizer Filmkritikerin Christine Lötscher meint, dass sich die ARD- und ZDF-Adaptionen zudem gestalterisch „an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme“ (Lötscher 2017, S. 310) orientieren. Und: Wie den DDR-Produktionen liege dem öffentlich-rechtlichen Märchenfilm „eine Analyse und Interpretation der Textvorlage zugrunde; die zeitlosen Konflikte der Figuren werden konkretisiert, psychologisiert und in die Gegenwart übertragen“ (ebd. S. 311). Allerdings gelinge es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren.

Daraus wäre auf die hier diskutierte Frage zu schließen, dass sich seit 1990 keine westdeutsche „Übernahme“ in der gesamtdeutschen Märchenfilmproduktion, sondern umgekehrt eine ostdeutsche „Übernahme“ vollzogen hat – wenn auch ‚nur’ in dramaturgischer und gestalterischer Hinsicht.

Diversität: Frauenanteil und Migrationshintergrund

Gleichwohl bleibt damit die Frage nach einer angemessenen personellen ostdeutschen Teilhabe in der bundesdeutschen Märchenfilmproduktion bestehen. Flankiert wird sie allerdings im 21. Jahrhundert mit der Forderung nach einer generellen Diversität in diesem Filmgenre: Die stichprobenartigen Statistiken zeigten beispielsweise, dass der Frauenanteil – nicht nur im Regie- und Drehbuchfach – sehr gering ist.

Zudem sind Filmschaffende mit Migrationshintergrund noch Ausnahmen. Der deutsch-türkische Regisseur Cüneyt Kaya („Das Märchen vom goldenen Taler“, 2020), der in Istanbul geborene Regisseur und Drehbuchautor Su Turhan („Die drei Federn“, 2014; „Prinzessin Maleen“, 2015; „Der starke Hans“, 2020) oder der in Vietnam geborene Kameramann und Regisseur Ngo The Chau (u. a. „Die Hexenprinzessin“, D/CZ, 2020) sind drei Beispiele. Ebenso lassen sich hier der Finne Hannu Salonen („Des Kaisers neue Kleider“, 2010) oder die in Stockholm geborene deutsche Regisseurin Maria von Heland („Die Sterntaler“, 2011; „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, 2013) nennen.

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein


____________________
MEHR ZUM THEMA
DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

Die Frage nach einer ‚West-Dominanz’ oder einer ‚Ost-Verdrängung’ im deutschen Märchenfilmgenre sollte deshalb um andere Gruppen (Frauen, Migrationshintergrund) in den nächsten Jahren erweitert werden. Um das personelle Defizit ausgeglichener zu gestalten, braucht es nicht unbedingt starre Quotenregelungen. Dafür sensibilisierte Filmschaffende in den Chefinnen- und Chefetagen wären schon einmal ein Anfang.

* Ohne den Märchenfilm „Zwerg Nase“ (D, 2008, R: Felicitas Darschin). Dieser entstand im Auftrag des BR, wird aber zu den ZDF-„Märchenperlen“ gezählt, obwohl der Sender nicht daran beteiligt war.

** Die Herkunft der Filmschaffenden wurde in öffentlichen Quellen (Internet, Fachmedien) recherchiert und/oder individuell bei den Künstlerinnen und Künstlern angefragt (E-Mail). Da nicht zu allen Filmschaffenden die Herkunft recherchiert werden konnte, können die Zahlen prozentual leicht abweichen (Stand: 24.3.2022).

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Die kluge Bauerntochter (BRD 2010): Die Titelfigur (Anna Maria Mühe, l.) und ihre Freundin die Magd (Sabine Krause) bestaunen das Fernrohr des Königs / Foto: MDR/Sandy Rau

Die neue Schönheit: Zitterinchen (D 2022)

Die neue Schönheit im Märchenfilm: Zitterinchen (D 2022)

Dicke Menschen werden diskriminiert – auch im deutschen Märchenfilm, zum Beispiel wenn weibliche Hauptrollen vergeben werden. Denn immer erobert ein gertenschlankes Mädchen den Prinzen. Damit ist jetzt Schluss.

Das Märchen lebt von Kontrasten – gerade auch, was das Äußere der Figuren betrifft. Oft wird von einfachen Bauernburschen oder privilegierten Prinzessinnen erzählt, deren Schönheit häufig mit einem guten Charakter einhergeht. Freilich werden damit immer auch Idealgestalten beschrieben, vor allem, wenn es sich bei diesen Figuren um den Helden oder die Heldin der Geschichte handelt.

Der (deutsche) Märchenfilm hat seit seinen Anfängen diese Vorgaben zumeist unkritisch übernommen. Schönheit, oder sagen wir besser: körperliche Attraktivität, wurde dabei sowohl im vergangenen als auch im jetzigen Jahrhundert zugleich mit graziler oder sportlicher Schlankheit und einem sogenannten Idealgewicht gleichgesetzt. ‚Unschlanke’ junge Menschen in positiv besetzten Hauptrollen bot das Genre dem Publikum nicht an.

‚Dicke’ Männer spielen Diener und Bösewichte

Vermeintlich ‚dicke’ Männer wurden dafür in Nebenrollen abgedrängt, zum Beispiel Lennart Matthiesen als Diener Leo in „Die Salzprinzessin“ (D 2015). In anderen ARD-Märchenfilmen mussten sie einen der ‚bad guys’ spielen wie Matthias Kelle als hinterlistiger Fürstensohn Gebhard in „Die drei Federn“ (D 2014).

Oder sie überzeugten mit ihrem ganzen Gewicht im komödiantischen Fach: Daniel Zillmann als tückischer Vetter in „Die kluge Bauerntochter“ (D 2009) oder als zwiespältiger Herzog Kunz der Schlemmer im ZDF-Märchen „Zwerg Nase“ (D 2021) ist hier zu nennen.

Die kluge Bauerntochter (2009): Daniel Zillmann (r.) als tückischer Vetter / © MDR/Sandy Rau

Die kluge Bauerntochter (2009): Daniel Zillmann (r.) als tückischer Vetter / © MDR/Sandy Rau


Dass das öffentlich-rechtliche (Märchen-)Fernsehen offenbar Probleme damit hatte, ‚dicke’ Nebenrollen auch mit ‚dicken’ Schauspielern zu besetzen, zeigte sich im ARD-Märchenfilm „Sechse kommen durch die ganze Welt“ (D 2014). Der eigentlich schlanke Anton Rubtsov („Deutschland 89“, 2020) spielt darin den starken Lukas – und bindet sich dafür eine Bauchattrappe um.

Ein ähnliches, einseitig schlankes Bild zeigte sich bislang auch bei den weiblichen Hauptrollen. Doch diese Zeit scheint vorbei, wie der neue ARD-Märchenfilm „Zitterinchen“ in der Regie von Luise Brinkmann beweist. Dabei reiht sich die Vorlage von Ludwig Bechstein (1801–1860), deren Titel auf ein vor Kälte zitterndes Hündchen zurückgeht, das vorm Ertrinken gerettet wird, durchaus wieder in die typische märchenhafte Idealwelt des 19. Jahrhunderts ein.

Worüber erzählt das Märchen „Zitterinchen“?

So erzählt die Geschichte von den beiden Waisenkindern Christinchen und Abraham. Sie, „eine herrlich aufblühende Schönheit, die nicht ihres Gleichen hatte weit und breit“, und er, „ein kräftiger Jüngling“ (Bechstein 2011, S. 285), der immer ein Porträt seiner Schwester bei sich trägt. In jenes verliebt sich ein Graf, der Christinchen heiraten möchte.

Niedliche Titelfigur: Zitterinchen wird zur Retterin in der Not / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Niedliche Titelfigur: Zitterinchen wird zur Retterin in der Not / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


Doch eine Amme und eine Kammerfrau möchten das verhindern. Sie stürzen das nichtsahnende Mädchen in einen Fluss. Mit Hilfe von Wassernixen und dem sprechenden Hündchen Zitterinchen – das eigentlich eine verzauberte Prinzessin ist – wendet sich aber alles zum Guten und der Graf kann am Ende Christinchen heiraten.

Zwei unterschiedliche Schwestern

Das Autorenduo Anja Kömmerling und Thomas Brinx, das bislang für zwölf ARD- und ZDF-Märchenfilme das Drehbuch verfasste, entstaubt die etwas süßliche Vorlage allerdings kräftig. Mehr noch: Es verwendet aus dem Originalmärchen nur noch einzelne Motive und krempelt das Figurenensemble um – vor allem was ein schlankheitsidealisierendes Märchenbild betrifft.

Gängige Schönheitsvorstellungen: Christine (Flora Li Thiemann) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Gängige Schönheitsvorstellungen: Christine (Flora Li Thiemann) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


Statt eines Bruder-Schwester-Paares entscheidet sich das ARD-„Zitterinchen“ für zwei unterschiedliche Schwestern in den Hauptrollen: hier die grazile, zarte und selbstbewusste Christine, gespielt von Flora Li Thiemann („Die Schneekönigin“, 2014), dort die mehrgewichtige – so der politisch korrekte Begriff –, sympathische, aber unsichere Alma (Annika Krüger), die allerdings ein großes Talent zum Porträt- und Pflanzen-Malen besitzt. Dennoch mögen sich beide Schwestern und sind unzertrennlich.
Unterschiede: Nachdem Alma (Annika Krüger) die Stelle als Hofmalerin bei Prinz Philip bekommen hat, heißt es Abschied nehmen von Schwester Christine (Flora Li Thiemann) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Unterschiede: Nachdem Alma (Annika Krüger) die Stelle als Hofmalerin bei Prinz Philip bekommen hat, heißt es Abschied nehmen von Schwester Christine (Flora Li Thiemann) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


Almas Unsicherheit wird zwar nicht explizit damit begründet, dass sie mit ihrem Aussehen hadert und sich deshalb weniger attraktiv findet. Dennoch kann das eine Lesart sein. Dabei werden die zwei unterschiedlichen Frauen(körper)bilder hier nicht gegeneinander ausgespielt, sondern vielmehr gleichberechtigt nebeneinander gestellt. Diversität im Märchenfilm.

Figuren mit Migrationshintergrund

Diese Vielfalt erweitert die ARD-Adaption zudem auf die Herkunft der Akteurinnen und Akteure vor der Kamera. Ein Trend, der sich beim öffentlich-rechtlichen Märchenfilm von ARD und ZDF erst seit 2020 durchgesetzt hat, vereinzelt aber auch schon Mitte der 2010er-Jahre auftrat („Die Salzprinzessin“, 2015; „Das Wasser des Lebens“, 2017).

Helferin: Die Wassernixe (Mai Duong Kieu) steht den Guten bei / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Helferin: Die Wassernixe (Mai Duong Kieu) steht den Guten bei / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


So spielt die deutsch-vietnamesische Schauspielerin Mai Duong Kieu in „Zitterinchen“ eine der Wassernixen und der im Irak geborene Aram Arami übernimmt die Rolle des Grafen, der hier ein Prinz ist (Casting: Annekathrin Heubner). Arami, den das Publikum bereits aus „Fack ju Göhte“ (D 2013–2017) und „Die Drei von der Müllabfuhr“ (D 2020–2022) kennt, spielt einen etwas verkopften, in die Botanik verliebten Königssohn.
Dornburger Schlösser: Das Rokoko-Juwel ist einer der Drehorte / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Dornburger Schlösser: Das Rokoko-Juwel ist einer der Drehorte / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


Kein Wunder, dass er sich statt im Thronsaal lieber im Gewächshaus aufhält. Gedreht wird dafür vor der Orangerie im Schloss Belvedere (Weimar) sowie im Botanischen Garten Jena und vor einem der drei Dornburger Schlösser: Es ist das 1737 erbaute Rokoko-Gebäude (Szenenbild/Set Design: Jenny Roesler).

Alexander von Humboldt und Prinz Philip

Das historische Vorbild für die Leidenschaft des Filmprinzen mag kein Geringerer als der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) gewesen sein. Er, der zwischen 1799 und 1804 Lateinamerika bereiste und Tausende exotische Pflanzen sammelte und dokumentierte, ließ viele seiner botanischen Funde später von kunstfertigen Illustratoren zeichnen.

Hibiscus lambertianus aus "Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas" (2009) / © Prestel

Hibiscus lambertianus aus „Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas“ (2009) / © Prestel


Auch Prinz Philip möchte die Pflanzen seines Gewächshauses bildlich dokumentieren. Deshalb stellt er die malerisch begabte Alma ein, die sich mehr und mehr als seine Seelenverwandte entpuppt, sich aber nicht eingestehen möchte, in Philip verliebt zu sein. Doch als er Almas Zeichnung von ihrer schönen Schwester Christine entdeckt, verliebt er sich plötzlich Hals über Kopf in das Porträt und möchte das ihm noch unbekannte Mädchen unbedingt heiraten.

Marie-Antoinette und Irm von Thalheim

Wären da nicht zwei Gegenspielerinnen, die diesen Hochzeitsplan vereiteln wollen, und Alma zudem als „pummeliges“ Bauerntrampel abtun: die finanzklamme Cäcilie Baronin von Thalheim (Justine Hauer) und ihre Tochter Irm (Julia Windischbauer). Letztere möchte den Prinzen Philip ehelichen – und schreckt dabei nicht vor Lug und Trug zurück.

Beide adlige Frauen, die auf dem sanierungsbedürftigen Schloss Crossen residieren, werden in ihrer äußeren Erscheinung (Kostüme: Saskia Richter-Haase, Maske: Jana Lindner) als ‚gestrige’ Figuren inszeniert – vor allem im Hinblick auf das Setting des Märchenfilms: der Beginn des 19. Jahrhunderts.

Kostümbild: Baronin (J. Hauer, r.) und Tochter (J. Windischbauer) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer

Kostümbild: Baronin (J. Hauer, r.) und Tochter (J. Windischbauer) / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer


Ihre extravaganten, künstlichen Turmfrisuren (franz.: Pouf) spiegeln daher die Mode des vergangenen, späten 18. Jahrhunderts, in der die Stilikone dieser Zeit, die französische Königin Marie-Antoinette (1755–1793), jene bei offiziellen Terminen trug. Die beiden Thalheims wirken damit bildlich umso mehr als Kontrastfiguren zu den natürlich-einfach frisierten Schwestern Christine und Alma.

Diesen Gegensatz unterstützt in der Figur der Baronin letztlich auch die Haar- und Kostümfarbe Lila, die in der (Märchen-)Filmgeschichte seit jeher den bösen (weiblichen) Charakteren zugewiesen wurde (z. B. Königin in „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, USA, 1937; Meereshexe Ursula in „Arielle, die Meerjungfrau“, USA, 1989).

Vincent van Gogh und Jan Vermeer

Ohnehin scheint es die Filmemacherinnen und -macher gereizt zu haben, mit den Ikonen der Film-, aber auch Kunstgeschichte zu spielen, diese bisweilen sogar zu parodieren: So bewirbt sich ein Johannes van Goth bei Prinz Philip als Hofmaler: Dessen Name erinnert an Vincent van Gogh (1853–1890).

Oder als Alma die Dienerin der Thalheims zeichnet: Deren Porträt gleicht dem bekannten Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ (1665) vom holländischen Maler Jan Vermeer (1632–1675).

Diese und andere intertextuellen Verweise erschließen sich allerdings nur einem erwachsenen Publikum. Die jüngsten Zuschauerinnen und Zuschauer werden hingegen mit der Titelfigur Zitterinchen (im wirklichen Leben: Resi) mitfiebern – auch weil besonders Kinder Tiere als menschenähnlich empfinden und zu ihnen ein spezielles Verhältnis haben.

Die neue Schönheit im Märchenfilm

Denn im Gegensatz zur Vorlage, in der die Rettung des Hündchens nur beiläufig erwähnt wird, und das Tier erst am Ende seinen großen Auftritt hat, wird Zitterinchen schon ganz zu Beginn in die Filmhandlung eingebunden und sinnhaft in die Story integriert – zum Beispiel als Überbringer von (Liebes-)Briefen zwischen Christine und Philip oder als ‚Spürhund’, der die Schwestern vor gefährlichen Situationen ‚warnt’ und am Ende mit für ein glückliches Ende sorgt.

Postbote: Zitterinchen überbringt Philip (Aram Arami) Nachrichten / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/A. Neugebauer

Postbote: Zitterinchen überbringt Philip (Aram Arami) Nachrichten / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/A. Neugebauer


Komplott: Alma (Annika Krüger) und Zitterinchen landen im Kerker / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/A. Neugebauer

Komplott: Alma (Annika Krüger) und Zitterinchen landen im Kerker / © MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/A. Neugebauer


____________________
MEHR ZUM THEMA
Der Geist im Glas (D 2021): Ein Märchenfilm als ‚realistische’ Geschichte
Erwartbar unerwartbar: Helene, die wahre Braut (D 2020)
Der starke Hans (D 2020): Weniger Ideologie, mehr Fantasie!
Das Märchen vom goldenen Taler (D 2020): Hans Geiz, was nun?

Das aber anders verläuft als gedacht – und das gilt gerade für Alma selbst. Weil der Märchenfilm, und eben auch die männliche Hauptfigur Prinz Philip, dabei eine neue Schönheit entdeckt, die konventionelle Happy-End-Bilder und schlankheitsidealisierende Gesellschaftsnormen endlich hinter sich lässt.

Film: „Zitterinchen“ (BRD, 2022, R: Luise Brinkmann). Ist auf DVD erschienen.

TV-Sendetermin: „Zitterinchen“, 25.12.2022 (1. Weihnachtstag), Das Erste, 14.40 Uhr

Drehorte:

  • Botanischer Garten Jena, Fürstengraben 26, 07743 Jena
  • Dornburger Schlösser, Max-Krehan-Straße 5, 07774 Dornburg/Saale
  • Orangerie Belvedere, Schloss Belvedere, 99425 Weimar
  • Schloss Crossen, Schlossberg 3, 07613 Crossen a. d. Elster

Verwendete Quellen:

  • Bechstein, Ludwig: Zitterinchen. In: Sämtliche Märchen. Vollständige Ausgabe der Märchen Bechsteins nach der Ausgabe letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Mit 187 Illustrationen von Ludwig Richter. Mannheim, 2011, S. 285–288.
  • Lack, H. Walter: Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas. München, 2009.
  • [o. A.]: Kinder und Tiere. In: Lexikon. Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz (abgerufen: 16.11.2022)


Headerfoto: Christine (Flora Li Thiemann, l.) und Alma (Annika Krüger) mit Zitterinchen (Resi) / Foto: MDR/HR/RB/Kinderfilm GmbH/Anke Neugebauer