Hervorgehobener Beitrag
"Die Geschichte vom kleinen Muck" (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © Icestorm

DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

ARD und ZDF produzieren neue Märchenfilme wie am Fließband. Doch den Zauber der DEFA-Märchen aus der untergegangenen DDR billigt man ihnen nur selten zu. Ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit einem Kulturerbe.

Das deutsche Märchenfilm-Genre boomt. Zumindest das Öffentlich-rechtliche. So produzierte die ARD zwischen 2008 und 2018 in ihrer Reihe „Sechs auf einen Streich“ 46 Märchenverfilmungen. Das ZDF brachte es seit 2005 mit seinen „Märchenperlen“ auf immerhin 17 Adaptionen.

Das Konzept der beiden Reihen ist ähnlich: Bekannte oder weniger vertraute Märchenvorlagen werden mit populären Schauspielern an pittoresken Drehorten – wie Schlössern, Burgen oder Freilichtmuseen – zeitgemäß, aber dennoch klassisch verfilmt.

Solide Einschaltquoten, attraktive Sendeplätze

Beide Sender sind stolz auf ‚ihre’ Märchen, weil sie „zu den erfolgreichsten Formaten [zählen], die das Kinderfernsehen hierzulande in den letzten Jahren produziert hat“ (Götz/Innermann 2016, S. 26).

"Das Märchen von der Regentrude" (D 2018): Maren (Janina Fautz) weckt die Trude (Ina Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden

„Das Märchen von der Regentrude“ (D 2018): Maren (J. Fautz) weckt die Trude (I. Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden


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Erfolg meint hier vor allem solide Einschaltquoten auf attraktiven Sendeplätzen. So knackt das „Sonntagsmärchen“ (12 Uhr) auf dem von ARD und ZDF betriebenen Fernsehkanal KiKA regelmäßig die Millionenmarke. Und auch die TV-Premieren der öffentlich-rechtlichen Märchenfilme an den Weihnachtsfeiertagen kommen gut an: „Das Märchen von der Regentrude“ (ARD, 25.12.2018, 14.50 Uhr) schalteten 2,54 Millionen Zuschauer ein.

Pro und Contra: ARD- und ZDF-Märchenfilme

Doch ebenso regelmäßig wie ARD und ZDF neue Märchenfilme starten, mehren sich kritische Stimmen. Einige sind von den modernen Produktionen schlichtweg enttäuscht. Diskutiert wird darüber zumeist in Internet-Fanforen und sozialen Netzwerken. Dort senken oder heben die Follower den Daumen, wenn es um Neuverfilmungen geht – und sind pro oder contra:

„Ich finde alle neu verfilmten Märchen fürchterlich. Die Neuverfilmung der alten Defa-Märchen hätte man sich meiner Meinung nach sparen können.“ (Astrid Ihmels auf facebook.com/maerchenfilm)

„Ich finde vor allem die ‚6 auf einen Streich’-Filme gut, mit den alten Defa-Filmen tu ich mich schwer, die sind mir zu antiquiert und erinnern mich unangenehm an meine 50er-Jahre-Kindheit.“ (Gudrunmarie Schecker auf facebook.com/maerchenfilm)

„Nein – Märchen müssen alt sein. Modern geht gar nicht! Schon schlimm genug, dass die deutschen Theater die ‚Weihnachtsmärchen’ nur noch modern inszenieren. Da will man es als Film wenigstens noch alt und klassisch sehen.“ (Mirco Heidorn auf facebook.com/maerchenfilm)

Früher war alles besser: die DEFA-Märchenfilme

Der Tenor von einem Teil des Märchenfilm-Publikums: Früher war alles besser. Gemeint sind oftmals die DEFA-Märchenfilme, die zwischen 1949 und 1990 in der DDR entstanden. Besonders die Produktionen aus den 1950er-Jahren mit „Das kalte Herz“ (1950), „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) und „Das singende, klingende Bäumchen“ (1957) gelten als nationales Kulturgut – das es zu ‚schützen’ gilt.

"Das singende, klingende Bäumchen" (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR

„Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR


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Hinter den sieben sächsischen Bergen: Schneewittchen (DDR 1961)
Zwei ungleiche Frauen: Schneewittchen (DDR 1961)

Rick Krawetzke aus dem thüringischen Zeulenroda betreibt seit 2012 seine „Märchenfilm“-Facebookseite. Er verfolgt die Diskussion seit vielen Jahren. Ihn stört vor allem, dass die Neuverfilmungen an den DDR-Märchenfilmen gemessen werden. Letztere gelten für viele Zuschauer als ‚Originale’.

Krawetzke sieht das anders: „Was heißt ‚Original’? Für mich gibt’s kein ‚Original’. ‚Original’ ist das was im Buch steht“, sagt er Maerchen-im-Film.de. Vielmehr sind die ARD- und ZDF-Märchen für ihn Neuverfilmungen, die andere Akzente setzen und eine Chance verdienen.

„Theateraufführungen im Freilichtmuseum“

Auf die Frage, was das Publikum an den öffentlich-rechtlichen Adaptionen vermisst, könnte Christine Lötscher eine Antwort geben. Die Schweizer Filmkritikerin hat sich die Märchenfilme von ARD und ZDF genauer angesehen. Ihr Eindruck:

Die Neuverfilmungen haben „über weite Strecken den Charme von aufgezeichneten Theateraufführungen im Freilichtmuseum.“ Und: „Sie orientieren sich an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme […] Allerdings gelingt es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren […]“ (Lötscher 2017, S. 310).

"Das singende, klingende Bäumchen" (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

„Das singende, klingende Bäumchen“ (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Lötscher vermisst eine „Poetik“ der Inszenierung, also die Kunst, mit Hilfe filmischer Möglichkeiten wie Ausstattung, Schnitt oder Musik, das Publikum mitzureißen. Jenen Zauber in der Inszenierung sieht sie nun gerade bei den Disney-Realmärchenfilmen wie „Die Schöne und das Biest“ (USA 2017) oder „Cinderella“ (USA 2015).

Ein Bruchteil von dem, was Disney hat

Beide sind ohne Frage perfekt inszeniert – stehen aber im Gegensatz zu einem deutschen Märchenfilm-Genre, das sich erstens einer anderen kulturellen Tradition verpflichtet sieht und zweitens mit deutlich weniger Geld auskommen muss. „Cinderella“ kostete knapp 90 Millionen US-Dollar, „Die Schöne und das Biest“ sogar das Doppelte (185 Millionen).

"Der süße Brei" (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH

„Der süße Brei“ (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH


Zum Vergleich: Die ARD gibt den durchschnittlichen Minutenpreis ihrer Märchenfilme mit 20.870 Euro an (Stand: August 2017). Bei 60 Minuten Filmlänge wären das zirka 1,3 Millionen Euro. Das ZDF hat seinen letzten Märchenfilm „Der süße Brei“ (2018) zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert. Kostenpunkt: 1,7 Millionen Euro. Das ist ein Bruchteil von dem, was Disney zur Verfügung hat.

Aber: Ist der Charme oder der Zauber eines Märchenfilms wirklich vom Geld abhängig? Ja und nein. Ja, weil die Inszenierung von märchenhaften Räumen, in denen sich die Figuren bewegen, nicht immer aber oftmals die Kosten in die Höhe treibt.

Alles wirkt wie in einer Natur-Dokumentation

Ein Beispiel: In „Das Märchen von der Regentrude“ (2018), nach einer Geschichte von Theodor Storm, stehen sich zwei Welten gegenüber: eine wirkliche Dorfszenerie und das fantastische Reich der Regentrude. Die ARD-Verfilmung inszeniert beide Orte – wohl auch aus Kostengründen – realistisch in der norddeutschen Tiefebene: karge Landschaften, die unter einer Dürre leiden. Damit geht zugleich ein Märchenzauber verloren. Alles wirkt wie in einer Natur-Doku.

"Die Regentrude" (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR


Eine DDR-Verfilmung von 1976 („Die Regentrude“) baute das Reich der Titelfigur im Atelier künstlich nach, auch weil das DDR-Fernsehen als Auftraggeber finanziell immer aus dem Vollen schöpfen konnte:

„Vertrocknete Weidenwege, ausgedörrte Bachläufe, abgestorbene Pflanzen und totes Wassergetier stellen einen aus realen und phantastischen Elementen erwachsenen Landschafts- und Phantasieraum dar, der unter Studiobedingungen geschaffen wurde“ (Steinke 1990, S. 89).

Damit wurde gleichzeitig jene „Poetik“ erreicht, die das Publikum bei heutigen Märchenfilmen oftmals vermisst. Andererseits wäre es fatal, den Charme einer Verfilmung nur vom Geld abhängig zu machen. Das Zusammenspiel der filmischen Mittel und die Ideen der Filmemacher können, ja, sollten ein finanzielles Manko ausgleichen können.

DDR-Märchendramaturgie lebt bei ARD und ZDF weiter

Neben den Schwächen in der Inszenierung, also dem fehlenden Zauber, gibt es wiederum andere Stimmen, die die Nähe des öffentlich-rechtlichen Märchenfilms zur DDR-Märchendramaturgie geißeln. Für Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim Hessischen Rundfunk (HR) und ZDF, orientiert sich der heutige ARD- und ZDF-Märchenfilm zu sehr an DDR-Produktionen:

„Deshalb sind Könige, Tyrannen und Anführer aller Art, also ‚die da oben’, immer böse Trottel, während ‚die da unten’, also Bettler, Bauern und Wandersleut’, stets die Sympathieträger sind. […] Ich halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen“ (Gangloff 2017).

Freilich spitzten die DDR-Filmemacher den bereits bei den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff enthaltenen ‚Klassenkampf’ zu. Dabei zählten die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen zu den Bösen. Märchenfilme im Arbeiter-und-Bauern-Staat galten als Vehikel, eine sozialistische Weltanschauung zu transportieren. Schon die Kleinsten sollten auf Linie getrimmt werden.

Es gibt auch Unterschiede zum DDR-Märchenfilm

Doch ist der öffentlich-rechtliche Märchenfilm wirklich genauso einseitig? Ein Blick auf die Figurenkonstellation der ARD- und ZDF-Märchenfilme zeigt ein differenziertes Bild.

Ein ARD-Beispiel: „Das tapfere Schneiderlein“ (2008) erzählt von einem Burschen, der zwei Riesen besiegt und das Herz einer Königstochter erobert. Anders als in der Grimm’schen Vorlage und in einem DEFA-Märchenfilm von 1956, in der der König und die Prinzessin alles daran setzen, das Schneiderlein loszuwerden, stellt ihnen die ARD-Verfilmung einen bösen Minister an die Seite. Er intrigiert gegen das Schneiderlein. König, Prinzessin und Hofstaat sind dem Schneiderlein wohlgesonnen.

"Das tapfere Schneiderlein" (D 2008): Guter König (Axel Milberg), böser Minister (Dirk Martens) / © NDR/Susanne Dittmann

„Das tapfere Schneiderlein“ (D 2008): Guter König (A. Milberg), böser Minister (D. Martens) / © NDR/Susanne Dittmann


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ZDF-Märchenfilm (1989): Ein westdeutsches Aschenputtel verliert seinen Schuh in der DDR

Mitte der 1980er-Jahre war Göhlen an der Konzeption von zehn Märchen beteiligt, die das ZDF in europäischen Koproduktionen verfilmte. Dazu zählten „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR 1984) und „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT 1985). Im Gegensatz zu den DEFA-Märchenfilmen sind diese stilistisch und erzählerisch interessanten Produktionen ein wenig in Vergessenheit geraten.

Ein Grund: Sie entstanden in einer Zeit, in der Fantasyfilme wie „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES 1984) das Märchenfilm-Genre vorerst verdrängten – in West und Ost.

DDR-Märchenfilme ein Stück weit identitätsstiftend

Im Rückblick haben die DDR-Märchenfilme die Jahrzehnte besser überdauert. Nicht nur, weil ihnen jener fantastische Zauber zugebilligt wird, sondern auch, weil sie heute für ehemalige DDR-Bürger ein Stück weit identitätsstiftend sind. Sie sind mit „Frau Holle“ (1963), „König Drosselbart“ (1965) oder „Dornröschen“ (1971) aufgewachsen. Diese Märchenfilme sind ein fester Bestandteil ihrer Kindheit und Jugend – und gehören zu ihrer eigenen (Lebens-)Geschichte.

"Frau Holle" (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR

„Frau Holle“ (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR


Denn: Die meisten DDR-Bürger finden sich in der offiziellen Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands nicht wieder. Diese reduziert das Leben in der DDR auf Unterdrückung in einem SED-Unrechtsstaat. Punkt. Ihre Ost-Biografien werden damit auch ‚entwertet’.

„DDR-Märchenfilme neu erzählen“

Der Historiker Karsten Krampitz hat in seinem Aufsatz „DDR neu erzählen“ dafür plädiert, einen neuen Blick auf die DDR zu werfen, „ohne sie zu dämonisieren, aber auch ohne sie zu verklären.“ (Krampitz 2018). Was kann das für den DDR-Märchenfilm heißen?

Einerseits sollte er nicht verteufelt werden, nur weil er in einer Diktatur entstanden ist. Andererseits ist eine unkritische Glorifizierung und Überhöhung fehl am Platz, eben weil er in einer Diktatur entstanden ist. Beides ist in einer historisch-kritischen Aufarbeitung des DDR-Märchenfilms zu berücksichtigen. Oder einfacher gesagt: neu zu erzählen.

Filme: (in Reihenfolge der Nennung)

  • „Das Märchen von der Regentrude“ (BRD, 2018, R: Klaus Knoesel)
  • „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, R: Paul Verhoeven)
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR, 1957, R: Francesco Stefani)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (BRD, 2016, R: Wolfgang Eißler)
  • „Die Schöne und das Biest“ (USA, 2017, R: Bill Condon)
  • „Cinderella“ (USA, 2015, R: Kenneth Branagh)
  • „Der süße Brei“ (BRD, 2018, R: Frank Stoye)
  • „Die Regentrude“ (DDR, 1976, R: Ursula Schmenger)
  • „Das tapfere Schneiderlein“ (BRD, 2008, R: Christian Theede)
  • „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR, 1984, R: Miloslav Luther)
  • „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT, 1985, R: Juraj Jakubisko)
  • „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES, 1984, R: Wolfgang Petersen)
  • „Frau Holle“ (DDR, 1963, R: Gottfried Kolditz)
  • „König Drosselbart“ (DDR, 1965, R: Walter Beck)
  • „Dornröschen“ (DDR, 1971, R: Walter Beck)

Verwendete Quellen:


Headerfoto: „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © MDR

Dieser Artikel wurde am 4. August 2019 aktualisiert.

Headerfoto: „Das kalte Herz“ (DDR 1950): Holländer-Michel (Erwin Geschonneck) bedrängt Peter (Lutz Moik) / Foto: Progress

Das kalte Herz (DDR 1950). Eine Spurensuche zur Geschichte des Märchenfilms

Der DEFA-Klassiker „Das kalte Herz“ wird vor 70 Jahren – am 8. Dezember 1950 – uraufgeführt. Auch die Ufa plant 1944 eine Verfilmung des Märchens von Wilhelm Hauff. Und lässt das Drehbuch am Handlungsort entstehen: dem Schwarzwald.

Obwohl der schwäbische Dichter Wilhelm Hauff nur 25 Jahre alt wird, gelten seine Kunstmärchen als die populärsten der Romantik: „Zwerg Nase“, „Die Geschichte von dem kleinen Muck“ oder „Die Geschichte vom falschen Prinzen“ wetteifern schon bei ihrer Veröffentlichung Ende der 1820er-Jahre mit den Grimm’schen Volksmärchen um die Gunst des Lesepublikums – mit Erfolg. Diese Popularität ist bis heute ungebrochen.

Ein Grund: sein Erzählstil. Im Gegensatz zu den holzschnittartigen Grimm’schen Märchenfiguren schafft Hauff individuelle Charaktere. Deren Beschreibungen, und das Ausmalen von Situationen, in denen sie sich bewähren müssen, entsprechen „zum Teil konkreten Regieanweisungen“ (Schmitt 1993, S. 47). Genau das fasziniert Drehbuchautoren bereits in den Anfangsjahren der Kinematografie.

Auch deshalb wird beispielsweise Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ schon früh als Stummfilm fürs Kino adaptiert. Die Geschichte um den Köhler Peter Munk, der sein Herz hingibt für den Reichtum, den ihm der Holländer-Michel bietet, beschäftigt Mitte der 1940er-Jahre auch den von den Nazis gleichgeschalteten deutschen Film wie die Universum-Film AG (Ufa).

Ufa plant 1944 „Das kalte Herz“ als Märchenfilm

Als die Ufa im Winter 1942/43 ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, wird am 3. März 1943 der märchenhaft-fantastische Film „Münchhausen“ (R: Josef von Baky) uraufgeführt. Die Adaption gilt bis heute nicht nur wegen den aufwändigen Trickaufnahmen, sondern auch wegen ihrer Schwindel erregenden Ausstattung – allein für mehr als 800 Statisten werden historische Kostüme geschneidert – zu einem Klassiker des Genres.

Doch die filmische Märchenwelt steht damals im harten Kontrast zur Wirklichkeit: Zur gleichen Zeit kapituliert in Stalingrad die eingeschlossene 6. Armee unter General Paulus. Das Menetekel für den Untergang.

Münchhausen (D 1943): Hans Albers spielt im Fantasy-Spektakel die Titelrolle / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF

Münchhausen (D 1943): Hans Albers spielt im Fantasy-Spektakel die Titelrolle / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF


Als sich im Sommer 1944 die Lage an den Fronten zuspitzt, plant die sogenannte Ufa-Filmkunst GmbH – Rechtsnachfolger der von den Nazis verstaatlichten Ufa – eine Neuverfilmung des Hauff’schen Märchens „Das kalte Herz“. Hans Neumann soll das Drehbuch schreiben. Das scheint eine gute Wahl, denn Neumann kennt sich im fantastischen Fach aus.

In den 1910er-Jahren führt er in den märchenhaften Stummfilmen „Aladdins Wunderlampe“ und „Nixenzauber“ (beide D 1918) Regie. Ein paar Jahre später schreibt er das Drehbuch für die deutsche Shakespeare-Adaption „Ein Sommernachtstraum“ (D 1925), die er gleichzeitig in Szene setzt. Nun will Neumann „Das kalte Herz“ wieder zum Leben erwecken.

Drehbuch soll am Handlungsort im Schwarzwald entstehen

Ende August 1944 möchte er mit dem Manuskript beginnen. Neumann befindet sich zu diesem Zeitpunkt genau dort, wo ein Großteil des Märchens spielt: im Schwarzwald. Zusammen mit dem bekannten Schauspieler und Regisseur Wolfgang Liebeneiner hat er vereinbart, „Das kalte Herz“ am besten vor Ort zu schreiben, „da Lokalkolorit, Volkslieder usw. hier eine große Rolle spielen“ (Neumann 1944).

Liebeneiner, der unter den NS-Filmfunktionären als „widerstrebender Mitläufer“ (Kreimeier 1992, S. 404) gilt, ist seit 1942 Produktionschef der Ufa und unterstützt das Vorhaben. In seiner zweijährigen Amtszeit gibt er einigen jungen Regisseuren die Chance, ihren ersten langen Spielfilm zu drehen. An wen er bei „Das kalte Herz“ denkt, ist nicht überliefert. Einzig belegt ist, dass der versierte Neumann das fertige Drehbuch innerhalb von zwei Monaten abliefern soll.

Haus Roseneck (um 1940): Hier soll Hans Neumann das Drehbuch verfasst haben / Quelle: Privat

Haus Roseneck (um 1940): Hier soll Hans Neumann das Drehbuch verfasst haben / Quelle: Privat


Als sich der Autor im August 1944 im Hotel „Haus Roseneck“ in Badenweiler/Schwarzwald einquartiert, um das Drehbuch zu beginnen, erhält er allerdings schlechte Nachrichten aus Berlin. Neumanns postalische Bitte, die Ufa solle ihm für zwei Monate eine Sekretärin nach Badenweiler schicken, die das Manuskript für ihn abtippt, wird abgelehnt.

Die Babelsberger Filmstudios können zu diesem Zeitpunkt nur noch Mitarbeiter für die Rüstung oder – wenn es sich um wehrfähige Männer handelt – für die Wehrmacht freistellen. Neumann ist verärgert, will trotzdem mit dem Schreiben beginnen. Danach verliert sich die Spur vom „Kalten Herzen“.

Wie hätte ein NS-Märchenfilm „Das kalte Herz“ ausgesehen?

Obwohl der Märchenfilm bis zum Ende des „Dritten Reichs“ nicht mehr produziert wird, stellt sich die Frage, welche Richtung „Das kalte Herz“ genommen hätte. Dachte man an ein opulentes Fantasy-Abenteuer wie „Münchhausen“ oder eher an die moralisierend-düstere Adaption eines romantischen Stoffes wie „Der Student von Prag“ (D, 1935, R: Arthur Robison)? Wilhelm Hauff rückt in der Geschichte um den Köhler Peter Munk „die Gefährdung des Menschen unter dem Einfluss frühkapitalistischer Entwicklungen“ (Freund 2005, S. 53) in den Mittelpunkt.

Denkbar wäre deshalb in einer NS-Adaption gewesen – in Anlehnung an ähnliche Märchenfilmprojekte, wie „Hans im Glück“ (D, 1936, R: Robert Herlth, Walter Röhrig) –, dass eine positiv gezeichnete vorindustrielle und offenbar märchenhafte bäuerliche Lebenswelt ausgemalt wird. „Das kalte Herz“ hätte sich damit auch im Fahrwasser der NS-Propaganda bewegen können, im Sinne einer Blut-und-Boden-Ideologie.

Hans im Glück (D 1936): Die Titelfigur (Erwin Linder) hat ein Schwein gegen eine Gans getauscht / Quelle: VZ Medien

Hans im Glück (D 1936): Die Titelfigur (Erwin Linder) hat ein Schwein gegen eine Gans getauscht / Quelle: VZ Medien


Doch bewegt man sich hier gleichermaßen im Fahrwasser von Spekulationen. Fertige Drehbuchseiten, die Hans Neumann wohl im Spätsommer und Herbst 1944 zu Papier bringt, könnten Aufschluss geben. Bislang sind keine in Privat- oder öffentlichen Archiven gefunden worden. Und so bleibt alles mehr oder weniger im Vagen.

DEFA-Verfilmung wird am 8. Dezember 1950 uraufgeführt

Gesichert ist dagegen, dass nach 1945 ein früherer NS-Dramaturg und -Drehbuchautor „Das kalte Herz“ wieder ins Gespräch bringt. Es ist Wolff von Gordon. Seit 1944 ist er bei der Terra-Filmkunst GmbH angestellt. Einer seiner Filme, „Der verzauberte Tag“ (D, 1944, R: Peter Pewas), wird noch von der NS-Filmzensur verboten. Der emanzipatorische Liebesfilm kommt bei den Filmfunktionären gar nicht gut an.

Der verzauberte Tag (D 1944): Winnie Markus und Hans Stüwe spielen die Hauptrollen / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF

Der verzauberte Tag (D 1944): Winnie Markus und Hans Stüwe spielen die Hauptrollen / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF


Nach dem Krieg, im November 1948, schlägt von Gordon der Deutsche Filmkunst AG (DEFA) die Adaption des Märchens „Das kalte Herz“ vor. Das Filmstudio ist erst 1946 gegründet worden, allerdings in der sowjetischen Besatzungszone. Er wolle „den Versuch machen, […] dieses Märchen für unsere Zeit in eine Film-Erzählung zu bringen“ (Giera 2002).

Der Vorschlag trifft auf Zustimmung. Schon 1949 findet sich das Märchenfilm-Projekt im sogenannten „Thematischen Plan des Studios“ als eine Geschichte „über den Segen der Arbeit und den Fluch des Geldes“ (ebd.). Wenig später beginnt von Gordon mit dem Drehbuch zum ersten DEFA-Märchenfilm. Regie führt Paul Verhoeven. Am 8. Dezember 1950 hat „Das kalte Herz“ im Ost-Berliner Kino „Babylon“ Premiere.

„Was muss ich tun, damit sie mich wieder lieben?“

Von Gordon adaptiert das Hauff’sche Märchen „für unsere Zeit“ – das Nachkriegs-Deutschland Ende der 1940er-Jahre. Wenn er in der Figur des Peter Munk die Frage nach „Verstrickung und Schuld“ (ebd.) aufwirft, deckt sich diese mit der im Märchen bereits enthaltenen Kernaussage vom „irregeleiteten Wünschen“ (Freund 2005, S. 136). Die Adaption bleibt zugleich nah an der Vorlage, erinnert darüber hinaus aber auch an die (deutsche) Vergangenheit und Gegenwart.

Das kalte Herz (DDR 1950): Das Glasmännlein (Paul Bildt) erfüllt Peter (Lutz Moik) drei Wünsche / © Progress

Das kalte Herz (DDR 1950): Das Glasmännlein (Paul Bildt) erfüllt Peter (Lutz Moik) drei Wünsche / © Progress


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Märchenhafte Drehorte: Wo das kalte Herz schlägt

Die DEFA bringt damit zu Ende, was schon die Ufa beschäftigte, aber nicht mehr abschließen konnte. Und: Als der geläuterte Peter am Schluss verzweifelt das Glasmännlein fragt: „Was muss ich tun, damit sie mich wieder lieben?“ lautet die überraschende Antwort der Helferfigur: „Steh auf! Beginne!“ – fast schon ein Leitsatz für den ehemals „irregeleiteten“ und jetzt nach vorn schauenden Deutschen. Die Ufa hätte sich das 1944 nicht getraut.

Film: „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, Regie: Paul Verhoeven). Ist auf VHS und DVD erschienen.

Drehorte:

  • Lauchagrund (in der Umgebung), 99891 Tabarz
  • Marienglashöhle (in der Umgebung), 99894 Friedrichroda
  • VEB DEFA Studio für Spielfilme, 1502 Potsdam-Babelsberg, August-Bebel-Straße 26–53

Verwendete Quellen:

  • Freund, Wilfried: Märchen. Köln, 2005
  • Giera, Joachim: Wilhelm Hauff. Das kurze Leben und der lange Ruhm. Ein Beitrag zum 200. Geburtstag. In: Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz, Nr. 90-2/2002 (abgerufen: 30.9.2020)
  • Kreimeier, Klaus: Die Ufa-Story. Geschichte eines Filmkonzerns. München/Wien, 1992
  • Neumann, Hans: Briefe vom 30.8.1944 und 6.9.1944 an Max Stüdemann. BArch 109 I 5151
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen: eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt am Main, 1993
  • Stüdemann, Max: Brief vom 1.9.1944 an Hans Neumann. BArch 109 I 5151


Headerfoto: „Das kalte Herz“ (DDR 1950): Holländer-Michel (Erwin Geschonneck) bedrängt Peter (Lutz Moik) / Foto: Progress