Hervorgehobener Beitrag
Der Wald in den Märchen der Brüder Grimm wird oftmals nur vage beschrieben. Im Märchenfilm zeigt er sich zwischen Postkartenidylle und archaischem Urwald / © Peter Habereder / Pixelio

„… in den wagte sich kein Mensch“: Der Wald im deutschen Märchenfilm (1924–1990)

Der Wald wird im Märchen oftmals nur vage beschrieben. Im deutschen Märchenfilm zeigt er sich zwischen Postkartenidylle und archaischem Urwald.

Was wäre das Märchen ohne den Wald? Hier verirren sich Hänsel und Gretel, Rotkäppchen begegnet dem bösen Wolf und Schneewittchen entdeckt das Haus der sieben Zwerge. Der Wald ist somit als erzählerische Naturkulisse bestimmend für die Struktur des Märchens und zudem ein wichtiges Bindeglied zwischen den Handlungssequenzen.

Doch obwohl der Wald „in knapp der Hälfte der […] 200 Märchen […] der Brüder Grimm“ (Palm) eine wichtige Rolle spielt, wird er oftmals nur vage beschrieben: Einmal liegt er da „in tiefer Stille und Einsamkeit“, so wie im Grimm’schen „Der Eisenhans“. Ein anderes Mal spazieren die Titelfiguren aus „Jorinde und Joringel“, ebenso von den Grimms, nur „in einem großen dicken Wald“.

"Hänsel und Gretel": Der Genremaler Alexander Zick (1845–1907) illustrierte das Grimm’sche Märchen im Jugendstil.

„Hänsel und Gretel“: Der Genremaler Alexander Zick (1845–1907) illustrierte das Grimm’sche Märchen im Jugendstil.


Groß. Still. Oder einsam. Die Aufzählung ließe sich mit „düster“, „gefährlich“ oder „unheimlich“ leicht fortsetzen. Das Grimm’sche Volksmärchen malt somit „kein detailliertes Bild des Waldes“ (Ennulat). Die Kunstmärchen – vor allem des schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff – beschreiben den Wald präziser: In „Das kalte Herz“ wird mit dem Schwarzwald das Märchen nicht nur lokalisiert, der Wald mit seinen „herrlich aufgeschossenen Tannen“ wird vor den Augen des Lesers geradezu lebendig.

Der Wald prägt die Atmosphäre des Märchenfilms

Werden Märchenvorlagen verfilmt, so kommt dem Wald als Handlungsort und Teil der Ausstattung (Setting) keine unbedeutende Rolle zu: Figuren entfalten vor diesem Hintergrund ihren Charakter; sie werden als ängstlich oder mutig wahrgenommen. Die Darstellung des Waldes prägt auch die Atmosphäre des Märchenfilms: So kann ein düsterer Wald beim Publikum eine bedrückende oder bedrohliche Stimmung auslösen. Eine sonnenbeschienene Waldlichtung kann als (vermeintlich) ungefährlich empfunden werden.

"Schneeweißchen und Rosenrot" (1955): Zahme Wildtiere gelten als Sinnbild eines friedlichen Waldes / © Studiocanal

„Schneeweißchen und Rosenrot“ (1955): Zahme Wildtiere gelten als Sinnbild eines friedlichen Waldes / © Studiocanal


Nicht zuletzt ist es möglich, dass „das Setting und seine Ausstattungselemente symbolischen Charakter annehmen“ (Bienk): Positiv besetzte Tiere, wie Eichhörnchen oder Reh, können als filmische Sinnbilder für einen friedlichen Wald gelten. Blumen (oder deren Farbe), die auf einer Waldlichtung blühen, können Seelenzustände der Märchenfiguren symbolisieren: Eine weiße Blüte kann für Unschuld und Reinheit stehen, aber auch für Abschied oder den Tod.

1920er-Jahre: Der Wald im Märchenstummfilm bleibt zumeist Staffage

Und doch: In vielen deutschen Märchenfilmen des 20. Jahrhunderts wird der Wald meist nur als dekorative Kulisse und schmückender Hintergrund genutzt. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Kein Märchenfilm, aber ein Heldenepos mit märchenhafter Ausstattung – „Die Nibelungen“ (D, 1922/24, R: Fritz Lang) – überrascht mit einem stilisierten Zauberwald. Obwohl im Atelier mit Gipsstämmen entstanden, steigert die künstliche Waldkulisse die (wenn auch heroisch-einschüchternde) Stimmung des Films.

"Die Nibelungen" (1924): Siegfried von Xanten im stilisierten Zauberwald mit Gipsstämmen / © Universum Film GmbH

„Die Nibelungen“ (1924): Siegfried von Xanten im stilisierten Zauberwald mit Gipsstämmen / © Universum Film GmbH


Die Märchenfilmproduktion für Kinder geht Ende der 1920er-Jahre den entgegensetzten Weg und inszeniert am ‚Originalschauplatz’: im Naturwald. Dort fallen für ein armes Waisenkind „Die Sterntaler“ vom Himmel und „Brüderchen und Schwesterchen“ (beide D, 1929, R: Alf Zengerling) fliehen vor ihrer bösen Stiefmutter. Der Wald steckt im Märchenstummfilm noch nicht tief in einer Nebenrolle und bleibt zumeist Staffage.

1930er- und 1940er-Jahre: Wölfe, Hasen und tanzende Elfen im Wald

Als 1935 der erste deutsche Märchentonfilm „Der gestiefelte Kater“ (D, 1935 R: Alf Zengerling) seine Premiere feiert, bleibt erst einmal alles beim Alten. Zwei Jahre später überrascht der Regisseur Fritz Genschow mit seiner modernen Adaption „Rotkäppchen und der Wolf“ (D, 1937, R: Fritz Genschow, Reneé Stobrawa): Der Wald wird nicht nur mit Gefahren (Wolf) assoziiert, sondern auch mit teils mystischen Vorgängen, die den Ort als ambivalent erscheinen lassen.

"Das tapfere Schneiderlein" (1941): Auch im Atelierwald lauern viele Gefahren / © Spondo

„Das tapfere Schneiderlein“ (1941): Auch im Atelierwald lauern viele Gefahren / © Spondo


So trifft Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter Elfenkinder, die auf einer Lichtung tanzen und als Phantasma plötzlich wieder verschwinden. Oder der Zuschauer sieht Hasen und Rehe – als positiv besetzte Tiere –, die Rotkäppchen pittoresk beim Blumen pflücken umlagern. Dreht Genschow die Außenaufnahmen für „Rotkäppchen und der Wolf“ im Harz, so lassen andere Produzenten in den 1930er- und 1940er-Jahren den Märchenwald in Filmstudios nachbauen.

1950: „Das kalte Herz“ zwischen Natur- und Studiokulisse

Auf ein Zusammenspiel von Natur- und Atelierwald setzt dagegen der DEFA-Spielfilm „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, R: Paul Verhoeven): Der Film erzählt die Geschichte des Köhlers Peter Munk, der sein echtes Herz gegen ein steinernes kaltes tauscht. Zwar entstehen die Außenaufnahmen für die Adaption des Kunstmärchens nicht im Schwarzwald, sondern am Nordhang des Thüringer Waldes, doch ist es gerade die Kombination von Natur- und Studiokulisse, mit dem der Film stilistisch Maßstäbe setzt:

"Das kalte Herz" (1950): Golden glänzt der Studiowald, als das gute Glasmännlein erscheint / © Progress/Erich Kilian

„Das kalte Herz“ (1950): Golden glänzt der Studiowald, als das gute Glasmännlein erscheint / © Progress/Erich Kilian


Im Atelierwald werden trickreich Bäume zum Leben erweckt und morsche Äste verwandeln sich plötzlich in Tiere. Der Studiowald ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern ein lebendiger Ort voll von Zauberei, in dem gute und böse Gestalten leben – und in dem diese ihr ebenso gutes und böses Spiel treiben. Auch wenn sich „sentimentale Heimatfilmbilder“ (Klusen) in der Darstellung des Naturwaldes einschleichen, so wirken diese Einstellungen – als Gegensatz zum Atelierwald – als visuelle Ruhephasen.

1950er- und 1960er-Jahre: Heimatfilmästhetik vs. Atelierwald

Als der Heimatfilm in den 1950er-Jahren die westdeutsche Leinwand erobert, beeinflusst das auch den BRD-Märchenfilm. Werden in Streifen wie „Grün ist die Heide“ (BRD, 1951, R: Hans Deppe) „blendend schöne, farbintensive Bilder“ (Plath) von der Landschaft – und auch des Waldes – gezeigt, so gehen Märchenfilme wie „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 1955, R: Erich Kobler) oder „Rotkäppchen“ (BRD, 1953, R: Fritz Genschow) stilistisch denselben Weg: der Märchenwald in stets gleißendem Sonnenlicht als harmlos wirkende Postkartenidylle.

"Rotkäppchen" (1953): Rehe beobachten die Titelfigur beim Blumen pflücken / © CROCO Filmverleih & Vertrieb GmbH

„Rotkäppchen“ (1953): Rehe beobachten die Titelfigur beim Blumen pflücken / © CROCO Filmverleih & Vertrieb GmbH


Im DDR-Märchenfilm erlebt der Atelierwald Anfang der 1960er-Jahre eine Renaissance wie in „Das Zaubermännchen“ (DDR, 1960, R: Christoph Engel), „Schneewittchen“ (DDR, 1961, R: Gottfried Kolditz), „Rotkäppchen“ (DDR, 1962, R: Götz Friedrich) und „Die goldene Gans“ (DDR, 1964, R: Siegfried Hartmann). Auch wenn der Wald hier ein Ort der märchenhaften Selbstfindung von Figuren ist, die eintönige Baum- und Strauchszenerie sieht sich offenbar immer denselben Farb- und Lichtprinzipien verpflichtet.

Mit einer Ausnahme: In „König Drosselbart“ (DDR, 1965, R: Walter Beck) überraschen die Szenenbildner Erich Krüllke und Werner Pieske mit stilisierter, nüchtern-authentischer Waldkulisse, die den Fokus auf die Akteure lenkt.

1970er- und 1980er-Jahre: Der Wald wird im Märchenfilm funktionalisiert

In den BRD- und DDR-Produktionen der späten 1970er-Jahre und 1980er-Jahre ändern sich die Gestaltungsprinzipien: Wald wird wieder am ‚Originalschauplatz’ gedreht. Und er wird bildlich als „ein jenseitiger Ort [dargestellt], ein Tor zur Anderswelt (Zauberwald), wo die Regeln des Alltags aufgehoben sind und die Seelenkräfte herrschen“ (von Bonin). In „Jorinde und Joringel“ (DDR, 1986, R: Wolfgang Hübner) wechselt sich ein sonnenbeschienener archaischer Urwald mit einerseits todbringendem, andererseits schützendem Moor ab.

"Jorinde und Joringel" (1986): Der sonnenbeschienene Märchenwald symbolisiert den Sieg der Liebe / © Icestorm

„Jorinde und Joringel“ (1986): Der sonnenbeschienene Märchenwald symbolisiert den Sieg der Liebe / © Icestorm


Der Wald beherbergt Außenseiter der Gesellschaft, die hier eine Zuflucht gefunden haben: eine Zauberin, die Jorinde in eine Nachtigall verzaubert, um sie zu schützen. Oder die Titelfigur in „Der Eisenhans“ (DDR, 1988, R: Karl-Heinz Lotz) als ökologischer Schutzgeist des Waldes. Der Märchenfilm hat von dieser dramaturgischen und ästhetischen Neuorientierung profitiert – mit einem Wald, der funktionalisiert wird und seine Rolle als bloße schmückende Kulisse verliert.

Primärliteratur:

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980.
  • Hauff, Wilhelm: Sämtliche Märchen. Mit den Illustrationen der Erstdrucke. Hrsg. von Hans-Heino Ewers. Stuttgart, 2002.

Sekundärliteratur:

  • Bienk, Alice: Filmsprache. Einführung in die interaktive Filmanalyse. Marburg, 2006.
  • Bonin, Felix von: Wörterbuch der Märchen-Symbolik. Ahlerstedt, 2009.
  • Ennulat, Gertrud: Der Wald im Märchen, in: Märchenspiegel, Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenkunde, April 1995.
  • Klusen, Karl: Das kalte Herz, in: Film-Dienst, Nr. 14, 1985.
  • Palm, Reinhard: Was wären Märchen ohne Wald? In: uni:view – die Online-Zeitung der Universität Wien (28.4.2011).
  • Plath, Nils: Verweilen im Bilderwald. Ansichten zu Bildern des deutschen Waldes im Film, in: Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald. Berlin, 2011.

Weiterführende Literatur:
Lippert, Karen: Der Wald im Märchen. In: Märchenatlas (ohne Datum).

Headerfoto: Der Wald in den Märchen der Brüder Grimm wird oftmals nur vage beschrieben. Im Märchenfilm zeigt er sich zwischen Postkartenidylle und archaischem Urwald / © Peter Habereder / Pixelio

Dieser Beitrag wurde am 1. März 2021 aktualisiert.

Märchenhafte Drehorte: Wo Schneeweißchen und Rosenrot zu Hause sind

Märchenhafte Drehorte: Wo Schneeweißchen und Rosenrot zu Hause sind

Die Geschichte über zwei Schwestern, einen sprechenden Bären und einen bösen Zwerg wird mehrfach verfilmt. Obgleich einige der Märchen komplett im Studio entstehen, drehen nicht wenige Regisseure auch an Außenschauplätzen. Das sind die Drehorte.

Märchen über Schwestern rücken zumeist ihre Unterschiede in den Vordergrund: Dabei ist „die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul“ (Grimm 1980, S. 150). Eines der bekanntesten ist „Frau Holle“. Freilich wird hier von Stiefschwestern erzählt, wobei die leibliche Tochter der Stiefmutter hofiert, die andere, nicht blutsverwandte Tochter zurückgesetzt wird.

Dennoch sind, wie auch im komplexeren „Aschenputtel“-Märchen mit zwei neidischen Stiefschwestern, gerade die gegensätzlichen Charaktere der Motor für den Verlauf dieser und anderer Geschichten.

Schneeweißchen und Rosenrot (1910): Lena Baurnfeind illustrierte es im Jugendstil / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Schneeweißchen und Rosenrot (1910): Lena Baurnfeind illustrierte es im Jugendstil / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


„Bilder inniger schwesterlicher Eintracht“ (Bottigheimer 2007, Sp. 424) im Märchen sind seltener. Doch gibt es sie. Das Grimm’sche „Schneeweißchen und Rosenrot“ gehört dazu. Beide leben mit ihrer Mutter im Wald. Zwar ist Schneeweißchen „stiller und sanfter als Rosenrot“, doch haben sie „einander so lieb“ (Grimm 1980, S. 278), dass sie sich nie verlassen wollen. Bei soviel schwesterlicher Biedermeier-Idylle, das Märchen entsteht zu dieser Zeit, kommt der Erzählimpuls von außen.

Ein sprechender Bär bittet die Kleinfamilie winters um Unterschlupf. Es ist ein Prinz, der von einem Zwerg verzaubert wurde. Als Meister Petz im Sommer die Drei wieder verlässt, treffen die Mädchen im Wald auf jenen Kobold. Sie helfen ihm mehrmals aus der Patsche, doch der findet nur undankbare Worte. Am Ende tötet der Bär den Zwerg. Gleichzeitig erhält der Prinz seine menschliche Gestalt und heiratet Schneeweißchen. Rosenrot wird mit seinem Bruder vermählt.

Filmstudio/Berlin: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1938) als Tonfilm

Obwohl im Märchen neben dem Wald auch Wiesen, Bäche und Höhlen die wichtigsten Handlungsorte sind, entsteht eine der ersten Adaptionen ausgerechnet im Atelier. Es ist zugleich der fünfte Märchen-Tonfilm, der im „Dritten Reich“ für ein Kinderpublikum produziert wird.

1938 dreht Alfred Stöger die Geschichte im Berliner Studio des Filmkonzerns Tobis: mit Atelierwald (Architekt: Paul Markwitz), Pappmaché-Kulissen und zwei Rosenbäumchen – nach denen Schneeweißchen und Rosenrot benannt sind. Zwischen ihnen picken echte Hühner, ein Lämmchen ‚grast’ auf dem Studioboden.

Schneeweißchen und Rosenrot (1939): Auch Paul Hey („Maler heiler Welten“) zeichnete es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Schneeweißchen und Rosenrot (1939): Auch Paul Hey („Maler heiler Welten“) zeichnete es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Und auch wenn die Ausstattung ein wenig kitschig anmutet: Diese frühe Adaption setzt dennoch Maßstäbe und ist wegweisend für spätere Verfilmungen. Denn im Gegensatz zur Vorlage wird dem Schwesternpaar gleich zu Beginn ein Brüderpaar gegenüber gestellt: Prinz Goldhaar (Werner Pledath) ist auf der Suche nach seinem Bruder Purpur (Dieter Horn), der vom Zwerg (Wilhelm Blase) in einen Bären verzaubert wurde.

Goldhaar trifft dabei die Schwestern – und verliebt sich in Rosenrot (Anny Seitz). Auch der Bär (als Tierbräutigam) lernt die beiden Mädchen kennen – und favorisiert Schneeweißchen (Inge Landgut). Mit den damit einhergehenden zwei Liebesfabeln werden erzählerische Schwachstellen der Vorlage kompensiert. Eine Idee, die fast alle nachfolgenden Drehbuchschreiber aufgreifen und variieren.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (D, 1938, Regie: Alfred Stöger). Noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Es ist vermutlich das Tobis-Lignose-Atelier (vormals: Rex-Atelier) in Berlin-Wedding, Sellerstraße 35/Ecke Müllerstraße 182–183.

Schloss Neuschwanstein/Allgäu: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1955)

Erst 17 Jahre später wird das Märchen erneut verfilmt. Jetzt in Farbe. Allerdings dreht das Filmteam nicht nur im Atelier, sondern vor allem in der Natur: im bayerischen Allgäu. Konrad Lustig und Walter Öhmichen schreiben das Drehbuch, das sich auffällig an der 1938er-Version orientiert. Der Grund: Die Produktionsfirma Schongerfilm stellte bereits – unter anderem Namen (Naturfilm Hubert Schonger) – den NS-Märchenfilm her.

Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Die Witwe mit ihren beiden Töchtern bei der Hausarbeit / © Studiocanal

Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Die Witwe mit ihren beiden Töchtern bei der Hausarbeit / © Studiocanal


Das Autorenduo setzt nur wenige neue Akzente. So wird diesmal Prinz Goldhaar (Niels Clausnitzer) in einen Bären verwandelt und von seinem Bruder Rittersporn (Dieter Wieland) gesucht. Beide residieren auf Neuschwanstein – dem Märchenschloss Ludwigs II. –, das auch in „Schneewittchen“ (D 1955) als durchaus stimmige Filmkulisse zu sehen ist (Bauten: Günther Strupp).
Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Schloss Neuschwanstein ist einer der Drehorte / © Peter Habereder/pixelio.de

Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Schloss Neuschwanstein ist einer der Drehorte / © Peter Habereder/pixelio.de


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Märchenhafte Drehorte: Wo Schneewittchen und die sieben Zwerge wohnen

In beiden Märchenfilmen führt Erich Kobler Regie. Für „Schneeweißchen und Rosenrot“ hält er den Innenhof und die Schlossauffahrt mit der Kamera fest. Zudem verzichtet er nicht auf das Postkarten-Motiv, das sich jedem Touristen bietet, der das Schloss aus der Ferne sieht.

Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Die Szenerie erinnert an den westdeutschen Heimatfilm / © Studiocanal

Schneeweißchen und Rosenrot (1955): Die Szenerie erinnert an den westdeutschen Heimatfilm / © Studiocanal


Die Szenen im Wald, in denen Schneeweißchen (Rosemarie Seehofer) und Rosenrot (Ursula Herion) dreimal auf den bösen Zwerg (Richard Krüger) treffen, dreht das Filmteam in idyllisch-beschaulicher Flora und Fauna: Heimatfilm-Ästhetik pur im BRD-Märchenfilm der 1950er-Jahre.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 1955, Regie: Erich Kobler). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: u. a. Schloss Neuschwanstein, Neuschwansteinstraße 20, 87645 Schwangau

Hamburg/West-Berlin: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1953/1960)

Neben der Kinoverfilmung entstehen 1953 und 1960 in Westdeutschland bzw. West-Berlin zwei Märchenfernsehspiele. Das erste geht auf eine Produktion des Hamburger „Thalia-Theaters“ zurück. Am 25. Dezember 1953 zeigt der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) – ein Vorläufer des NDR – „Schneeweißchen und Rosenrot“ in der Regie von Freca-Renate Bortfeldt.

Schneeweißchen und Rosenrot (1953): Im "Thalia-Theater" entsteht eine Inszenierung / © Jan von Bröckel/pixelio.de

Schneeweißchen und Rosenrot (1953): Im „Thalia-Theater“ entsteht eine Inszenierung / © Jan von Bröckel/pixelio.de


Die Theaterregisseurin inszeniert zwischen 1949 und 1969 mehrere Märchen für Kinder, darunter „Aschenputtel (1949), „Der gestiefelte Kater“, „Schneewittchen“ (beide 1951), „Dornröschen“ (1952) und „König Drosselbart“ (1968). Doch nur „Schneeweißchen und Rosenrot“ wird vom Nord- und Westdeutschen Rundfunkverband (NWRV) aufgezeichnet und im TV gesendet.

Auch der West-Berliner Fritz Genschow produziert in den 1950er-Jahren Märchenfilme am laufenden Band: erst fürs Kino, dann fürs Fernsehen. Dazu gehört ebenso „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1960). Eines von insgesamt fünf 90-minütigen Märchen, die er von 1959 bis 1963 zumeist in zwei Teilen für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) abliefert.

Das in Schwarz-weiß gedrehte Märchen filmt Genschow im Sommer 1960, vermutlich in den drei West-Berliner Sektoren (Bauten: Günter Bensch). ARD-Premiere der zwei Folgen á 45 Minuten ist am 31. Juli sowie 3. August 1961.

Filme:

  • „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 1953, Regie: Freca-Renate Bortfeldt). Noch nicht auf VHS/ DVD erschienen.
  • „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 1960, Regie: Fritz Genschow). Noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte:

  • Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg
  • West-Berlin

Trautenstein/Harz: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1979) als DEFA-Film

Wird die Natur in der westdeutschen Kinoversion von 1955 mit gleißendem Sonnenlicht in einen nahezu paradiesischen Ort verwandelt, so setzt Regisseur Siegfried Hartmann im DDR-Märchenfilm auf eine völlig andere Licht-Dramaturgie: Täler, Wiesen und Wälder sind in verschleiernden Dunst gehüllt.

Schneeweißchen und Rosenrot (1979): Die Mädchen helfen dem bösen Zwerg dreimal / © Progress

Schneeweißchen und Rosenrot (1979): Die Mädchen helfen dem bösen Zwerg dreimal / © Progress


Die Natur wirkt geheimnisvoll, ist von trügerischer Stille geprägt – in der auch immer Gefahr lauert. Ein machtgieriger Berggeist (Hans-Peter Minetti) terrorisiert ein ganzes Tal unweit eines Stollens. Hier leben auch Schneeweißchen (Julie Jurištová) und Rosenrot (Katrin Martin).

Hartmann, der nicht nur Regie führt, sondern auch das Drehbuch schreibt, lässt ein Großteil dieser Szenen in der Nähe von Trautenstein im Harz drehen. Auch der untere sogenannte Schlossberg von Quedlinburg wird für Außenaufnahmen genutzt – und zwar für Marktszenen zu Beginn des Films.

Schneeweißchen und Rosenrot (1979): Schloss Wernigerode ist einer der Drehorte / © Luise/pixelio.de

Schneeweißchen und Rosenrot (1979): Schloss Wernigerode ist einer der Drehorte / © Luise/pixelio.de


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Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Interview mit Filmkomponist Peter Gotthardt

Hier verkauft das Schwesternpaar seine selbst hergestellten Waren an einem Stand. Und trifft erstmals die Prinzen-Brüder Michael (Pavel Trávniček) – bekannt aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973, ČSSR/DDR, R: Václav Vorlíček) – und Andreas (Bodo Wolf). Doch: Bevor die Doppelhochzeit auf Schloss Wernigerode stattfindet, müssen alle Vier noch einige Abenteuer bestehen.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (DDR, 1979, Regie: Siegfried Hartmann). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Marktplatz, 38855 Wernigerode
  • Schlossberg, 06484 Quedlinburg (Markt)
  • Schloss Wernigerode, Am Schloss 1, 38855 Wernigerode (Hochzeit)
  • 38899 Trautenstein

West-Berlin: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (1984) als Kinofilm

Zeitgleich mit den Neuverfilmungen einer ganzen Reihe von Märchen, die vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) ab 1981/82 produziert werden, entsteht in West-Berlin eine weitere Adaption des Märchens. Das Drehbuch geht, wie schon für die ARD-Produktion von 1960, auf Fritz Genschow zurück. Der Märchenfilm wird aber erst nach dessen Tod realisiert – offenbar fehlt das Geld.

1982 unterstützt unter anderem die Filmförderungsanstalt (FFA) die Pläne für eine Neuverfilmung. Die Arbeit kann im September 1982 beginnen. Werden alle Innenaufnahmen in den West-Berliner Ateliers der Fritz Genschow Film GmbH gedreht, so entstehen die Außenaufnahmen in den Wäldern der geteilten Stadt – allerdings nur in den drei westlichen Sektoren.

Schneeweißchen und Rosenrot (1984): Der Bär bittet um Unterschlupf / © Medienproduktion/Vertrieb Genschow

Schneeweißchen und Rosenrot (1984): Der Bär bittet um Unterschlupf / © Medienproduktion/Vertrieb Genschow


Wie auch in den vorherigen Adaptionen tritt dem Schwesternpaar Schneeweißchen (Marina Genschow) und Rosenrot (Madeleine Stolze) ein Brüderpaar gegenüber. Das wird von Hartwig Rudolz (Prinz Engelbert) und Michael Tanneberger (Prinz Diethelm) gespielt. Und: Das Schneeweißchen aus der 1938er-Version wird hier zur Mutter der Schwestern: Inge Landgut.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 1984, Regie: Rita-Maria Nowottnick-Genschow). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: West-Berlin

Sächsische Schweiz: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (2012) als ARD-Märchen

Anfang der 2010er-Jahre verfilmt die ARD das Märchen für ihre Reihe „Sechs auf einen Streich“. Und weil es beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) entsteht, liegen die Drehorte vor allem in Sachsen. So steht die Hütte von Schneeweißchen (Sonja Gerhardt) und Rosenrot (Liv Liesa Fries) im sogenannten Richters Grund, einer Schlucht in der Nähe von Leupoldishain in der Sächsischen Schweiz.

Schneeweißchen und Rosenrot (2012): Die Mädchen verkaufen Rosenöl auf dem Markt / © MDR/Steffen Junghans

Schneeweißchen und Rosenrot (2012): Die Mädchen verkaufen Rosenöl auf dem Markt / © MDR/Steffen Junghans


Der böse Zwerg (Detlev Buck) lebt mit seinen Brüdern im stillgelegten Steinbruch Nentmannsdorf. Wie schon in der DEFA-Verfilmung von 1979 treffen die Schwestern einen der Prinzen, es ist Jakob (Daniel Axt), auf dem Markt. Dieser befindet sich auf der Festung Königstein. Die Mädchen verkaufen dort ihr selbstgemachtes Rosenöl. Das gewinnen sie aus den Blüten der weißen und roten Rosenbüsche, die vor ihrer Waldhütte wachsen.
Schneeweißchen und Rosenrot (2012): Die Festung Königstein ist ein Drehort / © Hans-Christian Hein/pixelio.de

Schneeweißchen und Rosenrot (2012): Die Festung Königstein ist ein Drehort / © Hans-Christian Hein/pixelio.de


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Zwei ungleiche Schwestern: Schneeweißchen und Rosenrot (D 2012)

Der Drehort für die spätere Hochzeit von Schneeweißchen und Jakob ist Schloss Kuckuckstein nahe Liebstadt. Ehemaligen DDR-Bürgern sollte der Ort bekannt vorkommen. Entstand hier doch die Fernsehsendung „Zauber auf Schloss Kuckuckstein“ (1985–1991) von und mit Magier Peter Kersten.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (BRD, 2012, Regie: Sebastian Grobler). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Burg Falkenstein, 06543 Falkenstein/Harz (Königsschloss)
  • Festung Königstein, 01824 Königstein (Markt)
  • Richters Grund, Sächsische Schweiz (Hütte)
  • Schloss Kuckuckstein, Am Schlossberg 1, 01825 Liebstadt (Hochzeit)
  • Steinbruch Nentmannsdorf, 01819 Bahretal (Zwergenhöhle)

Verwendete Quellen:

  • Bottigheimer, Ruth B.: Schwester, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 12, Berlin/New York, 2007, Sp. 421–428.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen von Heinz Rölleke, Stuttgart, 2001, Bd. 2, S. 278–285.
  • Freca-Renate Bortfeldt (1909–1986). In: Garten der Frauen – Die Frauen (abgerufen: 27.2.2021)
  • MDR: ‚Schneeweißchen und Rosenrot’ in der Sächsischen Schweiz (abgerufen: 27.2.2021)


Headerfoto: Schneeweißchen und Rosenrot (2012): In der Sächsischen Schweiz entstehen damals Filmszenen / © Arminius/pixelio.de