Hervorgehobener Beitrag
Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Was ist heute vom DEFA-Märchenfilm der untergegangenen DDR übrig geblieben?

Als der Historiker llko-Sascha Kowalczuk mit „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ (2019) ostdeutsche Befindlichkeiten unter die Lupe nahm, provozierte er – dreißig Jahre nach dem Mauerfall – eine kontroverse Debatte. Lobte der 1976 von der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann in der „Berliner Morgenpost“ Kowalczuks Essay als „glänzendes Buch“ und „wahrhaftige Analyse“, so urteilte im „Deutschlandfunk Kultur“ die DDR-Ex-Leistungssportlerin Ines Geipel deutlich kritischer.

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de

Stille Post: Auch das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR wurde 1990 abgewickelt / © LoB/pixelio.de


Kowalczuk bediene mit seiner „Strategie des halben Blicks“ nur den „aktuellen Hype: da der Schuld-Westen, dort der Opfer-Osten“, so Geipel, die auch Mitbegründerin des „Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“ ist. Gleichwohl hält die Zeit des Bilanzziehens unvermindert an. Sie mündet dabei vor allem in einer Frage: Wie wirkt sich eine sogenannte „Übernahme“, oder anders gesagt: der Beitritt der DDR (nach Artikel 23 des alten Grundgesetzes), auf das heutige Deutschland aus?

„Kulturelle Hegemonie“ und fehlende „Ost-Eliten“

Dabei rückte Kowalczuk den Blick auch auf eine westdeutsche ‚Vorherrschaft’ im Kulturbetrieb des seit 30 Jahren vereinten Deutschlands. Diese Erkenntnis war zwar schon damals nicht neu, gewann aber mehr und mehr an Relevanz im öffentlichen Diskurs. Jene ‚West-Dominanz’ nannte Kowalczuk „kulturelle Hegemonie“, geprägt von fehlenden „Ost-Eliten“ und einer damit verbundenen „Abwertung“ ostdeutscher Künstlerinnen und Künstler.

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de

Die da oben, wir hier unten? Im DDR-Kinderwagen gab es vielfältige Sitzmöglichkeiten / © Daniel Franke/pixelio.de


Dabei meint der wissenschaftlich eher umstrittene Begriff „Eliten“ (vgl. Waldmann 1998, S. 113–116) Personen, die in Institutionen oder Organisationen aufgrund ihrer (Leitungs-)Funktion und der daraus resultierenden Macht einen gesellschaftspolitischen Einfluss besitzen. „Ost-Eliten“ sind hierbei jene, die in der DDR geboren oder nach dem 3. Oktober 1990 in den neuen Bundesländern oder Ostberlin geboren und/oder aufgewachsen sind und deren Eltern aus der DDR stammen.

Eine ‚West-Vorherrschaft’ im Märchenfilm nach 1990?

Zwar gibt es einige wenige Statistiken, die den Anteil der Ostdeutschen an den gesamtdeutschen Eliten bemessen (vgl. Kollmorgen 2021), doch gilt landläufig die Meinung, dass sich ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler „im vereinten Vaterland noch am besten behauptet“ haben (Eckert 2021, S. 283).

Dennoch finden sich selten valide Erhebungen, die sich tiefergehend dem Kulturbetrieb, zum Beispiel der Filmbranche widmen. Schon gar nicht dem bundesdeutschen Märchenfilm, der aber vor dem Hintergrund der 40-jährigen DDR-Märchenfilmgeschichte und des anhaltenden gesamtdeutschen Märchenfilmbooms seit Mitte der 2000er-Jahre einen näheren Blick lohnt und Fragen aufwirft.

Gibt es heute (oder immer noch) eine sogenannte „Repräsentationslücke“ (Kollmorgen 2021, S. 231) von DDR-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern, oder umgekehrt gefragt eine ‚West-Vorherrschaft’, im bundesdeutschen Märchenfilm nach 1990? Und wenn ja, wie groß ist diese, was sind hierfür die Gründe und folgen daraus unmittelbare Defizite?

Die Abwicklung von DFF und DEFA

Als die DEFA, das ehemalige staatliche Filmstudio der DDR, 1992 von der Treuhandanstalt an einen französischen Mischkonzern verkauft wird, blickt es in seiner über 45-jährigen Geschichte auf etwa 40 Schauspieler-Märchenkinofilme zurück. Zudem produziert die DEFA für den staatlichen Deutschen Fernsehfunk (DFF, 1956–1971, 1990–1991) bzw. das Fernsehen der DDR (1972–1990) etwa 20 Märchenfernsehfilme bzw. -spiele.

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG

Filmstudio Potsdam-Babelsberg: Hier befand sich das VEB DEFA-Studio für Spielfilme / © Studio Babelsberg AG


Ihr künstlerisches Niveau, lobenswerte Leistungen der Schauspielstars und dramaturgisch gut durchdachte Geschichten machten viele der Märchenadaptionen – trotz einer mal mehr, mal weniger durchschimmernden Ideologie – damals wie heute zu Filmklassikern, die sogar in den Westen exportiert und dort in TV und Kino gezeigt wurden. Dennoch fielen mit der Abwicklung von DEFA und DFF schlagartig zwei Institutionen weg, die diese Märchenfilme produzierten. Das daran beteiligte künstlerische Personal verlor von heute auf morgen seine gesicherte Existenz.

Neuanfang in unbekanntem Produktionsmarkt

„Das Telefon stand plötzlich still“, erinnerte sich später der Filmkomponist Peter M. Gotthardt in einem Interview an die Nachwendezeit – und meinte damit die ausbleibenden Aufträge. Gotthardt, der mit der Filmmusik zu „Die Legende von Paul und Paula“ (DDR, 1973, R: Heiner Carow), aber auch zum DEFA-Märchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“ (DDR, 1979, R: Siegfried Hartmann) zu den wichtigsten DDR-Filmkomponisten zählte, schaffte den Neuanfang in einem gänzlich unbekannten Produktionsmarkt mit hohem Konkurrenzdruck. Vielen anderen Kolleginnen und Kollegen gelang das allerdings nicht.

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR

Schneeweißchen und Rosenrot (DDR 1979): Er zählt zu den zehn erfolgreichsten DEFA-Märchenfilmen / © MDR


Das hatte auch damit zu tun, dass sich – auf das Märchenfilmgenre bezogen – die Nachfolger des DFF, die 1992 neu gegründeten ARD-Landesrundfunkanstalten Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB, seit 2003: Rundfunk Berlin-Brandenburg, kurz: RBB) erst einmal neu aufstellen mussten (vgl. Wiedemann 2017, S. 215). Die Produktion neuer Märchenfilme stand nicht auf der Tagesordnung. Das künstlerische DEFA-Märchenfilmerbe schien vorerst niemanden zu interessieren.

Einige ‚Überläufer’ in Fernsehen und Kino

Mit wenigen Ausnahmen: MDR und ORB übernahmen 1992 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem Sender Freies Berlin (SFB) die Endproduktion von „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“ (TV-Erstausstrahlung: 10.5.1992). Gedreht wurde die 8-teilige Fantasy-Serie nach Motiven der Brüder Grimm noch von der bereits abgewickelten DEFA-Studio Babelsberg GmbH (vgl. Wiedemann 2015, S. 9).

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB

Sherlock Holmes und die sieben Zwerge (D 1992): DDR-Star Alfred Müller als Kriminalhauptkommissar / © MDR/RBB


Der Filmstab gehörte fast ausschließlich zum früheren DEFA-Personal: Die Regie übernahm der ehemalige DDR-Regisseur Günter Meyer (u. a. „Spuk unterm Riesenrad“, 1978), der bis Anfang der 2000er-Jahre weiter Akzente im Fantasy-Fach setzte.

Zudem starteten sogenannte ‚Überläufer’ wie „Das Licht der Liebe“ (DDR/D 1991) und „Olle Hexe“ (DDR/D 1991), die bereits vor dem 3. Oktober 1990 abgedreht, aber erst danach im gesamtdeutschen Kino uraufgeführt wurden.

Stabile Strukturen und Netzwerke im Westen

Der frühe gesamtdeutsche Märchenfilm nach 1990 wurde dennoch von den Akteurinnen und Akteuren in den etablierten alten Bundesländern geprägt. Hier gab es Strukturen und Netzwerke, die über Jahrzehnte gewachsen waren und sich weiter als stabil erwiesen. So führte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) Anfang der 1990er-Jahre seine Reihe „Die Welt des Märchens“ fort. Darin verfilmte der öffentlich-rechtliche Sender in Koproduktion mit der ČSSR (später: ČSFR und ČZ) sowie westeuropäischen Fernsehanstalten bekannte Märchen für Kino und TV.

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF

Des Kaisers neue Kleider (ČZ/D/ES/I 1994): Harald Juhnke (2. v. r.) spielte die Titelfigur / © ZDF


Opulente Produktionen wie „Dornröschen“ (ČSSR/D/F 1990), „Der Reisekamerad“ (ČSSR/D/F/I/AT 1990), „Der Froschkönig“ (ČSFR/D/F/I 1991), „Schneewittchen und das Geheimnis der Zwerge“ (ČSFR/D/I/ES 1992) oder „Des Kaisers neue Kleider“ (ČZ/D/ES/I 1994) rekrutierten ihr Personal dabei ausschließlich aus populären westdeutschen Schauspielstars, wie Iris Berben, Judy Winter, Michael Degen oder Harald Juhnke, und tschechoslowakischen Filmschaffenden.

Ebenso verfuhr die ARD, die „Das Zauberbuch“ (ČZ/D 1996) mitproduzierte, oder der Bayerische Rundfunk (BR), der sich an „Der Feuervogel“ (ČZ/D 1997) und „Die Seekönigin“ (ČZ/D 1998) beteiligte. Ostdeutsches Personal war auch hier, aufgrund der beteiligten westdeutschen Landesrundfunkanstalt (BR), so gut wie nicht vertreten.

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF

Die Seekönigin (ČZ/D 1998): Die tschechische Schauspielerin Ivana Chýlková in der Titelrolle / © ZDF


Für westliche Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in ARD und ZDF kamen Ostdeutsche auch deshalb nicht infrage, weil etwaige künstlerische Positionen in den TV-Redaktionen oder Filmstäben ohnehin bereits besetzt waren. Eine Neu- oder Umverteilung war nicht gewollt.

Ostdeutsche Aspirantinnen und Aspiranten wurden nicht zuletzt diskreditiert („Bolschewistenfunk“), weil sie nach Ansicht der westdeutschen Elite mit ihrer (künstlerischen) Arbeit das DDR-Regime direkt oder indirekt gestützt hätten. Und das, obwohl nach dessen Ende das DEFA- und DFF-Personal über berufliche Qualifikationen und notwendiges Fachwissen verfügte.

Lichtblick am Ende der 1990er-Jahre

Da wirkte es wie eine große Überraschung als Ende der 1990er-Jahre der frühere DEFA-Regisseur Rolf Losansky „Hans im Glück“ (D 1999) vorlegte – und dabei auf ein proportional ausgeglichenes hochkarätiges Ost-West-Schauspielensemble zurückgriff. Der Grund dafür mag darin gelegen haben, dass den von der Westberliner Genschow-Film GmbH produzierten Märchenfilm neben dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) auch der in Potsdam ansässige ORB und der 1997 im thüringischen Erfurt gestartete ARD-/ZDF-Kinderkanal (seit 2012: KiKA) mitfinanzierte, für den der MDR bis heute verantwortlich ist.

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film

Hans im Glück (D 1999): Ost (Fred Delmare, r.) und West (Andreas Bieber) vor der Kamera / © Genschow-Film


Und auch wenn der Posten des KiKA-Programmgeschäftsführers von 1997 bis 2017 mit westdeutsch sozialisierten männlichen Entscheidungsträgern besetzt wurde (seit 2018: Astrid Plenk aus Bernburg/Sachsen-Anhalt), ist es denkbar, dass sich schon Ende der 1990er-Jahre die Redaktionen zum Teil aus ostdeutschem Personal zusammensetzten – und sich dieser Umstand auf die Märchenfilm-Produktionsplanung (Regie, Drehbuch, Schauspiel etc.) auswirkte.

Märchen-Parodien in Kino und TV für Erwachsene

Dennoch ging von „Hans im Glück“ vorerst keine Trendwende aus. Schlichtweg aus dem einfachen Grund, weil das deutsche Märchenfilmgenre Anfang der 2000er-Jahre keine wichtigen Adaptionen nach Grimm, Andersen und Co. für ein Kinderpublikum produzierte. Fragen nach einer ‚West-Dominanz’ oder einer ‚Ost-Verdrängung’ spielten deshalb vorerst noch keine Rolle.

Gleichwohl war das Märchen weiter präsent: als Parodie in Kino und TV für Erwachsene. So funktionierten die von Otto Waalkes mitproduzierten Filmkomödien „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ (D 2004) und „7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug“ (D 2006) an den Kinokassen. Und im Privatsender ProSieben flimmerte „Die Märchenstunde“ (D/AT/ČZ 2006–2012) der Rat Pack Filmproduktion (München) über die Bildschirme.

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures

7 Zwerge – Männer allein im Wald (D 2004): Das West-Ensemble war meist unter sich / © Universal Pictures


Hier wie dort griffen die Filmverantwortlichen auf westdeutsches Personal zurück, das vor oder hinter der Kamera agierte, wenn man von wenigen im Osten geborenen Schauspielstars (Nina Hagen, Mirco Nontschew, Jeanette Biedermann etc.) einmal absah.

„Sechs auf einen Streich“ und „Märchenperlen“

Ab Mitte der 2000er-Jahre erlebte der Märchenfilm im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von ARD und ZDF ein Comeback. Die meist an den Weihnachtsfeiertagen erstmalig gezeigten Adaptionen der Reihen „Märchenperlen“ (ZDF, seit 2005, auch Koproduktionen) und „Sechs auf einen Streich“ (ARD, seit 2008) richteten sich dabei sowohl an ein Kinder- als auch Familienpublikum.

Dafür gründete die Kinder- und Jugendredaktion des ZDF Anfang der 00er-Jahre eine Art ‚Think Tank’, dem auch der Münchner Filmproduzent Ernst Geyer angehörte. Die Denkfabrik sollte eine Konzeption für zunächst sechs Märchenfilme entwickeln. Darin wurden auch fünf Drehbuchautoren und eine Drehbuchautorin aus den alten Bundesländern berufen. Mitfinanziert wurden die ersten vier Märchenfilme (2005–2008) neben der Länderförderung Bayern und Hamburg von der in Leipzig ansässigen Mitteldeutschen Medienförderung (vgl. Ungureit 2009, S. 10f.).

Ostdeutsche im ARD- und ZDF-Märchenfilm

Um tendenzielle Aussagen darüber zu treffen, ob und wie viele DDR-sozialisierte Filmemacherinnen und -macher das bundesdeutsche Märchengenre mitpräg(t)en, soll der Blick stichprobenartig auf die Bereiche Regie und Drehbuch gelenkt werden.

Bis 2021 drehte das ZDF 19 Märchenfilme*, an denen insgesamt 13 Regisseure (10) und Regisseurinnen (3) beteiligt waren. Davon sind zwei (15 Prozent)** im Osten geboren: Karola Hattop, die seit 1973 Kinder- und Familienfilme für das DDR-Fernsehen und später für das ZDF zwei Märchenfilme („Die sechs Schwäne“, 2012 und „Die Schneekönigin“, 2014) inszenierte, sowie Carsten Fiebeler („Die goldene Gans“, 2013), der erst nach der Wende als Regisseur arbeitete. Koproduziert wurden diese drei ZDF-Märchenfilme von der im Jahr 2000 im thüringischen Erfurt gegründeten Kinderfilm GmbH (später: Mideu Films GmbH).

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans

Die sechs Schwäne (D 2012): Sinja Dieks und André Kaczmarczyk in den Hauptrollen / © ZDF/Steffen Junghans


Anders als beim ZDF verteilt sich die Produktion der ARD-Märchenfilme auf die neun Landesrundfunkanstalten. Die in der DDR geborene ehemalige RBB-Mitarbeiterin Sabine Preuschhof koordinierte die Reihe „Sechs auf einen Streich“ in den ersten Jahren. Werden die 52 ARD-Adaptionen bis 2021 im Hinblick auf Ost-West-Besetzung ausgewertet, zeigt sich folgendes Bild: Von insgesamt 26 Regisseuren (20) und Regisseurinnen (6) haben fünf (19 Prozent) eine Ost-Sozialisation**.

Fürneisen und Fiebeler gehören zu Top-Regisseuren

Darunter ist Bodo Fürneisen, der bei fünf ARD-Märchenfilmen auf dem Regiestuhl sitzt – er wird nur übertroffen vom westdeutschen Regisseur Christian Theede mit sechs NDR-Adaptionen. Fürneisen hatte bereits für das DDR-Fernsehen die Klassiker „Die Geschichte vom goldenen Taler“ (DDR 1985) sowie „Die Weihnachtsgans Auguste“ (DDR 1988) inszeniert. Fiebeler kommt insgesamt auf vier ARD-Adaptionen und zeigt, dass man in ZDF und ARD erfolgreich Märchen verfilmen kann.

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR

Die Weihnachtsgans Auguste (DDR 1988): Dietrich Körner spielte den Opernsänger Ludwig Löwenhaupt / © MDR


Dabei verantwortet die fünf Fürneisen-Märchenfilme und eine Fiebeler-Adaption die in Potsdam ansässige Landesanstalt RBB. Fiebelers drei andere ARD-Verfilmungen entstehen zwar unter Federführung der westdeutschen Anstalten Hessischer Rundfunk (HR) bzw. Südwestrundfunk (SWR), werden aber zum Teil von der Kinderfilm GmbH produziert: „Das blaue Licht“ (D 2010).

Nur wenige ‚ostdeutsche’ Märchenfilm-Drehbücher

Bei zwei weiteren mit Osthintergrund (Regie) gedrehten Filmen ist neben Radio Bremen (RB), dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und dem HR auch der MDR als Koproduzent vertreten. Einen weiteren Märchenfilm verantwortet die in Leipzig ansässige Landesanstalt ganz allein, wobei zudem die Kinderfilm GmbH das Märchen im Auftrag des MDR produziert.

Im Hinblick auf eine Ost-West-Sozialisation von Drehbuchautorinnen und -autoren im ZDF- und ARD-Märchenfilm zeigt sich ein ähnliches Bild: Von insgesamt 17, die an den „Märchenperlen“ beteiligt sind, hat nur ein Drehbuchschreiber (6 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Dieser ist aber an drei ZDF-Märchenfilmen beteiligt. Bei den ARD-Produktionen haben von insgesamt 28 Autorinnen und Autoren vier (14 Prozent) einen ostdeutschen Hintergrund**. Zwei davon arbeiten allerdings gleich an drei Märchenfilmen mit.

Von „Das kalte Herz“ zu „Timm Thaler“

Einzelne Kinofilme in den 2010er-Jahren wie die Filmmärchen „Aschenbrödel und der gestiefelte Kater“ (D 2013) und „Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte“ (D 2013, koproduziert vom BR), aber auch das nach einer klassischen Vorlage entstandene „Das kalte Herz“ (D 2016, koproduziert u. a. von ARD/MDR/SWR und mitfinanziert u. a. von Mitteldeutsche Medienförderung und Medienboard Berlin-Brandenburg) entstehen wieder weitgehend mit westdeutsch sozialisierten Filmschaffenden, wobei letztere Märchenverfilmung mit André M. Hennicke und Jule Böwe zwei ostdeutsch sozialisierte Schauspielstars engagiert.

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH

Das kalte Herz (D 2016): Frederick Lau als Peter Munk, der sein Herz tauscht / © Weltkino Filmverleih GmbH


Eine Ausnahme stellt die fantastische Romanverfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (D 2017) dar, die u. a. von den im thüringischen Gera geborenen Andreas Dresen (Regie) und Jörg Hauschild (Schnitt) sowie von der aus Potsdam stammenden Sabine Greunig (Kostüme) inszeniert wurde. Ostdeutsche wie Charly Hübner, Nadja Uhl, Reiner Heise oder Steffi Kühnert, aber auch die westdeutschen Schauspieler Justus von Dohnányi, Axel Prahl oder Bjarne Mädel machten den u. a. vom ZDF koproduzierten Kinofilm zu einem gesamtdeutschen Projekt.

Ostanteil proportional zur Gesamtbevölkerung

Demnach sind seit 1990 in Deutschland über 100 Märchenfilme entstanden, die entweder vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD, ZDF) oder von freien Produktionsfirmen hergestellt wurden. Doch untermauern die Statistiken und Filmbeispiele die These, dass es im bundesdeutschen Märchenfilm heute noch eine „Repräsentationslücke“ von DDR- oder ostdeutsch-sozialisierten Filmemacherinnen und -machern gibt?

Vor dem Hintergrund, dass etwa 17 Prozent aller Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ostdeutscher Herkunft sind (vgl. Kollmorgen 2021, S. 235) und diese Zahl als Vergleichsgröße gilt, wirkt der Regieanteil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von 19 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“) und 15 Prozent (ZDF: „Märchenperlen“) sowie der Drehbuchanteil von 14 Prozent (ARD: „Sechs auf einen Streich“)** relativ proportional. Nur der ‚ostdeutsche’ Drehbuchanteil am ZDF-Märchenfilm von 6 Prozent ist unterproportional.**

Die Zahlen zeigen zudem wenig überraschend, wenn die beiden ‚Ost-Landesanstalten’ RBB und MDR an Märchenfilmen der ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ beteiligt sind, werden für die Posten Drehbuch und Regie ebenso ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler interessant. Zudem wirkt sich die Beteiligung ostdeutscher Produktionsfirmen, beispielsweise der „Kinderfilm-GmbH“, auf den Anteil im Osten sozialisierter Akteure und Akteurinnen aus.

ARD-Landesanstalten mit ‚Lokalpatriotismus’

Dennoch lässt das nicht pauschal den Schluss zu, die in Thüringen bzw. Sachsen-Anhalt ansässige Firma arbeite vorrangig mit ostdeutschem Personal, im Unterschied zu im Westen ansässigen Produktionsfirmen.

Dafür spricht, dass „Kinderfilm“ auch ZDF-Märchenfilme verantwortete, die eine westdeutsche Regisseurin (Anne Wild: „Hänsel und Gretel“, 2006) oder einen westdeutschen Regisseur (Frank Stoye: „Der Zauberlehrling“, 2017; „Der süße Brei“, 2018) rekrutierten. Das gilt auch für die von „Kinderfilm“ produzierten ARD-Märchenfilme „König Drosselbart“ (D 2008), „Die Gänsemagd“ (D 2009) und „Rotkäppchen“ (D 2012) – alle in der Regie der Münchnerin Sibylle Tafel.

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland

Rotkäppchen (D 2012): Der Wolf (Edgar Selge) mit der Titelfigur (Amona Aßmann) im Wald / © HR/Felix Holland


Trotzdem scheint es, dass „Kinderfilm“ – im Gegensatz zu im Westteil Deutschlands ansässigen Produktionsfirmen – ein Stück weit sensibilisierter mit der Rekrutierung von Filmschaffenden umgeht. Andererseits kann dem Unternehmen, wie auch einigen ost- und westdeutschen ARD-Landesrundfunkanstalten allgemein vorgehalten werden, dass sie einen ‚Lokalpatriotismus’ bedienen, das heißt: vor allem Filmschaffende engagieren, die auf dem Gebiet der jeweiligen Rundfunkanstalt oder eines Bundeslandes leben und für den Sender bereits arbeiten.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn RBB und MDR keine oder weniger im Osten sozialisierte Künstlerinnen und Künstler rekrutieren würden, lägen die Anteile bei Regie und Drehbuch deutlich unter dem erwähnten quantitativen Minderheitenstatus der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung (17 Prozent). Denn die anderen sieben im Westen ansässigen Landesanstalten NDR, RB, WDR, HR, SWR, BR und Saarländischer Rundfunk (SR) würden das mit dem von ihnen engagierten Ostpersonal nicht auffangen.

Die ostdeutsche Übernahme

Doch wie wirkt sich der Ost-Regieanteil von 19 bzw. 15 Prozent sowie -Drehbuchanteil von 14 bzw. 6 Prozent auf die öffentlich-rechtliche Märchenfilmproduktion** aus? Folgen daraus unmittelbare Defizite?

Glaubt man Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim HR und ZDF, so ist es genau umgekehrt: Der heutige bundesdeutsche Märchenfilm ist eigentlich ein DEFA-Märchenfilm 2.0. Denn für Göhlen orientieren sich die ARD- und ZDF-Märchen „an einer tradierten Märchendramaturgie, wie sie seinerzeit insbesondere von der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA gepflegt wurde“ (Gangloff 2016, S. 8f.). Damit meint er, dass darin die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen dagegen durchgehend zu den Bösen zählten. Er halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen.

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR

Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956): König Griesgram (Fred Kronström), Prinz Eitel (Horst Drinda), Prinzessin Liebreich (Gisela Kretzschmar) gelten in dem DEFA-Märchenfilm als die Bösen / © MDR


Die Schweizer Filmkritikerin Christine Lötscher meint, dass sich die ARD- und ZDF-Adaptionen zudem gestalterisch „an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme“ (Lötscher 2017, S. 310) orientieren. Und: Wie den DDR-Produktionen liege dem öffentlich-rechtlichen Märchenfilm „eine Analyse und Interpretation der Textvorlage zugrunde; die zeitlosen Konflikte der Figuren werden konkretisiert, psychologisiert und in die Gegenwart übertragen“ (ebd. S. 311). Allerdings gelinge es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren.

Daraus wäre auf die hier diskutierte Frage zu schließen, dass sich seit 1990 keine westdeutsche „Übernahme“ in der gesamtdeutschen Märchenfilmproduktion, sondern umgekehrt eine ostdeutsche „Übernahme“ vollzogen hat – wenn auch ‚nur’ in dramaturgischer und gestalterischer Hinsicht.

Diversität: Frauenanteil und Migrationshintergrund

Gleichwohl bleibt damit die Frage nach einer angemessenen personellen ostdeutschen Teilhabe in der bundesdeutschen Märchenfilmproduktion bestehen. Flankiert wird sie allerdings im 21. Jahrhundert mit der Forderung nach einer generellen Diversität in diesem Filmgenre: Die stichprobenartigen Statistiken zeigten beispielsweise, dass der Frauenanteil – nicht nur im Regie- und Drehbuchfach – sehr gering ist.

Zudem sind Filmschaffende mit Migrationshintergrund noch Ausnahmen. Der deutsch-türkische Regisseur Cüneyt Kaya („Das Märchen vom goldenen Taler“, 2020), der in Istanbul geborene Regisseur und Drehbuchautor Su Turhan („Die drei Federn“, 2014; „Prinzessin Maleen“, 2015; „Der starke Hans“, 2020) oder der in Vietnam geborene Kameramann und Regisseur Ngo The Chau (u. a. „Die Hexenprinzessin“, D/CZ, 2020) sind drei Beispiele. Ebenso lassen sich hier der Finne Hannu Salonen („Des Kaisers neue Kleider“, 2010) oder die in Stockholm geborene deutsche Regisseurin Maria von Heland („Die Sterntaler“, 2011; „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, 2013) nennen.

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein

Die Hexenprinzessin (ČZ/D 2020): Zottel (Charlotte Krause), Prinz (Jerry Hoffmann), Bero (J. Vogel) / © ZDF/Conny Klein


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* Ohne den Märchenfilm „Zwerg Nase“ (D, 2008, R: Felicitas Darschin). Dieser entstand im Auftrag des BR, wird aber zu den ZDF-„Märchenperlen“ gezählt, obwohl der Sender nicht daran beteiligt war.

** Die Herkunft der Filmschaffenden wurde in öffentlichen Quellen (Internet, Fachmedien) recherchiert und/oder individuell bei den Künstlerinnen und Künstlern angefragt (E-Mail). Da nicht zu allen Filmschaffenden die Herkunft recherchiert werden konnte, können die Zahlen prozentual leicht abweichen (Stand: 24.3.2022).

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Die kluge Bauerntochter (BRD 2010): Die Titelfigur (Anna Maria Mühe, l.) und ihre Freundin die Magd (Sabine Krause) bestaunen das Fernrohr des Königs / Foto: MDR/Sandy Rau

Der Geist im Glas (D 2021): Ein Märchenfilm als ‚realistische’ Geschichte

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Das Märchen erzählt oft von wirklichkeitsfernen Fantasiewelten. Im ARD-Film über einen entflohenen Flaschengeist ist das anders: Hier erwartet uns eine ‚aufgeklärte’ Geschichte, in der Zauber dennoch immer wieder zugelassen oder in Frage gestellt wird.

Wer den ‚Geist aus der Flasche lässt’, so ein Sprichwort, beschwört meist etwas herauf, das kaum noch rückgängig gemacht werden kann. Die Redewendung bezieht sich auf einen Unheil bringenden Dämon, der – solange er eingeschlossen ist – völlig machtlos ist. Kommt er dennoch frei, kann das schlimme Folgen haben, vor allem für denjenigen, der die Flasche öffnet.

Der Fischer und der Dschinni: Illustration von John Orrin Smith (um 1840) / Quelle: Wikipedia

Der Fischer und der Dschinni: Illustration von John Orrin Smith (um 1840) / Quelle: Wikipedia

Davon erfährt man auch im Märchen, zum Beispiel in den „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“: So entweicht in „Der Fischer und der Ifrît“ (auch: „Der Fischer und der Dschinni“) ein Geist (Ifrit) aus einer Messingflasche, die ein Fischer in seinem Netz findet. Der Dämon will ihn töten, doch mit einer List schafft es der Fischer, den Geist wieder in die Flasche zu verbannen.

Die zwei bekanntesten europäischen Pendants des 19. Jahrhunderts sind „Der Flaschenkobold“ (1891, auch: „Der Flaschenteufel“) vom schottischen Dichter Robert L. Stevenson (1850–1894) und „Der Geist im Glas“ (1815) von den Brüdern Grimm: Sie nehmen die Geschichte sogar in ihre „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM 99) auf.

Worüber erzählt das Märchen „Der Geist im Glas“?

Darin macht sich ein Geist – „der großmächtige Merkurius“ (Grimm 1980, S. 80) – dem klugen Sohn eines Holzhackers durch Hilferufe bemerkbar. Im Wald „da unten bei den Eichwurzeln“ (ebd. S. 79) findet er tatsächlich eine Glasflasche. Darin sitzt der Geist und bittet den Jungen, ihn herauszulassen. Als er ihn nichtsahnend befreit, will der Dämon ihn zum Dank „den Hals brechen“ (ebd. S. 80).

Der Junge greift auch hier auf eine List zurück. Erst wenn er weiß, dass der Geist „wirklich in der kleinen Flasche gesessen“ (ebd.) hat, ergibt er sich seinem Schicksal. Der eitle Dämon geht ihm tatsächlich in die Falle – und lässt ihn nur für eine reiche Belohnung wieder frei. Er erhält einen pflastergroßen Lappen, mit dem er sowohl Wunden heilen als auch Stahl und Eisen in Silber verwandeln kann. Jetzt haben Not und Armut für Vater und Sohn ein Ende.

Für ARD-Märchenfilmreihe „Sechs auf einen Streich“

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Der Teufel aus der Flasche (DDR 1969) / © Progress

Der Teufel aus der Flasche (DDR 1969) / © Progress

Sei es im Ufa-Streifen „Liebe, Tod und Teufel“ (D, 1934, R: Heinz Hilpert, Reinhart Steinbicker), im Puppentrickfilm „Der Flaschenteufel“ (BRD, 1952, R: Ferdinand Diehl) oder im Silhouettenfilm „Der Teufel aus der Flasche“ (DDR, 1969, R: Bruno J. Böttge).

Im Jahr 2021 greift auch die ARD für ihre Reihe „Sechs auf einen Streich“ auf den Märchenstoff zurück. Dabei entscheidet sich der öffentlich-rechtliche Sender für die Grimm’sche Bearbeitung. Drehbuchautorin Anette Schönberger spinnt allerdings eine vollkommen neue Geschichte und verwendet nur noch einzelne Motive, wie den Flaschengeist, die beruflichen Ambitionen des Helden, aber auch die im Märchen so oft vorkommende Erfahrung von Mangel und Armut.

Medizinstudentin Sophia lässt Geist Mercurius frei

Kein einzelner Held, wie noch bei den Grimms, sondern ein Duo nimmt den Kampf mit dem Geist Mercurius (Holger Daemgen) auf: Da ist zum einen die angehende Ärztin Sophia (Sofie Eifertinger). Wie in der Vorlage auch sie Kind eines armen Holzfällers, das studiert hat – allerdings im französischen Montpellier. Damit wird zugleich die Handlungszeit (vor 1900) festgelegt, weil Frauen im Deutschen Kaiserreich erst ab 1899 Medizin studieren dürfen. Im Nachbarland ist das schon ab 1863 erlaubt.

Der Geist im Glas (2021): Sophia (Sofie Eifertinger) lernt bei Dorfarzt Malick Roth (Ercan Durmaz) / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Sophia (Sofie Eifertinger) lernt bei Dorfarzt Malick Roth (Ercan Durmaz) / © Michael Ihle/ARD


Der Geist im Glas (2021): Die Titelfigur namens Mercurius (Holger Daemgen) stellt Unheil an / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Die Titelfigur namens Mercurius (Holger Daemgen) stellt Unheil an / © Michael Ihle/ARD


Unter großen finanziellen Anstrengungen des Vaters, kann Sophia ihr praktisches Jahr – das letzte Ausbildungsjahr im Medizinstudium – beim Dorfarzt Roth (Ercan Durmaz) absolvieren. Der Schulmediziner ist sehr zufrieden mit ihr. Doch dann lässt das Mädchen durch ein Missgeschick das Glas fallen, in dem Roth und seine Schwester, die Kräuterfrau Eda (Neshe Demir), den bösen Mercurius vor zwanzig Jahren mit Mühe einsperrten.

Damals hatte der Geist mit seinem ‚Meister’, dem Gutsherrn Veith (Matthias Redlhammer), ein ganzes Dorf tyrannisiert (Drehort: Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum). Roth ist außer sich und wirft Sophia nach ihrem Fehltritt raus. Ohnehin kann der Vater das praktische Jahr seiner Tochter nicht weiter bezahlen. Sie muss wohl ihre Ausbildung wegen Geldnot abbrechen …

Klassismus im ARD-Märchenfilm

Dass das Drehbuch – wie schon die Vorlage – die soziale Herkunft herausstellt, erscheint sinnvoll. Denn es thematisiert ein bestimmtes Phänomen: den sogenannten Klassismus. Gemeint ist die Benachteiligung aufgrund der sozialen Klasse:

Sophia stammt aus einem armen Elternhaus. Ihr Vater ist ein einkommensschwacher Holzfäller, der die (Aus-)Bildung seiner Tochter am Ende nicht mehr bezahlen kann. Wenn Sophia ihr praktisches Jahr abbrechen müsste, könnte sie nicht mehr Ärztin werden. Ein sozialer Aufstieg bliebe ihr versagt. Trotz Fleiß, Engagement und guter Leistungen würde sie weiter in ihrer (Arbeiter-)Klasse ‚verharren’.

Interessant ist, dass jener Klassismus an Aktualität nichts eingebüßt hat: Er bestimmt das gesellschaftliche Miteinander – oder besser gesagt: Gegeneinander – sowohl um 1815 (Märchen) als auch um 1900 (Filmhandlung) und 2021 (Gegenwart).

Der Grund: Noch heute könne es in Deutschland sechs Generationen oder 180 Jahre dauern, bis Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen, so eine pessimistische Prognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahre 2018.

Was Schulmedizin von Kräuterkunde lernen kann

Sophia belehrt das Publikum allerdings später eines Besseren. Zuvor will sie ihr Missgeschick wieder gut machen. Hier kann sie auf die Hilfe von Jakob (Pablo Grant) zählen. Sophia macht sich mit dem jungen Mann auf den Weg, den Geist zu überlisten und wieder in die Flasche zu sperren. Dabei inszeniert das Drehbuch beide als Kontrastfiguren.

Vertraut Sophia voll der Schulmedizin, so ist Jakob Fan der alternativen Heilkunde – und setzt auf die magische Wirkung von Kräutern, Pulvern und Elixieren. Beide ‚Lehrlinge’ sind hier jeweils geprägt von Dorfarzt Malick und Kräuterfrau Eda.

Der Geist im Glas (2021): Eda (Neshe Demir) und Malick (Ercan Durmaz) sind zerstritten / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Eda (Neshe Demir) und Malick (Ercan Durmaz) sind zerstritten / © Michael Ihle/ARD


Der Geist im Glas (2021): Sophia (Sofie Eifertinger) und Jakob (Pablo Grant) freunden sich an / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Sophia (Sofie Eifertinger) und Jakob (Pablo Grant) freunden sich an / © Michael Ihle/ARD


Mehr noch: In dem entzweiten Geschwisterpaar werden Sophia und Jakob gleichsam gespiegelt. Die Verfilmung entwickelt die schon in der Vorlage enthaltenen, aber nur angerissenen medizinischen Bezüge (wundersames Pflaster; Held wird Doktor) deshalb konsequent zum einem der handlungsleitenden Themen: Was die Schulmedizin von der Alternativmedizin lernen kann – und umgekehrt.

Denn die Abenteuer, die Sophia und Jakob bestehen müssen, um den Geist Mercurius wieder in die Flasche zu verbannen und den Gutsherrn zu besiegen, werden eng mit Fragen vom Sinn oder Unsinn schulmedizinischer oder alternativer Heilmethoden verknüpft. Dabei wird auch die künstlerische Methode der Verfilmung augenfällig.

ARD-Märchenfilm als ‚realistische’ Geschichte

So ist „Der Geist im Glas“ vor allem eine ‚realistische’ Geschichte, in der Zauber dennoch immer wieder zugelassen oder in Frage gestellt wird („Es gibt keine Magie!“). Der ARD-Märchenfilm sieht sich damit zugleich in der Tradition einiger DDR-Märchenfilme, wie der Grimm-Adaption „Gevatter Tod“ (1980, R: Wolfgang Hübner).

Gevatter Tod (DDR 1980): Jörg (Jan Spitzer, r.) überlistet den Tod (Dieter Franke, l.), als er die Tochter des Bürgermeisters (Janina Hartwig) rettet / © MDR/DRA/Klaus Mühlstein

Gevatter Tod (DDR 1980): Jörg (Jan Spitzer, r.) überlistet den Tod (Dieter Franke, l.), als er die Tochter des Bürgermeisters (Janina Hartwig) rettet / © MDR/DRA/Klaus Mühlstein


Sie erzählt – im Gegensatz zur schaurigen Vorlage ohne Zeitbezug – über den Stadtmedikus Jörg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, einer Zeit des Fortschritts und der neuzeitlichen Medizin, in welcher der Arzt, Naturforscher und Philosoph Paracelsus (1493/94–1541) der modernen Arzneimittellehre den Weg bereitet. Kurzum: „Das Märchen verstanden als Volksdichtung, als poetische Verdichtung realer Inhalte“ (Hanspach 1990, S. 109).

Wie viel Humor verträgt der Märchenfilm?

Die berechtigte Befürchtung, dass damit die Verfilmung mitunter zu ‚verkopft’ auf der Dialog- und Handlungsebene erscheinen könne, ist zum Teil unbegründet. Dennoch rücken, wohl um dem Eindruck entgegenzuwirken, auch in diesem ARD-Märchenfilm der Humor und die Komik mitunter zu sehr in den Mittelpunkt.

Die Inszenierung des ambivalenten Geistes Mercurius, der ja nicht wirklich böse ist, sondern oft eher harmlos herumzaubert, erfüllt im Grunde schon den Ruf nach mehr Spaß und Leichtigkeit im an Kinder adressierten (Märchen-)Film. Dazu braucht es im Figurenensemble nicht noch die beiden Zimmermänner Herbert (Oliver Petszokat) und Willi (Bürger Lars Dietrich) mit ihren nicht immer witzigen Wortspielen und Slapstick-Auftritten.

Der Geist im Glas (2021): Willi (Bürger Lars Dietrich, l.) und Herbert (Oliver Petszokat) / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Willi (Bürger Lars Dietrich, l.) und Herbert (Oliver Petszokat) / © Michael Ihle/ARD


Der Geist im Glas (2021): Gutsherr Veith (Matthias Redlhammer) tyrannisiert das Dorf / © Michale Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Gutsherr Veith (Matthias Redlhammer) tyrannisiert das Dorf / © Michale Ihle/ARD


Unfreiwillig komisch gerät in dem Zusammenhang auch die Verwandlung der Dorfgemeinschaft. Der frei gelassene Mercurius hat aus den Bewohnerinnen und Bewohnern willenlose ‚Sklaven’ gemacht, die unter einem Bann stehen und für den Gutsherrn – aus welchen Gründen? – schuften müssen.

Ihre Bewegungen erinnern an Zombies der US-Serie „The Walking Dead“ (2010–2022), allerdings ohne dass sie Appetit auf Menschenfleisch haben. Dafür rufen sie im Chor in einer Endlosschleife: „Meister! Meister! Meister! […]“, was sich nicht gut ausmacht.

Magische Tore, Zeitumkehrer, (Rück-)Verwandlung

In der Summe punktet „Der Geist im Glas“ aber mit bewährten Erzählideen, die sich sinnhaft in die Verfilmung einfügen. Dazu zählen die zwei magischen Tore, die in das Reich des Gutsherrn führen (Szenenbild: Veronika Große, Sebastian Demuss). Jene märchenhaften „Umsteigepunkte“ (Schmitt 1993, S. 36) oder „fantastische[n] Schwellenmotive“ (Kurwinkel 2014, S. 309) haben im Märchen- und Fantasygenre eine lange Tradition, wie „Frau Holle“ (1815), „Alice im Wunderland“ (1865), „Die Chroniken von Narnia“ (1950–1956) oder „Harry Potter“ (1997–2007) zeigen.

Auch die Fähigkeit von Kräuterfrau Eda, „die Zeit rückwärts zu drehen“ (Visuelle Effekte: Day for Night/Bremedia Produktion), um bestimmte Vorgänge der Vergangenheit in Erfahrung zu bringen oder zu revidieren, verweist auf populäre Geschichten der Märchen- und Fantasyliteratur. Ein Beispiel ist der Zeitumkehrer aus „Harry Potter“, ein kleines silbernes Stundenglas, mit dem die Zeit ein weiteres Mal durchlebt werden kann. Der ARD-Film hätte davon profitiert, diese Idee stärker am Ende ‚auszuspielen’.

Der Geist im Glas (2021): Mercurius (Holger Daemgen) passiert die magischen Tore / © Michael Ihle/ARD

Der Geist im Glas (2021): Mercurius (Holger Daemgen) passiert die magischen Tore / © Michael Ihle/ARD


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Dass Mercurius am Schluss als vermenschlichter ‚Hausmann’ – und nicht etwa weiter als Geist in der engen Flasche – weiterleben darf, erinnert letztlich an „Sindbads siebente Reise“ (USA, 1958, R: Nathan Juran) und die (Rück-)Verwandlung des Dschinni Baronni in einen einfachen Jungen. In „Der Geist im Glas“ wird damit auch am Ende des Märchenfilms der Eindruck einer ‚realistischen’ Geschichte mehr denn je unterstützt.

Film: „Der Geist im Glas“ (BRD, 2021, R: Markus Dietrich). Ist auf DVD erschienen.

Drehort: u. a. Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, Bether Straße 6, 49661 Cloppenburg

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Der Geist im Glas. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 2, S. 78–83.
  • Bürgel, Johann Christoph/Chenou, Marianne (Hrsg.): Der Fischer und der Ifrît. In: Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning. Stuttgart, 1995, S. 37–80.
  • Diederichs, Ulf: Der Geist in der Flasche. In: Who’s is who im Märchen. München, 1995, S. 125f.
  • Hanspach, Beate: Gevatter Tod. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 106–110.
  • Kalenderblatt: 20 April 1899. Medizinstudium offen auch für Frauen. In: Bayerischer Rundfunk. (vom 20.4.2011, abgerufen: 10.6.2022)
  • Kurwinkel, Tobias: Three up … two across […] The brick he had touched quivered – Zur Metapher der Schwelle in Joanne K. Rowlings Harry Potter. In: Lötscher, Christine [u. a.] (Hrsg.): Übergänge und Entgrenzungen in der Fantastik. Bd. 1, Berlin, 2014, S. 307–315.
  • Pressemitteilung: OECD-Länder müssen soziale Mobilität stärker fördern. In: OECD. Bessere Politik für ein besseres Leben (vom 15.6.2018, abgerufen: 10.6.2022)
  • Redensart: den Geist aus der Flasche lassen. In: Redensarten-Index
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen. Eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt am Main, 1993.


Header: Der Geist im Glas (D 2021): Jakob (Pablo Grant), Sophia (Sofie Eifertinger), Geist Mercurius (Holger Daemgen) und Gutsherr Veith (Matthias Redlhammer) / Foto (Montage): Michael Ihle/ARD