Hervorgehobener Beitrag
"Die Geschichte vom kleinen Muck" (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © Icestorm

DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

ARD und ZDF produzieren neue Märchenfilme wie am Fließband. Doch den Zauber der DEFA-Märchen aus der untergegangenen DDR billigt man ihnen nur selten zu. Ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit einem Kulturerbe.

Das deutsche Märchenfilm-Genre boomt. Zumindest das Öffentlich-rechtliche. So produzierte die ARD zwischen 2008 und 2018 in ihrer Reihe „Sechs auf einen Streich“ 46 Märchenverfilmungen. Das ZDF brachte es seit 2005 mit seinen „Märchenperlen“ auf immerhin 17 Adaptionen.

Das Konzept der beiden Reihen ist ähnlich: Bekannte oder weniger vertraute Märchenvorlagen werden mit populären Schauspielern an pittoresken Drehorten – wie Schlössern, Burgen oder Freilichtmuseen – zeitgemäß, aber dennoch klassisch verfilmt.

Solide Einschaltquoten, attraktive Sendeplätze

Beide Sender sind stolz auf ‚ihre’ Märchen, weil sie „zu den erfolgreichsten Formaten [zählen], die das Kinderfernsehen hierzulande in den letzten Jahren produziert hat“ (Götz/Innermann 2016, S. 26).

"Das Märchen von der Regentrude" (D 2018): Maren (Janina Fautz) weckt die Trude (Ina Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden

„Das Märchen von der Regentrude“ (D 2018): Maren (J. Fautz) weckt die Trude (I. Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden


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Erfolg meint hier vor allem solide Einschaltquoten auf attraktiven Sendeplätzen. So knackt das „Sonntagsmärchen“ (12 Uhr) auf dem von ARD und ZDF betriebenen Fernsehkanal KiKA regelmäßig die Millionenmarke. Und auch die TV-Premieren der öffentlich-rechtlichen Märchenfilme an den Weihnachtsfeiertagen kommen gut an: „Das Märchen von der Regentrude“ (ARD, 25.12.2018, 14.50 Uhr) schalteten 2,54 Millionen Zuschauer ein.

Pro und Contra: ARD- und ZDF-Märchenfilme

Doch ebenso regelmäßig wie ARD und ZDF neue Märchenfilme starten, mehren sich kritische Stimmen. Einige sind von den modernen Produktionen schlichtweg enttäuscht. Diskutiert wird darüber zumeist in Internet-Fanforen und sozialen Netzwerken. Dort senken oder heben die Follower den Daumen, wenn es um Neuverfilmungen geht – und sind pro oder contra:

„Ich finde alle neu verfilmten Märchen fürchterlich. Die Neuverfilmung der alten Defa-Märchen hätte man sich meiner Meinung nach sparen können.“ (Astrid Ihmels auf facebook.com/maerchenfilm)

„Ich finde vor allem die ‚6 auf einen Streich’-Filme gut, mit den alten Defa-Filmen tu ich mich schwer, die sind mir zu antiquiert und erinnern mich unangenehm an meine 50er-Jahre-Kindheit.“ (Gudrunmarie Schecker auf facebook.com/maerchenfilm)

„Nein – Märchen müssen alt sein. Modern geht gar nicht! Schon schlimm genug, dass die deutschen Theater die ‚Weihnachtsmärchen’ nur noch modern inszenieren. Da will man es als Film wenigstens noch alt und klassisch sehen.“ (Mirco Heidorn auf facebook.com/maerchenfilm)

Früher war alles besser: die DEFA-Märchenfilme

Der Tenor von einem Teil des Märchenfilm-Publikums: Früher war alles besser. Gemeint sind oftmals die DEFA-Märchenfilme, die zwischen 1949 und 1990 in der DDR entstanden. Besonders die Produktionen aus den 1950er-Jahren mit „Das kalte Herz“ (1950), „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) und „Das singende, klingende Bäumchen“ (1957) gelten als nationales Kulturgut – das es zu ‚schützen’ gilt.

"Das singende, klingende Bäumchen" (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR

„Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR


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Hinter den sieben sächsischen Bergen: Schneewittchen (DDR 1961)
Zwei ungleiche Frauen: Schneewittchen (DDR 1961)

Rick Krawetzke aus dem thüringischen Zeulenroda betreibt seit 2012 seine „Märchenfilm“-Facebookseite. Er verfolgt die Diskussion seit vielen Jahren. Ihn stört vor allem, dass die Neuverfilmungen an den DDR-Märchenfilmen gemessen werden. Letztere gelten für viele Zuschauer als ‚Originale’.

Krawetzke sieht das anders: „Was heißt ‚Original’? Für mich gibt’s kein ‚Original’. ‚Original’ ist das was im Buch steht“, sagt er Maerchen-im-Film.de. Vielmehr sind die ARD- und ZDF-Märchen für ihn Neuverfilmungen, die andere Akzente setzen und eine Chance verdienen.

„Theateraufführungen im Freilichtmuseum“

Auf die Frage, was das Publikum an den öffentlich-rechtlichen Adaptionen vermisst, könnte Christine Lötscher eine Antwort geben. Die Schweizer Filmkritikerin hat sich die Märchenfilme von ARD und ZDF genauer angesehen. Ihr Eindruck:

Die Neuverfilmungen haben „über weite Strecken den Charme von aufgezeichneten Theateraufführungen im Freilichtmuseum.“ Und: „Sie orientieren sich an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme […] Allerdings gelingt es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren […]“ (Lötscher 2017, S. 310).

"Das singende, klingende Bäumchen" (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

„Das singende, klingende Bäumchen“ (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Lötscher vermisst eine „Poetik“ der Inszenierung, also die Kunst, mit Hilfe filmischer Möglichkeiten wie Ausstattung, Schnitt oder Musik, das Publikum mitzureißen. Jenen Zauber in der Inszenierung sieht sie nun gerade bei den Disney-Realmärchenfilmen wie „Die Schöne und das Biest“ (USA 2017) oder „Cinderella“ (USA 2015).

Ein Bruchteil von dem, was Disney hat

Beide sind ohne Frage perfekt inszeniert – stehen aber im Gegensatz zu einem deutschen Märchenfilm-Genre, das sich erstens einer anderen kulturellen Tradition verpflichtet sieht und zweitens mit deutlich weniger Geld auskommen muss. „Cinderella“ kostete knapp 90 Millionen US-Dollar, „Die Schöne und das Biest“ sogar das Doppelte (185 Millionen).

"Der süße Brei" (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH

„Der süße Brei“ (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH


Zum Vergleich: Die ARD gibt den durchschnittlichen Minutenpreis ihrer Märchenfilme mit 20.870 Euro an (Stand: August 2017). Bei 60 Minuten Filmlänge wären das zirka 1,3 Millionen Euro. Das ZDF hat seinen letzten Märchenfilm „Der süße Brei“ (2018) zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert. Kostenpunkt: 1,7 Millionen Euro. Das ist ein Bruchteil von dem, was Disney zur Verfügung hat.

Aber: Ist der Charme oder der Zauber eines Märchenfilms wirklich vom Geld abhängig? Ja und nein. Ja, weil die Inszenierung von märchenhaften Räumen, in denen sich die Figuren bewegen, nicht immer aber oftmals die Kosten in die Höhe treibt.

Alles wirkt wie in einer Natur-Dokumentation

Ein Beispiel: In „Das Märchen von der Regentrude“ (2018), nach einer Geschichte von Theodor Storm, stehen sich zwei Welten gegenüber: eine wirkliche Dorfszenerie und das fantastische Reich der Regentrude. Die ARD-Verfilmung inszeniert beide Orte – wohl auch aus Kostengründen – realistisch in der norddeutschen Tiefebene: karge Landschaften, die unter einer Dürre leiden. Damit geht zugleich ein Märchenzauber verloren. Alles wirkt wie in einer Natur-Doku.

"Die Regentrude" (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR


Eine DDR-Verfilmung von 1976 („Die Regentrude“) baute das Reich der Titelfigur im Atelier künstlich nach, auch weil das DDR-Fernsehen als Auftraggeber finanziell immer aus dem Vollen schöpfen konnte:

„Vertrocknete Weidenwege, ausgedörrte Bachläufe, abgestorbene Pflanzen und totes Wassergetier stellen einen aus realen und phantastischen Elementen erwachsenen Landschafts- und Phantasieraum dar, der unter Studiobedingungen geschaffen wurde“ (Steinke 1990, S. 89).

Damit wurde gleichzeitig jene „Poetik“ erreicht, die das Publikum bei heutigen Märchenfilmen oftmals vermisst. Andererseits wäre es fatal, den Charme einer Verfilmung nur vom Geld abhängig zu machen. Das Zusammenspiel der filmischen Mittel und die Ideen der Filmemacher können, ja, sollten ein finanzielles Manko ausgleichen können.

DDR-Märchendramaturgie lebt bei ARD und ZDF weiter

Neben den Schwächen in der Inszenierung, also dem fehlenden Zauber, gibt es wiederum andere Stimmen, die die Nähe des öffentlich-rechtlichen Märchenfilms zur DDR-Märchendramaturgie geißeln. Für Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim Hessischen Rundfunk (HR) und ZDF, orientiert sich der heutige ARD- und ZDF-Märchenfilm zu sehr an DDR-Produktionen:

„Deshalb sind Könige, Tyrannen und Anführer aller Art, also ‚die da oben’, immer böse Trottel, während ‚die da unten’, also Bettler, Bauern und Wandersleut’, stets die Sympathieträger sind. […] Ich halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen“ (Gangloff 2017).

Freilich spitzten die DDR-Filmemacher den bereits bei den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff enthaltenen ‚Klassenkampf’ zu. Dabei zählten die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen zu den Bösen. Märchenfilme im Arbeiter-und-Bauern-Staat galten als Vehikel, eine sozialistische Weltanschauung zu transportieren. Schon die Kleinsten sollten auf Linie getrimmt werden.

Es gibt auch Unterschiede zum DDR-Märchenfilm

Doch ist der öffentlich-rechtliche Märchenfilm wirklich genauso einseitig? Ein Blick auf die Figurenkonstellation der ARD- und ZDF-Märchenfilme zeigt ein differenziertes Bild.

Ein ARD-Beispiel: „Das tapfere Schneiderlein“ (2008) erzählt von einem Burschen, der zwei Riesen besiegt und das Herz einer Königstochter erobert. Anders als in der Grimm’schen Vorlage und in einem DEFA-Märchenfilm von 1956, in der der König und die Prinzessin alles daran setzen, das Schneiderlein loszuwerden, stellt ihnen die ARD-Verfilmung einen bösen Minister an die Seite. Er intrigiert gegen das Schneiderlein. König, Prinzessin und Hofstaat sind dem Schneiderlein wohlgesonnen.

"Das tapfere Schneiderlein" (D 2008): Guter König (Axel Milberg), böser Minister (Dirk Martens) / © NDR/Susanne Dittmann

„Das tapfere Schneiderlein“ (D 2008): Guter König (A. Milberg), böser Minister (D. Martens) / © NDR/Susanne Dittmann


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ZDF-Märchenfilm (1989): Ein westdeutsches Aschenputtel verliert seinen Schuh in der DDR

Mitte der 1980er-Jahre war Göhlen an der Konzeption von zehn Märchen beteiligt, die das ZDF in europäischen Koproduktionen verfilmte. Dazu zählten „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR 1984) und „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT 1985). Im Gegensatz zu den DEFA-Märchenfilmen sind diese stilistisch und erzählerisch interessanten Produktionen ein wenig in Vergessenheit geraten.

Ein Grund: Sie entstanden in einer Zeit, in der Fantasyfilme wie „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES 1984) das Märchenfilm-Genre vorerst verdrängten – in West und Ost.

DDR-Märchenfilme ein Stück weit identitätsstiftend

Im Rückblick haben die DDR-Märchenfilme die Jahrzehnte besser überdauert. Nicht nur, weil ihnen jener fantastische Zauber zugebilligt wird, sondern auch, weil sie heute für ehemalige DDR-Bürger ein Stück weit identitätsstiftend sind. Sie sind mit „Frau Holle“ (1963), „König Drosselbart“ (1965) oder „Dornröschen“ (1971) aufgewachsen. Diese Märchenfilme sind ein fester Bestandteil ihrer Kindheit und Jugend – und gehören zu ihrer eigenen (Lebens-)Geschichte.

"Frau Holle" (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR

„Frau Holle“ (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR


Denn: Die meisten DDR-Bürger finden sich in der offiziellen Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands nicht wieder. Diese reduziert das Leben in der DDR auf Unterdrückung in einem SED-Unrechtsstaat. Punkt. Ihre Ost-Biografien werden damit auch ‚entwertet’.

„DDR-Märchenfilme neu erzählen“

Der Historiker Karsten Krampitz hat in seinem Aufsatz „DDR neu erzählen“ dafür plädiert, einen neuen Blick auf die DDR zu werfen, „ohne sie zu dämonisieren, aber auch ohne sie zu verklären.“ (Krampitz 2018). Was kann das für den DDR-Märchenfilm heißen?

Einerseits sollte er nicht verteufelt werden, nur weil er in einer Diktatur entstanden ist. Andererseits ist eine unkritische Glorifizierung und Überhöhung fehl am Platz, eben weil er in einer Diktatur entstanden ist. Beides ist in einer historisch-kritischen Aufarbeitung des DDR-Märchenfilms zu berücksichtigen. Oder einfacher gesagt: neu zu erzählen.

Filme: (in Reihenfolge der Nennung)

  • „Das Märchen von der Regentrude“ (BRD, 2018, R: Klaus Knoesel)
  • „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, R: Paul Verhoeven)
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR, 1957, R: Francesco Stefani)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (BRD, 2016, R: Wolfgang Eißler)
  • „Die Schöne und das Biest“ (USA, 2017, R: Bill Condon)
  • „Cinderella“ (USA, 2015, R: Kenneth Branagh)
  • „Der süße Brei“ (BRD, 2018, R: Frank Stoye)
  • „Die Regentrude“ (DDR, 1976, R: Ursula Schmenger)
  • „Das tapfere Schneiderlein“ (BRD, 2008, R: Christian Theede)
  • „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR, 1984, R: Miloslav Luther)
  • „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT, 1985, R: Juraj Jakubisko)
  • „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES, 1984, R: Wolfgang Petersen)
  • „Frau Holle“ (DDR, 1963, R: Gottfried Kolditz)
  • „König Drosselbart“ (DDR, 1965, R: Walter Beck)
  • „Dornröschen“ (DDR, 1971, R: Walter Beck)

Verwendete Quellen:


Headerfoto: „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © MDR

Dieser Artikel wurde am 4. August 2019 aktualisiert.

Märchenhafte Drehorte: Wo Aschenputtel seinen Schuh verliert

Märchenhafte Drehorte: Wo Aschenputtel den Schuh verliert

Dass „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ auf Schloss Moritzburg gedreht wurde, wissen die meisten. Aber an welchen Drehorten – Burgen, Gutshöfen oder Parks – entstanden die anderen deutschen Märchenfilme über „Aschenputtel“?

Es soll der erste Märchenfilm überhaupt gewesen sein: „Cendrillon“ (F 1899), zu Deutsch: „Aschenputtel“, von George Méliès. Der französische Filmpionier hatte sich – so die Überlieferung – von der gleichnamigen Märchenoper Jules Massenets inspirieren lassen. Diese geht, wie auch Méliès’ Film, auf das französische „Aschenputtel“-Märchen von Charles Perrault zurück.

Hier muss sich ein Mädchen („ebenso gut wie schön“) gegen eine fiese Stiefmutter und deren nicht minder böse Töchter behaupten. Aschenputtel, so sein Name, weil es in der Kaminecke neben der Asche schläft, nimmt unerlaubt an einem königlichen Ball teil. Dort verliebt sich der Königssohn in das Mädchen. Als Aschenputtel dem Prinzen kurz vor Mitternacht entflieht, verliert es einen seiner Schuhe. Tags darauf verkündet der Prinz, dass er die heiraten werde, welcher der Schuh passt. Als Aschenputtel ihn anprobiert, sitzt dieser wie angegossen, und der Königssohn führt es auf sein Schloss.

Märchenhafte Drehorte: Wo Aschenputtel seinen Schuh verliert

Cendrillon (1899): Aschenbrödel (Mlle Barral) lernt auf dem Ball den Prinzen kennen


Von den weltweit über 700 „Aschenputtel“-Varianten zählen neben Perraults „Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre“ (1697) auch das „Aschenputtel“ der Brüder Grimm (1812), Ludwig Bechsteins „Aschenbrödel“ (1845) und die Version der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová („O Popelusce“, 1857) – zugleich die Vorlage für eine der populärsten Adaptionen des Märchens: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ČSSR/DDR 1973).

Aber bei Weitem nicht die einzige, denn in den letzten 100 Jahren wurde das Märchen mehrfach in Deutschland verfilmt.

Union-Glashaus/Berlin-Tempelhof: „Aschenbrödel“ (1916) mit Asta Nielsen

Das Drehbuch für eine der ersten deutschen Verfilmungen schrieb der Däne Urban Gad. Er inszenierte das Märchen als Familiengeschichte: Das Mädchen Lotte – gespielt vom Stummfilmstar Asta Nielsen – wächst in ärmlichen Verhältnissen bei Pflegeeltern aus. Sie behandeln das Mädchen aber schlecht. Was Aschenbrödel nicht weiß: Sie ist eigentlich die Tochter des reichen Regierungsrats von Harten (Max Lauda).

Seine Frau hatte das Kind, nachdem sie es heimlich zur Welt brachte, aus Scham weggegeben. Am Ende wendet sich alles zum Guten und die Familie ist wieder vereint. Gad verlegte die Geschichte in die damalige Gegenwart. So entstand ein bürgerliches Filmmärchen mit Tendenzen zum Melodram – das heute aber als verschollen gilt. Überliefert ist, dass „Aschenbrödel“ in den Tempelhofer Studios der Projektions-AG Union (PAGU) gedreht wurde.

Film: „Aschenbrödel“ (D, 1916, R: Urban Gad)

Standfotos: Die Seite „Lost Films“ zeigt 31 Standfotos von „Aschenbrödel“. Hier klicken

Drehort: Union-Glashaus, Oberlandstraße 26–35, 12099 Berlin-Tempelhof

Filmstudio/Berlin: Stummes „Aschenbrödel“ (1930/31) lernt sprechen

In der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm adaptierte der Märchenfilm-Produzent Alf Zengerling sein „Aschenbrödel“. Der Regisseur stellte 1930 zunächst eine stumme Version des Märchens her. Einerseits weil er noch nicht an den Durchbruch des Tonfilms glaubte, andererseits weil ihm schlichtweg das Geld für die teurere Produktion mit sprechenden Schauspielern fehlte.

Aschenbrödel (1930/31): Die Titelfigur (Erika Dannhoff) am Bett ihrer kranken Mutter

Aschenbrödel (1930/31): Die Titelfigur (Erika Dannhoff) am Bett ihrer kranken Mutter


Aber nur ein Jahr später vertonte er seinen Märchenfilm dann doch – obgleich das Bild nicht immer synchron zum Ton läuft. Die kindertümliche Handlung orientiert sich an den „Aschenbrödel“-Versionen von Bechstein und Grimm, setzt aber auch neue Akzente. So hilft dem Mädchen die leibliche verstorbene Mutter, sodass Aschenbrödel (Erika Dannhoff) zweimal auf den Ball gehen und dort den Prinzen (Wolfgang Klein) treffen kann.

Im Unterschied zu vielen frühen „Aschenbrödel“-Märchenfilmen hat sich diese 71-minütige Version erhalten. Zuletzt lief sie 2007 im Rahmen einer Retrospektive „Aschenputtel – Ein Märchen im Wandel der Zeit“ beim 15. Deutschen Kinder-Medien-Festival „Goldener Spatz“.

Film: „Aschenbrödel“ (D, 1930/31, R: Alf Zengerling). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Innen- und Außenaufnahmen vermutlich Berlin und Umgebung.

Pfaueninsel/West-Berlin: „Aschenputtel“ (1955) im Naturschutzgebiet

Aschenputtel (1955): Prinz (R. Lichti) und Titelheldin (R.-M. Nowotny) / © Medienproduktion/Vertrieb Genschow

Aschenputtel (1955): Prinz (R. Lichti) und Titelheldin (R.-M. Nowotny) / © Medienproduktion/Vertrieb Genschow


Was haben „Der Mönch mit der Peitsche“ und „Aschenputtel“ gemeinsam? Ganz viel. Sowohl für den Edgar-Wallace-Streifen von 1967 als auch für den farbigen, wenn auch betulichen Märchenfilm entstanden die Außenaufnahmen auf der Pfaueninsel im südwestlichen Zipfel Berlins. Das nur 1,5 Kilometer lange und 500 Meter schmale heutige Naturschutzgebiet wurde Anfang des 19. Jahrhunderts als Landschaftspark im englischen Stil angelegt.

Auf Schloss Pfaueninsel, einer romantisch-märchenhaften, hell getünchten Burg, lebt in Fritz Genschows „Aschenputtel“ (1955) standesgemäß der Prinz (Rüdiger Lichti). Neben dem Schlösschen ist im Märchen auch das Kavaliershaus zu erkennen, das sich in der Inselmitte befindet und 1824/25 von Karl Friedrich Schinkel in ein spätgotisches Patrizierhaus umgebaut wurde.

Aschenputtel (1955): Das Schloss Pfaueninsel – hier im Jahr 2010 – ist ein Drehort / © Uwe Wattenberg/pixelio.de

Aschenputtel (1955): Das Schloss Pfaueninsel – hier im Jahr 2010 – ist ein Drehort / © Uwe Wattenberg/pixelio.de


Außenaufnahmen entstanden ebenso auf dem Festland, wie im Volkspark Klein-Glienicke, der sich in der Nähe der Pfaueninsel befindet: Als das Film-Aschenputtel (Rita-Maria Nowotny) kurz vor Mitternacht den königlichen Ball verlässt, reitet ihm der Prinz hinterher – unter anderem ist hier der Torbogen des ockerfarbenen Maschinenhauses zu erkennen, das 1837/38 im Stil eines italienischen Kastells gebaut wurde.

Als Drehort für Aschenputtels Zuhause entschied sich Regisseur Fritz Genschow für den Jägerhof in der englischen Tudor-Gotik, der ebenfalls von Schinkel errichtet wurde. Da das frühere Wohnhaus für die Jäger Ende der 1970er-Jahre original-getreu rekonstruiert wurde, ist in „Aschenputtel“ von 1955 noch der vorherige Zustand zu sehen.

Film: „Aschenputtel“ (BRD, 1955, R: Fritz Genschow). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Pfaueninsel, Nikolskoerweg, 14109 Berlin-Zehlendorf
  • Volkspark Klein-Glienicke, Königstraße, 14109 Berlin-Wannsee

Schloss Moritzburg/Dresden: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973)

Als im Winter 1972/73 die Dreharbeiten zum tschechoslowakisch-deutschen Kultfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ begannen, sollten die ersten Außenaufnahmen vor einem tief verschneiten Schloss Moritzburg entstehen. Doch das Wasserschloss, das sich 15 Kilometer nordwestlich von Dresden befindet und im Märchenfilm Sitz der königlichen Familie ist, zeigte sich damals nicht weiß, sondern grau.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Libuše Šafránková spielt die Titelrolle / © Schlösserland Sachsen

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Libuše Šafránková spielt die Titelrolle / © Schlösserland Sachsen


Kein Schnee, nirgends. Deshalb ließ Regisseur Václav Vorlíček vor dem Dreh Mengen von Kunstschnee verteilen. Beispielsweise für die Einstellung, in der die Kamera den Königszug filmt und im Hintergrund das Schloss zu sehen ist. Tipp: Die Stelle, an der damals diese malerischen Aufnahmen von Moritzburg entstanden, ist auch heute noch zugänglich.

Ebenso die Treppe, auf der Aschenbrödel (Libuše Šafránková) seinen Schuh verliert und vom Prinzen (Pavel Trávníček) gefunden wird, befindet sich im Schloss Moritzburg. Wie die Fanpage zum Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ weiß, zählt die Schlossanlage vier solcher ähnlich aussehender Treppen: Die richtige Treppe befindet sich auf der östlichen dem Garten zugewandten Seite.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Schloss Moritzburg in der Abenddämmerung / © Schlösserland Sachsen

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Schloss Moritzburg in der Abenddämmerung / © Schlösserland Sachsen


Seit 2009 erinnern auf Moritzburg Sonderausstellungen an den tschechoslowakisch-deutschen Märchen-Kultfilm – mit Originalkostümen und Filmrequisiten. Dabei wird oft vergessen, dass das Barockschloss nur einer der Drehorte für das Märchen von Božena Němcová war. Viele Innenaufnahmen entstanden dagegen in den ostdeutschen DEFA-Studios in Potsdam-Babelsberg.

Film: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973, ČSSR/DDR, R: Václav Vorlíček). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Barrandov-Studios, Kříženeckého nám. 322/5, 152 00 Praha 5–Hlubočepy, Tschechien
  • Burg Švihov, Žižkova 1, 340 12 Švihov, Tschechien
  • Schloss Moritzburg, Schlossallee, 01468 Moritzburg
  • VEB DEFA Studio für Spielfilme, 1502 Potsdam-Babelsberg, August-Bebel-Straße 26–53

Schloss Moritzburg/Dresden: Ein West-„Aschenputtel“ (1989) in der DDR

Aschenputtel (1989): Der Prinz (S. Meyer-Kohlhoff) empfängt die Titelheldin (P. Vigna) / © ZDF/Taurus-Film

Aschenputtel (1989): Der Prinz (S. Meyer-Kohlhoff) empfängt die Titelheldin (P. Vigna) / © ZDF/Taurus-Film


15 Jahre nachdem Václav Vorlíček sein „Aschenbrödel“ in und um Schloss Moritzburg verfilmte, entstanden 1988 die Außenaufnahmen für eine weitere „Aschenputtel“-Version. Sie ist zudem ein Beispiel für die deutsch-deutschen (Film-)Beziehungen in den 1980er-Jahren: Denn die österreichische Regisseurin Karin Brandauer drehte den Märchenfilm in einer westdeutschen Koproduktion mit dem ZDF. Ihr „Aschenputtel“ sollte allerdings auch vor dem Schloss spielen.

Das lag 1988 aber in der damaligen DDR. Nach einer Dreherlaubnis zuckelte das Filmteam deshalb Anfang September in Tourbussen von West-Berlin nach Moritzburg, in der Nähe der Bezirksstadt Dresden. Hier entstand – wie schon 1973 – auch die Schlüsselszene des Märchenfilms, in der Aschenputtel (Petra Vigna) seinen goldenen Schuh verliert.

Aschenputtel (1989): In dieser Verfilmung ist Moritzburg ein Sommerschloss / © Rolf Handke/pixelio.de

Aschenputtel (1989): In dieser Verfilmung ist Moritzburg ein Sommerschloss / © Rolf Handke/pixelio.de


Andere geeignete Drehorte für Außenaufnahmen, wie das Gutshaus des Vaters (Jean-Marc Bory) und der Stiefmutter (Krista Stadler), fand man in den Wirtschafts- und Nebengebäuden des West-Berliner Jagdschlosses Grunewald. Deren Außenansichten passten perfekt. Auch das aus Holz gezimmerte Taubenhaus, in dem sich Aschenputtel versteckt, als es vor dem Prinzen (Stephan Meyer-Kohlhoff) flüchtet, wurde hier extra aufgebaut.

Film: „Aschenputtel“ (BRD/E/F/I/ČSSR, 1989, R: Karin Brandauer). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Berliner Union Film GmbH & CO. KG, Oberlandstraße 26–35, 12099 Berlin-Tempelhof
  • Freizeit- und Erholungspark Lübars, Alter Bernauer Heerweg/Quickborner Str., 13469 Berlin-Reinickendorf
  • Jagdschloss Grunewald, Hüttenweg 100, 14193 Berlin
  • Schloss Moritzburg, Schlossallee, 01468 Moritzburg

Schloss Hof/Niederösterreich: „Aschenputtel“ (2010) tanzt im Barockgarten

Aschenputtel (2010): Die Titelheldin (E. Schüle) verlässt vorzeitig den königlichen Ball / © ZDF/Oliver Roth

Aschenputtel (2010): Die Titelheldin (E. Schüle) verlässt vorzeitig den königlichen Ball / © ZDF/Oliver Roth


Fast 20 Jahre nach Brandauers „Aschenputtel“ verfilmte das ZDF das Grimm’sche Märchen erneut, diesmal für seine TV-Reihe „Märchenperlen“. Gedreht wurde von Mitte Juli bis Anfang August 2010 auf Schloss Hof in Niederösterreich. Das Barockschloss ist das Zuhause von Prinz Leonhard (Max Felder). Dieser sucht dringend eine Braut, um das Testament seiner Eltern zu erfüllen und seinen durchgeknallten Onkel (Heinrich Schafmeister) auf dem Thron abzulösen.
Aschenputtel (2010): Schloss Hof – hier im Jahr 2010 – ist einer der Drehorte / © Hanni Flicker/pixelio.de

Aschenputtel (2010): Schloss Hof – hier im Jahr 2010 – ist einer der Drehorte / © Hanni Flicker/pixelio.de


Dank des gutes Wetters während der Dreharbeiten konnten viele Außenaufnahmen auf den sieben Terrassen des Barockgartens entstehen. Diese präsentieren sich wie zu Zeiten der österreichischen Kaiserin Maria Theresia: reich verzierte Brunnenanlagen, romantische Laubengänge, kunstvoll eingefasste Blumenbeete. Kein Wunder, dass sich gerade dort Aschenputtel Julia (Emilia Schüle) und der Prinz ineinander verlieben. Die böse Stiefmutter wird übrigens von der Leipziger Ex-„Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla gespielt.

Film: „Aschenputtel“ (BRD, 2010, R: Susanne Zanke). Ist auf DVD erschienen.

Drehort: u. a. Schloss Hof, A-2294 Schlosshof 1

Burg Anholt/Isselburg: „Aschenputtel“ (2011) – eine Doppelverfilmung?

Aschenputtel (2011): Prinz Viktor (F. Bartholomäi) tanzt mit der Titelheldin (A. Tezel) / © WDR/Hardy Spitz

Aschenputtel (2011): Prinz Viktor (F. Bartholomäi) tanzt mit der Titelheldin (A. Tezel) / © WDR/Hardy Spitz


Als auch die ARD – nur ein Jahr nach dem ZDF – das Grimm’sche Märchen verfilmte, war die Aufregung groß: Im sogenannten „Aschenputtel-Streit“ wurde den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgeworfen, unkoordiniert Doppelverfilmungen herzustellen. Das ZDF will versucht haben, die Produktionen untereinander abzustimmen, berichtete damals der „Spiegel“. Bei der ARD hieß es, nicht alle Märchen seien vom ZDF qualitativ hochwertig verfilmt worden. Auch daher halte man an einer eigenen Verfilmung fest.
Aschenputtel (2011): Das Wasserschloss Burg Anholt ist einer der Drehorte / © gänseblümchen/pixelio.de

Aschenputtel (2011): Das Wasserschloss Burg Anholt ist einer der Drehorte / © gänseblümchen/pixelio.de


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Dass das im Nachhinein eine gute Entscheidung war, zeigt das ARD-„Aschenputtel“ par excellence. Drehort für die Verfilmung ist unter anderem das bezaubernde Wasserschloss Burg Anholt. Hier residiert König Klemens (Harald Krassnitzer) mit seinem Sohn Prinz Viktor (Florian Bartholomäi). Letzterer soll endlich heiraten: Aber wen? Aschenputtels (Aylin Tezel) Stiefschwester Annabella (Pheline Roggan) – unterstützt von der Stiefmutter (Barbara Auer) – macht sich große Hoffnungen, dem Prinzen zu gefallen …

Film: Aschenputtel“ (BRD, 2011, R: Uwe Janson). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Burg Anholt, Schloss 1, 46419 Isselburg
  • LWL-Freilichtmuseum Detmold, Krummes Haus, 32760 Detmold

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Drehort Schloss Moritzburg / © Schlösserland Sachsen

Dieser Beitrag wurde am 6. September 2020 aktualisiert.