Hervorgehobener Beitrag
"Die Geschichte vom kleinen Muck" (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © Icestorm

DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

ARD und ZDF produzieren neue Märchenfilme wie am Fließband. Doch den Zauber der DEFA-Märchen aus der untergegangenen DDR billigt man ihnen nur selten zu. Ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit einem Kulturerbe.

Das deutsche Märchenfilm-Genre boomt. Zumindest das Öffentlich-rechtliche. So produzierte die ARD zwischen 2008 und 2018 in ihrer Reihe „Sechs auf einen Streich“ 46 Märchenverfilmungen. Das ZDF brachte es seit 2005 mit seinen „Märchenperlen“ auf immerhin 17 Adaptionen.

Das Konzept der beiden Reihen ist ähnlich: Bekannte oder weniger vertraute Märchenvorlagen werden mit populären Schauspielern an pittoresken Drehorten – wie Schlössern, Burgen oder Freilichtmuseen – zeitgemäß, aber dennoch klassisch verfilmt.

Solide Einschaltquoten, attraktive Sendeplätze

Beide Sender sind stolz auf ‚ihre’ Märchen, weil sie „zu den erfolgreichsten Formaten [zählen], die das Kinderfernsehen hierzulande in den letzten Jahren produziert hat“ (Götz/Innermann 2016, S. 26).

"Das Märchen von der Regentrude" (D 2018): Maren (Janina Fautz) weckt die Trude (Ina Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden

„Das Märchen von der Regentrude“ (D 2018): Maren (J. Fautz) weckt die Trude (I. Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden


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Erfolg meint hier vor allem solide Einschaltquoten auf attraktiven Sendeplätzen. So knackt das „Sonntagsmärchen“ (12 Uhr) auf dem von ARD und ZDF betriebenen Fernsehkanal KiKA regelmäßig die Millionenmarke. Und auch die TV-Premieren der öffentlich-rechtlichen Märchenfilme an den Weihnachtsfeiertagen kommen gut an: „Das Märchen von der Regentrude“ (ARD, 25.12.2018, 14.50 Uhr) schalteten 2,54 Millionen Zuschauer ein.

Pro und Contra: ARD- und ZDF-Märchenfilme

Doch ebenso regelmäßig wie ARD und ZDF neue Märchenfilme starten, mehren sich kritische Stimmen. Einige sind von den modernen Produktionen schlichtweg enttäuscht. Diskutiert wird darüber zumeist in Internet-Fanforen und sozialen Netzwerken. Dort senken oder heben die Follower den Daumen, wenn es um Neuverfilmungen geht – und sind pro oder contra:

„Ich finde alle neu verfilmten Märchen fürchterlich. Die Neuverfilmung der alten Defa-Märchen hätte man sich meiner Meinung nach sparen können.“ (Astrid Ihmels auf facebook.com/maerchenfilm)

„Ich finde vor allem die ‚6 auf einen Streich’-Filme gut, mit den alten Defa-Filmen tu ich mich schwer, die sind mir zu antiquiert und erinnern mich unangenehm an meine 50er-Jahre-Kindheit.“ (Gudrunmarie Schecker auf facebook.com/maerchenfilm)

„Nein – Märchen müssen alt sein. Modern geht gar nicht! Schon schlimm genug, dass die deutschen Theater die ‚Weihnachtsmärchen’ nur noch modern inszenieren. Da will man es als Film wenigstens noch alt und klassisch sehen.“ (Mirco Heidorn auf facebook.com/maerchenfilm)

Früher war alles besser: die DEFA-Märchenfilme

Der Tenor von einem Teil des Märchenfilm-Publikums: Früher war alles besser. Gemeint sind oftmals die DEFA-Märchenfilme, die zwischen 1949 und 1990 in der DDR entstanden. Besonders die Produktionen aus den 1950er-Jahren mit „Das kalte Herz“ (1950), „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) und „Das singende, klingende Bäumchen“ (1957) gelten als nationales Kulturgut – das es zu ‚schützen’ gilt.

"Das singende, klingende Bäumchen" (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR

„Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR


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Hinter den sieben sächsischen Bergen: Schneewittchen (DDR 1961)
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Rick Krawetzke aus dem thüringischen Zeulenroda betreibt seit 2012 seine „Märchenfilm“-Facebookseite. Er verfolgt die Diskussion seit vielen Jahren. Ihn stört vor allem, dass die Neuverfilmungen an den DDR-Märchenfilmen gemessen werden. Letztere gelten für viele Zuschauer als ‚Originale’.

Krawetzke sieht das anders: „Was heißt ‚Original’? Für mich gibt’s kein ‚Original’. ‚Original’ ist das was im Buch steht“, sagt er Maerchen-im-Film.de. Vielmehr sind die ARD- und ZDF-Märchen für ihn Neuverfilmungen, die andere Akzente setzen und eine Chance verdienen.

„Theateraufführungen im Freilichtmuseum“

Auf die Frage, was das Publikum an den öffentlich-rechtlichen Adaptionen vermisst, könnte Christine Lötscher eine Antwort geben. Die Schweizer Filmkritikerin hat sich die Märchenfilme von ARD und ZDF genauer angesehen. Ihr Eindruck:

Die Neuverfilmungen haben „über weite Strecken den Charme von aufgezeichneten Theateraufführungen im Freilichtmuseum.“ Und: „Sie orientieren sich an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme […] Allerdings gelingt es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren […]“ (Lötscher 2017, S. 310).

"Das singende, klingende Bäumchen" (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

„Das singende, klingende Bäumchen“ (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Lötscher vermisst eine „Poetik“ der Inszenierung, also die Kunst, mit Hilfe filmischer Möglichkeiten wie Ausstattung, Schnitt oder Musik, das Publikum mitzureißen. Jenen Zauber in der Inszenierung sieht sie nun gerade bei den Disney-Realmärchenfilmen wie „Die Schöne und das Biest“ (USA 2017) oder „Cinderella“ (USA 2015).

Ein Bruchteil von dem, was Disney hat

Beide sind ohne Frage perfekt inszeniert – stehen aber im Gegensatz zu einem deutschen Märchenfilm-Genre, das sich erstens einer anderen kulturellen Tradition verpflichtet sieht und zweitens mit deutlich weniger Geld auskommen muss. „Cinderella“ kostete knapp 90 Millionen US-Dollar, „Die Schöne und das Biest“ sogar das Doppelte (185 Millionen).

"Der süße Brei" (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH

„Der süße Brei“ (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH


Zum Vergleich: Die ARD gibt den durchschnittlichen Minutenpreis ihrer Märchenfilme mit 20.870 Euro an (Stand: August 2017). Bei 60 Minuten Filmlänge wären das zirka 1,3 Millionen Euro. Das ZDF hat seinen letzten Märchenfilm „Der süße Brei“ (2018) zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert. Kostenpunkt: 1,7 Millionen Euro. Das ist ein Bruchteil von dem, was Disney zur Verfügung hat.

Aber: Ist der Charme oder der Zauber eines Märchenfilms wirklich vom Geld abhängig? Ja und nein. Ja, weil die Inszenierung von märchenhaften Räumen, in denen sich die Figuren bewegen, nicht immer aber oftmals die Kosten in die Höhe treibt.

Alles wirkt wie in einer Natur-Dokumentation

Ein Beispiel: In „Das Märchen von der Regentrude“ (2018), nach einer Geschichte von Theodor Storm, stehen sich zwei Welten gegenüber: eine wirkliche Dorfszenerie und das fantastische Reich der Regentrude. Die ARD-Verfilmung inszeniert beide Orte – wohl auch aus Kostengründen – realistisch in der norddeutschen Tiefebene: karge Landschaften, die unter einer Dürre leiden. Damit geht zugleich ein Märchenzauber verloren. Alles wirkt wie in einer Natur-Doku.

"Die Regentrude" (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR


Eine DDR-Verfilmung von 1976 („Die Regentrude“) baute das Reich der Titelfigur im Atelier künstlich nach, auch weil das DDR-Fernsehen als Auftraggeber finanziell immer aus dem Vollen schöpfen konnte:

„Vertrocknete Weidenwege, ausgedörrte Bachläufe, abgestorbene Pflanzen und totes Wassergetier stellen einen aus realen und phantastischen Elementen erwachsenen Landschafts- und Phantasieraum dar, der unter Studiobedingungen geschaffen wurde“ (Steinke 1990, S. 89).

Damit wurde gleichzeitig jene „Poetik“ erreicht, die das Publikum bei heutigen Märchenfilmen oftmals vermisst. Andererseits wäre es fatal, den Charme einer Verfilmung nur vom Geld abhängig zu machen. Das Zusammenspiel der filmischen Mittel und die Ideen der Filmemacher können, ja, sollten ein finanzielles Manko ausgleichen können.

DDR-Märchendramaturgie lebt bei ARD und ZDF weiter

Neben den Schwächen in der Inszenierung, also dem fehlenden Zauber, gibt es wiederum andere Stimmen, die die Nähe des öffentlich-rechtlichen Märchenfilms zur DDR-Märchendramaturgie geißeln. Für Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim Hessischen Rundfunk (HR) und ZDF, orientiert sich der heutige ARD- und ZDF-Märchenfilm zu sehr an DDR-Produktionen:

„Deshalb sind Könige, Tyrannen und Anführer aller Art, also ‚die da oben’, immer böse Trottel, während ‚die da unten’, also Bettler, Bauern und Wandersleut’, stets die Sympathieträger sind. […] Ich halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen“ (Gangloff 2017).

Freilich spitzten die DDR-Filmemacher den bereits bei den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff enthaltenen ‚Klassenkampf’ zu. Dabei zählten die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen zu den Bösen. Märchenfilme im Arbeiter-und-Bauern-Staat galten als Vehikel, eine sozialistische Weltanschauung zu transportieren. Schon die Kleinsten sollten auf Linie getrimmt werden.

Es gibt auch Unterschiede zum DDR-Märchenfilm

Doch ist der öffentlich-rechtliche Märchenfilm wirklich genauso einseitig? Ein Blick auf die Figurenkonstellation der ARD- und ZDF-Märchenfilme zeigt ein differenziertes Bild.

Ein ARD-Beispiel: „Das tapfere Schneiderlein“ (2008) erzählt von einem Burschen, der zwei Riesen besiegt und das Herz einer Königstochter erobert. Anders als in der Grimm’schen Vorlage und in einem DEFA-Märchenfilm von 1956, in der der König und die Prinzessin alles daran setzen, das Schneiderlein loszuwerden, stellt ihnen die ARD-Verfilmung einen bösen Minister an die Seite. Er intrigiert gegen das Schneiderlein. König, Prinzessin und Hofstaat sind dem Schneiderlein wohlgesonnen.

"Das tapfere Schneiderlein" (D 2008): Guter König (Axel Milberg), böser Minister (Dirk Martens) / © NDR/Susanne Dittmann

„Das tapfere Schneiderlein“ (D 2008): Guter König (A. Milberg), böser Minister (D. Martens) / © NDR/Susanne Dittmann


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ZDF-Märchenfilm (1989): Ein westdeutsches Aschenputtel verliert seinen Schuh in der DDR

Mitte der 1980er-Jahre war Göhlen an der Konzeption von zehn Märchen beteiligt, die das ZDF in europäischen Koproduktionen verfilmte. Dazu zählten „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR 1984) und „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT 1985). Im Gegensatz zu den DEFA-Märchenfilmen sind diese stilistisch und erzählerisch interessanten Produktionen ein wenig in Vergessenheit geraten.

Ein Grund: Sie entstanden in einer Zeit, in der Fantasyfilme wie „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES 1984) das Märchenfilm-Genre vorerst verdrängten – in West und Ost.

DDR-Märchenfilme ein Stück weit identitätsstiftend

Im Rückblick haben die DDR-Märchenfilme die Jahrzehnte besser überdauert. Nicht nur, weil ihnen jener fantastische Zauber zugebilligt wird, sondern auch, weil sie heute für ehemalige DDR-Bürger ein Stück weit identitätsstiftend sind. Sie sind mit „Frau Holle“ (1963), „König Drosselbart“ (1965) oder „Dornröschen“ (1971) aufgewachsen. Diese Märchenfilme sind ein fester Bestandteil ihrer Kindheit und Jugend – und gehören zu ihrer eigenen (Lebens-)Geschichte.

"Frau Holle" (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR

„Frau Holle“ (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR


Denn: Die meisten DDR-Bürger finden sich in der offiziellen Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands nicht wieder. Diese reduziert das Leben in der DDR auf Unterdrückung in einem SED-Unrechtsstaat. Punkt. Ihre Ost-Biografien werden damit auch ‚entwertet’.

„DDR-Märchenfilme neu erzählen“

Der Historiker Karsten Krampitz hat in seinem Aufsatz „DDR neu erzählen“ dafür plädiert, einen neuen Blick auf die DDR zu werfen, „ohne sie zu dämonisieren, aber auch ohne sie zu verklären.“ (Krampitz 2018). Was kann das für den DDR-Märchenfilm heißen?

Einerseits sollte er nicht verteufelt werden, nur weil er in einer Diktatur entstanden ist. Andererseits ist eine unkritische Glorifizierung und Überhöhung fehl am Platz, eben weil er in einer Diktatur entstanden ist. Beides ist in einer historisch-kritischen Aufarbeitung des DDR-Märchenfilms zu berücksichtigen. Oder einfacher gesagt: neu zu erzählen.

Filme: (in Reihenfolge der Nennung)

  • „Das Märchen von der Regentrude“ (BRD, 2018, R: Klaus Knoesel)
  • „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, R: Paul Verhoeven)
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR, 1957, R: Francesco Stefani)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (BRD, 2016, R: Wolfgang Eißler)
  • „Die Schöne und das Biest“ (USA, 2017, R: Bill Condon)
  • „Cinderella“ (USA, 2015, R: Kenneth Branagh)
  • „Der süße Brei“ (BRD, 2018, R: Frank Stoye)
  • „Die Regentrude“ (DDR, 1976, R: Ursula Schmenger)
  • „Das tapfere Schneiderlein“ (BRD, 2008, R: Christian Theede)
  • „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR, 1984, R: Miloslav Luther)
  • „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT, 1985, R: Juraj Jakubisko)
  • „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES, 1984, R: Wolfgang Petersen)
  • „Frau Holle“ (DDR, 1963, R: Gottfried Kolditz)
  • „König Drosselbart“ (DDR, 1965, R: Walter Beck)
  • „Dornröschen“ (DDR, 1971, R: Walter Beck)

Verwendete Quellen:


Headerfoto: „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © MDR

Dieser Artikel wurde am 4. August 2019 aktualisiert.

Gegen den blonden Strich gebürstet: Aschenputtel (2011)

Gegen den blonden Strich gebürstet: Aschenputtel (D 2011)

Eine Titelheldin mit Migrationshintergrund, viel Slapstick und ein junger Mann im Ballkleid, der dem Prinzen Heiratsavancen macht: Der ARD-Märchenfilm zeigt mit „Aschenputtel“, dass er im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Welcher Regisseur auch heute das Grimm’sche Märchen vom „Aschenputtel“ adaptiert: An dem Filmklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ wird er allemal gemessen. Und das, obwohl die Vorlage des Kultfilms eigentlich auf ein Märchen der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová zurückgeht und mit dem „Aschenputtel“ der Brüder Grimm wenig gemeinsam hat. Dennoch: Das emanzipierte tschechische Aschenbrödel hat dem eher passiven deutschen Aschenputtel auf Kinoleinwand und Bildschirm bisher den Rang abgelaufen.

Frust abbauen: Aschenputtel (Aylin Tezel) bedient alles andere als Klischees / © WDR/Hardy Spitz

Frust abbauen: Aschenputtel (Aylin Tezel) bedient alles andere als Klischees / © WDR/Hardy Spitz


Als die ARD 2011 entscheidet, die Brüder-Grimm-Vorlage neu zu verfilmen, möchten das Drehbuchautor David Ungureit und Regisseur Uwe Janson ändern: Nicht nur, dass ihre Adaption mit Versatzstücken des „Aschenbrödel“-Klassikers arbeitet – oftmals ironisch gebrochen –, auch die konsequent gegen den Strich besetzten Darsteller in ihren Rollen, eine gestraffte Filmhandlung und zeitgemäße Dialoge wollen das Original modernisieren.

Romantische Drehorte vs. drastischer Psycho-Terror

"Aschenputtel" (1895) / Thekla Brauer

„Aschenputtel“ (1895) / Thekla Brauer

Der Moment der märchenhaften Alltagsentrückung bleibt dennoch erhalten: Als Aschenputtel zu Beginn am verwitterten Grabstein seiner verstorbenen Mutter kniet, erinnert das an ikonografisch gewordene Bilder dieses Märchens, zum Beispiel von der Illustratorin Thekla Brauer vom ausgehenden 19. Jahrhundert (Szenenbild: Oliver Munck). Das und andere erschienen damals in einer Ausgabe mit dem Titel „Grimm’s Kinder- und Hausmärchen“ von 1895. Historisch-romantisch ist auch der Drehort, an dem ein Großteil der Szenen des ARD-Märchenfilms entsteht: Das LWL-Freilichtmuseum Detmold wird zum Gutshof, in dem Aschenputtel mit Stiefmutter (Barbara Auer) und Stiefschwester Annabella (Pheline Roggan) lebt.
Frauenhaushalt: Stiefschwester (P. Roggan), Aschenputtel (A. Tezel), Stiefmutter (B. Auer) / © WDR/Hardy Spitz

Frauenhaushalt: Stiefschwester (P. Roggan), Aschenputtel (A. Tezel), Stiefmutter (B. Auer) / © WDR/Hardy Spitz


Im Gegensatz zu den malerischen Kulissen wird das Schicksal von Aschenputtel ohne Kitsch recht drastisch in Szene gesetzt: Anders als bei den Grimms ist auch sein Vater bereits tot, sodass es den psychischen und physischen Demütigungen von Stiefmutter und Stieftochter („Du bist Dreck!“) schutzlos ausgeliefert ist. Aber: Nicht nur eine weiße Taube sondern auch ein Esel namens Nepomuk erweisen sich als hilfreiche Freunde, die ihm in Notsituationen beistehen.

Aschenputtel gegen den blonden Strich besetzt

Zwar sind Parallelen zu „Aschenbrödel“ offensichtlich – dort sind es die Eule Rosalie und der Schimmel Nikolaus –, doch wird in „Aschenputtel“ eher vorhandene Potenzial der Vorlage geschickt ausgebaut: Erfüllt bei den Grimms am Grab der Mutter nur ein „weißes Vögelein“ Aschenputtels Wünsche, so ist es im Märchenfilm eine weiße Taube. Nicht nur mit der Farbe Weiß wird auf ein Gott nahes Lebewesen verwiesen. In der christlichen Überlieferung soll sich zudem der Heilige Geist als weiße Taube gezeigt haben.

Kostümsprache: Die Kleidung der Stiefmutter (Barbara Auer) steht auch für ihren Charakter / © WDR/Hardy Spitz

Kostümsprache: Die Kleidung der Stiefmutter (Barbara Auer) steht auch für ihren Charakter / © WDR/Hardy Spitz


Im Film lebt die Seele der verstorbenen Mutter in der weißen Taube weiter – und hilft, wenn es ihm besonders dreckig geht. Mit Erfolg. Aschenputtel ist keck, witzig und lehnt sich selbstbewusst gegen Stiefmutter und Stiefschwester auf. Mit Aylin Tezel – Tochter einer deutschen Krankenschwester und eines türkischen Arztes – als Titelfigur hat Regisseur Uwe Janson zudem die Hauptrolle gegen den blonden Strich besetzt und bricht mit tradierten (Prinzessin-)Klischees. Das gilt gleichfalls für die Rolle des Prinzen Viktor (Florian Bartholomäi).

Von Ferkeln und Mehlsäcken: Symbole im ARD-Märchenfilm

Dem toughen Aschenputtel wird hier kein Macho-Prinz, sondern ein eher verkopfter, durchaus androgyner Königssohn gegenübergestellt – ähnlich zwei verschiedener Puzzleteile, die sich letztlich doch ergänzen. Bis es soweit ist, müssen sich beide allerdings noch kennenlernen. Im Gegensatz zur Grimmvorlage, in dem Aschenputtel den Prinzen auf drei aufeinanderfolgenden Abenden während eines Balls trifft – auf dem er sich eine Braut aussuchen soll – lernen sich beide im Film eher durch Zufall kennen. Und zwar zunächst nicht im Schloss, sondern im Wald.

Falscher Eindruck: Aschenputtel (Aylin Tezel) kniet nicht vor dem Jäger (Florian Bartholomäi) / © WDR/Hardy Spitz

Falscher Eindruck: Aschenputtel (Aylin Tezel) kniet nicht vor dem Jäger (Florian Bartholomäi) / © WDR/Hardy Spitz


Auslöser sind zwei Aufgaben der bösen Stiefmutter: Aschenputtel muss an einem Tag fünf Ferkel ins Dorf, am anderen Tag drei Säcke Mehl durch den Wald bugsieren. Hier trifft es auf den Prinzen, der sich aber als Jäger ausgibt. Obwohl mit dem Ferkel als Glücks- und Erfolgssymbol sowie weißem Mehl als Zeichen von Reichtum (nur eine reiche Bevölkerungsschicht konnte sich weißes Mehl leisten) Aschenputtels sozialer Aufstieg bildlich vorhergesagt wird, ist das nicht nur platter Symbolismus.

Brüder Grimm goes Slapstick-Komödie

Janson/Ungureit verbinden ihre bildlichen Ideen mit Anleihen aus Slapstick-Komödien, wenn Aschenputtel und Jäger (Prinz) die im Wald entlaufenen Ferkel höchst amüsant wieder einfangen wollen. Oder wenn sich über Aschenputtel, als es den Jäger bei seinen missglückten Schießversuchen im Wald beobachtet, plötzlich einer der Mehlsäcke öffnet und es – von oben bis unten bestäubt – einem Gespenst gleicht. Kommt das Märchen damit zum einen im 21. Jahrhundert an, so hält das Drehbuch zum anderen an Reimen und Formeln der Vorlage fest.

Männerhaushalt: König (H. Krassnitzer), Zeremonienmeister (G. Fleck), Prinz (F. Bartholomäi) / © WDR/Hardy Spitz

Männerhaushalt: König (H. Krassnitzer), Zeremonienmeister (G. Fleck), Prinz (F. Bartholomäi) / © WDR/Hardy Spitz


So findet sich im Film nicht nur der Reim „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ wieder, als die Titelheldin Linsen und Erbsen aus der Asche lesen muss, um von der Stiefmutter die Erlaubnis (nicht) zu erhalten, am königlichen Ball teilzunehmen. Auch die Formel „Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich“ darf Aschenputtel artig aufsagen, um dann – nicht ganz seinem Wunsch entsprechend – vom Wunderbaum ein mit kleinen roten und gelben Blumen gemustertes weißes Kleid nebst knallroten Schuhen zu bekommen.

Junger Mann als weibliche Heiratskandidatin für Prinz Viktor

Obwohl Aschenputtels Ballkleid Romy Schneiders Garderobe in der „Sissi“-Trilogie (AT, 1955–1957, R: Ernst Marischka) zitiert, fügt es sich gut in die Epoche ein, in der der Märchenfilm spielt: das Biedermeier (circa 1815–1850). Kostümbildnerin Petra Neumeister verpasst zudem Stiefmutter und Stiefschwester Annabella modische Anti-Accessoires, die auch ihren bösen Charakter reflektieren: So dominieren zum Beispiel dunkle Farben und hohe Krägen im Outfit der Stiefmutter, wobei der Kragen hier auch für Hochmut, Arroganz und Machtstreben steht.

Darf ich bitten: Prinz Viktor (Florian Bartholomäi) und Aschenputtel (Aylin Tezel) auf dem Ball / © WDR/Hardy Spitz

Darf ich bitten: Prinz Viktor (Florian Bartholomäi) und Aschenputtel (Aylin Tezel) auf dem Ball / © WDR/Hardy Spitz


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Nicht nur Höhepunkt im Hinblick auf Kostüm und Ausstattung ist der Ball, zu dem König Clemens (Harald Krassnitzer) einlädt und auf dem sich Sohn Viktor eine Braut aussuchen soll. Gedreht wird auf dem Gelände der Burg Anholt, ein Wasserschloss im Stil des Barock umgeben von einer malerischen Parkanlage. Doch kein dröges Fest mit starren Umgangsformen sondern ein überraschend ausgelassener Ball wird inszeniert – auf dem sogar ein junger Mann mit Langhaarperücke und Ballkleid sein Glück als weibliche Heiratskandidatin versucht.

Geschlechterstereotype mit einem Lächeln aushebeln

Auch wenn sie oder er nicht bei Prinz Viktor landen kann: Dem Genre Märchenfilm tun neue, andere Frauen- und Männerbilder nur gut, weil sie überholte Geschlechterstereotype märchenhaft mit einem Lächeln aushebeln. Lächelnd schafft es auch Aschenputtel, Prinz Viktor auf dem Ball für sich zu gewinnen – wenn da nicht Stiefmutter und Stiefschwester wären. Doch die weiße Taube kann am Ende ganz wie bei den Grimms verkünden: „Rucke di guck, rucke di guck, kein Blut im Schuck: der Schuck ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim.“

Drehorte:

  • Burg Anholt, Schloss 1, 46419 Isselburg
  • LWL-Freilichtmuseum Detmold, Krummes Haus, 32760 Detmold

Filme:

  • „Aschenputtel“ (BRD, 2011, R: Uwe Janson, BRD). Auf DVD erschienen.
  • „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ČSSR/DDR, 1973, R: Václav Vorlícek). Auf VHS/DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Aschenputtel. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 1, S. 137–144.
  • Märchenatlas: Märchen in Bildern: Aschenputtel (abgerufen: 31.7.2020)


Headerfoto: Aschenputtel (Aylin Tezel) kniet am verwitterten Grabstein seiner verstorbenen Mutter / © WDR/Hardy Spitz