Hervorgehobener Beitrag
Werbeanzeige „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939) / © Jugendfilm-Verleih

Das Imperium schießt zurück: Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939)

Walt Disneys „Snow White“ wurde im „Dritten Reich“ nicht gezeigt. Deshalb setzte das Propagandaministerium große Hoffnungen in einen deutschen „Schneewittchen“-Film – mit mäßigem Erfolg.

Als am 21. Dezember 1937 der erste abendfüllende Zeichentrick-Farbenfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“ in Hollywood seine Kinopremiere feierte, war das Publikum hin und weg. Und auch die Filmkritiker applaudierten.

Bis zu 750 Künstler waren drei Jahre lang an der Produktion beteiligt. Darunter 32 Hauptzeichner, 102 Assistenzzeichner, 25 Hintergrundmaler und 158 meist junge Frauen, die die Zeichnungen im Akkord mit Tusche auf Zelluloid übertrugen und kolorierten. Ein Mammutprojekt, das Zeit und Geld verschlang – aber am Ende mit einem Happy End belohnt wurde.

Denn die Geschichte über die böse Königin, das schöne Schneewittchen und sieben drollige Zwerge entwickelte sich in den US-Kinos zum Kassenschlager – und trat bald darauf seinen Siegeszug um die Welt an.

Snow White and the Seven Dwarfs: Bis heute der Zeichentrick-Klassiker par excellence / © Disney. All rights reserved.

Snow White and the Seven Dwarfs: Bis heute der Zeichentrick-Klassiker par excellence / © Disney. All rights reserved.

„Snow White“ soll in deutsche Kinos kommen

In Deutschland verfolgt man besonders aufmerksam den künstlerischen und vor allem kommerziellen Erfolg von „Snow White“. Allerdings kann die nationalsozialistische Filmindustrie dem wenig entgegensetzen. Zwar entsteht in den Jahren 1935/36 die vierteilige Zeichentrick-Reihe „Deutscher Märchenkranz“, aber die catoonesken Kurz-Stummfilme in Schwarz-weiß rufen keine Begeisterungsstürme hervor.

Auch deshalb weist 1938 das von Joseph Goebbels geleitete Propagandaministerium an, den Disney-Film für einen Kinostart in Deutschland anzukaufen. Obwohl gleich mehrere deutsche Firmen, wie die Universum Film AG (Ufa), mit den US-Amerikanern verhandeln und sich hohe Gewinne aus dem Verleih erhoffen, gerät das Vorhaben ins Stocken.

Der Grund: Spätestens seit der Sudetenkrise und den Novemberpogromen ist die Stimmung gegen Nazi-Deutschland vollends gekippt. Disney wäre es unmöglich gewesen, einen Verleih seines Zeichentrickfilms vor seinen Landsleuten zu rechtfertigen. Schlussendlich werden die Verhandlungen Anfang 1939 ergebnislos abgebrochen.

Schauspieler statt Zeichentrickfiguren

Das Aus für Disneys „Snow White“ ist der verspätete Startschuss für einen eigenen deutschen „Schneewittchen“-Film – allerdings mit Schauspielern statt Zeichentrickfiguren. Verspätet deshalb, weil das Drehbuch bereits seit März 1938 vorlag, aber der Drehbeginn wegen der „Snow-White“-Verhandlungen vom Propagandaministerium immer wieder zurückgestellt wurde. Der Kinostart war ursprünglich für September 1938 geplant.

Werbung „Der verlorene Schuh“ / © Ufa

Werbung „Der verlorene Schuh“ / © Ufa

Dass das deutsche „Schneewittchen“ als Realfilm inszeniert wird, erscheint noch aus einem anderen Grund logisch. Denn der deutsche Märchenfilm schaut bereits auf eine über 20-jährige Tradition zurück. Die begann in den 1910er-Jahren mit Filmen wie „Rübezahls Hochzeit“ (1916) von Paul Wegener und setzte sich später mit „Der verlorene Schuh“ (1923) – eine „Aschenputtel“-Adaption von Ludwig Berger – fort.

Dabei zeigt die Causa Berger noch etwas anderes: Der jüdische Drehbuchschreiber und Regisseur emigrierte 1935 aus Deutschland. Er steht wie viele andere für den kreativen Aderlass, der den deutschen Film nach 1933 prägt. Und der sich auch auf das Märchen-Genre auswirkt.

Märchen sind „unstreitig eine deutsche Angelegenheit“

Seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten sind bislang fünf neue Schauspieler-Märchenfilme aus deutscher Produktion in den Kinos gestartet. Sie richten sich vor allem an Kinder zwischen vier und acht Jahren, können aber nicht an das künstlerische Niveau aus den 1920er-Jahren anknüpfen.

Dennoch setzen die NS-Filmfunktionäre große Hoffnungen in den „Schneewittchen“-Film, um Disneys „Snow White“ zu übertrumpfen. Der vermeintliche Vorteil: Märchen seien „doch unstreitig eine deutsche Angelegenheit“. Man denke an die Brüder Grimm. Allein deshalb sollte das Vorhaben gelingen.

„Echte Liliputaner“ spielen die sieben Zwerge

Im Frühjahr 1939 beginnen die Dreharbeiten in Berlin. Die Studioproduktion entsteht ohne Außenaufnahmen. Carl Heinz Wolff sitzt auf dem Regiestuhl. Er kommt aus dem seichten Unterhaltungsfach und ist mit Filmen wie „Heideschulmeister Uwe Karsten“ (1933) und „Verlieb dich nicht am Bodensee“ (1936) eher im Heimatfilm-Genre zu Hause.

Das Drehbuch steuert Hubert Schonger bei. Eigentlich ist der gebürtige Schwabe ein Kulturfilmer und macht Natur-Dokus. Bislang hat er noch kein Manuskript für einen Märchenfilm verfasst. Aber: Ihm gehört die kleine Produktionsfirma, die „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ herstellt.

Münchhausen: Marianne Simson spielt im Ufa-Film von 1943 die körperlose Mondfrau / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF

Münchhausen: Marianne Simson spielt im Ufa-Film von 1943 die körperlose Mondfrau / Quelle: Murnau-Stiftung/DIF


Die Rolle der Titelheldin Schneewittchen übernimmt die damals unbekannte, erst 19-jährige Marianne Simson. Vier Jahre später wird sie an der Seite von Hans Albers im Fantasy-Klassiker „Münchhausen“ (D 1943) eine Nebenrolle spielen. In „Schneewittchen“ ist ihr Gegenpart, die böse Königin, Elisabeth Wendt. Für die Zwerge, so die damalige Presse, werden „echte Liliputaner“ ausgewählt. Der älteste soll 76 Jahre sein.

„Schneewittchen“: Prädikat „volksbildend“

Am 7. Juli 1939 berichtet die Film-Tageszeitung „Film-Kurier“ prominent auf Seite eins, dass die Aufnahmen für den „Schneewittchen“-Film beendet sind. Bis zum deutschen Kinostart im Oktober vergehen allerdings nochmals drei Monate.

In dieser Zeit wird das Märchen akribisch von der Film-Prüfstelle begutachtet. Die staatliche Zensurbehörde mit Sitz in Berlin entscheidet darüber, ob Filme im Deutschen Reich aufgeführt werden dürfen und ob sie ein Prädikat erhalten. Für „Schneewittchen“ läuft es gut: Der knapp 80-minütige Märchenfilm erhält die Zulassung und bekommt das Prädikat „volksbildend“.

Schneewittchen und die sieben Zwerge: Marianne Simson umringt von „echten Liliputanern“ / © Schongerfilm

Schneewittchen und die sieben Zwerge: Marianne Simson umringt von „echten Liliputanern“ / © Schongerfilm


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Am 1. Oktober 1939 startet der Film deutschlandweit in den Kinos: Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Köln, München, Frankfurt, Breslau, Dresden oder Nürnberg sind nur einige der Aufführungsorte. Im Januar 1940 läuft „Schneewittchen“ in der sogenannten Ostmark an.

Hersteller „haben Geschmack walten lassen“

Die gleichgeschaltete deutsche Filmfachpresse, gelenkt vom Propagandaministerium, gibt sich wohlwollend in ihrer Kritik: Der „Film-Kurier“ findet, dass der Märchenfilm für Kinder „ein guter Erfolg“ ist. Die „Deutsche Filmzeitung“ lobt: Die Hersteller „haben Geschmack walten lassen.“ Und die „Lichtbild-Bühne“ meint, dass die Darsteller „sehr nett“ ihre Möglichkeiten nutzen.

Schneewittchen und die sieben Zwerge: Die kleinen Männer trauern am Sarg der Königstochter / © Schongerfilm

Schneewittchen und die sieben Zwerge: Die kleinen Männer trauern am Sarg der Königstochter / © Schongerfilm


Dennoch: So richtig überzeugt, gar enthusiastisch, klingt das nicht. Das liegt nicht nur daran, dass der deutsche „Schneewittchen“-Film in Schwarz-weiß gedreht ist – im Gegensatz zum farbenfrohen Disney-Film. Es sind auch die Dialoge, die sich zwar eng an das Märchenbuch halten, aber im Film flach und hölzern klingen. Zudem muss die böse Königin zur Strafe am Ende in glühenden Pantoffeln tanzen. Harter Tobak für zarte Kinderseelen.

Hatte Disney seine „Schneewittchen“-Version noch entgruselt – die böse Königin versucht nur einmal, Schneewittchen zu töten – so bleiben im deutschen Realfilm alle Grausamkeiten erhalten. Mehr noch: Die seelischen werden gar verstärkt. So leidet Schneewittchen schon als Kind unter dem Psychoterror seiner Stiefmutter.

„Tick-tack, Tick-tack“ statt „Heigh-Ho, Heigh-Ho“

Filmplakat „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ / © Jugendfilm-Verleih

Filmplakat „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ / © Jugendfilm-Verleih

Besser funktionieren einige Ideen, die sich die Filmemacher von Disney abgeguckt haben – was offiziell natürlich verschwiegen wird. Singen die Zwerge bei Disney „Heigh-Ho, Heigh-Ho“, so trällern die kleinen Männer im deutschen Pendant „Tick-tack, Tick-tack“ zu einer ähnlich mitreißenden Melodie. Komponiert hat die Filmmusik Norbert Schultze, der zuvor Soldatenlieder („Lili Marleen“) und später Propagandalieder („Bomben auf Engelland“) vertont.

Dass harmlose Märchenfilme ihre Entstehungszeit reflektieren, zeigt auch der deutsche „Schneewittchen“-Film: So muss der Vater (Walter Kynast) der Titelheldin in den Krieg ziehen. Das steht zwar nicht im Grimm’schen Märchen, aber es spannt einen Bogen zu den Alltagserfahrungen des damaligen Publikums – und schwört das Volk auf Kampf und Wehrbereitschaft ein: Denn der Märchenfilm startet in den Kinos genau vier Wochen nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.

Am 24. Oktober 1950 erstmals in Westdeutschland im Kino

Dass er bis Kriegsende im Deutschen Reich – aber auch in besetzten Gebieten wie den Niederlanden – immer wieder aufgeführt wird, zeigt einmal mehr, dass er für die Nationalsozialisten zu den wichtigsten ihrer knapp zwanzig Märchenfilme zählt.

Im Rückblick zieht der deutsche „Schneewittchen“-Film dennoch den Kürzeren: Als Disneys „Snow White and the Seven Dwarfs“ nach dem Krieg erstmals in Westdeutschland uraufgeführt wird – am 24. Oktober 1950 in Köln –, ist das Publikum hellauf begeistert. Auch 13 Jahre nach seiner US-Premiere hatte der farbenfrohe Zeichentrickfilm nichts von seiner Genialität eingebüßt. Ende gut, alles gut. Genau wie im Märchen.

Dank für die Unterstützung bei der Recherche an Rommy Albers (EYE Film Instituut Nederland, Amsterdam) und Paolo Caneppele (Österreichisches Filmmuseum, Wien).

Der Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939) kann im Bundesarchiv-Filmarchiv (Berlin) zu Forschungszwecken gesichtet werden. Die Rechte für Kino- und TV-Aufführungen hält Schongerfilm (Inning am Ammersee).

Filme:

  • „Snow White and the Seven Dwarfs“ (USA, 1937, Regie: David Hand). Auf DVD/Blu-ray erschienen.
  • „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D, 1939, Regie: Carl Heinz Wolff). Noch nicht erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Hahn, Ronald M./Jansen, Volker/Stresau, Norbert: Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937). In: Dies.: Lexikon des Fantasy-Films. 650 Filme von 1900 bis 1986. München, 1986, S. 433–436.
  • Henseleit, Felix: Schneewittchen und die sieben Zwerge. Hubert Schonger-Film im Ufa-Pavillon. In: Lichtbild-Bühne 32 (1939), Nr. 235, 9.10.1939, [o. S.].
  • Laqua, Carsten: Wie Micky unter die Nazis fiel. Walt Disney und Deutschland. Reinek b. Hamburg, 1992, S. 88–99.
  • Martini, Irmgard: Schneewittchen und die sieben Zwerge. In: Deutsche Filmzeitung 18 (1939), Nr. 43, 22.10.1939, S. 3.
  • Schlesinger, Ron (Hrsg.): Schneewittchen und die sieben Zwerge. In. Ders.: Rotkäppchen im Dritten Reich. Die deutsche Märchenfilmproduktion zwischen 1933 und 1945. Ein Überblick. Berlin, 2014, S. 45–51.
  • Schuhmacher, Hans: Märchenfilme eine deutsche Angelegenheit. Zu den Aufnahmen von „Schneeweißchen und Rosenrot“. In: Film-Kurier 20 (1938), Nr. 150, 30.6.1938, S. 5.
  • Schuhmacher, Hans: Schneewittchen und die sieben Zwerge. Ufa-Pavillon. In: Film-Kurier 21 (1939), Nr. 236, 10.10.1939, [o. S.].
  • Storm, J. P./Dreßler, M.: Im Reiche der Micky Maus. Walt Disney in Deutschland 1927–1945. Eine Dokumentation zur Ausstellung im Filmmuseum Potsdam. Berlin, 1991, S. 105–133.
  • [o. A.]: Deutsche Märchenfilme. In: Film-Kurier 20 (1938), Nr. 74, 29.3.1938, S. 1.
  • [o. A.]: Schneewittchen-Film beendet. In: Film-Kurier 21 (1939), Nr. 155, 7.7.1939, S. 1.
  • [o. A.]: Schneewittchen und die sieben Zwerge. In: Paimann’s Filmlisten 25 (1940), Nr. 1239, 5.1.1940, [o. S.].

DVD-Cover / © Walt Disney

DVD-Cover / © Walt Disney


Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937)
Regie: David D. Hand
Reihe: Disney Classics 1
Fassung: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Format: Dolby, PAL
Länge: 80 Minuten
Alterseinstufung: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Label: Walt Disney (VÖ: 9.11.2017)


Headerfoto: Werbeanzeige „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D 1939) / © Jugendfilm-Verleih

Dieser Beitrag wurde am 1. Februar 2020 aktualisiert.

Homosexualität im Märchenfilm: (K)ein schwuler Prinz. Nirgends

Homosexualität im Märchenfilm: (K)ein schwuler Prinz. Nirgends

Im Märchenbuch darf der Prinz schon lange einen Prinzen heiraten. Im Märchenfilm stecken schwule Königssöhne allerdings noch mitten im dramaturgischen Coming-out. Eine Bestandsaufnahme.

"König & König" (2001) / © Gerstenberg

„König & König“ (2001) / © Gerstenberg

In „König & König“ (2001) heiratet ein Thronfolger den Prinzen (und nicht die Prinzessin). In „Der Meerprinz“ (2010) verliebt sich ein Küchenjunge in einen Königssohn. Und auch in „Des Grafen neue Kleider“ (2010) werden zwei männliche Helden ganz selbstverständlich ein Liebespaar.

Queere Märchenbücher mit schwulen Protagonisten stellen gängige Vorstellungen von Märchen auf den Kopf: unaufgeregt, originell, behutsam. Weil sich das niederländische Bilderbuch „König & König“ dabei an Kinder ab vier Jahren wendet, haben es die Autoren mit Bedacht „federleicht als verspielte Collage gestaltet“ – bildlich und textlich. Das gefiel seinerzeit sogar der FAZ.

Kein schwuler Prinz. Nirgends

"Das große Regenbogen Märchenbuch" (2019) / © Selbstverlag

„Das große Regenbogen Märchenbuch“ (2019) / © Selbstverlag

Doch auch wenn zuletzt „Das große Regenbogen Märchenbuch“ (2019) oder das in Ungarn lebhaft diskutierte „Ein Märchenland für alle“ (2020) neu hinzugekommen sind, Geschichten „mit einem schwulen Prinzenpärchen, das zum Happy-End findet“ (Süddeutsche Zeitung) stehen – wenn überhaupt – bisher nur in Bücherregalen.

Ein anderes Medium, das Genre Märchenfilm, tut sich erstaunlicherweise schwer mit offen homosexuellen Haupt- oder Nebenfiguren – und das obwohl beispielsweise ARD und ZDF seit Mitte der 2000er-Jahre neue Märchenfilme wie am Fließband produzieren.

Die überlieferten Vorlagen der Brüder Grimm, Hans Christian Andersens oder Ludwig Bechsteins werden dabei „moderat modernisiert“ (Berliner Zeitung), „geschickt weitergesponnen“ (Frankfurter Rundschau) und sind „fit für das 21. Jahrhundert“ (Die Welt). Doch kein schwuler Prinz. Nirgends.

Homosexuelle Helden fehlen im europäischen Märchen

"Märchenhaft. Das erste Buch voller lieblicher Prinzen und tollkühner Maiden" / © Debüt Verlag

„Märchenhaft. Das erste Buch voller lieblicher Prinzen und tollkühner Maiden“ / © Debüt Verlag

Kein Wunder, denn die meisten Neuverfilmungen gehen auf europäische Märchenvorlagen des 19. Jahrhunderts zurück. Darin kommt Homosexualität nicht vor. Der Grund: eine „restriktive christliche Sexual- und Moralethik [, die] eine weitgehende Diffamierung und Kriminalisierung von Homosexuellen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts“ (Marzolph 1990, Sp. 1219) zur Folge hatte.

Und schwule Märchenprinzen im westlichen Kulturkreis bis heute ausklammert. Mit einer Ausnahme: In humoristischen Gattungen, wie Witz und Schwank, darf über (besser wäre: mit) homosexuelle(n) Helden gelacht werden, weil Humor es schafft, Hemmschwellen zu überwinden.

"Meseország mindenkié" (Märchenland für alle) / © Labrisz Egyesület

„Meseország mindenkié“ (Märchenland für alle) / © Labrisz Egyesület

Doch selbst Grimm’sche Schwankmärchen, wie „Das tapfere Schneiderlein“, in denen sich das Närrische „in lächerlichen Widersprüchen und komischen Verwicklungen“ (Freund 2005, S. 129) selbst aufhebt, warten nicht mit einem schwulen Helden auf: Der heterosexuelle Protagonist heiratet die Königstochter und bekommt das halbe Königreich dazu.

Schon eher lohnt sich da ein Nachschlagen bei zwei anderen Märchendichtern des 19. Jahrhunderts, die – offen oder versteckt – selbst homosexuell sind und mit ihren Kunstmärchen zu den meist gelesenen Autoren des Genres zählen: Hans Christian Andersen (1815–1875) und Oscar Wilde (1854–1900).

Schwule Märchendichter, aber keine schwulen Helden

Wilde veröffentlicht 1888 die erste Ausgabe von „Der glückliche Prinz und andere Märchen“, die fünf Kunstmärchen enthält. Drei Jahre später folgen vier weitere Erzählungen mit dem Titel „Ein Granatapfelhaus“. Obwohl der Familienvater Oscar Wilde relativ offen mit seiner Homosexualität umgeht, sind keine offen schwulen Charaktere in seinen Märchen zu finden.

Vielmehr steckt in den Erzählungen der eine oder andere Hinweis, so im Märchen „Der junge König“ in dem vom Namen „des bithynischen Sklaven Hadrians“ die Rede ist – eine Anspielung auf den römischen Kaiser Hadrian (76–138) und seinen Geliebten Antinous (110–130).

Im Gegensatz zu Wilde nimmt Hans Christian Andersen Abstand von solchen Verweisen, wohl auch, weil er seine Homosexualität nicht offen auslebt. Vielmehr, so der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907–2001), versucht „Andersen mit Hilfe scheinbarer Enthüllungen, das Eigentliche zu verhüllen“ (Mönninghoff 2005) – seine Homosexualität.

So macht sich Andersen in seinen Märchen „selbst zur poetischen Gestalt […] als hässliches Entlein; als amphibisches Seefräulein; als falsch gegossener Zinnsoldat“ (Mayer 2007). Deshalb sind seine Erzählungen auch Vorlagen für neue queere Märchen des 21. Jahrhunderts, wie „Der Meerprinz“ und „Des Grafen neue Kleider“ von Ulrike Nolte.

Warum Aschenbrödel so schwul ist

Gewiss, neue männliche Rollenbilder gibt es seit Ende der 1960er-Jahre auch in Märchenfilmen – vor allem als Reaktion auf gesellschaftspolitische Veränderungen. Zwar gehen die Filmemacher nicht soweit, dass sich ein Königssohn in den Prinzen des Nachbarreichs verliebt, doch männliche Charaktere werden vielschichtiger angelegt.

Im Jahr 2012 versuchte das LGBTI-Onlinemagazin „Queer“ die etwas provokante These zu beweisen, „warum Aschenbrödel so schwul ist“. Gemeint ist der Märchenfilmklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ČSSR/DDR, 1973, R: Václav Vorlíček). In der Geschichte geht es um ein zurückgesetztes Mädchen, das von Stiefmutter und Stiefschwester drangsaliert wird, aber am Ende doch den Prinzen bekommt.

Eindeutige Körpersprache des Prinzen

Im Hinblick auf eine ‚schwule’ Darstellung des Prinzen erscheinen zwei Ansätze – neben anderen eher augenzwinkernden und deshalb zu vernachlässigenden Punkten – interessant. So hat „der junge Prinz […] ganz eindeutig eine sehr starke Beziehung zur Mutter, die ihn auch stets in Schutz nimmt. Herr Papa König dagegen wirkt weichlich und schwach.“ (Scheuß 2012).

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR): Der Prinz (Pavel Trávnicek) sucht die Nähe zur Mutter (Karin Lesch). Der Vater (Rolf Hoppe) findet keinen Draht zu seinem Sohn / © MDR

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR): Der Prinz (Pavel Trávnicek) sucht die Nähe zur Mutter (Karin Lesch). Der Vater (Rolf Hoppe) findet keinen Draht zu seinem Sohn / © MDR


Hintergrund ist das Klischee, dass schwule Söhne ein besseres Verhältnis zur dominanten Mutter als zum schwachen Vater haben – und diesen auch nicht ernst nehmen.

Bildlich zeigt sich das in der Filmszene „Kleiner Salon“, in der der Königs-Vater (Rolf Hoppe) dem Prinzen (Pavel Trávnicek) eine Moralpredigt hält. Der Sohn ‚klammert’ sich dabei an den Sessel der Königs-Mutter (Karin Lesch) und ‚versteckt’ sich ein wenig hinter ihr. Die Körpersprache des Prinzen kann darauf schließen lassen, dass er auf die Unterstützung seiner Mutter bauen kann.

„Aschenbrödel“-Prinz mit androgynen Zügen

Zudem fühle sich der Prinz während der königlichen Jagd von einem jungen Jäger „erotisch“ angezogen – in den sich Aschenbrödel (Libuše Šafránková) dank einer Zaubernuss verwandelt hat. Weniger ein vermeintliches „Transgender-Motiv“ (es handelt sich hier eher um Crossdressing: das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts) als vielmehr eine „erotische“ Anziehungskraft des Jägers, kann als subtil ‚schwule’ Inszenierung des Prinzen gelten.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR): Die Titelfigur (Libuše Šafránková) im feschen Jägerkostüm / © MDR

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR): Die Titelfigur (Libuše Šafránková) im feschen Jägerkostüm / © MDR


Soweit geht die Filmwissenschaftlerin Fabienne Liptay Mitte der 2000er-Jahre allerdings nicht, obgleich auch sie feststellt, dass der Prinz „androgyne Züge erhält. Zum Beispiel, wenn er sich das lange Stirnhaar aus dem Gesicht streicht oder Aschenbrödel in seinen sportlichen Fähigkeiten deutlich unterlegen scheint“ und er sich „auf eigentümliche Weise [von dem vermeintlichen Jüngling] angezogen fühlt“ (Liptay 2004, S. 199).

„Wie man Prinzessinnen weckt“

Ebenso hinterfragt der tschechoslowakische Märchenfilm „Wie man Prinzessinnen weckt“ (ČSSR, 1977, R: Václav Vorlíček) gängige Klischees von Prinzen und präsentiert einen Königssohn, der Höhenangst hat und zudem Nichtschwimmer ist. Mehr noch: In der „Dornröschen“-Adaption wird das Augenmerk von Beginn auf die Entwicklung des anfangs schüchternen Jaroslav (Jan Hrušinský) gelenkt – als positiv besetzten Anti-Prinzen.

Wie man Prinzessinnen weckt (ČSSR): Prinz Jaroslav (Jan Hrušinský, r.) mit seinem Bruder Georg (Jan Kraus) / © Barrandov-Filmstudio

Wie man Prinzessinnen weckt (ČSSR): Prinz Jaroslav (Jan Hrušinský, r.) mit seinem Bruder Georg (Jan Kraus) / © Barrandov-Filmstudio


Ein uraltes Märchen (UdSSR): Ein Saufkumpan knutscht den Soldaten (Oleg Dal, r.) zärtlich / Screenshot: Icestorm

Ein uraltes Märchen (UdSSR): Ein Saufkumpan knutscht den Soldaten (Oleg Dal, r.) zärtlich / Screenshot: Icestorm


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Wie man Prinzessinnen weckt (ČSSR 1977): Von einem Prinzen, der auszog, sich selbst zu finden
Ein uraltes Märchen (UdSSR 1968): Mini, Miezen und Mancini

Dass sich nicht nur Prinzen, sondern auch andere Märchenfiguren einem differenzierten Männerbild gegenübersehen, zeigt nicht zuletzt ein tapferer Soldat (Oleg Dal) im sowjetischen Film „Ein uraltes Märchen“ (UdSSR, 1968, R: Nadeshda Koschewerowa). Der darf auch mal mit hoher Stimme „Huch!“ schreien (dieser Aufruf wird eher femininen Männern zugeschrieben – und nicht etwa Soldaten, die als hart im Nehmen gelten) und herzlich einen Saufkumpan knutschen.

„Game of Thrones“ mit schwulen Figuren

Doch alte und neue Märchenfilme wurden und werden vornehmlich für ein Kinder- und Familienpublikum produziert. Zwar sind hier männliche Märchencharaktere teils vielschichtig und modern angelegt, aber aus medienpädagogischer Sicht sind homosexuelle männliche Haupt- und Nebenfiguren offenbar noch immer problematisch.

Ein benachbartes Fach, das Fantasy-Genre, geht offener mit Homosexualität um. Ein Beispiel ist die US-Serie „Game of Thrones“ (2011–2019), die die FSK – für die meisten Episoden – ab 16 Jahren freigegeben hat. Allerdings bezieht sich diese Entscheidung auf explizite Gewaltdarstellungen und ausdrücklich nicht auf homosexuelle Charaktere. Diese sind schon, mehr oder weniger versteckt, in der Romanvorlage „A Song of Ice and Fire“ („Das Lied von Eis und Feuer“) enthalten.

Game of Thrones (USA): Renly Baratheon (Gethin Anthony, r.), Ser Loras Tyrell (Finn Jones) / Quelle: Game of Thrones Wiki

Game of Thrones (USA): Renly Baratheon (Gethin Anthony, r.), Ser Loras Tyrell (Finn Jones) / Quelle: Game of Thrones Wiki


Zum Beispiel die schwulen Figuren Renly Baratheon (Gethin Anthony) und Ser Loras Tyrell (Finn Jones). Beide, der eine verheirateter Thronanwärter, der andere „Ritter der Blumen“, leben in einer Beziehung. Zudem wird Homosexualität in den jeweiligen Königreichen unterschiedlich toleriert. In Westeros kann man sie nicht offen ausleben, in der Region Dorne durchaus.

„Schneewittchen – Sieben Zipfel und ein Horst“

Neue Wege in Geschlechterkonstruktionen beschreitet auch der private Fernsehsender ProSieben, als dieser „Die Märchenstunde“ (D/AT/CZ 2006–2012) produziert: eine Comedy-Reihe, in der 22 Märchen der Brüder Grimm, Hans Christian Andersens und Wilhelm Hauffs filmisch parodiert und ab 20.15 Uhr gezeigt werden.

„Schneewittchen – Sieben Zipfel und ein Horst“ (D, 2007, R: Franziska Meyer Price) ist zum Beispiel eine Parodie auf das bekannte Grimm’sche Märchen. Hier versteckt sich die Königstochter (Felicitas Woll) in Männerkleidung als Horst bei den sieben Zwergen und trifft den (heterosexuellen) Prinz Gutfried (Oliver Wnuk). Beide verlieben sich.

Nach der ersten Begegnung steckt Prinz Gutfried allerdings mitten in seinem Coming-out. Doch: Er wird als Figur nicht etwa vorgeführt, er bleibt die männliche Identifikationsfigur fürs Publikum – auch wenn er schwul ist. Mehr noch: Die märchenhafte Verwechslungskomödie entwickelt sich zur knallharten Satire mit konkreten intertextuellen Bezügen zur Gegenwart.

Horst und Gutfried – (k)ein schwules Happy End

So wird Gutfrieds öffentliches Coming-out in einen bayerischen (sic!) Gasthof verlegt: In einer mutigen Rede bekennt er sich dazu, einen Mann zu lieben. Doch die Reaktion der Stammtischbrüder ist nicht die, die er sich erhofft. Denn sie rufen: „Nieder mit ihm!“ Mit Hilfe seines Dieners kann er der aufgebrachten Menge entkommen und findet Horst – allerdings im Glassarg, weil er von der bösen Stiefmutter vergiftet wurde.

Schneewittchen – Sieben Zipfel und ein Horst (D): Prinz Gutfried (Oliver Wnuk), Prinzessin "Horst" Schneewittchen (Felicitas Woll) / © Constantin Film

Schneewittchen – Sieben Zipfel und ein Horst (D): Prinz Gutfried (Oliver Wnuk), Prinzessin „Horst“ Schneewittchen (Felicitas Woll) / © Constantin Film


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Als Horst erwacht, küsst Gutfried ihn und meint: „Begleite mich ins freie Königreich Dänemark, wo ich dich ehelichen kann!“ Das ist aber nicht mehr nötig, denn Horst gibt sich als Schneewittchen zu erkennen. Ende gut, alles gut?

Nicht ganz. Verwechslungskomödien leben zwar davon, dass am Ende die Verwicklungen aufgelöst werden. Doch das Publikum erlebt eben kein schwules Happy End – und muss weiterhin auf die erste schwule Hochzeit im Märchenfilm warten.

Filme:

  • Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR, 1973, Regie: Václav Vorlíček)
  • Ein uraltes Märchen (UdSSR, 1968, Regie: Nadeshda Koschewerowa)
  • Game of Thrones (USA, 2011–2019)
  • Schneewittchen – Sieben Zipfel und ein Horst (BRD, 2007, R: Franziska Meyer Price). In: Die ProSieben Märchenstunde Volume 7 (2007)
  • Wie man Prinzessinnen weckt (ČSSR, 1977, Regie: Václav Vorlíček)

Primärliteratur:

  • Andersen, Hans Christian: Sämtliche Märchen. Düsseldorf, 2003
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980
  • Haan, Linda de/Nijland, Stern: König & König. Hildesheim, 2001
  • Markwald, Jule: Das große Regenbogen Märchenbuch. [o. O.], 2019
  • Nagy, Boldizsár (Hrsg.): Meseország mindenkié (dt.: Ein Märchenland für alle), 2020
  • Nolte, Ulrike: „Der Meerprinz“ und „Des Grafen neue Kleider“. In: Märchenhaft. Das erste Buch voller lieblicher Prinzen und tollkühner Maiden. Hattingen, 2010
  • Wilde, Oscar: Märchen und Erzählungen. In: Sämtliche Werke. Bd. 2, Frankfurt a. M./Leipzig, 2000

Verwendete Quellen:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 129.
  • Game of Thrones Wiki: „Homosexualität“ ([o. D.], abgerufen: 31.5.2021)
  • Hafner, Cornelius: „Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung“. In: Perlentaucher (vom 21.03.2001, abgerufen: 31.5.2021)
  • Liptay, Fabienne: WunderWelten. Märchen im Film. Remscheid, 2004, S. 199.
  • Marzolph, Ulrich: Homophilie. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 6, Berlin/New York, 1990, Sp. 1219.
  • Mayer, Hans: Außenseiter. Berlin, 2007
  • Mönninghoff, Wolfgang: Das große Hans Christian Andersen Buch. Düsseldorf, 2005
  • [o. A.]: „Märchenprinzen unter sich“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (vom 1.9.2001, abgerufen: 31.5.2021)
  • Presse und Information Das Erste: „Verzaubernde Klassiker für die Ewigkeit“: ARD setzt erfolgreiche Märchenreihe fort (vom 1.2.2010, abgerufen: 31.5.2021)
  • Scheuß, Christian: „Warum Aschenbrödel so schwul ist“. In: Queer.de (vom 22.12.2012, abgerufen: 31.5.2021)

Weiterführende Literatur:Ungarn: Queeres Kinderbuch provoziert Regierung“: In: Nollendorfblog (vom 8.2.2021, abgerufen: 31.5.2021)

Headerfoto: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR): Der Prinz (Pavel Trávnicek, Mitte) betrachtet einen Pfeil / Foto: MDR