Die Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) mir ihrer singenden und klingenden Lieblings-Spieluhr / © rbb/Theo Lustig

Das singende, klingende Bäumchen (D 2016): Chancen und Risiken

Fast 60 Jahre nach dem Kinostart des DEFA-Klassikers verfilmt die ARD erneut das Märchen vom „Singenden, klingenden Bäumchen“. Dabei lehnt sich das Remake an seinen populären Vorgänger, setzt aber auch neue Akzente und geht Risiken ein – die allerdings nicht unbedenklich sind. TV-Premiere ist am 25. Dezember 2016 um 14.45 Uhr im ERSTEN.

Als am 15. Dezember 1957 der DEFA-Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“ im Berliner Babylon-Kino uraufgeführt wird, sind die DDR-Filmideologen verblüfft. In der Geschichte um ein Wunderbäumchen, das singt und klingt, wenn eine hochmütige Prinzessin wahrhaft liebt, steht plötzlich nicht mehr „der einfache Mensch im Mittelpunkt der Handlung“ (Ewald), sondern eine launische Königstochter. Das ist in der DDR-Märchenfilmproduktion der 1950er-Jahre ein Novum: Bisher kommen die Märchenhelden und -heldinnen von ganz unten.

Noch einmal, bitte: Der RBB wiederholt den Märchenfilm-Klassiker am 11. Dezember 2016 um 14.10 Uhr / Bild: RBB

Noch einmal, bitte: Der RBB wiederholt den Märchenfilm-Klassiker am 11. Dezember 2016 um 14.10 Uhr / Bild: RBB


Einmal ist es ein armer Köhler („Das kalte Herz“, 1950) oder ein mittelloser Waisenjunge („Die Geschichte vom kleinen Muck“, 1953), ein anderes Mal sind es notleidende Bauern („Der Teufel vom Mühlenberg“, 1955) oder ein besitzloser Handwerksgesell („Das tapfere Schneiderlein“, 1956). Alle Helden gehören ausnahmslos zu den sozial tiefer gelagerten Figuren und passen damit gut in die Wirklichkeit des Arbeiter-und-Bauern-Staats, vor dem der Adel Reißaus genommen hat. Auch deshalb wird dem „Singenden, klingenden Bäumchen“ damals eine „verlogen[e] Monarchenromantik“ (Ewald) vorgeworfen.

5,9 Millionen DDR-Kinozuschauer und ein BRD-Prädikat

Das DDR-Publikum pfeift indes auf solche Urteile und strömt trotzdem in die Kinos: So gehört „Das singende, klingende Bäumchen“ mit 5,9 Millionen Kinozuschauern (insidekino.com) zu den vier erfolgreichsten Märchenfilmen in der DDR. In Westdeutschland erhält der Film 1958 das Prädikat „wertvoll“. Vielleicht ist es diese Beliebtheit, welche die ARD auf die Idee bringt, den DEFA-Klassiker im 21. Jahrhundert noch einmal zu verfilmen. Regisseur Wolfgang Eißler wagt sich an das Remake, das für die Märchenfilmreihe „Sechs auf einen Streich“ produziert wird.

Glückloser Versuch: Der Prinz (Lucas Prisor) freit um die schöne Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

Glückloser Versuch: Der Prinz (Lucas Prisor) freit um die schöne Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Eißler zählt 2008 zu den Regisseuren, die bereits in der ersten Staffel dieser Reihe ein Märchen fürs ARD-Weihnachts-Fernsehprogramm adaptieren. „Das singende, klingende Bäumchen“ ist mittlerweile sein vierter Märchenfilm. Und auch Drehbuchautorin Gabriele Kreis gehört zu den Frauen der ersten Stunde: Sie schreibt seit 2008 für alle Eißler-Märchen die Filmmanuskripte, auch für das Remake. Apropos: Das ist im Allgemeinen die „[n]eue Version eines bereits verfilmten Stoffs, die sich mehr oder weniger detailgetreu auf den Vorgänger bezieht.“ (Brunner)

Remakes bergen Risiken, aber immer auch Chancen

So weit, so gut. Dummerweise werden Remakes aber oftmals am Original gemessen und fallen im Vergleich mit den Vorgängern mitunter – aber nicht immer – durch. Weitaus interessanter ist ein anderer Aspekt: Neuverfilmungen können auch einen „besonderen Aufschluss über gesellschaftspolitische Verschiebungen“ (Brunner) geben, etwa wenn weibliche oder männliche Figuren anders gezeichnet oder neue Motive aufgenommen werden, die das Erzählen erst auslösen und in Gang halten. Das heißt, Remakes bergen zwar Risiken in sich, aber immer auch Chancen.

Am Set: Christel Bodenstein (Kräuterfrau) und Regisseur Wolfgang Eißler in einer der Drehpausen / © rbb/Theo Lustig

Am Set: Christel Bodenstein (Kräuterfrau) und Regisseur Wolfgang Eißler in einer der Drehpausen / © rbb/Theo Lustig


Als Eißler „Das singende, klingende Bäumchen“ beim 26. FilmFestival Cottbus in einer Weltpremiere vorstellt und auf die Verfilmung von 1957 und seine eigene angesprochen wird, verweist er genau auf jene gesellschaftspolitischen Veränderungen: zum Beispiel damalige und heutige wirtschaftliche Produktionsbedingungen und Medienwelten von Kindern und Jugendlichen – der Kernzielgruppe von ARD-Märchenfilmen. Gewiss, im Hinblick auf ökonomische Rahmenbedingungen konnte das DDR-Original aus dem Vollen schöpfen. Geld spielte keine Rolle.

Welche Märchenfilme wollen Kinder heute sehen?

Dagegen spürt der Zuschauer in ARD-Märchenverfilmungen, dass der Produktion finanzielle Grenzen gesetzt sind. Von Budgets für Krimi-Formate, wie „Tatort“, dessen Folgen jeweils rund 1,4 Millionen Euro kosten, können Märchenfilm-Regisseure nur träumen. Zudem erwarten Kinder und Jugendliche im TV und Kino heute vor allem Spannung, Spaß und viel Action. So lieben 7- bis 13-jährige Grundschulkinder „Figuren mit humorvollen […] und mit cleveren, intelligenten, mutigen und selbstbewussten Zügen […]“ (Gruber-Mannigel et. al.) – auch im Märchenfilm.

Zweiklassengesellschaft: Zofe (Gro Swantje Kohlhof) und Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

Zweiklassengesellschaft: Zofe (Gro Swantje Kohlhof) und Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Im „Singenden, klingenden Bäumchen“ wird versucht, diese Wünsche zu erfüllen: Dabei entsteht Spaß in den Dialogen zwischen den Figuren. Wenn der selbstbewusste Prinz (Lucas Prisor) im Schloss um die hochmütige Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) freit, liefern sich beide unterhaltsame Wortgefechte und verwenden mitunter dialektale und umgangssprachliche Varianten eines Wortes („Nö!“ für „Nein!“). Komik entsteht hier, weil „Elemente, die nicht zueinander passen, nebeneinander gestellt werden“ (Mikos). Oder anders formuliert: Klassische Märchenfiguren unterhalten sich eigentlich nicht alltagssprachlich, wenn doch, finden wir das lustig.

1,78 Meter großer Waldgeist wird mittels Perspektive zum Zwerg

Einen schwarzen Humor bedient die dritte wichtige Figur: der böse Waldgeist. Er hat bereits am Anfang einen kurzen Auftritt, als sich der Prinz über ihn lustig macht. Mit Hilfe von Kameraperspektiven erscheint der 1,78 Meter große Schauspieler Oli Bigalke zu Beginn klein und unterlegen, weil er von oben – aus der Sicht des Prinzen – gefilmt wird. Dumm nur, dass der Waldgeist das singende, klingende Bäumchen besitzt, das die Prinzessin unbedingt haben möchte. Als der Prinz es vom Zauberer verlangt, ändern sich die Perspektiven: Nun muss der Prinz zum Waldgeist hinaufschauen, der blickt vom Felsen auf den Königssohn herab. Die Machtverhältnisse, die mit Perspektiven gut zu spiegeln sind, haben sich zu Gunsten des Waldgeists geändert.

Klein, aber oho: Der böse Waldgeist (Oli Bigalke) besitzt das singende, klingende Wunderbäumchen / © rbb/Theo Lustig

Klein, aber oho: Der böse Waldgeist (Oli Bigalke) besitzt das singende, klingende Wunderbäumchen / © rbb/Theo Lustig


Neben Komik in den Dialogen und gestalterischen Mitteln, wie Perspektiven, sind es vor allem Spannung und Action, die einerseits vom jungen Publikum eingefordert und andererseits vom Film auch eingelöst werden. Dabei fiebert der Zuschauer mit, wenn der Prinz stolz das Wunderbäumchen der Prinzessin bringt, um ihre Liebe zu erringen. Als es aber weder singt noch klingt und damit zeigt, dass die Prinzessin den Prinzen nicht liebt, gehört der Königssohn dem Waldgeist „mit Haut und Haaren“. Als tierähnliches Wesen muss er ihm fortan dienen und hat keine Chance, ihm zu entkommen. Wenig später holt sich der Waldgeist auch noch die Prinzessin.

Von der Schauspielkunst und Tiermasken im Märchenfilm

An dieser Stelle wagt Regisseur Eißler etwas Riskantes: Er vertraut voll auf den Prinzen-Darsteller Lucas Prisor und seine Schauspielkunst – und nicht etwa auf Maske und Kostüm, wie noch im ARD-Märchenfilm „Der Prinz im Bärenfell“ (D 2015). Hier erinnert die Tiermaske des in einen Bären verwandelten Königssohns an Jean Cocteaus Verfilmung „La Belle et la Bête“ (F 1946). Im „Singenden, klingenden Bäumchen“ muss der Prinz spielen, dass er in ein Tier verwandelt ist. Der Zuschauer erkennt das nicht unbedingt an seinem Äußeren. Allein der Ton unterstützt diese dramaturgische Idee, wenn die Stimme des Königssohns technisch verfremdet und im Ergebnis tief, brüllend, verzerrt wirkt. Bei der gleichfalls verzauberten Prinzessin ist das eindeutiger.

... uuaahh: Der Waldgeist hat Prinz (Lucas Prisor) und Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) verzaubert / © rbb/Theo Lustig

… uuaahh: Der Waldgeist hat Prinz (Lucas Prisor) und Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) verzaubert / © rbb/Theo Lustig


Schauspieler Lucas Prisor („Jung, schön & Idealist“, ZEITjUNG.de, 20.11.2013), der schon mit Filmregisseuren wie François Ozon und Volker Schlöndorff zusammengearbeitet hat, meistert diese Aufgabe durchaus. Dennoch entsteht der Eindruck, dass nicht der Märchenfilm sondern das Märchentheater die vielleicht geeignetere Bühne ist, auf eine besondere Tiermaske und ein adäquates Kostüm komplett zu verzichten und nur auf das Spiel der Figur sowie die Tonebene zu setzen. Lobenswert ist dieser Einfall trotzdem, weil sich der ARD-Märchenfilm im Allgemeinen mitunter zu konventionell und mutlos zeigt.

Christel Bodenstein, Prinzessin a. D., spielt eine Kräuterfrau

Damit befreit sich das Remake auch von seinem Vorgänger – hier spielt der verzauberte Prinz täppisch in einem Fellkostüm den Bären –, obgleich die aktuelle Märchenadaption immer mal wieder Spaß daran findet, das „Singende, klingende Bäumchen“ von 1957 zu zitieren. Diese sogenannten intertextuellen Bezüge zeigen sich zum Beispiel an einem Ölgemälde im Schloss, auf dem die Mutter der Prinzessin zu sehen ist: Es zeigt aber die Schauspielerin Christel Bodenstein in der Rolle der Prinzessin Tausendschön aus dem DEFA-Original. Und: Die heute 78-Jährige übernimmt zudem eine Nebenrolle als Kräuterfrau im Remake von 2016.

Originelle Idee: Der König (Heinz Hoenig) sitzt neben dem Portrait seiner verstorbenen Gemahlin / © rbb/Theo Lustig

Originelle Idee: Der König (Heinz Hoenig) sitzt neben dem Portrait seiner verstorbenen Gemahlin / © rbb/Theo Lustig


Ob die Neuverfilmung „Das singende, klingende Bäumchen“ (2016) den DEFA-Kultfilm von 1957 hinter sich lässt, ist aber fraglich. Nichtsdestoweniger nutzt das Remake die Chancen, die neue Versionen eines bereits verfilmten Stoffs bieten. Dazu zählt auch, Figuren, wie die Prinzessin, stärker zu psychologisieren, oder ihren Stand kritisch zu hinterfragen: Als sich die Zofe (Gro Swantje Kohlhof) der Königstochter vor dem Spiegel selbst die Prinzessin-Krone aufsetzt und meint: „Jede kann Prinzessin!“, hätte das sogar den DDR-Filmideologen imponiert. Chapeau!

Film: „Das singende, klingende Bäumchen“ (2016, R: Wolfgang Eißler, BRD). Ab 2. Dezember 2016 auf DVD.

Drehorte:

  • Belvedere auf dem Pfingstberg, Neuer Garten, 14469 Potsdam
  • Belvedere auf dem Klausberg, An der Orangerie 1, 14469 Potsdam
  • Hamburger Wappen, 06502 Timmenrode
  • Kloster Chorin, Amt Chorin 11a, 16230 Chorin
  • Schloss Babelsberg, Park Babelsberg 10, 14482 Potsdam
  • Teufelsmauer, 38889 Blankenburg (Harz)

Literatur:

  • Brunner, Philipp: Remake, in: Lexikon der Filmbegriffe (zuletzt geändert: 12.10.2012, abgerufen: 20.11.2016)
  • Carroll, Noël: Notes on the Sight Gag, in: Horton, Andrew S. (Hrsg.): Comedy/Cinema/Theory. Berkeley/Los Angeles/London, 1991, S. 25-42; zitiert nach Mikos, Lothar: Film- und Fernsehanalyse. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Konstanz/München, 2015, S. 139.
  • Ewald, Charlotte: Zwei neue Kinderfilme der DEFA, in: Deutsche Filmkunst, 01/1958, S. 2f.
  • Gruber-Mannigel, Jutta/Pyhel, Thomas/Wiener, Kathrin: … uuund Action! Medienorientierte Umweltkommunikation für Kinder und Jugendliche. Ein Handbuch für die Praxis. München, 2010


Headerfoto: Die Prinzessin (Jytte-Merle Böhrnsen) mir ihrer singenden und klingenden Lieblings-Spieluhr / © rbb/Theo Lustig