Archiv für den Monat: Juli 2014

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Überläufer sind Filme, die vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges begonnen oder fertiggestellt, aber erst nach 1945 im Kino gezeigt werden. Auch der Märchenfilm „Frau Holle“ von 1944 gehört dazu. Seine Mischung aus Gegenwartsbezug, NS-Märchenkino und der Suche nach neuen filmischen Wegen ist dabei ebenso ein Spiegel seiner Entstehungszeit.

Eine Filmbesprechung finden Sie auf dem Portal „Zukunft braucht Erinnerung“ (hier klicken).

Neben dem Märchenfilm selbst (hier klicken) haben sich im Fotoarchiv der Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK) sogenannte Standfotos erhalten. Sie sind während der Dreharbeiten eigens zu Werbezwecken entstanden, geben einzelne Einstellungen von „Frau Holle“ wieder und sollen hier mit Hintergrundinformationen gezeigt werden.

Pittoreskes Dorfmilieu: Die Heile-Welt-Außenaufnahmen für „Frau Holle“ entstehen im Sommer 1944 in Bayern – obwohl andernorts das „Dritte Reich“ bereits in Schutt und Asche versinkt. In dieser Szene lässt Blondmarie (Elfie Beyer) eine der Spindeln in den Brunnen fallen und beichtet das Missgeschick ihrer Stiefmutter. Die aber meint: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Geschmacklose Maskerade: Im Gegensatz zur fleißigen Blondmarie verschläft die weniger arbeitsame Schwarzmarie (Trude Bock) den Tag. Die Maske verpasst ihr zudem eine in die Luft ragende Nase. Als der Märchenfilm 1961 von der westdeutschen „Filmbegutachtungskommission für Jugend und Schule“ geprüft wird, fällt das den Pädagogen sofort ins Auge. Ihr Urteil: „nicht gerade geschmackvoll“. Der Film erhält keine Empfehlung.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Anti-Naturalismus: Nachdem Blondmarie (Elfie Beyer) am Brunnen ihre Besinnung verloren hat und auf einer Wolke ins Land der Frau Holle schwebt, findet sie sich später auf einer Sommerwiese wieder. Das Filmteam lässt hier zusätzlich riesige künstliche Glockenblumen und Margeriten aufstellen. Wohl auch, um das Reich der Frau Holle fantasievoller, märchenhafter und weniger realistisch darzustellen.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Berühmte Synchronstimme: Sechs Jahre nach dem Filmdreh von „Frau Holle“ leiht Elfie Beyer ihre Stimme der US-Schauspielkollegin Vivien Leigh. Sie spricht die Rolle der Scarlett O’Hara in der deutschen Fassung von „Vom Winde verweht“ (USA 1939). Zwar wird der Hollywood-Film bereits im Herbst 1948 für den deutschen Markt freigegeben, doch erst 1950 beginnen die Synchronarbeiten in Berlin-Tempelhof. Filmpremiere ist 1953.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Kleines Mädchen, kleine Rollen: Blondmarie (Elfie Beyer) holt die ausgebackenen Brote aus dem Ofen. Damit punktet sie wenig später bei Frau Holle. Im wirklichen Leben läuft die Karriere der ausgebildeten Theaterschauspielerin eher schleppend an. Nur in kleinen Nebenrollen ist Elfie Beyer zu sehen, zum Beispiel als Pensionatsmädchen im Terra-Film „Kleine Mädchen – große Sorgen“ (D 1941) in der Regie von Boleslaw Barlog.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Sonne, Sterne und Saturn: Das Himmelsreich der Frau Holle entsteht im Atelier. Was auf den ersten Blick wie gängige Märchendekoration aussieht, lässt durchaus mehrere Lesarten zu. So steht der rechts über dem Tor schwebende Planet Saturn in der Astrologie für Härte, Disziplin und Strenge. Das trifft gleichwohl auch für den Charakter der schrulligen Hausherrin zu.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Astrologische Symbole: Als Blondmarie (Elfie Beyer) bei Frau Holle fleißig die Betten schüttelt, damit es auf der Erde schneit, zeigt die Kamera auch die Eingangstür des Hauses. Hier zieren 13 Symbole, teils von Tierkreiszeichen, teils von Planeten den Türrahmen. Ähnlich wie am Torbogen wird ein weiteres Mal Astrologie – wenn auch nur symbolisch – zitiert, obwohl Sterndeuterei im NS-Regime offiziell unerwünscht war, im Nachkriegsdeutschland aber bedenkenlos verwendet werden kann.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Golden Girl: Nachdem Blondmarie (Elfie Beyer) Frau Holle (Hertha von Hagen) bittet, sie wieder auf die Erde zu lassen, regnet es aus dem Torbogen Gold herab – und sie wird zur Goldmarie. Anders als in der Grimm’schen Fassung hat sie bei Frau Holle auch noch einen Wunsch frei, den sie aber erst am Ende des Films einlösen wird. Mit der Spindel geht es für sie erst einmal zurück auf die Erde.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Großer Bahnhof: Staunend wird Goldmarie (Elfie Beyer) von Schwarzmarie (Trude Bock, l.), der Stiefmutter (r.) und den Dorfbewohnern am Brunnen empfangen – und neugierig ausgefragt, woher sie das goldene Kleid hat. Zuvor hat ein Hahn – allerdings als Zeichentrickfigur auf dem Dach – die Ankunft des Mädchens lauthals verkündet: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

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Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd: Drehbuchschreiber Felix Emmel und Peter Hamel erweitern die Grimm’sche Vorlage von „Frau Holle“ auch mit neuen Figuren. So spielt der damals 21-jährige Hans Seitz den Schafhirten Kaspar Franz, in den sich Blondmarie verliebt. Seitz ist dem Kinopublikum vor allem aus späteren Filmen wie „Die Lümmel von der ersten Bank“ (Teil 1–6, BRD 1968–1972) oder „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd“ (BRD 1972) bekannt.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

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Feengleich: Weil die faule Schwarzmarie (Trude Bock) neidisch auf das Gold ihrer Stiefschwester ist, macht sie sich auch auf den Weg zu Frau Holle (Hertha von Hagen). Anders als in späteren Verfilmungen des Märchens erscheint die Titelfigur hier im fantasievollen Feen-Kostüm (mittelalterliche Burgunderhaube, spanische Halskrause), das ein wenig an „Frau-Holle“-Filme aus der Stummfilmära der Weimarer Republik erinnert, zum Beispiel von Hanns Walter Kornblum aus dem Jahr 1928.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Schattenspiele: Die Kamera in „Frau Holle“ nutzt selten die Vorteile, die Studioproduktionen bieten. Denn gerade bei Atelieraufnahmen kann wunderbar mit Kunstlicht und Schatten gespielt werden. Eine der wenigen Ausnahmen ist diese Szene, als Schwarzmarie (Trude Bock) darauf pfeift, Frau Holles Bett zu schütteln und lieber Schabernack treibt. Das Unterlicht lässt sie dabei ein wenig dämonisch und unheimlich wirken.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Pech gehabt: Nein, kein Gold, sondern ein großer Kessel voll Pech wird ausgeschüttet, als Schwarzmarie (Trude Bock) unter dem Torbogen steht und ihren Rock ausbreitet. Als sie wieder auf die Erde zurückkommt und von allen ausgelacht wird, ist das Märchen aber noch nicht zu Ende. Denn ihre Stiefschwester Blondmarie lässt derweil nichts anbrennen und heiratet den feschen Kaspar Franz.

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Mit Kopfhaube und Bettzeug: In gewissem Sinn ist Frau-Holle-Schauspielerin Hertha von Hagen auch eine Überläuferin – allerdings nur geografisch. In Österreich-Ungarn geboren, lebt die damals 68-Jährige seit den 1920er-Jahren in München. Und ist dort mit dem bekannten Volksschauspieler Gustav Waldau verheiratet, der auch Märchenfilm-Erfahrung hat. Er spielt eine Nebenrolle in „Der kleine Muck“ (D 1943/44, R: Franz Fiedler).

Frau Holle (D 1944/48) – die Überläuferin

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Besonderer Dank an die Stiftung Deutsche Kinemathek für die Genehmigung der Fotonutzung.

Headerfoto: Hertha von Hagen als Titelfigur im Märchenfilm „Frau Holle“ / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK).