Archiv für den Monat: September 2017

Schneeweißchen (Sonja Gerhardt, l.) und Rosenrot (Liv Lisa Fries) verkaufen Rosenöl auf dem Markt / Foto: MDR/Steffen Junghans

Zwei ungleiche Schwestern: Schneeweißchen und Rosenrot (D 2012)

Der ARD-Märchenfilm entstaubt die Grimmsche Vorlage kräftig. Mit einem Rosenrot, das Holz hackt und – im Gegensatz zu Schneeweißchen – aufs Heiraten pfeift. Warum das Schwesternpaar so verschieden ist, erzählt diese fünfte deutsche Neuverfilmung von „Schneeweißchen und Rosenrot“ höchst klug und amüsant.

Schneeweißchen und Rosenrot. Postkarte von Oskar Herrfurth (um 1914)

Schneeweißchen und Rosenrot. Postkarte von Oskar Herrfurth (um 1914)

Lange dauert es, bis die ARD für ihre Märchenreihe „Auf einen Streich“ auch die Geschichte von „Schneeweißchen und Rosenrot“ verfilmt. Dabei gehört das Grimmsche Märchen von den Schwestern, die nach zwei Rosenbäumchen benannt werden, zu den bekanntesten. Weil darin aber auch ein als Bär verzauberter Prinz seinen Auftritt hat, winkte mancher Märchenfilm-Regisseur wohl lieber dankend ab. Der Grund: Ein echter – wenn auch dressierter – Bär am Filmset kann schnell zum unkalkulierbaren Problem-Bären werden.

Das war auch den vier deutschen Regisseuren klar, die „Schneeweißchen und Rosenrot“ jeweils 1938, 1955, 1979 und 1984 verfilmten – und steckten allesamt einen Schauspieler in ein Bärenkostüm. Ästhetik hin, Ästhetik her, Hauptsache Bär! Als die ARD im Sommer 2012 die fünfte Verfilmung des Märchens dreht, zieht sich Stuntman Wolfgang Lindner ebenso ein 19 Kilogramm schweres Fell über – inklusive ferngesteuerter Ohren am Bärenkopf. Für einen computeranimierten Meister Petz hat der Fernsehsender kein Geld.

Rosenrot hackt Holz, Schneeweißchen singt dabei

Egal. Drehbuchschreiber Mario Giordano und Regisseur Sebastian Grobler geht es ohnehin vielmehr darum, die Schwestern in den Mittelpunkt zu rücken – und vor allem deren Gegensätzlichkeit. Obwohl verschiedene Charaktere schon bei den Grimms auftreten – „Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher […]; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen […]“ – setzt der ARD-Märchenfilm auf einen konsequenten Antagonismus der Schwestern.

Ähnlich und so verschieden: Rosenrot (Liv Liesa Fries, l.), Schneeweißchen (Sonja Gerhardt) / © MDR/Steffen Junghans

Ähnlich und so verschieden: Rosenrot (Liv Liesa Fries, l.), Schneeweißchen (Sonja Gerhardt) / © MDR/Steffen Junghans


Eine gute Idee, um gleichzeitig das bei den Grimms klebrig-süße Bild der Schwestern ins 21. Jahrhundert zu beamen und das „biedermeierlich geprägte Idyll“ (Rölleke) der Vorlage zu sprengen. So lernt der Zuschauer ein Rosenrot (Liv Liesa Fries) kennen, das „Abenteuer erleben“ will und gekonnt Holz hacken kann. Schneeweißchen (Sonja Gerhardt), das gern singt, ordnet sich eher seiner Schwester unter und wünscht sich, dass „alles bleibt, wie es ist“. Holz hacken vs. Lieder singen. Ein eher klischeehafter Gegensatz, der aber funktioniert.

Schneeweißchen verliebt sich in Prinz Jakob

Dass Rosenrot Holz hackt – und damit traditionelle Männerarbeit übernimmt – ist nicht zufällig. Als beide noch klein sind, muss der Vater in den Krieg ziehen und kommt nicht mehr zurück. Somit geht die vaterlose Familie ganz unorthodox und gleichzeitig ganz modern mit ihrer Lebenssituation um. Männerarbeit inklusive. Sinnig ist auch, womit die Mutter (Jule Ronstedt) und ihre beiden Töchter Geld verdienen (müssen). Na klar, mit dem Herstellen von duftendem Rosenöl.

Prinz Jakob (Daniel Axt) lernt Schneeweißchen kennen. Steht Rosenrot zwischen den beiden? / © MDR/Steffen Junghans

Prinz Jakob (Daniel Axt) lernt Schneeweißchen kennen. Steht Rosenrot zwischen den beiden? / © MDR/Steffen Junghans


Weiße und rote Rosenbüsche wachsen ja schließlich vor der Hütte, die versteckt im Wald liegt. Als Schneeweißchen und Rosenrot das Öl auf dem Markt verkaufen, treffen sie den Prinzen Jakob (Daniel Axt). Anders als in der Grimmschen Vorlage lernen ihn die beiden Schwestern im Märchenfilm bereits am Anfang kennen. Schneeweißchen und Jakob verlieben sich. So ist – um es vorwegzunehmen – am Ende die spätere Hochzeit zwischen den beiden umso folgerichtiger.

Zwerg ist kein boshafter Kobold, sondern Komik-Figur

Bis es soweit ist, will Jakob als ein sozial engagierter Prinz ohne royale Allüren erst einmal den Kronschatz verhökern, um mit dem Geld Saatgut fürs Volk zu kaufen. Weil das historische Setting in die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg um 1650 gelegt wird, macht das auch Sinn. Damals plagen Hungersnöte die Bevölkerung. Die Kornspeicher sind leer. Der Prinzen-Plan, Getreide an das Volk zu verteilen, könnte helfen. Diesen torpediert allerdings ein Zwerg (Detlev Buck), der sich gerade auf Schatz- und Höhlensuche befindet.

Tierbräutigam: Schneeweißchen (Sonja Gerhardt) tanzt mit dem deutlich unechten Bären / © MDR/Steffen Junghans

Tierbräutigam: Schneeweißchen (Sonja Gerhardt) tanzt mit dem deutlich unechten Bären / © MDR/Steffen Junghans


Er ist kein boshafter Kobold, sondern eine Komik-Figur, die sich dank eines Zauberbartes verwandeln kann. Zum Beispiel in einen windigen Finanzjongleur, um den König (Thomas Rühmann), Jakobs Vater, zu überreden, den Kronschatz doch lieber an der Börse zu vervielfachen. Ein ironischer Seitenhieb auf moralisch verwerfliche Finanzpraktiken in der Gegenwart und wieder ein Beispiel, dass auch Märchenfilme aktuelle Politik ‚kommentieren’ können. Letztlich stiehlt der Zwerg den Kronschatz aus dem Schloss – und verwandelt dabei den Prinzen, der ihn bei seiner Flucht stellt, in einen Bären.

Gegensätzliches Schwesternpaar ist roter Faden im Märchenfilm

Auch wenn der Kobold im Märchenfilm als Motor die Handlung antreibt, sind es dennoch das Schwesternpaar und seine Erlebnisse, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen und immer wieder die Gegensätzlichkeit in den Vordergrund rücken. So auch in den Szenen, in denen Schneeweißchen und Rosenrot im Wald den Zwerg treffen, als er sich seinen Bart beim Baumspalten oder Fischen einklemmt. Es ist wieder Rosenrot, das mutig zur Schere greift und den Zwerg befreit. Sehr zum Ärger des Kobolds, denn mit einem kürzer werdenden Bart schwindet auch seine Zauberkraft.

So'n Bart: Schneeweißchen und Rosenrot helfen dem bösen Zwerg (Detlev Buck) in der Not / © MDR/Steffen Junghans

So’n Bart: Schneeweißchen und Rosenrot helfen dem bösen Zwerg (Detlev Buck) in der Not / © MDR/Steffen Junghans


Das Bild „inniger schwesterlicher Eintracht“ (Ruth B. Bottigheimer) verblasst allerdings, als sich der Zwerg in einen Turban tragenden Orientalen verwandelt und den Mädchen von fernen Ländern vorschwärmt. Bei Rosenrot, das in die Welt hinaus will, trifft er auf offene Ohren. Anders bei Schneeweißchen: Es will vor allem den Prinzen wiedersehen, nicht ahnend, dass es Jakob bereits ganz nah war. Der verletzte Bär, dem die Familie im Winter Zuflucht in ihrer Hütte bietet und ihn gesund pflegt, ist der vom Zwerg verwandelte Prinz.

Schneeweißchen heiratet Jakob, Rosenrot reitet mit Kaspar in die Welt

Doch: Bricht bei den Brüdern Grimm mit dem Bären „Leben, Unberechenbarkeit, Vitalität“ (Bausinger) in das Dasein von Schneeweißchen und Rosenrot herein, so werden im Märchenfilm diese Potentiale eher in den Figuren der Schwestern angelegt – und nicht von außen an sie herangetragen. Somit ist es logisch, dass am Ende nicht der Bär den Zwerg tötet, sondern die Mädchen ihren gemeinsamen Teil beitragen, dass der Kobold außer Gefecht gesetzt wird. Schwesterlicher Zusammenhalt trotz Charakterunterschiede.

Seelenverwandte: Kaspar (Maximilian Grünewald) tickt auch wie Rosenrot (Liv Liesa Fries) / © MDR/Steffen Junghans

Seelenverwandte: Kaspar (Maximilian Grünewald) tickt auch wie Rosenrot (Liv Liesa Fries) / © MDR/Steffen Junghans


Konsequent ist da auch die Schlusssequenz, in der Schneeweißchen seinen entzauberten Prinzen Jakob heiratet und Rosenrot auf Jakobs Cousin Kaspar (Maximilian Grünewald) trifft – „das schwarze Schaf der Familie“ –, der auf das Leben am Hof pfeift und lieber die Welt sehen will. Was sich eins zu eins mit Rosenrots Vorstellungen deckt. In dem Moment, als beide in die weite Welt reiten, endet der Film und bietet gleichzeitig Identifikationsangebote für junge Frauen und Männer in der Gegenwart, die auf „Trautes Heim, Glück allein“ (noch) keinen Bock haben.

Film: „Schneeweißchen und Rosenrot“ (2012, Regie: Sebastian Grobler, BRD)

Drehorte:

  • Festung Königstein, 01824 Königstein
  • Richters Grund, Sächsische Schweiz
  • Schloss Kuckuckstein, Am Schlossberg 1, 01825 Liebstadt
  • Steinbruch Nentmannsdorf, 01819 Bahretal

Literatur:

  • Bausinger, H.: Die moralischen Tiere, in: Universitas 45 (1990), S. 248.
  • Bottigheimer, Ruth B.: Schwester, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 12, Berlin/New York, 2007, Sp. 421–428.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen von Heinz Rölleke, Stuttgart, 2001, Bd. 2, S. 278–285.
  • Rölleke, Heinz: Mädchen und Bär, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 8, Berlin/New York, 1996, Sp. 1350–1353.


Headerfoto: Schneeweißchen (Sonja Gerhardt, l.) und Rosenrot (Liv Lisa Fries) verkaufen Rosenöl auf dem Markt / Foto: MDR/Steffen Junghans