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Headerfoto: Alice (Charlotte Henry, M.) im Wunderland zwischen der Herzogin (Alison Skipworth, l.) und der Köchin (Lilian Harmer) / © Paramount Pictures

Ein reizender Flop: Alice im Wunderland (USA 1933)

Große Namen, tolle Tricks, fantasievolle Kulissen: Die frühe Tonfilm-Adaption des weltberühmten Klassikers bietet alles auf. Trotzdem wird die Verfilmung im Dezember 1933 schon nach wenigen Tagen abgesetzt. Jetzt erscheint die Kino-Pleite wieder auf DVD.

„The World’s Greatest Story with The World’s Greatest Cast“: So vollmundig kündigt die US-Filmgesellschaft Paramount Pictures im Dezember 1933 „Alice im Wunderland“ an. Zwar hat der Fantasy-Klassiker von Lewis Carroll bereits zwei Jahre zuvor erstmals als Tonfilm die Leinwände erobert, aber die neue Version soll alles Bisherige in den Schatten stellen.

© Time. The Weekly Newsmagazine

© Time. The Weekly Newsmagazine

So liest sich die Besetzungliste wie das ‚Who is who’ der damaligen US-Schauspielriege: Neben Mae Marsh aus den US-Stummfilm-Epen „Die Geburt einer Nation“ (1915) und „Intoleranz“ (1916) sowie dem Komödien-Star W. C. Fields geben sich Newcomer in Gastrollen die Ehre: unter ihnen die noch jungen Cary Grant und Cary Cooper.

Zudem schafft es „Alice im Wunderland“ auf das Cover des „Time“-Magazins. Und zwar just in der (Weihnachts-)Woche, in der der Fantasy-Film in 120 US-Städten gleichzeitig anläuft. Es ist eine der perfekt orchestrierten PR-Kampagnen, die bei einem Filmstart nichts dem Zufall überlassen möchte. Well done.

Ein Drehbuchautor, der eigentlich keiner ist

Und doch fallen auf die in 56 Tagen komplett im Studio gedrehte Verfilmung schon im Vorfeld ein paar Schatten: So tat sich Paramount Pictures schwer, die passende Hauptdarstellerin zu finden. Aus 7.000 Bewerberinnen soll sich in einem Casting die 17-jährige, eher unbekannte Charlotte Henry durchgesetzt haben. Heute weiß man, dass sie damals bereits 19 war – und damit für die Rolle fast ein wenig zu alt.

Living Next Door to Alice: Charlotte Henry (1914–1980) spielt bereits 1928 am Broadway / © Studiocanal

Living Next Door to Alice: Charlotte Henry (1914–1980) spielt bereits 1928 am Broadway / © Studiocanal


Auch die Wahl des Co-Drehbuchautors William Cameron Menzies hatte Folgen. Menzies ist eigentlich ein in den 1920er-Jahren gefeierter Filmarchitekt, der im Orient-Spektakel „Der Dieb von Bagdad“ (USA 1924) für Spezialeffekte, Dekor und Kostüme verantwortlich war. Wenige Jahre später wird er die Ausstattung für „Vom Winde verweht“ (USA 1939) übernehmen. Ein Filmmanuskript hat er aber noch nie verfasst.

Lewis Carrolls Vorlagen: Aus zwei mach eins!

Menzies und sein Co-Autor Joseph L. Mankiewicz machen sich dennoch daran, aus Carrolls zwei Nonsense-Geschichten „Alice im Wunderland“ (1865) und „Alice im Spiegelland“ (1872) das Drehbuch für einen Film zu schreiben. Dementsprechend dick ist auch das Filmmanuskript. Es soll über sieben Pfund, also umgerechtet mehr als drei Kilogramm gewogen haben.

Der Grund: Neben Dialogen und genauen Kameraanweisungen enthält jede Drehbuchseite aufwändige Zeichnungen von Menzies. Sie zeigen, wie die jeweilige Szene nach seinen Vorstellungen inszeniert werden soll. So steigt Menzies – neben dem eigentlichen Regisseur Norman McLeod – zu einer Art ‚Co-Director’, oder sagen wir besser: ‚Art-Director’, auf.

Schöne Bilder, aber keine spannende Story

Obwohl „Alice im Wunderland“ somit bis ins kleinste Detail visuell durchkomponiert ist, vergessen die Filmemacher das Wichtigste: eine spannende Story zu erzählen, die das Publikum mitreißt. Statt einer chronologischen Kette von Ereignissen und Figuren, die klug miteinander verknüpft sind, bietet der Film nur episodische Auftritte skurriler Gestalten, die Alice in ihrer Traumwelt trifft: ein ständig zu spät kommendes Kaninchen, eine todtraurige Suppenschildkröte oder ein verrückter Hutmacher.

Stars im Kostüm: Der damals 29-jährige Cary Grant (r.) spielt die todtrautige Suppenschildkröte / © Studiocanal

Stars im Kostüm: Der damals 29-jährige Cary Grant (r.) spielt die todtrautige Suppenschildkröte / © Studiocanal


Dabei erfüllt der Filmbeginn durchaus die Erwartungen an ein Weihnachtsmärchen: Ein englisches Landhaus mitten im Winter. Draußen schneit es heftig. Die Flocken wirbeln wild durcheinander. Drinnen im viktorianisch eingerichteten Salon mit Kamin, in dem die Holzscheite knistern, langweilt sich Alice in einem großen Sessel. Sie spielt teilnahmslos mit den Schachfiguren ihres Vaters und mustert das an der Wand hängende Foto von ihrem Onkel Gilbert.

Mit ihrer Katze Dina plaudert sie über ein verzaubertes Zimmer, von dem sie sicher ist, dass es auf der anderen Seite des Kaminspiegels existiert. Als Alice auf den Kaminsims steigt und ihre Nase fest gegen das Spiegelglas drückt, stellt sie plötzlich fest, dass sie hindurchgegangen ist. Ihre Abenteuer beginnen.

Tolle Tricktechnik und fantasievolle Ausstattung

Mittels verschiedener Trickverfahren, hier: Rückprojektion, werden sowohl die Schachfiguren, darunter der Weiße König (Ford Sterling), als auch Onkel Gilbert (Leon Errol) zum Leben erweckt. Via Stopp-Trick erscheinen oder verschwinden Gestalten wie die Grinsekatze (Richard Arlen). Und mit Hilfe der Überblendung verwandelt sich die Weiße Königin (Louise Fazenda) in ein blökendes Schaf (Mae Marsh).

Skurrile Gestalten: Alice (Charlotte Henry) trifft die Rote Königin (Edna May Oliver) / © Studiocanal

Skurrile Gestalten: Alice (Charlotte Henry) trifft die Rote Königin (Edna May Oliver) / © Studiocanal


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Neben dieser auch heute noch überzeugenden Tricktechnik ist der Film in zweiter Linie ein fantasievolles Ausstattungsstück von geradezu akribischer Gestaltungskunst. Hier wie dort fällt auf, dass sich die Masken- und Kostümbildner Wally Westmore und Newt Jones – unter der Ägide von Menzies – exakt an die Illustrationen von John Tenniel halten. Der Brite hatte beide Nonsense-Geschichten seinerzeit für Lewis Carroll bebildert.

Jetzt werden seine Zeichnungen im Studio zum Leben erweckt. Allerdings sind alle Star-Schauspieler in ihren grotesken Masken und aufwändigen Kostümen überhaupt nicht zu erkennen. Mehr noch: Komiker-Urgestein W. C. Fields, der die Rolle des Humpty-Dumpty spielt, soll Panikattacken bekommen haben, als ihm das schwere Make-up aufgetragen wurde.

Verrückte Wortspiele der Vorlage auch in Verfilmung

Dass Carrolls Nonsense-Geschichten kein ‚Unsinn’ sind, sondern einer Logik folgen, „die das Bekannte und Gewusste umdeutet, kostümiert und es in einer kuriosen Konstellation plötzlich wiedererkennen lässt“ (Petri 1987, S. 256f.), blitzt ebenso in den Dialogen der Verfilmung auf.

Bizarr: Die blaue Raupe (Ned Sparks) hilft Alice (Charlotte Henry) / © Studiocanal

Bizarr: Die blaue Raupe (Ned Sparks) hilft Alice (Charlotte Henry) / © Studiocanal


Als eine durchnässte Alice den ständig Geschichte rezitierenden Vogel Dodo (Polly Moran) trifft, fragt er das Mädchen: „Geschichte ist das Trockenste, das ich kenne. Soll ich dich mit Geschichte trocknen?“ Alice bejaht und tatsächlich: Der öde Wissensstoff trocknet sie vollkommen.

„Alice im Wunderland“ wird zum Kino-Flop

Diese und andere Wort- und Sprachspiele verhindern allerdings nicht, dass „Alice im Wunderland“ in den USA zum Kino-Flop und nach nur einer Woche abgesetzt wird. Die tricktechnisch und in der Ausstattung ambitionierte Verfilmung mag zwar das Kinderpublikum erreicht haben, die erwachsenen Zuschauer lässt sie weitgegend unbeeindruckt.

Rote Königin (E. M. Oliver): Für "Trommeln am Mohawk" (USA 1939) wird sie für den Oscar nominiert / © Studiocanal

Rote Königin (E. M. Oliver): Für „Trommeln am Mohawk“ (USA 1939) wird sie für den Oscar nominiert / © Studiocanal


Das hat offenbar auch zur Folge, dass der Fantasy-Film in einer synchronisierten Fassung nie in Deutschland anlief – und bis heute gar keine Synchronfassung in deutschen Filmarchiven existiert. Deshalb wird „Alice im Wunderland“ im 21. Jahrhundert nur im Original mit deutschen Untertiteln auf DVD veröffentlicht: am 27. Mai 2011 (Koch Media GmbH) und zuletzt am 5. Dezember 2019 (Studiocanal).

Verwendete Quellen:

  • Neibaur, James L.: The W. C. Fields Films. Jefferson, 2017. S. 90–93.
  • [o. A.]: Cinema: In Wonderland. In: Time. The Weekly Newsmagazine 11 (1933), H. 26, 25.12.1933.
  • Petri, Walther: Ein Nachwort. In: Carroll, Lewis: Alice im Wunderland. Alice im Spiegelland. Leipzig, 1987, S. 251–258.

Weitere Quellen:

  • Weniger, Kai: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 5: L–N. Rudolf Lettinger–Lloyd Nolan. Berlin, 2001, S. 399.
  • McElwee, John: Alice In DVD-Land. In: Greenbriarpictureshows.blogspot.com (vom 15.3.2010, abgerufen: 15.12.2019).

DVD-Cover / © Studiocanal

DVD-Cover / © Studiocanal

Alice im Wunderland (USA 1933)
Darsteller: Charlotte Henry, W. C. Fields, Cary Grant, Cary Cooper u. a.
Regie: Norman McLeod
Fassung: US-amerikanische Originalfassung in Schwarz-Weiß mit deutschen Untertiteln
Länge: 73 Minuten
Alterseinstufung: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Label: Studiocanal (VÖ: 5.12.2019)

Headerfoto: Alice (Charlotte Henry, M.) im Wunderland zwischen der Herzogin (Alison Skipworth, l.) und der Köchin (Lilian Harmer) / © Studiocanal