Archiv des Autors: Ron Schlesinger

Wie man keine Prinzessin heiratet (CZ/D/SK 2021) – oder: Zurück in die Zukunft

Küssen verboten: Wie man keine Prinzessin heiratet (CZ/D/SK 2021)

Zwei Königskinder tun alles, um ihre Hochzeit zu verhindern. Dafür drehen sie sogar an der Schicksalsuhr – und das nicht zu ihrem Vorteil.

Der Filmregisseur Karel Janák ist so etwas wie der Václav Vorlíček („Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, ČSSR/DDR 1973) des 21. Jahrhunderts. Er ist momentan das Gesicht des tschechischen Märchenfilms und brachte in den vergangenen zwölf Jahren acht Neuproduktionen auf den Fernsehbildschirm (oder zuvor als Premiere auf die Kinoleinwand), darunter „Die zwölf Monate“ (2012), „Der Kronprinz“ (2015) oder „Der arme Teufel und das Glück“ (alle CZ 2017).

Doch ebenso wie in den 1970er- oder 1980er-Jahren, als Vorlíček (1930–2019) dem Genre mit seiner unkonventionellen Sicht auf Märchen neue Impulse gab, steht der 53-jährige Karel Janák heute vor einer ähnlichen Aufgabe: einerseits die Tradition des tschechischen Märchenfilms weiterzuführen, andererseits das Genre für eine Zielgruppe attraktiv zu machen, die eher der actionreichen Fantasygeschichte und nicht dem (angestaubten) Märchen huldigt.

Wie man Prinzessinnen weckt

Janáks 2021 entstandener Fernsehfilm „Wie man keine Prinzessin heiratet“ (tsch.: „Jak si nevzít princeznu“), eine Koproduktion zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern Ceská televize (CZTV), Rozhlas a televízia Slovenska (RTVS) und dem Kinderkanal von ARD und ZDF, zeigt das im besonderen Maße.

Weissagung: Die drei Schicksalsfeen (Nada Konvalinková, Daniela Kolářová, Iva Janzurová, v.l.n.r.) auf dem Weg zum Schloss / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela

Weissagung: Die drei Schicksalsfeen (Nada Konvalinková, Daniela Kolářová, Iva Janzurová, v.l.n.r.) auf dem Weg zum Schloss / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela


Schon der Titel verrät eine Doppelstrategie, denn er erinnert an den Vorlíček-Film „Wie man Prinzessinnen weckt“ (ČSSR 1977), im Original: „Jak se budí princezny“: Die Geschichte, frei nach Motiven von „Dornröschen“, erzählt über einen Königssohn, der nicht so ganz in das Klischee passt. Und auch in „Wie man keine Prinzessin heiratet“ werden überholte Vorstellungen von Königssöhnen und Königstöchtern über Bord geworfen (Drehbuch: Petr Hudský).

Hurra, es ist ein kleiner Prinz!

Gleichfalls bedient der Märchenfilm aber eben typische Handlungsmuster und Motive, was sich am Beginn zeigt, wenn drei Schicksalsfeen, also jene übernatürlichen Wesen, die in den griechischen Moiren oder den römischen Parzen ihre Vorbilder haben, das Leben von Neugeborenen voraussagen.

Der Schein trügt: Leopold und Josefína mögen sich nicht / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela

Der Schein trügt: Leopold und Josefína mögen sich nicht / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela


Hier ist es aber keine Prinzessin, wie im Grimm’schen „Dornröschen“, sondern ein Junge namens Leopold („Hurra, es ist ein kleiner Prinz!“): Ihm wird prophezeit, dass er im Alter von 25 Jahren Prinzessin Josefína heiraten wird. Doch wiederum keine 13. Fee oder eine böse Schwester der Königin, sondern Prinz (Marek Adamczyk) und Prinzessin (Anna Fialová) selbst wollen das 25 Jahre später verhindern, als beide vor dem Traualtar stehen: weil sie sich seit ihrer Kindheit nicht ausstehen können und selbst entscheiden möchten, wen sie ehelichen.

Elterliche Heiratspolitik

So wird nicht nur eine elterliche Heiratspolitik aufs Korn genommen, die ja in der mittelalterlichen Historie, in der das Märchen angesiedelt ist, Teil der Machtpolitik war, sondern auch das Figurenpaar Prinz und Prinzessin, dessen märchentypische Aufgabe es eigentlich ist, „nach dem Willen der Natur in Liebe zueinander [zu] entbrennen“ (Freund 2005, S. 98).

Die Braut, die nicht will: Josefína (Anna Fialová) mit Vater (O. Kríz) / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela

Die Braut, die nicht will: Josefína (Anna Fialová) mit Vater (O. Kríz) / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela


Doch stellen sich Josefína und Leopold damit gegen die Weissagungen der drei Schicksalsfeen und verändern zudem mit einer Zeitreise in die Vergangenheit die Gegenwart. Das Motiv der Zeitreise (time travelling) ist allerdings weniger aus dem Märchen- sondern eher aus dem Fantasy- und Sciene-Fiction-Genre bekannt.

Marty McFly, Harry Potter und Alice

Zum Beispiel, wenn Marty McFly alias Michael J. Fox im ersten Teil der Trilogie „Zurück in die Zukunft“ (USA 1985) ins Jahr 1955 reist und dabei die Vergangenheit durcheinander bringt. Ist es hier die in einen DeLorean-Sportwagen eingebaute Zeitmaschine, mit der Marty unterwegs ist, so beamt sich Mia Wasikowska als Titelfigur in „Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln“ (USA 2016) mit der Chronosphäre, einem Zeitsprungerät in Form einer Metallkugel, in eine andere Zeit. Und Daniel Radcliffe in „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ (USA/UK 2004) nutzt den Zeitumkehrer, ein kleines silbernes Stundenglas, mit dem die Zeit ein weiteres Mal durchlebt werden kann.

Josefína verwendet in „Wie man keine Prinzessin heiratet“ eine Schicksalsuhr und beamt sich und Leopold damit 25 Jahre zurück. Ihr Plan: Die Weissagung an Leopolds Wiege verhindern, sodass beider Hochzeit nicht zustande kommt.

Doch der Plan misslingt und es kommt alles anders, dank bekannter Motive aus Märchen und Mythen, Sagen und Legenden, die hier in einem Potpourri neu zusammengesetzt werden.

Hans Wurst und Robin Hood

Dazu zählt beispielsweise ein Hans (Patrik Děrgel, „Der Kronprinz“), im Original heißt er noch Hynek (dt.: Ignaz), der als derb-komische Figur (Hans Wurst, Hans Narr etc.) aus der Theatergeschichte bekannt ist und hier sogar zum (Narren-)König aufsteigt. Oder die Erzählmotive vom gestohlenen („Von einer Frau, der sie das Kind vertauscht haben“) und ausgesetzten Baby („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, beide: Brüder Grimm), das bei Pflegeeltern aufwächst, zum Räuberhauptmann („Robin Hood“) aufsteigt und sich als wahrer Thronanwärter erweist.

Burgruine Zvířetice: Hier verstecken sich die vermeintlichen Räuber / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela

Burgruine Zvířetice: Hier verstecken sich die vermeintlichen Räuber / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela


Wenngleich sich die temporeiche, komödienhafte Inszenierung voller Wendungen und origineller Ideen streckenweise ein wenig ‚überschlägt’, zu viel in 90 Minuten erzählen möchte und dem Slapstick zu viel Raum gibt (was immer auch die Tiefe der Fabel untergräbt), so gehört „Wie man keine Prinzessin heiratet“ doch zu den gelungenen Märchenfilmen der letzten Jahre.

List, Mut und Klugheit

Das liegt auch an den beiden jungen Hauptdarstellern Anna Fialová und Marek Adamczyk, die gekonnt das Gegensätzliche in ihrem Spiel herauskehren (Prinzessin: draufgängerisch und pragmatisch, Prinz: zurückhaltend und verkopft) und so auch für einen humorvollen ‚Geschlechterkampf’ stehen.

Drehort: Das neugotische Schloss Friedland (Hintergrund) liegt unweit des Landschaftsschutzgebiets Böhmisches Paradies / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela

Drehort: Das neugotische Schloss Friedland (Hintergrund) liegt unweit des Landschaftsschutzgebiets Böhmisches Paradies / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela


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MEHR ZUM THEMA
Wie man Prinzessinnen weckt (ČSSR 1977)
Soundtrack im Märchenfilm: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR 1973)
Soundtrack im Märchenfilm: Die wahnsinnig traurige Prinzessin (ČSSR 1968)
Soundtrack im Märchenfilm: Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976)

Und: Dass die beiden weitgehend ‚gewaltlos’ versuchen, ihren ‚Eingriff’ in die Vergangenheit wieder rückgängig zu machen, nämlich durch List, Mut und Klugheit gegenüber ihren Widersachern, wirkt fast ein wenig gestrig, hätte aber sicher auch Václav Vorlíček gefallen.

Film: „Wie man keine Prinzessin heiratet“ (CZ/D/SK, 2021, Regie: Karel Janák)

Video: Der Film ist bis zum 5.11.2025 in der ARD-Mediathek zu sehen. Hier klicken.

Drehorte:

  • Český ráj (dt.: Landschaftsschutzgebiet Böhmisches Paradies), Tschechien
  • Hrad Pernštejn (dt.: Burg Pernstein), 592 62 Nedvědice, Tschechien
  • Hrad Zvířetice, Podhradí 8, 294 01 Bakov nad Jizerou, Tschechien
  • Zámek Frýdlant (dt.: Schloss Friedland), Zámecká 4001, 464 01 Frýdlant v Čechách, Tschechien

Verwendete Quellen:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2005
  • „Hans“: In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (abgerufen: 22.4.2024)
  • KiKA – Der Kinderkanal ARD/ZDF: Drehstart in Tschechien für neue Märchenproduktion
    „Wie man keine Prinzessin heiratet“ mit Sonsee Neu. In: Presseportal (vom: 7.6.2021, abgerufen: 23.4.2024)


Headerfoto: Prinz Leopold (Marek Adamczyk) und Prinzessin Josefína (Anna Fialová) / © KiKA/Česká televize/Petr Čepela