Das blaue Licht (D 2010) – oder: Ausgerechnet Venedig

Das blaue Licht (D 2010) – oder: Ausgerechnet Venedig

Mit dem Märchen „Das blaue Licht“ adaptiert die ARD eine weniger populäre Vorlage der Brüder Grimm. Kein Nachteil, wie sich in der Verfilmung zeigt – die überdies gängige Klischees aufs Korn nimmt.

Obwohl „Das blaue Licht“ bereits im zweiten Band der Erstauflage der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ (1815) zu finden ist – verfilmt wird es eher selten: Die DEFA, das staatliche Filmstudio der DDR, adaptiert 1975 die Geschichte über einen armen Soldaten, der in den Besitz eines blauen Wunderlichts gelangt und damit für „Recht und Gerechtigkeit“ (Giera 1990, S. 83) sorgen will.

Regie führt Iris Gusner, die auch das Drehbuch schreibt. Genau 35 Jahre später entdeckt die ARD „Das blaue Licht“ für ihre populäre und – gemessen an den Einschaltquoten – auch überaus erfolgreiche Märchenfilm-Reihe, deren dritte Staffel an Weihnachten 2010 gezeigt wird.

Das blaue Licht (DDR 1975): Das Männlein (Fred Delmare, r.) hilft dem Soldaten Hans (Viktor Semjonow) / © MDR

Das blaue Licht (DDR 1975): Das Männlein (Fred Delmare, r.) hilft dem Soldaten Hans (Viktor Semjonow) / © MDR


Auf dem Regiestuhl sitzt diesmal Carsten Fiebeler, der sich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends noch ganz anderen Themen auf der Kinoleinwand zuwendet. So dreht er 2004 die Ost-West-Komödie „Kleinruppin forever“ und zwei Jahre später „OstPunk! Too much Future“ (2006) – eine Doku über die Punk-Bewegung in der DDR.

Im ARD-Märchenfilm „Das blaue Licht“ stehen ihm Anja Kömmerling und Thomas Brinx zur Seite, die das Drehbuch verfassen und die Vorlage mit neuen Nebenfiguren, sinnigen Dialogen und einer Liebesgeschichte ergänzen. Die Handlung verlegen sie ins 17. Jahrhundert (Kostüm: Polly Matthies). Gedreht wird unter anderem im Barockschloss Fasanerie bei Fulda und im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach (Szenenbild: Otto Kinzer).

Liebesbeziehung und Coming-of-Age-Story

Der Soldat Jakob (Christoph Letkowski) – verwundet und müde – kehrt mit seinen Kumpanen aus dem Krieg zurück. Der betrügerische König Karl I. (Reiner Schöne) lobt seine Soldaten, darunter Jakob, mit abgedroschenen Phrasen und verleiht mit viel Tamtam den Verdienstorden „Goldener Karl erster Klasse“.

Dumm nur, dass der aus schnödem Blech und „keinen Pfifferling wert“ ist – auch ein leiser Seitenhieb auf überkommene Militärrituale. Ihren verdienten Sold, sprich: Gulden, erhalten die Männer nicht.Wenigstens werden ihnen die Orden von der naiven, aber schönen Königstochter Augustine (Marleen Lohse) an die Brust geheftet. Dabei lernt sie auch Jakob kennen.

Das blaue Licht (D 2010): Jakob (Christoph Letkowski) holt es herauf / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Jakob (Christoph Letkowski) holt es herauf / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


Im Gegensatz zur Grimm’schen Vorlage durchlebt Prinzessin Augustinchen – so nennt sie ihr Vater und verkennt in ihr die junge erwachsene Frau – eine turbulente Coming-of-Age-Story. Dabei kann sie sich als weibliche Identifikationsfigur entwickeln. Bevor es allerdings soweit ist, müssen sich die Wege von Jakob und Augustine erst einmal wieder trennen, weil Liebe – vor allem im Märchen – Prüfungen voraussetzt.

Als Jakob mit leerem Magen in einen tiefen Wald gerät, trifft er auf eine geheimnisvolle Frau (Veronica Ferres), die er um Essen und ein Nachtlager bittet. Er weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass die Schöne eine Hexe und auf der Suche nach einem Bräutigam ist.

Hexe wird zur verführerischen Femme fatale

Nicht nur Augustine sondern auch den Charakter der Hexe legen Kömmerling/Brinx facettenreicher an, vor allem um die stumpfen Motive der Vorlage – hier: die Absichten der Hexe – zu erzählen. So wird aus der noch bei den Grimms eindimensionalen Hexe eine Figur, die sich auch in eine Femme fatale verwandeln kann, um den (naiven) Männern zum Verhängnis zu werden.

Gleichzeitig vertraut das Autorenduo auf traditionelle Erzählmuster des Märchens, wie die bekannte Zahlensymbolik, und verwendet diese in der modernen Bearbeitung: Der Mann, der dreimal von der Hexen-Suppe isst, muss ihr Bräutigam werden.

Das blaue Licht (D 2010): Die Hexe (Veronica Ferres) kocht ihr Süppchen / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Die Hexe (Veronica Ferres) kocht ihr Süppchen / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


Das blaue Licht (D 2010): So erkennt niemand die Hexe (Veronica Ferres)  / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): So erkennt niemand die Hexe (Veronica Ferres) / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


Dagegen sind die Szenen zwischen der Hexe – als vollbusige Blondine – und Jakob konsequent dem heutigen Zeitgeist angepasst und mit erotischen Anspielungen, wie Blicke und Berührungen, aufgeladen. Hier wird der Märchenfilm ganz auf seine erwachsenen Zuschauer ausgerichtet, vergisst aber sein Kinderpublikum nicht.

Das freut sich über das schaurig-schöne Aussehen der Hexe (Maske: Birger Laube, René Jordan), die sich genüsslich Schnecken als Delikatesse auf der Zunge zergehen lässt. Als der Märchenheld das falsche Spiel durchschaut und die dritte Suppe ablehnt, will er fliehen. Die Schöne will ihn erst gehen lassen, wenn er ihr das blaue Licht aus einem Wasser leeren Brunnen holt.

Von Kommentaren und kabarettistischen Einlagen

„[…] es brennt blau und verlischt nicht […]“, so beschreibt die Hexe das Wunderlicht bei den Grimms. In ihren Anmerkungen zu „Das blaue Licht“ notieren die Brüder, dass die Bezeichnung offenbar aus dem Aberglauben kommt und ursprünglich ein bläulich schimmerndes Irrlicht meint, das von Naturgeistern erzeugt und den Menschen zum Verhängnis wird.

Sowohl im Märchen als auch im Film kehrt sich die Bedeutung allerdings um: Das blaue Licht, als Feuerzeug für eine Tabakpfeife genutzt, wird positiv besetzt. Denn als die Hexe Jakob in den Brunnenschacht fallen lässt, wird das Licht zu seiner Rettung. Als er es anzündet, erscheint plötzlich der Lampenmann (Christian Tramitz) und bietet Jakob an, seine Wünsche zu erfüllen.

Das blaue Licht (D 2010): Der Geist (Christian Tramitz) rettet Jakob / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Der Geist (Christian Tramitz) rettet Jakob / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


Er befreit ihn aus dem Brunnenloch und führt ihn zum Schatz der Hexe. Das noch bei den Grimms „klein[e] schwarz[e] Männchen“ (Brüder Grimm 1980, S. 152), das ausschließlich als Befehlsempfänger auftritt und kommentarlos die Wünsche des Soldaten ausführt, wandelt sich in der Adaption zu einer Helferfigur, die für Komik und Spannung steht.

Mehr noch: Die Kommentare des Lampenmanns mutieren zu rhetorisch gewandten und zugleich kabarettistischen Einlagen: humorvoll, tiefgründig, lebensnah.

Märchenwunder kann auch ausbleiben

Zudem ist der Geist im Märchenfilm auch ein väterlicher Freund für Jakob. Der immer gut aufgelegte Geist will den noch ein wenig ungehobelten jungen Mann erziehen, beispielsweise als er ihn vor dem Essen daraufhin weist, sich erst zu waschen und frische Kleidung anzuziehen.

Diese Ermahnungen, die auch Kindern allzu bekannt sind, kommen aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern werden mit einem Augenzwinkern inszeniert: Jakob muss splitternackt unter einem Kübel mit eiskaltem Wasser stehen, den der Lampenmann (gern) per Seilzug über ihn auskippt. Das Märchenwunder kann schon einmal ausbleiben, oder: Waschen muss man sich eben doch selbst!

Das blaue Licht (D 2010): Erst gründlich waschen, dann essen / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Erst gründlich waschen, dann essen / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


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Jakob kehrt dank des Schatzes der Hexe als feiner Herr genau in die Stadt zurück, in der er vom König betrogen wurde. Er sinnt nicht auf Rache und Vergeltung, sondern „hat noch eine Rechnung mit dem König offen“. Er will ihm das Wertvollste nehmen, was er besitzt. Wenig später bringt ihm der Lampenmann Augustine.

Selbstverständlich verlangt Jakob keine „Mägdedienste“ (Brüder Grimm 1980, S. 153) von der Königstochter. Im Gegenteil: Beide gehen im Mondschein spazieren und Jakob erklärt der Natur unerfahrenen, weil nur im Schloss („goldener Käfig“) lebenden Prinzessin auch, warum Glühwürmchen leuchten: „Wie lustig es leuchtet!“ – Jakob: „Es sucht wohl eine Liebschaft.“ – Augustine: „Es hat sie wohl gefunden.“ Klingt freilich etwas kitschig, verweist aber indirekt auf ihre eigene Liebesbeziehung.

Ausgerechnet nach Venedig

Jakob will Augustine erklären, dass ihr Vater ein größenwahnsinniger Betrüger ist und sogar seine einzige Tochter verschachern will, nur um seinen Machtbereich zu vergrößern. Erst jetzt versteht die vormals naive Augustine, dass ihr Vater sie nur aus dynastisch-strategischen Gründen mit Prinz Philipp (Christoph Bach) – der zu ihr „kalt wie ein Fisch“ ist – in eine Heirat drängt.

In der dritten Nacht, die Augustine mit Jakob verbringt, planen beide die Flucht: ausgerechnet nach Venedig. Die Stadt der Liebe. Die Stadt der Romantik. Und auch die Stadt vieler anderer Klischees, welche die Verfilmung aber augenzwinkernd aushebelt. Bloß gut, mag das Publikum denken, dass der König von dem Städtetrip erfährt und das Liebespaar ertappt. Jakob kommt in den Kerker und soll am nächsten Tag gehängt werden. Augustine erhält Stubenarrest.

Das blaue Licht (D 2010): Jakob (Christoph Letkowski) wird verhaftet / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Jakob (Christoph Letkowski) wird verhaftet / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


Das blaue Licht (D 2010): Jakob (C. Letkowski) und Augustine (M. Lohse) / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

Das blaue Licht (D 2010): Jakob (C. Letkowski) und Augustine (M. Lohse) / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland


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Doch die erwachsene Tochter begehrt auf, schlüpft in die Uniform eines Schlossdieners und will Jakob befreien. Die Flucht misslingt, aber eine zweite wichtige Helferfigur – neben dem Lampenmann – hat jetzt ihren Auftritt: Ein kleiner Bettlerjunge (Gideon Finimento), der Jakob anfangs bestehlen will, dann aber zu einem Freund wird, bringt ihm das blaue Licht – gerade als er gehängt werden soll.

Als der König Jakob einen letzten Wunsch erfüllt, noch einmal eine Pfeife zu rauchen, zündet er diese am blauen Licht an – und das Gute siegt über das Böse. Gut gewählt und sinnfällig ist die Strafe für den König: Er findet sich genau in dem Wald wieder, in dem die Hexe noch immer ihren Bräutigam sucht. Bleibt zu hoffen, dass ihr Plan diesmal aufgeht.

Filme:

  • „Das blaue Licht“ (DDR, 1975, R: Iris Gusner). Ist auf VHS und DVD erschienen.
  • „Das blaue Licht“ (BRD, 2010, R: Carsten Fiebeler). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Freilichtmuseum Hessenpark, Laubweg 5, 61267 Neu-Anspach
  • Schloss Fasanerie, 36124 Eichenzell

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Das blaue Licht. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 2, S. 151–155.
  • Giera, Joachim: Das blaue Licht. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 82–85.
  • Tucker, Elizabeth: Geist im blauen Licht. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 5, Berlin/New York, 1987, Sp. 928–933.


Headerfoto: Soldat Jakob (Christoph Letkowski) und Prinzessin Augustine (Marleen Lohse) haben sich verliebt / © MDR/HR/Kinderfilm GmbH/Felix Holland

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