Das Märchen vom goldenen Taler (D 2020): Hans Geiz, was nun?

Das Märchen vom goldenen Taler (D 2020): Hans Geiz, was nun?

Hans Fallada schrieb die Geschichte einst in dunklen Zeiten auf. 35 Jahre nach der ersten Verfilmung in der DDR versucht sich die ARD an dem Märchen – und punktet dabei vor allem mit der Bildsprache.

„Fast ein Psychopath – aber die sind das Salz der Erde“, soll einst Karl Bonhoeffer (1868–1948) über seinen Patienten Rudolf Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada (1893–1947), gesagt haben. Bonhoeffer, Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten der Berliner Charité und später umstritten wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus, behandelt Fallada mehrmals Mitte der 1930er-Jahre.

Denn der Schriftsteller, dem 1932 mit „Kleiner Mann, was nun?“ der Durchbruch gelingt, ist seit seiner Jugend psychisch labil. Er überlebt als 18-Jähriger nur knapp einen Suizidversuch. Drogen, vor allem Alkohol und Rauschgift (Morphium), tun später das Übrige. Da verwundert es kaum, dass Fallada oft ‚Stammgast’ in Kliniken und Sanatorien ist.

„Geschichten aus der Murkelei“ (1938) sind ein Flop

Vielleicht sind es aber gerade diese Besonderheiten seiner Biografie, die der Motor für seine kongeniale Fabulierfreude und Erzählkunst sind. Als junger, aber ebenso leidgeprüfter Vater – Sohn Uli kommt 1930 zur Welt, die Zwillingsschwestern Edith und Lore drei Jahre später, wobei Edith kurz nach der Geburt stirbt – erzählt und schreibt er ab Anfang der 1930er-Jahre auch für Kinder. Darunter sind die „Geschichten aus der Murkelei“.

Geschichten aus der Murkelei (1938) / © Ernst Rowohlt Verlag

Geschichten aus der Murkelei (1938) / © Ernst Rowohlt Verlag

Elf Erzählungen befinden sich darin, die ebenso den Titel ‚Märchen aus der Murkelei’ (Caspar 1985, S. 729) tragen könnten. Warum? Fallada verwendet klassische Motive des Märchens wie Mangel- und Verlusterfahrungen, Versprechen, Weissagungen oder Flüche, verleiht den Geschichten mitunter aber einen moralischen Unterton.

Anfang November 1938 werden die „Murkelei“-Geschichten im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Es sind dunkle Zeiten in Deutschland. Dazu wollen die bunten, wenngleich simplen Illustrationen von Melitta Patz so gar nicht passen. Dennoch werden 13.000 Exemplare gedruckt. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Doch die Kunstmärchen liegen wie Blei in den (Verkaufs-)Regalen. Bis Ende 1940 setzt der Verlag gerade einmal 2.400 Stück ab (vgl. ebd. S. 731). Ein Misserfolg.

Zum Vergleich: Der (arisierte) Theodor Knaur Nachfahren Verlag bringt im Jahr 1937 die „Märchen der Brüder Grimm“ (432 Seiten, Preis: ab 2,85 RM) mit Illustrationen von Ruth Koser-Michaëls (1896–1968) in einer 100.000-Stück-Startauflage heraus (vgl. Fetzer 2017) – und verkauft diese wohl auch.

Happy End für die „Geschichte vom goldenen Taler“

Geschichten aus der Murkelei (1947) / © Aufbau-Verlag

Geschichten aus der Murkelei (1947) / © Aufbau-Verlag

Doch im Märchen gibt es oft ein Happy End: ebenso für die „Geschichten aus der Murkelei“. Nicht nur, dass diese mehrfach nach dem Krieg neu aufgelegt werden, wenngleich ab 1947 unter anderem im Ostberliner Aufbau-Verlag mit Illustrationen von Conrad „Conny“ Neubauer. Eines der Kunstmärchen wird in Deutschland sogar gleich zweimal verfilmt: die „Geschichte vom goldenen Taler“.

Die Heldin des Märchens heißt Anna Barbara. Sie sucht nach dem Glückstaler. Denn ihre Großmutter erzählte ihr einst, dass es dem gut gehe, der ihn besitzt. Ein wunderlicher Kerl, Hans Geiz, der mit seinem Schimmel Unverzagt durch die Welt zieht und alles sammelt, was die Menschen wegwerfen, gibt vor, den Glückstaler zu haben. Nur wenn das Mädchen ihm drei Jahre treu diene, erhalte sie zum Lohn das Goldstück. Mit Hilfe eines Putzmännchens, das in Wirklichkeit ein verzauberter Junge ist und den sie durch einen Kuss erlöst, gewinnt sie den goldenen Taler. Hans Geiz hat das Nachsehen.

„Die Geschichte vom goldenen Taler“ (1985) als DDR-Märchenfilm

1984 verfilmt der Regisseur Bodo Fürneisen die Erzählung fürs DDR-Fernsehen. TV-Premiere ist in den Winterferien 1985. Im Unterschied zur Vorlage, in der Fallada – in märchenhaft originelle Worte gehüllt – Tugenden wie Ausdauer anmahnt, lenken die DDR-Filmemacherinnen und -macher das Augenmerk auf etwas anderes: den Gefühlsgeiz.

Denn: „Wer mit der Liebe spart, muß als Individuum verarmen, auch wenn er alle Reichtümer der Welt gewinnt.“ (Steinke 1990, S. 121f.)

Die Geschichte vom goldenen Taler (1985): Für das DDR-Fernsehen produziert / © MDR/DRA/Hans-Joachim Zillmer

Die Geschichte vom goldenen Taler (1985): Für das DDR-Fernsehen produziert / © MDR/DRA/Hans-Joachim Zillmer


Das hat zur Folge, dass Anna Barbara und ‚Putzmännchen’ Martin, gespielt von der/dem Laiendarsteller/in Antje Straßburger und Dirx Brennemann, am Ende des Films gar nicht bemerken, dass ihnen der Glückstaler auf dem Nachhauseweg abhanden kommt. Ihre Liebe zueinander macht sie – im positiven Sinne – ‚blind’ für die Gier nach Geld und Reichtum.

„Das Märchen vom goldenen Taler“ (2020) als ARD-Märchenfilm

35 Jahre später entdeckt die ARD die Fallada-Geschichte für ihre Reihe „Sechs auf einen Streich“. Darin verfilmt der TV-Sender seit 2008 populäre, aber auch weniger bekannte Märchen für die Weihnachtsfeiertage. Das Drehbuch schreiben Heike Brückner von Grumbkow und Jörg Brückner, unterstützt von Filmdramaturg Enrico Wolf. Regie führt Cüneyt Kaya.

Anders als in der Vorlage, in der es ein „eiskalter Wintertag“ ist, der Schnee hoch liegt und Anna Barbara mutterseelenallein und frierend („wie ein magerer Schneider“) auf der Straße steht, spielt die Handlung im ARD-Märchenfilm im Sommer – gedreht wird im Juni und Juli 2020 im Berliner Museumsdorf Düppel.

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara (Valerie Sophie Körfer) verrät ihrer Schwester Eva (Frida Brandenburg) ein Geheimnis / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara (Valerie Sophie Körfer) verrät ihrer Schwester Eva (Frida Brandenburg) ein Geheimnis / © rbb/Michael Rahn


Die Titelheldin (Valerie Sophie Körfer) ist kein Waisenkind, sondern lebt mit Mutter (Stefanie Stappenbeck) und Schwester Eva im Dorf Überall. Seitdem dort der goldene Taler gestohlen wurde, ist das Glück verschwunden. Es wachsen weder Blumen, Obst und Gemüse, sondern nur noch Kohlköpfe im Dorf.

Der eintönige Speiseplan verdirbt der Bevölkerung die gute Laune. Einige Bewohner haben sich bereits auf die Suche nach dem Glückstaler gemacht, sind seither aber spurlos verschwunden. Man munkelt, ein obskurer Lumpensammler aus dem Ort Nirgendwo stecke hinter alldem. Deshalb darf keiner mehr das Dorf verlassen. Anna Barbara will trotzdem den goldenen Taler suchen, denn: „Wenn sich etwas ändern soll, dann muss man sein Schicksal in die Hand nehmen.“

Das Problem mit dem Erzählmotiv

Nicht die in der Fallad’schen Märchenvorlage auftretenden typischen existenziellen Erfahrungen von Mangel (Armut, Hunger) und Verlust (Alleinsein, Tod), sondern ‚nur’ ein verschwundener Taler, der wiederum in – einer etwas konstruierten – Verbindung mit einer Kohlschwemme steht, ist im ARD-Märchenfilm das Hauptmotiv, das das Erzählen auslöst.

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Im Dorf Überall wächst nichts außer Kohl / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Im Dorf Überall wächst nichts außer Kohl / © rbb/Michael Rahn


Dadurch büßt die Geschichte allerdings an Dramatik und Valenz ein, weil es sich um kein elementares Problem handelt, dem sich Anna Barbara stellt. Das meist diffuse, schöne High-Key-Filmlicht, in dem das Dorf inszeniert wird, unterstützt noch diesen Verlust an ‚Wertigkeit’. Aber es bietet zugleich eine Möglichkeit des Kontrasts zu der sich außerhalb des Dorfs befindlichen, finsteren und gefährlichen Welt des Lumpensammlers, den die Heldin nachts im Wald trifft.

Romantische Hell-Dunkel-Kompositionen

Dabei wird sein Auftritt schaurig-schön in Szene gesetzt. Mittels einer raffinierten Lichtdramaturgie erscheinen anfangs nur schwarze Umrisse. Seine Gestalt, auf einer Kutsche sitzend, als wolle diese zu einem Begräbnis fahren, schält sich – dank zusätzlicher Nebelmaschine – langsam aus dem Dunkel. Zudem wird er wenig später aus der Untersicht gefilmt, damit erscheint der Bösewicht gleich noch größer und furchteinflößender …

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara trifft Hans Geiz (Dominique Horwitz) / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara trifft Hans Geiz (Dominique Horwitz) / © rbb/Michael Rahn


Sleepy Hollow (USA 1999): Die düstere Ästhetik des Horrormärchens setzt Maßstäbe / © Universal Pictures

Sleepy Hollow (USA 1999): Die düstere Ästhetik des Horrormärchens setzt Maßstäbe / © Universal Pictures


Der im Krimifach erprobte Kameramann Ralf Noack schafft mit Hell-Dunkel-Kompositionen (Oberbeleuchter: Pepi Rieck) in Verbindung mit Szenenbild (Sebastian Wurm) sowie Ausstattung die perfekte Atmosphäre. Die Handlung zieht das Publikum endlich in ihren Bann – und fühlt sich bisweilen an Gemälde der Romantik wie von Caspar David Friedrich (1774–1840) erinnert. Oder neueren Datums an Tim Burtons Fantasyfilm „Sleepy Hollow“ (USA 1999).

„Verschwende deine Kraft nicht an unnütze Gefühle“

Vor der Kamera ist der von Dominique Horwitz gespielte Lumpensammler Hans Geiz dank seines exzellenten Schauspiels, aber auch aufgrund seiner äußeren Erscheinung (Maske: Janina Kuhlmann, Kostümbild: Bettina Weiss) der heimliche Star dieser Verfilmung. Obgleich er nur rafft, den Sinn des Lebens allein im Besitzen sieht und die Liebe für etwas Überflüssiges hält („Verschwende deine Kraft nicht an unnütze Gefühle“).

In seiner Unterwelt – Drehort ist das Fort Hahneberg, ein Festungsbau aus dem 19. Jahrhundert, der schon Kulisse für „Inglourious Basterds“ (USA/D, 2009, R: Quentin Tarantino, Eli Roth) war – muss Anna Barbara für ihn als Magd arbeiten.

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara lässt sich auf einen Pakt ein / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara lässt sich auf einen Pakt ein / © rbb/Michael Rahn


Wie schon zuvor Fallada greift auch die Verfilmung auf die typische Zahlensymbolik des Märchens zurück: Die Heldin hat drei Aufgaben zu bestehen. Erst wenn diese gelöst sind – sie muss Kupfer- und Silbergeschirr sowie Goldtaler putzen –, soll Anna Barbara den einen richtigen goldenen Taler erhalten.

Das Märchen stellt ihr aber ebenso hier eine Helferfigur zur Seite: ein kleines Putzmännchen (Justus Czaja). Der Größenunterschied zwischen beiden wird mit Hilfe digitaler Tricks (Visuelle Effekte: Olaf Skrzipczyk) erreicht – und optisch mit witzigen Einstellungen ausgekostet.

Kleine Schwächen der erzählten Geschichte

Dennoch kann die Mise-en-Scène, die Art und Weise, wie das Geschehen in „Das Märchen vom goldenen Taler“ dargestellt wird, kleine Schwächen in der Dramaturgie nicht überdecken. Und das, obwohl einige Ideen im Kern sinnvoll sind, zum Beispiel die Haupthandlung in der Unterwelt mit einer im Dorf spielenden Parallelhandlung zu flankieren (Schnitt: Maren Unterburger).

Sie erzählt, wie die kleine Eva (ausgezeichnet: Frida Brandenburg) mit Hilfe einer gelben Blume – einerseits Symbol für Glück und Freude, andererseits Äquivalent für den goldenen Taler selbst – fest daran glaubt, dass ihre große Schwester Anna Barbara zurückkommt. Allein die Umsetzung gerät in vielen Szenen dennoch allzu ‚gewollt’, was nicht am guten Figurenensemble sondern an aufgesetzt wirkenden Handlungselementen und hölzernen Dialogen im Drehbuch liegt.

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara hat Stefan erlöst – das wird gefeiert / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Anna Barbara hat Stefan erlöst – das wird gefeiert / © rbb/Michael Rahn


Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Für Hans Geiz sind Geld und Besitz das Wichtigste / © rbb/Michael Rahn

Das Märchen vom goldenen Taler (2020): Für Hans Geiz sind Geld und Besitz das Wichtigste / © rbb/Michael Rahn


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Das glückliche Ende versöhnt das Publikum trotzdem, wenn beide – Anna Barbara und Putzmännchen, das eigentlich Stefan heißt – den goldenen Taler finden und gleich wieder ‚verlieren’. Denn der Verlust des Materiellen wird hier – wie schon im DDR-Film – mit dem Gewinn der Liebe kompensiert, weil das Männlein dadurch seine menschliche Gestalt wiedererhält.

Und Hans Geiz? Er kann diesen dummen Gefühlsduseleien wie Liebe und Küssen sowie Spaß und Freude nichts abgewinnen. Denn: „Spaß führt zu Glück. Und das Leben ist nicht dazu da, glücklich zu sein.“ Anna Barbara und Stefan haben gemeinsam das Gegenteil bewiesen.

Film: „Das Märchen vom goldenen Taler“ (BRD, 2020, R: Cüneyt Kaya)

Drehorte:

  • Fort Hahneberg, Hahnebergweg 50, 13591 Berlin
  • Grunewald, Berlin
  • Havelstudios – Film- & Fernsehstudios, Havelchaussee 161, 14055 Berlin
  • Museumsdorf Düppel, Clauertstraße 11, 14163 Berlin

Verwendete Quellen:

  • Caspar, Günter: Hans Fallada, Geschichtenerzähler. In: Hans Fallada. Märchen und Geschichten. Ausgewählte Werke in Einzelausgaben. Bd. IX. Hrsg. Von Günter Caspar. Berlin, 1985, S. 649–781.
  • Fallada, Hans: Geschichten aus der Murkelei (Ausgabe: 1947). In: Projekt Gutenberg.de (abgerufen: 28.2.2022)
  • Fallada, Hans: Geschichte vom goldenen Taler. In: Ders.: Märchen und Geschichten. Ausgewählte Werke in Einzelausgaben. Bd. IX. Hrsg. Von Günter Caspar. Berlin, 1985, S. 388–412.
  • Fetzer, Günther: Verlagsgeschichte Droemer Knaur. Die Verlagsgeschichte 1846–2017. München, 2017.
  • Steinke, Katharina: Die Geschichte vom goldenen Taler. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 119–122.
  • [o. A.]: Hauptdarstellerin gesucht. Wie ein Film entsteht. Geschrieben von Sonja Kühne. Fotografiert von Barbara Koeppe. Berlin, 1987.


Headerfoto: Hans Geiz (Dominique Horwitz) zählt gierig sein Vermögen / © rbb/Michael Rahn

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