Prinzessin Amélie (Leonie Brill) trifft auf Prinz Thabo (Elvis Clausen, li.) und seinen Diener Leo Wams (Lennart Matthiesen) / Bild: WDR/Kai Schulz

Die Salzprinzessin (D 2015) – und der schwarze Prinz

Bisher durften Schwarze im deutschen Märchenfilm allenfalls Pagen und Diener spielen. Bis jetzt, denn in „Die Salzprinzessin“ (2015) – einem Märchen aus der ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ – freit erstmals ein schwarzer Prinz um die Hand einer weißen Königstochter: ganz ohne Integrationstest, aber mit viel Selbstbewusstsein. Na also, geht doch.

Kein schwarzer Prinz. Nirgends. Das galt bisher auch für den deutschen Märchenfilm. Denn in der über 100-jährigen Geschichte des Genres spielten Schwarze praktisch keine Rolle: Meist blieben sie als Statisten im Hintergrund und mimten Sklaven. So im Stummfilm „Das kalte Herz“ (1923), in dem ein schwarzer Diener als „Exot“ von den einheimischen Schwarzwaldbewohnern bestaunt wird. Oder im Ufa-Farbfilm „Münchhausen“ (1943), in dem der damals 17-jährige Afrodeutsche Theodor Michael den Leibwedler eines Sultans spielen muss.

Exotischer „Hofmohr“ (l.): Märchenillustration zu „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ (Walter Crane, 1874)

Exotischer „Hofmohr“ (l.): Märchenillustration zu „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ (Walter Crane, 1874)


Regisseur Josef von Báky lässt Schwarze in „Münchhausen“ damals von schwarzen Komparsen darstellen und nicht von schwarz-geschminkten Weißen. Das ist im Sinne des Propagandaministers Joseph Goebbels, „um die vermeintliche Überlegenheit der angeblichen ‚Herrenrasse‘ herauszustellen“ (Authaler). Anders im NS-Märchenfilm „Der kleine Muck“ (1944), in dem schwarz-geschminkte Kinder zwei Hofmohren an einem Königshof spielen und von einem Stadtpolizisten – politisch selbstverständlich unkorrekt – als „Lausemohren“ tituliert werden.

Schwarz-geschminkte „Mohren-Pagen“ im BRD-Märchenfilm

„Lebender Zierrat“: Duchess of Portsmouth mit Diener (Louise de Kerouaille, 1682)

„Lebender Zierrat“: Duchess of Portsmouth mit Diener (Louise de Kerouaille, 1682)

Der deutsche Nachkriegs-Märchenfilm in Ost und West geht getrennte Wege, auch im Hinblick auf schwarze Figuren. In der BRD zählen „Mohren-Pagen“ im Märchenfilm der 1950er-Jahre mitunter weiterhin zum Figurenensemble. Sie werden von schwarz-geschminkten Kindern gespielt und dürfen der Rokoko-Prinzessin die Schleppe tragen. Damit greifen der westdeutsche wie auch der Stumm- und NS-Märchenfilm Traditionen der europäischen Adelskultur des 16. bis 18. Jahrhunderts auf, zu denen auch exotische „Hofmohren“ gehören (vgl. Kuhlmann-Smirnov).

Jene werden nicht selten als „Gastgeschenke“ herumgereicht und gelten als „lebende[r] Zierrat“ (Pleschinski) an den Fürstenhöfen Europas. Zwar finden sich auch in einem frühen DDR-Märchenfilm, „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953), schwarze Komparsen als Sklaven am Hof eines tyrannischen Sultans, doch gibt es einen Unterschied: Das Märchen wird aus der Sicht der gleichfalls sozial benachteiligten Titelfigur Muck erzählt, die freilich „bei dem Versuch scheitert, in den […] Mechanismen der Macht Fuß zu fassen“ (Kleiner).

„Die Salzprinzessin“ mit Motiven von Grimm, Němcová und Dobšinský

Neue Idee: Prinzessin Amélies (Leonie Brill) wundersamer Salzkristall ist auch ein Symbol der Liebe / © WDR/Kai Schulz

Neue Idee: Prinzessin Amélies (Leonie Brill) wundersamer Salzkristall ist auch ein Symbol der Liebe / © WDR/Kai Schulz

Dass damit in West und Ost Weltbilder offenkundig wurden, liegt auf der Hand. Dennoch hat sich der gesamtdeutsche Märchenfilm bis heute zurückgehalten, wenn es darum ging, Hauptfiguren mit Schwarzen zu besetzen. Gewiss, auch wenn die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm „gerne rot, weiß und schwarz“ (Lüthi) nennen, auf geografische Herkunft oder schwarze Hautfarbe beziehen sich solche Kontraste nicht, eher auf Stand und Charakter: „schön und weiß von Angesicht […], aber garstig und schwarz von Herzen“ (Grimm).

Vielleicht hat sich die Autorin Anja Jabs deshalb kein originäres Grimmsches Märchen zum Vorbild genommen, als sie das Drehbuch für den ARD-Märchenfilm „Die Salzprinzessin“ schreibt – mit einem schwarzen Prinzen. Ihr Filmskript stützt sich nur auf Motive der Brüder Grimm. Diese drehen sich um das Thema „Lieb wie das Salz“, das zum Beispiel in den deutschen Volksmärchen „Die Gänsehirtin am Brunnen“ und „Prinzessin Mäusehaut“ als auch in den tschechisch-slowakischen Varianten „Salz ist wertvoller als Gold“ von Božena Němcová und Pavol Dobšinský vorkommt.

Prinz Thabo aus Bokanda ist in Europa auf Studienreise

In den Märchen möchte ein alter König abdanken. Er weiß aber nicht, welche seiner drei Töchter seine Nachfolgerin werden soll. Deshalb will er wissen, wie sehr sie ihn lieben. Die beiden Älteren sagen, sie lieben ihn wie Gold, Zucker oder ihr schönstes Kleid. Die Jüngste erwidert jedoch, sie liebe ihn wie das Salz. Das kränkt den König und er verstößt sie. Am Ende sieht er ein, dass das Salz lebenswichtig ist und verzeiht seiner jüngsten Tochter. Dabei kommt in den verschiedenen Varianten des Märchens freilich kein schwarzer Prinz vor.

Symbolik: Die Farbe von König Christophs (Leonard Lansink) Hermelinmantel zeigt seine Stimmung / © WDR/Kai Schulz

Symbolik: Die Farbe von König Christophs (Leonard Lansink) Hermelinmantel zeigt seine Stimmung / © WDR/Kai Schulz


Dafür hat im ARD-Märchenfilm der schwarze selbstbewusste Prinz Thabo – gespielt vom Afrodeutschen Elvis Clausen – gleich am Anfang seinen ersten Auftritt: Er ist in Europa auf Studienreise und sucht nach Fossilien und seltenen Mineralien. Klingt logisch. Dabei trifft er im Wald auf Prinzessin Amélie (Leonie Brill), die wie er die Naturwissenschaften liebt. Beide entdecken einen funkelnden Salzkristall, den Thabo Amélie schenkt. Dann trennen sich ihre Wege vorerst … Der Salzkristall, als neu aufgenommene wundersame Gabe, hat dabei mehrere Bedeutungen.

Wundersamer Salzkristall setzt die Märchenhandlung in Gang

Einerseits löst der Stein etwas zwischen Amélie und Thabo aus. Andererseits ist der Kristall schuld an Amélies Schicksal: Als ihr greiser Vater König Christoph (Leonard Lansink) sie und ihre beiden älteren Schwestern Eugenia (Svenja Görger) und Isabella (Alexandra Martini) fragt, wie sehr sie ihn lieben, denkt sie an den Salzkristall, den sie um ihren Hals trägt – und sagt: „Ich liebe euch so wie das Salz.“ Ihr Vater verstößt sie daraufhin. Damit verbindet Drehbuchautorin Anja Jabs die neu aufgenommene Wundergabe sinnhaft mit dem alten Kern der Märchenvorlage.

Helferfigur: Prinzessin Amélie (Leonie Brill, l.) lernt die gute Waldfrau (Sophie von Kessel) kennen / © WDR/Kai Schulz

Helferfigur: Prinzessin Amélie (Leonie Brill, l.) lernt die gute Waldfrau (Sophie von Kessel) kennen / © WDR/Kai Schulz


Zu guter Letzt ist es dieser Salzkristall, der Prinzessin Amélie auf ihrer Flucht zu einer geheimnisvollen Waldfrau (Sophie von Kessel) führt, die ihrer früh verstorbenen Mutter ähnelt. Auch hier lehnt sich der Märchenfilm an die Vorlagen, in denen bereits „ein steinaltes Mütterchen“ (Grimm) oder „eine weise Frau, eine Wahrsagerin“ (Němcová) der Königstochter beistehen. Hier wie dort wird der Erzählfaden weitergesponnen und versucht, überlieferte Helferfiguren in einem Märchenstoff neu zu verweben.

Kostüme und Masken offenbaren den Charakter der Filmfiguren

Nicht nur erzählerisch, sondern auch bildlich gibt sich der ARD-Märchenfilm Mühe, Figuren mit Hilfe von Maske (Christina Paul, Heike Ersfeld) und Kostüm (Anna Schmidbauer) zu charakterisieren, zum Beispiel die drei Prinzessinnen: Die Schwestern Eugenia und Isabella tragen ausladende Reifröcke, eng geschnürte Korsetts und kunstvoll arrangierte Hochsteckfrisuren mit Bändern, Federn und Blumen in der Mode des Biedermeier. Amélies einfaches Empirekleid ist hingegen leicht, fließend, mädchenhaft. Ihr langes Haar trägt sie offen.

Drei Töchter: Isabella (Alexandra Martini, v.l.n.r.), Amélie (Leonie Brill), Eugenia (Svenja Görger) / © WDR/Kai Schulz

Drei Töchter: Isabella (Alexandra Martini, v.l.n.r.), Amélie (Leonie Brill), Eugenia (Svenja Görger) / © WDR/Kai Schulz


Frisuren und Kostüme spiegeln damit gleichzeitig das Wesen dieser Figuren wider: hier die gekünstelt wirkenden Eugenia und Isabella, dort die natürliche Amélie. Dasselbe gilt für die Kostümfarben: Der regierungsmüde König Christoph trägt am Anfang keinen Hermelinmantel in stolzem Rot sondern in traurigem Schwarz. Seine psychische Verfassung wird auch mit der Farbwahl offenkundig. Am Ende von „Die Salzprinzessin“, nach der Versöhnung mit Amélie, zeigt er sich demonstrativ in Uniform im adligen Preußisch-Blau und übergibt die Amtsgeschäfte seiner Tochter und seinem Schwiegersohn Prinz Thabo. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Film: „Die Salzprinzessin“ (2015, R: Zoltan Spiradelli, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Schloss Ehreshoven, Stift Ehreshoven, 51766 Engelskirchen
  • LVR-Freilichtmuseum Lindlar, Heiligenhoven, 51789 Lindlar
  • Bergisches Land bei Köln

Literatur:

  • Authaler, Theresa: Afrodeutsche in NS-Filmen: „Besondere Kennzeichen: Neger“, in: Spiegel Online – einestages, 9.10.2013
  • Brüder Grimm: Aschenputtel, in: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 2007, Bd. 1, S. 137.
  • Dies.: Die Gänsehirtin am Brunnen, in: ebd. Bd. 2, S. 339.
  • Kleiner, Felicitas: Die Geschichte vom kleinen Muck, in: Friedrich, Andreas (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Stuttgart, 2003, S. 60.
  • Kuhlmann-Smirnov, Anne: Schwarze Europäer im Alten Reich: Handel, Migration, Hof. Göttingen, 2014
  • Lüthi, Max: Märchen. 9., durchgesehene und ergänzte Auflage. Bearbeitet von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1996, S. 29.
  • Němcová, Božena: Salz ist wertvoller als Gold, in: Das goldene Spinnrad und andere tschechische und slowakische Märchen. Leipzig/Weimar, 1983, S. 68.
  • Pleschinski, Hans: Der Mohr von Berlin. Gorch Pieken und Cornelia Kruse erzählen eine erstaunliche afrikanisch-preußische Familiensaga, in: Die Zeit, Nr. 50, 6.12.2007

Weiterführende Literatur:

  • Figge, Maja: Deutschsein (wieder-)herstellen. Weißsein und Männlichkeit im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre. Bielefeld, 2015
  • Piesche, Peggy: Irgendwo ist immer Afrika … „Blackface“ in DEFA-Filmen, in: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, 30.7.2004
  • Schmitt, Christoph: Lieb wie das Salz, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 8, Berlin/New York, 1996, Sp. 1038-1042.


Headerfoto: Prinzessin Amélie (Leonie Brill) trifft auf Prinz Thabo (Elvis Clausen, li.) und seinen Diener Leo Wams (Lennart Matthiesen) / Bild: WDR/Kai Schulz

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