Winterszenerie: Mina (Meira Durand) und Herr Flix sind auf dem Weg zum König / © SWR/Markus Fenchel

Ein Wintermärchen über Nächstenliebe: Die Sterntaler (D 2011)

Selig sind die Barmherzigen. Das steht zwar schon in der Bibel. Klingt aber immer ein wenig aufgesetzt. Dass man die christliche Botschaft auch unaufdringlich und spielerisch übermitteln kann, beweist der ARD-Märchenfilm „Die Sterntaler“.

Ein trüber, eiskalter Wintertag im Dorf Finkenwald. Die Straßen sind menschenleer. Nur vereinzelt stapfen zerlumpte, bettelarme Gestalten durch den tiefen Schnee. Dazwischen spielende Kinder. Ebenso in abgerissenen Sachen. Sie vergessen für eine Weile die Wirklichkeit um sich herum. Am Himmel ächzt ahnungsvoll eine Krähe …

Eröffnungsszenen haben immer ihre ganz eigene Bedeutung. Sie nehmen die Tonalität des Films vorweg. Ziehen das Publikum in ihren Bann. Spielen mit den Erwartungen des Zuschauers. Das gilt auch für das Genre Märchenfilm. Und im Besonderen für „Die Sterntaler“ aus der TV-Reihe „Auf einen Streich“.

Soziale Kälte: Kinder in abgerissener Kleidung spielen auf der Dorfstraße / © Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck

Soziale Kälte: Kinder in abgerissener Kleidung spielen auf der Dorfstraße / © Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck


Nicht nur, dass der Rabenvogel im Mittelalter einerseits als Vorbote von Tod, Unheil und Dunkelheit gilt. Andererseits einen großen Überlebensinstinkt verbildlicht. Auch die trostlose Winterszenerie wirkt symbolisch. Sie steht für Armut und Hunger, Mangel und Verlust. Aufgenommen werden die Szenen (Kamera: Roman Osin) im Januar und Februar 2011 im verschneiten Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck.

Die Sterntaler: eine Geschichte über christliche Nächstenliebe

Neben den ersten Einstellungen, die die Grundgedanken des „Sterntaler“-Märchens fühlbar machen, ist es auch die Geschichte selbst. Denn: Drehbuchschreiber Rochus Hahn knüpft um das Märchen der Brüder Grimm neue Handlungsstränge. Im ARD-Märchen ergänzen sie die kurze Grimmvorlage.

Hier schenkt ein obdachloses Waisenmädchen einem Bettler sein letztes Stück Brot, danach vier frierenden Kindern Mütze, Leibchen, Rock und Hemd – bis es selbst nichts mehr hat. Zum Dank erhält es Taler, die wie Sterne vom Himmel fallen.

Kurzum: eine Geschichte über christliche Nächstenliebe.

Nächstenliebe: Mina (Meira Durand) schenkt einem Bettler ein Stück Brot / © SWR/Markus Fenchel

Nächstenliebe: Mina (Meira Durand) schenkt einem Bettler ein Stück Brot / © SWR/Markus Fenchel


Dass die Erzählung „wegen des hohen didaktischen Wertes“ (Uther 2007, Sp. 1278) mehrfach verfilmt ist, überrascht nicht. Doch ein Stummfilm von 1929 („Die Sterntaler“, D, R: Alf Zengerling) und die Tonfilme „Die Sterntaler“ (D, 1940, R: Hubert Schonger) sowie „Das Mädchen mit den Sterntalern“ (1949, BRD, R: Alf Zengerling) zielen allzu plakativ auf Frömmigkeit und Selbstlosigkeit ab. Es wird eigenlich nur nacherzählt. Das Potential der Geschichte bleibt ungenutzt.

Armut ist kein gottgegebenes Schicksal im ARD-Märchenfilm

Genau mit diesem Potential setzt sich Autor Rochus Hahn auseinander. Er wählt ein besonders feinmaschiges Drehbuchgeflecht, das seine neuen erzählerischen Ideen umschließt: Im Dorf Finkenwald leben nur noch Alte und Kinder. Deren Eltern wurden vor Jahren vom König (Thomas Loibl) und seinen Steuereintreibern verschleppt. Sie sollen ihre Schulden abarbeiten. Eines der Kinder ist die 10-jährige Mina (Meira Durand). Sie will den König bitten, ihre und alle anderen Eltern freizulassen und macht sich auf den Weg zu ihm.

Kontraste: Der König (Thomas Loibl) sitzt am gedeckten Tisch. Seine Untertanen hungern / © SWR/Markus Fenchel

Kontraste: Der König (Thomas Loibl) sitzt am gedeckten Tisch. Seine Untertanen hungern / © SWR/Markus Fenchel


Anders als in der Grimm’schen Vorlage, in der Armut ein gottgegebenes Schicksal ist, gibt es im Märchenfilm einen Grund für das Elend: Es ist der König. Er presst jeden Taler aus seinen Untertanen. Oder sperrt sie ein, damit sie Stoffe für ihn weben. Zum Beispiel einen Wandteppich mit seinem Konterfei. Den sollen sich seine hungernden Untertanen in ihre ärmlichen Hütten hängen. Götzenkult von totalitären Despoten gibt es auch im Märchen.

Von hilfreichen Tieren und märchenhafter Zahlensymbolik

Als sich Mina auf den abenteuerlichen Weg zum König macht, stellt ihr das Drehbuch ein hilfreiches Tier zur Seite, das „unmittelbar in die Handlung eingreif[t] und ihr im Sinne des Helden eine glückliche Wendung [gibt]“ (Freund 2005, S. 154): Es ist der kleine verwunschene Hund Herr Flix, dessen Sprache nur Kinder verstehen, die ein reines Herz besitzen – so wie Mina. Herr Flix, dessen Name an die Zeichentrickfiguren Asterix oder Obelix erinnert, dürfte vor allem bei den kleinsten Zuschauern seine größten Fans finden.

Beste Freunde: Herr Flix hilft Mina (Meira Durand), den Hof des Königs zu finden / © SWR/Markus Fenchel

Beste Freunde: Herr Flix hilft Mina (Meira Durand), den Hof des Königs zu finden / © SWR/Markus Fenchel


Den größeren Zuschauern fallen die typischen Stilmerkmale des Märchens auf. Sie werden in „Die Sterntaler“ geschickt eingesetzt, zum Beispiel die Drei in der Zahlensymbolik. So nimmt Mina genau drei unscheinbare Habseligkeiten auf ihre gefährliche Wanderung mit: zwei Silbertaler, ihre Stoffpuppe und ein Medaillon. Das Besondere: Nur durch Zufall erweisen sich die drei Dinge als wahre Glücksbringer – die vor allem anderen in der Not helfen.

Herr Flix ist doch kein verwunschener Prinz

Dass Minas Nächstenliebe am Ende belohnt wird, versteht sich von selbst. Doch sammelt bei den Grimms das Mädchen nur die Taler ein, die in der dunklen Nacht vom Himmel herabfallen, dass es „reich für sein Lebtag“ ist, so erlebt Mina zwar das Gleiche, aber: Mit den Sterntalern löst sie nicht nur ihre gefangenen Eltern, sondern alle Erwachsenen ihres Dorfes aus. Der uneinsichtige König, der zuvor kein Mitleid zeigt, als Mina ihn bittet alle Menschen aus dem Frondienst zu entlassen, erhält seine gerechte Strafe.

Schauspielensemble: "Tatort"-Kommissar Axel Prahl übernimmt eine Nebenrolle / © SWR/Markus Fenchel

Schauspielensemble: „Tatort“-Kommissar Axel Prahl übernimmt eine Nebenrolle / © SWR/Markus Fenchel


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Dass auch im Märchenfilm tradierte Märchenklischees durchbrochen werden können, zeigt sich zu guter Letzt an Minas Weggefährten Herr Flix: Die angebliche Fremdverwandlung des kleinen Hundes erweist sich als lustige Finte. Flix hat alles nur vorgetäuscht: Er ist kein verwunschener Prinz, sondern einfach nur ein kleiner Hund, der gerne Schwarzbier schleckt – und dafür auch mal blufft. Wenn das die Grimms wüssten.

Film: „Die Sterntaler“ (BRD, 2011, R: Maria von Heland). Ist auf DVD erschienen.

Preise:

  • „Best of Fest Award 2011“ (Chicago International Children’s Film Festival)
  • „Bayerischer Fernsehpreis 2012“ (Kategorie: Kinderfilm – Beste Regie)

Drehorte:

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Die Sterntaler. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 2, S. 269f.
  • Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck: ARD-Märchenfilm „Die Sterntaler“ ausgezeichnet (7.11.2011, abgerufen: 30.11.2020)
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Uther, Hans-Jörg: Sterntaler. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 12. New York/Berlin, 2007, Sp. 1276–1279.


Headerfoto: Winterszenerie: Mina (Meira Durand) und Herr Flix sind auf dem Weg zum König / © SWR/Markus Fenchel

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