Ice Queen Freya (Emily Blunt) und Huntsman Eric (Chris Hemsworth) / © Universal Pictures

Games of Love: The Huntsman & the Ice Queen (USA 2016)

George Lucas hat es vorgemacht: Jetzt bekommt auch „Snow White and the Huntsman“ (2012) sein Prequel und der Zuschauer erfährt, wie alles begann – freilich ohne Schneewittchen, aber mit einer Eiskönigin. Dabei ist „The Huntsman & the Ice Queen“ weniger düster als sein Vorgänger und manchmal sogar komisch. Kinostart ist der 7. April 2016.

Sie ist kalt, herzlos und grausam. Dabei steht ihr böser Charakter ganz im Gegensatz zu ihrem schönen Namen, der eigentlich auf die nordgermanische Göttin der Fruchtbarkeit und der sinnlichen Liebe zurückgeht: die gute Freya. Sie ähnelt der römischen Göttin Venus. Damit verweisen die beiden Drehbuchschreiber Evan Spiliotopoulos und Craig Mazin bereits mit dem Namen auf das widersprüchliche Wesen der Ice Queen namens Freya in der Fortsetzung des Fantasy-Märchens „Snow White and the Huntsman“ (USA 2012).

Ungleiche Schwestern: Ice Queen Freya (Emily Blunt) und Evil Queen Ravenna (Charlize Theron) / © Universal Pictures

Ungleiche Schwestern: Ice Queen Freya (Emily Blunt) und Evil Queen Ravenna (Charlize Theron) / © Universal Pictures


Die Geschichte von „The Huntsman & the Ice Queen“ (USA 2016) setzt ein, lange bevor die Evil Queen Ravenna (Charlize Theron) von Snow White in den magischen Spiegel verbannt wird. Freya, gespielt von Emily Blunt, ist die jüngere Schwester von Königin Ravenna. Es sind zwei sehr unterschiedliche Frauen: einerseits Freya, die ein Baby bekommt und mit ihrem Freund eine Familie gründen möchte (Fruchtbarkeit und Liebe!), andererseits die machtbesessene und neidvolle Ravenna, deren Schönheit von keiner anderen übertroffen werden soll.

Starres Gut-Böse-Schema des Märchens löst sich auf

Damit zitiert die Geschichte klassische Märchenmotive, wie die antagonistische Schwesternbeziehung vom guten und schlechten Mädchen. Gleichzeitig gilt damit auch die Frau – als Mutter und mit Partner – als Inbegriff des Guten, die Frau – als Nicht-Mutter und ohne Partner – als Inbegriff des Bösen. Das zeigt, dass mancher Gegensatz des Märchens im Hinblick auf moderne Frauenbilder überholt wirken kann. Vielleicht ist das der Grund, weshalb diese Konstellation in „The Huntsman & the Ice Queen“ alsbald gesprengt wird und das Gute zum Bösen mutiert.

Liebe im Reich des Bösen: Eric (Chris Hemsworth) und Sara (Jessica Chastain) brechen ein Tabu / © Universal Pictures

Liebe im Reich des Bösen: Eric (Chris Hemsworth) und Sara (Jessica Chastain) brechen ein Tabu / © Universal Pictures


Denn Freya zerbricht innerlich an zwei harten Schicksalsschlägen. Damit wird ihr späteres grausames Wesen zwar psychologisch nachvollziehbar, aber nicht entschuldbar. Dennoch: Das starre Gut-Böse-Schema des Märchens wird aufgebrochen. Wie schon in Robert Strombergs Dornröschen-Version „Maleficent – Die dunkle Fee“ (USA 2014), in der der Zuschauer erfährt, warum sich die gute in eine böse Fee wandelt. Freya verlässt Ravennas Königreich und lebt fortan als Ice Queen in einem winterlichen Palast im kalten Norden.

Anti-christliches Gebot und kämpfende Kindersoldaten

Vermeintlich selbst von der Liebe enttäuscht, erlässt Freya in ihrem Reich ein Gesetz, das in seiner Syntax den zehn christlichen Geboten gleicht: Du darfst dich nicht verlieben! Zudem züchtet Freya aus zwangsrekrutierten Kindern, die sie aus ihren Familien entführt, eine Armee aus sogenannten Huntsmen (Jäger) heran. Die Ice Queen zieht sie in dem Glauben auf, dass die Liebe gefährlich ist und trainiert die Mädchen und Jungen für das Töten im Krieg. Den Zuschauer erinnert das an Kindersoldaten – allerdings nicht aus dem Märchen, sondern aus der Gegenwart.

Böse Stiefmutter: Ice Queen Freya (Emily Blunt) schwört die Kinder auf ein Leben ohne Liebe ein / © Universal Pictures

Böse Stiefmutter: Ice Queen Freya (Emily Blunt) schwört die Kinder auf ein Leben ohne Liebe ein / © Universal Pictures


Freyas unbesiegbare Armee der Huntsmen steht zudem in der Tradition von speziellen Militäreinheiten, die Herrscher in der Menschheitsgeschichte für ihren Machterhalt brauchten. Die bekanntesten sind wohl die sogenannten Opritschniki: Der russische Zar Iwan der Schreckliche (1530 bis 1584) setzt die bisweilen 5.000 Mann starke Truppe ein, um „Feinde des Herrschers wie Hunde aus der Heimat [zu] jagen.“ (Klußmann) In „The Huntsman & the Ice Queen“ führt Königin Freya mit den ihr ergebenen Huntsmen brutale Eroberungskriege.

Winterwelt erinnert an Reich des Nordens aus „Game of Thrones“

Unter den Kriegern sind auch Eric (Chris Hemsworth) und Sara (Jessica Chastain), die bereits als Kinder verschleppt werden und im erwachsenen Alter zu den besten Kämpfern gehören. Beide brechen allerdings ein Tabu, als sie sich ineinander verlieben. Dieses Verbot zeigt auch, dass die „Handlung […] nicht von innen gelenkt wird, sondern von außen.“ (Lüthi) Das ist typisch für das klassische Märchen, obgleich der Streifen ausdrücklich nicht als US-Märchenfilm sondern als „fantastisches Action-Abenteuer“ beworben wird, wohl auch, um die wichtige Zielgruppe der 14- bis 29-jährigen Männer anzusprechen.

Game of Thrones: Die Welt der Ice Queen und ihrer Huntsmen erinnert an US-Fantasy-Serien / © Universal Pictures

Game of Thrones: Die Welt der Ice Queen und ihrer Huntsmen erinnert an US-Fantasy-Serien / © Universal Pictures


Dabei werden vor allem die Bilder des frostigen Reichs der Ice Queen Freya den Zuschauer an das Reich des Nordens aus „Game of Thrones“ (seit 2011) erinnern. Zudem könnte der Original-Titel von „The Huntsman & the Ice Queen“ – in den USA startet er ab 21. April als „The Huntsman: Winter’s War“ – glatt als ein Staffel-Titel der erfolgreichen US-Serie durchgehen. Ebenso ähneln die martialisch kämpfenden Krieger um Huntsman Eric & Co. der Nachtwache, jenen männlichen Mitgliedern einer Elitegruppe in der Fantasy-Serie.

Zwerge als Trickster sorgen für Entspannung durch Komik

Damit unterscheidet sich das Prequel von seinem Vorgänger „Snow White and the Huntsman“, das erzählerisch und bisweilen ästhetisch noch von der Grimmschen Märchenvorlage „Schneewittchen“ geprägt ist. Das gilt gleichfalls für das Figurenensemble: Eric und Kriegerin Sara, die zwar aus Freyas Königreich verbannt werden, aber wieder zueinander finden, werden sogenannte Trickster an die Seite gestellt: Diese erfüllen in Geschichten „in erster Linie die Rolle des Clowns oder komischen Begleiters“ (Vogler).

Sixpack im Wald: Die Zwerge Gryff (R. Brydon, 3. v. r.) und Nion (N. Frost, r.) sorgen für Humor / © Universal Pictures

Sixpack im Wald: Die Zwerge Gryff (R. Brydon, 3. v. r.) und Nion (N. Frost, r.) sorgen für Humor / © Universal Pictures


In „The Huntsman & the Ice Queen“ sind es die beiden Zwerge (!) Gryff (Rob Brydon) und Nion (Nick Frost). Letzterer hat bereits im Vorgänger-Film mitgespielt. Obwohl beide höchst unterschiedliche Charaktere haben – Gryff ist grantelnd und grob, Nion ist lustig und extrovertiert – sorgen sie im Film für „Entspannung durch Komik“ (Vogler). Das ist bisweilen nötig, da regelmäßig eingestreute Kampfszenen oder einige grausame Einstellungen für manchen Kinozuschauer emotional anstrengend werden können.

Off-Erzähler hilft Zuschauer bei verschiedenen Zeitebenen

Zudem deckt es sich mit der Grundidee des Films, wenn Produzent Joe Roth meint: „Diesmal soll die Story nicht so düster ausfallen.“ (FilmBizNews) Ein ästhetisches Beispiel dafür ist ein märchenhafter Koboldwald, in dem Helden (Eric und Sara) sowie Trickster (Gryff und Nion) den magischen Spiegel suchen – den Freya unbedingt in ihren Besitz bringen will, um ihre Schwester Ravenna daraus zu befreien. Damit verbindet sich die Vorgeschichte mit den neuen Ereignissen: Das macht die Zeitgestaltung im Film zwar attraktiv, gleichzeitig aber auch etwas verwirrend.

Vorbild: Kriegerin Sara (Jessica Chastain) ähnelt Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ / © Universal Pictures

Vorbild: Kriegerin Sara (Jessica Chastain) ähnelt Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ / © Universal Pictures


Deshalb setzt wohl Regisseur Cedric Nicolas-Troyan eine Stimme aus dem Off ein, die dem Zuschauer die wichtigsten Informationen mitgibt. Der gelernte Filmtechniker Nicolas-Troyan hat bereits in „Snow White and the Huntsman“ die visuellen Effekte gebastelt und arbeitete hier als Regisseur des zweiten Stabes. In „The Huntsman & the Ice Queen“ sitzt er das erste Mal bei einem großen Hollywoodfilm allein auf dem Regiestuhl. Dafür ist sein 3-D-Action-Abenteuer durchaus ordentlich geraten, auch wenn es bildlich auf der Fantasy-Welle von „Game of Thrones“ bis „Die Tribute von Panem“ (USA 2012-2015) mitschwimmt.

Film: „The Huntsman & the Ice Queen“ (2016, Regie: Cedric Nicolas-Troyan, USA).

Drehorte:

  • Bishop’s Palace and Gardens, Market Pl, Wells BA5 2PD, UK
  • Frensham Great Pond and Common, Farnham, Surrey GU10, UK
  • Pinewood Studios, Pinewood Road, Iver Heath, Buckinghamshire SL0 0NH, UK
  • Shepperton Studios, Shepperton, Surrey TW17, UK
  • Wells Cathedral, Cathedral Green, Wells, Somerset BA5 2UE, UK
  • Windsor Great Park, Windsor and Maidenhead, UK (Bears Rails, South Forest, Manor Hill, Johnson’s Pond)
  • Wälder von Stockwood und Puzzlewood

Literatur:

  • Klußmann, Uwe: Iwan IV. – Der zornige Zar, in: Spiegel Online – einestages, 31.01.2012
  • Lüthi, Max: Märchen. 7., durchgesehene und ergänzte Auflage. Stuttgart, 1979, S. 30.
  • Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Aus dem Amerikanischen von Frank Kuhnke. Frankfurt a. M., 2010, S. 151f.


Headerfoto: Ice Queen Freya (Emily Blunt) und Huntsman Eric (Chris Hemsworth) / © Universal Pictures

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