Foto: ZDF/Sandra Bergemann

Geld oder Liebe: Das kalte Herz (D 2014)

Viel Schatten, wenig Licht – das ist ein Fazit über den ZDF-Märchenfilm „Das kalte Herz“. Dabei steckt in der neuen Verfilmung über einen armen Köhler, der sein Herz für Reichtum hingibt, aber auch eine Kapitalismus-Kritik und ein mutiges Plädoyer gegen die Macht des Geldes. Das ZDF zeigt „Das kalte Herz“ am Karfreitag, 3. April 2015.

„Das kalte Herz“ (1869) / Carl Offterdinger / Rieger'sche Verlagsbuchhandlung

„Das kalte Herz“ (1869) / Carl Offterdinger / Rieger’sche Verlagsbuchhandlung

Welcher Regisseur heute auch das Märchen vom „Kalten Herz“ neu verfilmt: Am DEFA-Klassiker aus dem Jahr 1950 wird er allemal gemessen. Zu Unrecht, auch wenn der Kultfilm mit tricktechnischem Niveau und atemberaubender Farbfilmfotografie damals wie heute die Zuschauer in seinen Bann zieht. Dennoch geht es bei der Adaption von Märchen immer um die Frage, welche erzählerischen und gestalterischen Aspekte der neue Film bietet – unabhängig von anderen Verfilmungen. Maßstab ist der Film selbst. Sonst wäre es ein Remake.

Ein Remake hat Drehbuchautor und Regisseur Marc-Andreas Bochert aber nicht vor, als er für das ZDF im Herbst 2013 „Das kalte Herz“, ein Märchen von Wilhelm Hauff, verfilmt. Ein Jahr zuvor läuft sein beachteter Märchenfilm „Die Schöne und das Biest“ im ZDF-Weihnachtsprogramm. Im Übrigen auch ein Märchen, von dem sogar zwei Verfilmungen zu Klassikern wurden: „La Belle et la bête“ (1946) von Jean Cocteau und Disneys „Beauty and the Beast“ (1991). So scheint es fast, dass sich Bochert bewusst für solche Märchenvorlagen entscheidet.

„Das kalte Herz“: Kapitalismus-Kritik im Märchen von Wilhelm Hauff

Das Märchen vom „Kalten Herz“ schreibt 1827 der schwäbische Dichter Wilhelm Hauff, ebenso bekannt für seine Geschichten vom „Zwerg Nase“ oder „Kleinen Muck“. Im Gegensatz zu diesen beiden Märchen ist das „Kalte Herz“ im Kern eine Art Kapitalismus-Kritik. Die neue Wirtschafts- und Sozialordnung setzt sich am Anfang des 19. Jahrhunderts durch. Hauff erkennt bereits damals die „Gefahren moderner Geldwirtschaft“ (Klotz), die mit dem Kapitalismus einhergehen – besonders die „sozialen Verwerfungen durch ungerechte Verteilung“ (Neuhaus) .

Auch deshalb ist das „Kalte Herz“ heute in Zeiten von Finanzkrise und Bankenskandalen so aktuell. Eine kluge Entscheidung, gerade jetzt das Märchen erneut zu verfilmen. Regisseur Bochert beginnt die Geschichte über den bettelarmen Peter Munk (Rafael Gareisen, „Sechse kommen durch die ganze Welt“) denn auch mit Bildern, die nichts beschönigen und viel sagen: Schwarzgrüne Tannen ringsum. Beißender, schmutziger Qualm steigt auf. Mittendrin Peter, der Holzkohlen in seinen Handwagen schippt. Er ist Kohlenbrenner.

Licht- und Schattenspiele im Märchenfilm „Das kalte Herz“

Ein Drecksjob – mit null Aufstiegschancen. Doch anders als in der rauen Wirklichkeit ist das Märchen eine Welt der fantastischen Gestalten. Im „Kalten Herz“ werden deshalb gleich im Vorspann, ähnlich wie in der Vorlage, das geheimnisvolle Glasmännlein, auch Schatzhauser (Tilo Prückner) genannt, und der unheimliche Holländer-Michel (Thomas Thieme) vorgestellt. Und zwar als Schattenrisse (Kamera: Hermann Dunzendorfer), die plötzlich auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden. Gedreht wird im Schwarzwald, dem Ursprungsort des Märchens.

Das Spiel mit den Schatten der zwei Waldgeister ist Teil einer durchdachten Lichtgestaltung im „Kalten Herz“. Beide, Licht und Schatten, schaffen Stimmungen, charakterisieren Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Begegnungen von Peter mit den so verschiedenen Geistern: Ist der gefürchtete Holländer-Michel in Nebel gehüllt und werden anfangs nur seine Körperkonturen sichtbar, so ist das Glasmännlein, Schutzpatron der Glasbläser und Köhler, hell ausgeleuchtet. Sein glänzendes Gewand tut das Übrige (Kostümbild: Frauke Firl).

Zwei gegensätzliche Waldgeister: Glasmännlein und Holländer-Michel

Peter bittet beide Zauber-Figuren um Hilfe, weil er mit seiner ausweglosen Situation und der Perspektivlosigkeit hadert. Doch bietet das Glasmännlein, wie schon bei Hauff, „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Neuhaus), wenn es Peter anfangs zwei törichte Wünsche erfüllt, so steht das Geld des Holländer-Michels für soziale Kälte und Unmenschlichkeit. Exemplarisch verkörpert in drei Figuren, die Peter aber wegen ihres Standes und Reichtums bewundert: Ezechiel (August Schmölzer), Amtmann (Michael Schenk) und „Tanzbodenkönig“ Gustav (Wolfgang Minardi).

Gerade Gustav wird als Peters Gegenspieler aufgebaut. Nicht nur äußerlich mit hochgekämmtem schwarzen Seitenscheitel, der ihn – im Vergleich zum dunkelblonden Peter – immer auch ein wenig hochnäsig erscheinen lässt (Maskenbild: Astrid Lehmann, Melanie Burgemeister), sondern auch in der Story, weil Gustav und Peter das Mädchen Lisbeth (Laura Louisa Garde) erobern wollen. Damit wird aus dem „Kalten Herz“ ebenso eine Liebesgeschichte, die, anders als in der Hauffschen Vorlage, schon am Anfang des Märchenfilms ihren Lauf nimmt.

Kleine Requisiten im Märchenfilm mit großer symbolischer Bedeutung

Obwohl sich Drehbuchschreiber und Regisseur Bochert im Kern an die Märchenvorlage hält, so setzt er hier wie dort immer wieder neue Akzente, zum Beispiel mit Requisiten – weniger in ihrer funktionalen Rolle als wegen ihrer symbolischen Bedeutung. So lässt er Peter seiner Lisbeth eine kleine Schwan-Figur aus Glas schenken, die sowohl Peters Liebe für sie symbolisiert, aber auch für seine eigene Verwandlung stehen kann, als er sich wegen seiner Geldgier doch mit dem Holländer-Michel einlässt, sein Herz hingibt und dafür ein kaltes, steinernes bekommt.

Das Spiel mit den Requisiten wirkt aber nicht aufgesetzt, weil diese aus der Geschichte heraus funktionieren: Denn das Kunsthandwerk der Glasbläser zieht sich erzählerisch durch den ganzen Film, wenn Peter am Anfang als Kohlenbrenner eine Glashütte mit Holzkohlen beliefert und voller Staunen den Glasbläsern zusieht, oder er später selbst zum stolzen Glashüttenbesitzer aufsteigt (Innenrequisite: Susanne Hartmann). Dennoch: In dieser Rolle, und mit dem kalten Herz in der Brust, tritt jetzt das Böse in seinem Charakter offen zutage.

Von christlichen Geboten und kaltherzigem Verhalten

So entlässt er kaltschnäuzig die Hälfte seiner Arbeiter, kürzt den Übrigen die Löhne und höhnt obendrein: „Wenn ihr Mildtätigkeit erwartet, dann geht in die Kirche […].“ Damit degeneriert Peter zur hässlichen Fratze des Kapitalismus. Als er auch noch seine alte Mutter (Marie Gruber) aus dem neuen herrschaftlichen Hause wirft und seine Frau Lisbeth tötet, weil beide seine Kaltherzigkeit tadeln, hat er gleich doppelt gegen christliche Gebote verstoßen: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ und „Du sollst nicht töten!“.

Darauf verweist auch ein Holzkreuz mit einem sterbenden Jesus, das in dem Zimmer hängt, in dem Peter seine Lisbeth erschlägt (Szenenbild: Agi Dawaachu). Diese Szenen machen deutlich, dass „Das kalte Herz“ nicht nur einen inhumanen Kapitalismus geißelt, sondern davor warnt, dass damit auch Werte des christlichen Abendlandes ins Wanken geraten können. Meisterhaft zeigt das am Ende eine verkantete Kamera: Diese gleitet immer mehr in die Schräglage, je mehr sich die Situation für Peter zuspitzt. Nicht nur seine Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Doch – er hat ja noch einen dritten Wunsch beim Schatzhauser frei. Für Reue ist es nie zu spät.

Film: „Das kalte Herz“ (2014, R: Marc-Andreas Bochert, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Erdmannshöhle, Wehrer Straße 25, 79686 Hasel
  • Elendslöchle im Hännemer Wald, 79730 Murg
  • Alte Poststraße, 79730 Murg
  • Naturdenkmal Solfelsen, 79736 Rickenbach
  • Écomusée d’Alsace (Freilichtmuseum/Museumsdorf), Chemin du Grosswald, F-68190 Ungersheim

Literatur:

  • Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Stuttgart, 1985, S. 384.
  • Neuhaus, Stefan: Wilhelm Hauff. Märchen (1825-27). In: Ders.: Märchen. Tübingen/Basel, 2005, S. 182-194.


Headerfoto: Peter (Rafael Gareisen) und das Glasmännlein (Tilo Prückner) in „Das kalte Herz“ / Foto: ZDF/Sandra Bergemann

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