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Kein Happy End: Das Märchen der Märchen (I/F/GB 2015)

Giambattista Basile ist so etwas wie der Godfather des italienischen Märchens. Just zu seinem diesjährigen 440. Geburtstag werden drei seiner mitunter kafkaesken Geschichten verfilmt. Klar, dass nur ein Italiener Basiles Märchen auf die Leinwand bringen kann. Matteo Garrone („Gomorrha“) hat’s versucht – und dem Meister hätte es wohl gefallen. Am 10. März 2016 erscheint „Das Märchen der Märchen“ auf DVD.

Was Charles Perrault für Frankreich, Hans Christian Andersen für Dänemark oder die Grimms für Deutschland sind, das ist Giambattista Basile für Italien – Märchendichter und Nationalheld. Der Neapolitaner macht sich Anfang des 17. Jahrhunderts einen Namen als „barocker Versschmied“ (Bahner). Für seine Geschichten – burlesk, grotesk und aus heutiger Sicht auch kafkaesk – erntet er an den Fürstenhöfen viel Beifall. Doch erst nach Basiles Tod (1632) werden einige seiner Erzählungen gedruckt unter dem Titel „Lo Cunto de li Cunti“ (dt.: „Die Geschichte der Geschichten“). Ab der vierten Auflage heißt es im Titel zusätzlich: „Pentamerone“.

Der Name zeigt die Struktur des Buches an: An fünf (griech.: „penta“) Tagen werden jeweils zehn Geschichten erzählt, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind. Eine ähnliche Struktur findet sich übrigens in der orientalischen Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“, in Wilhelm Hauffs Märchenalmanachen oder Boccaccios „Dekameron“. In Basiles „Pentameron“ lädt ein Prinz auf Wunsch seiner Ehefrau zehn Geschichtenerzählerinnen in den Palast ein. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen geben diese Märchen zum Besten. Drei davon flechten die Filmautoren und Regisseur Matteo Garrone in das Drehbuch von „Das Märchen der Märchen“ ein.

Jahrmarktskünstler verbinden im Film Basiles „Märchen der Märchen“

Alle drei Geschichten – „Der Floh“, „Die bezauberte Hirschkuh“ und „Die entdeckte Alte“ – werden im „Pentameron“ am ersten der fünf Tage erzählt. Obwohl Basile die eigenständigen Märchen nur via Rahmenhandlung miteinander verknüpft, sollen in „Das Märchen der Märchen“ Figuren die jeweiligen Märchen verbinden. Doch es sind weniger die Helden der Geschichten, sondern bestimmte Nebenfiguren: Zirkusleute und Jahrmarktskünstler, die die Höfe der Fürsten und Herzöge bespielen. In „Das Märchen der Märchen“ flankieren sie aber vor allem die drei verschiedenen Handlungen und spannen einen Bogen vom Anfang bis zum Ende.

Commedia dell’arte: Zirkusleute verbinden die drei Märchen miteinander / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Commedia dell’arte: Zirkusleute verbinden die drei Märchen miteinander / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH


Sie sind Auslöser von Konflikten, Helfer in gefährlichen Situationen oder Spaßmacher in Kostümen. Gewiss, diese Idee – die an die Commedia dell’arte des 16./17. Jahrhunderts erinnert – geht einerseits auf die Entstehungszeit von Basiles Märchen zurück, andererseits unterstützt sie Raum und Zeit, in denen „Das Märchen der Märchen“ spielt. Jedoch zeigt sie vor allem auch, dass die vier Drehbuchautoren, darunter der Regisseur, die besondere Struktur des „Pentameron“, die klassische Rahmenhandlung, neu definieren. Zwar gehen die Autoren auf der erzählerischen Ebene andere Wege, sind sich aber der Tradition dieser Erzählweise bewusst.

Barocker Sprachstil wird in opulente Bilder „übersetzt“

Schwieriger ist der Weg, den Sprachstil einer Märchenvorlage im Film zu spiegeln. Das gelingt leicht bei den Brüdern Grimm, weil sie ihre Geschichten stilistisch so vereinfachten, dass jeder Drehbuchautor Dialoge neu fabulieren kann. Bei Basile stellt sich das anders dar. „[S]eine schwülstige, überladene, in kühnen Metaphern schwelgende Sprache“ (Bahner) im damaligen Barockstil würde heute eher zum Schmunzeln anregen und als glatte Parodie durchgehen. Deshalb versucht „Das Märchen der Märchen“ den Sprachstil in Ästhetik und Gestaltung zu „übersetzen“, in Bildkompositionen, Farbdramaturgien und Lichtstrategien.

Bildkomposition: Der König von Strongcliff (V. Cassel) in seinem Palast / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Bildkomposition: Der König von Strongcliff (V. Cassel) in seinem Palast / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH


Das schließt mit ein, dass die Sprechdialoge deutlich zurückgefahren werden. Vor allem durch Bilder soll die Geschichte erzählt werden. Für Regisseur Matteo Garrone dennoch kein Kontrastprogramm im Vergleich mit seinen bisherigen Filmen, darunter der Mafia-Streifen „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ (2008). Schon hier versucht er vorrangig mit Bildern Figuren zu definieren, Situationen zu beschreiben. Zudem setzt sich auch „Gomorrha“, wie „Das Märchen der Märchen“, aus mehreren Geschichten zusammen, die mal miteinander verwoben, mal unabhängig voneinander sind. Mafiafilme und Märchenfilme können also viel gemeinsam haben.

Das erste Märchen: Von der Kraft der Freundschaft

Knallhart geht es auch im ersten „Märchen der Märchen“ zu, das in der Vorlage von Basile „Die bezauberte Hirschkuh“ heißt. Die Geschichte dreht sich um Freundschaft: Ein böser Zauberer verwandelt sich in eine Hirschkuh und stellt die Freundschaft zwischen zwei Jungen auf eine harte Probe. Im Film gefällt allein der Königin von Longtrellis (Salma Hayek) nicht, dass ihr Sohn Elias (Christian Lees) und Jonah (Jonah Lees), der Sohn ihrer Magd, beste Freunde sind. Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich, weil die Königin einst das Herz eines Seeungeheuers aß – das jene Magd zuvor kochte –, um endlich schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen …

Farbsymbolik: Königin von Longtrellis (S. Hayek) mit ihrem Sohn Elias (C. Lees) / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Farbsymbolik: Königin von Longtrellis (S. Hayek) mit ihrem Sohn Elias (C. Lees) / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH


Nicht nur die Kraft der Freundschaft, sondern auch die zerstörerische Kraft von Verlangen durchziehen das erste Märchen. Dabei dominieren Rot, Schwarz und Weiß. Alles scheint sich diesen drei bunten und unbunten Farben unterzuordnen. Dabei stehen sie symbolisch für Tod und Geburt (rot), aber auch für Trauer und Bosheit (schwarz), wenn die heimtückische Königin vor allem dunkle Farben trägt. Zudem wirkt es fast so, dass der Königshof von Longtrellis einem Gemälde des spanischen Barockmalers Diego Velazquez (1599 bis 1660) entsprungen ist: Auch er schafft es, mittels Farben das Individuelle einer Figur oder Situation abzubilden.

Das zweite Märchen: Tour de Force ohne Happy End

In gänzlich anderen Farbtönen zeigt sich in der zweiten Geschichte der Hof des Königs von Highhills (Toby Jones). Beige- und Brauntöne, aber auch Blau und Türkis herrschen vor. Im Gegensatz zum ersten Märchen ist „Der Floh“ – so heißt die Erzählung bei Basile – anfangs grotesk: Der alleinerziehende König hält sich einen kleinen Floh als Haustier, allerdings ohne das jemand davon erfährt. Er füttert diesen bis er die Größe eines Schweins erreicht. Als der Floh stirbt, zieht er ihm die Haut ab. Der König verkündet aus einer Laune heraus, dass derjenige seine Tochter Violet (Bebe Cave) zur Frau bekommt, der errät, welchem Tier diese Haut gehört.

Ikonografien: Menschenfresser (G. Delaunay) und Königstochter Violet (B. Cave) / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Ikonografien: Menschenfresser (G. Delaunay) und Königstochter Violet (B. Cave) / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH


Dummerweise weiß das ein übler Menschenfresser (Guillaume Delaunay) und erhält dafür die Königstochter … Das eher harmlos und lächerlich wirkende Märchen mutiert abrupt zu einer albtraumhaften und brutalen Tour de Force. Der blutige Showdown erinnert zudem bildlich an Ikonografien des Alten Testaments (Judith und Holofernes vs. Violet und Menschenfresser). Dennoch bleibt, wie schon im ersten „Märchen der Märchen“, ein klassisches Happy End aus. Zwar siegt das Gute, doch der Preis dafür ist hoch. Und: Wie schon in der ersten Erzählung rückt der Film, abweichend von der Vorlage, eine Frau und ihre Leidensgeschichte in den Mittelpunkt.

Das dritte Märchen: Sex, Lügen und kein Video

Nicht eine, sondern zwei weibliche Figuren spielen im dritten Märchen die Hauptrollen. In der Vorlage „Die entdeckte Alte“ dreht sich alles um das „Frauen eingepflanzte, verwünschte Laster, hübsch zu scheinen […]“ (Basile). Das Märchen steht auch für die „starke Hinwendung zum Sinnlichen“ (Bahner), oder treffender gesagt: die derbe, vulgäre Erotik an manchen Stellen im „Pentameron“. Der König von Strongcliff (Vincent Cassel aus „Die Schöne und das Biest“) ist sexsüchtig und stellt jeder Frau hinterher, die nicht bei drei auf dem Baum ist. Eines Tages hört er ein junges Mädchen, das ein Lied singt. Um jeden Preis möchte er das Mädchen besitzen.

Bildzitate: Die junge Dora (S. Martin) erinnert an Boticellis „Geburt der Venus“ / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Bildzitate: Die junge Dora (S. Martin) erinnert an Boticellis „Geburt der Venus“ / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH


Detail von „Die Geburt der Venus“ / Foto: Wikimedia Commons

Detail von „Die Geburt der Venus“ / Foto: Wikimedia Commons

Er weiß aber nicht, dass jene Stimme der hässlichen, steinalten Färberin Dora (Hayley Carmichael) gehört, die mit ihrer gleichaltrigen Schwester Imma (Shirley Henderson) zusammenlebt. Trotzdem will Dora unbedingt eine Nacht mit dem jungen König verbringen … Das tragikomische Märchen über das Altern inszeniert Regisseur Matteo Garrone in Bildern voller sexueller Ausschweifungen. Und wie schon im ersten Märchen, das im Königreich Longtrellis spielt, zitiert Kameramann Peter Suschitzky Gemälde alter Meister, hier Sandro Boticelli (1445 bis 1510) und seine „Geburt der Venus“ – um die Verwandlung der alten Dora in ein junges, verführerisches Mädchen zu zeigen.

Giambattista Basile hat das letzte Wort …

„Das Märchen der Märchen“ ist das Gegenstück zum letzten großen Märchenfilm, dem Hollywood-Remake „Cinderella“ (2015). Es ist ein in erzählerischer Hinsicht fast sperriger Film, der Leerstellen lässt und dem Zuschauer vor allem keine chronologische Abfolge nur einer Handlung bietet. Auch wenn die ständigen Wechsel zwischen den drei Märchenschauplätzen anfangs verwirren, Ästhetik und Gestaltung halten den Film zusammen. Und obgleich manchmal das Humorvoll-Groteske der Vorlagen verlorengeht, so würde Basile vielleicht heute Regisseur Matteo Garrone zurufen: Ist gut des Schiffes Steuermann, stößt’s selten an einen Felsen an.*

*Moral des Märchens „Vardiello“ von Giambattista Basile

Film: „Das Märchen der Märchen“ (2015, Regie: Matteo Garrone, I/F/GB)

Literatur:

  • Basile, Giambattista: Das Pentameron. Aus dem Neapolitanischen. Übertragung von Felix Liebrecht. Nachwort von Werner Bahner. Mit 20 Federzeichnungen von Josef Hegenbarth. Leipzig, 1968
  • Bahner, Werner: Nachwort, in ebd., S. 473-484.


Headerfoto: Die junge Dora (Stacy Martin) in „Das Märchen der Märchen“ / © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

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