Märchenhafte Drehorte: Wo Hans im Glück in seine Heimat wandert

Märchenhafte Drehorte: Wo Hans im Glück in seine Heimat wandert

Das Leben ist weniger bestimmt durch das Ankommen als durch das Unterwegssein. Auch im Märchen. „Hans im Glück“ ist dafür ein treffliches Beispiel. Das sind die Drehorte der Geschichte um Freiheit, Liebe und Materialismus.

Illustration von Paul Hey (1867–1952) / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Illustration von Paul Hey (1867–1952) / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Auf den ersten Blick ist das Grimm’sche Märchen „Hans im Glück“ die Geschichte eines naiven Märchenhelden: Hans hat sieben Jahre seinem Herrn gedient und erhält als Lohn „ein Stück Gold, das so groß als Hansens Kopf war“ (Grimm 1980, S. 407).

Auf dem Weg nach Hause zu seiner Mutter tauscht er den Klumpen Gold erst gegen ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und zuletzt gegen einen wertlosen, aber schweren Wetzstein, der ihm versehentlich beim Trinken auch noch in einen Brunnen fällt.

Schwankhaftes Märchen als tiefgründige Parabel

Die Tauschhandel empfindet Hans aber nicht etwa als unvorteilhaft, sondern als einen Gewinn, als er am Ende des Märchens sagt: „So glücklich wie ich […] gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ (ebd. S. 413)

Die These, dass der Mensch nur frei ist, wenn er sich von den Dingen befreit, die ihn belasten und einengen, ist die eigentliche Kernaussage von „Hans im Glück“. Zugleich positioniert sich das schwankhafte Märchen als tiefgründige Parabel über die Wert- oder eben Geringschätzung des Materiellen.

Deutschland: „Hans im Glück“ (1928) als halbstündiger Stummfilm

Hans im Glück (1928): Filmdreh vor Windmühle / Quelle: Der Bildwart

Hans im Glück (1928): Filmdreh vor Windmühle / Quelle: Der Bildwart

Hierzulande wird das Märchen bereits in der Stummfilmzeit der 1910er- und 1920er-Jahre in Szene gesetzt. Zum Beispiel von Alf Zengerling im Jahr 1928. Seine Fama-Film-Produktion (später: Märchen-Film-Produktion) stellt den 27-minütigen Streifen her. Der Dreiakter hält sich weitgehend an die Grimm’sche Vorlage, stellt aber die Mutter-Sohn-Beziehung stärker heraus.

Während Hans (mittelmäßig: Dany Carelle) in die Heimat wandert, liegt seine Mutter (Bella Polini, eigentlich: Bella Gräfin Habdank von Skoroszewska) krank zuhause. Als sie ihren Sohn am Ende wieder in die Arme schließt, erholt sie sich wie durch ein Wunder. Deshalb heißt die Moral folgerichtig: „Gesundheit ist der größte Reichtum, besser als alles Gold der Erde.“

Hans im Glück (1928): Beim Scherenschleifer (M.) / Quelle: Der Bildwart

Hans im Glück (1928): Beim Scherenschleifer (M.) / Quelle: Der Bildwart

Das Fachmagazin „Der Bildwart“ kritisiert allerdings, dass es „für die Hauptrolle eines Schauspielers von großem Format bedurft“ hätte, aber „dazu langte es leider noch nicht“ (Krüger 1929, S. 280). Denn die Produktion verfügt über keinen finanziellen Spielraum. Einige Quellen geben freilich an, dass der versierte (Trick)-Kameramann Erwin Kramp mit beteiligt war – als Regisseur.

Kramp wird in den 1930er-Jahren Märchenanimationsfilme wie „Die Bremer Stadtmusikanten“, „Dornröschen“ (D, beide 1936) oder „Ein Märchen“ (D, 1939, alle R: Kurt Stordel) hinter der Kamera professionell verantworten. Dazu passt, dass „Der Bildwart“ über „Hans im Glück“ ebenso bemerkt, dass dieser „doch durch die schönen Naturaufnahmen“ (ebd.) gewinnt.

Und schließt mit den Worten: „Die lustige Windmühle, der rauschende Bach, der Feldrain und die Wiese geben dem Märchenbilde Frische und Natürlichkeit.“ Na also, geht doch.

Drehorte: vermutlich in und um Berlin

Film: „Hans im Glück“ (D, 1928, R: Alf Zengerling). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Westerwald/Uckermark: „Hans im Glück“ (1936) quer durchs „Dritte Reich“

Auch der Tonfilm „Hans im Glück“ (1936) legt ein Hauptaugenmerk auf die dramaturgische Einbindung von Natur – wenn auch mit einer zum Teil anderen Intention. Im Westerwald, zwischen Limburg a. d. Lahn und Montabaur, werden im Juli 1935 die ersten Außenaufnahmen gedreht. In der kleinen Gemeinde Nomborn stärkt sich die Filmcrew täglich im Dorfgasthof.

Hans im Glück (1936): Die Titelfigur (Erwin Linder) hat sich in ein Mädel (Georgia Holl) verliebt / © VZ Medien

Hans im Glück (1936): Die Titelfigur (Erwin Linder) hat sich in ein Mädel (Georgia Holl) verliebt / © VZ Medien


Regie im gut einstündigen Märchen-Lustspiel für Erwachsene führen die beiden Filmarchitekten Robert Herlth und Walter Röhrig. Beide haben in den 1920er-Jahren mit ihren Studiobauten für „Der müde Tod“ (D, 1921, R: Fritz Lang) oder „Faust“ (D, 1926, R: F. W. Murnau) den deutschen Filmexpressionismus entscheidend geprägt.

Für „Hans im Glück“ entstehen die meisten Szenen in der Natur. Dafür fährt die Filmcrew quer durch Deutschland: Im Westerwald werden Aufnahmen festgehalten, die Hans’ (Erwin Linder) Wanderung entlang von Kornfeldern zeigen. In Schwedt a. d. Oder gilt das Interesse der Kameramänner Werner Bohne und Kurt Neubert den „waldigen Hügeln“ und „stillen Flusslandschaften“ (Film-Kurier, 8.8.1935).

Hans im Glück (1936): Das westliche Stadttor in Rothenburg o. d. Tauber in heutiger Ansicht / © Heike/pixelio.de

Hans im Glück (1936): Das westliche Stadttor in Rothenburg o. d. Tauber in heutiger Ansicht / © Heike/pixelio.de


____________________
MEHR ZUM THEMA
NS-Propagandaflop: Hans im Unglück

Und in Rothenburg o. d. Tauber werden die imposanten Stadttore als Kulisse in die Filmhandlung eingebunden. Bei soviel Idylle ist im „Dritten Reich“ die Ideologie nicht weit entfernt: „Hans im Glück“ soll mit seinen Bildern auch Themen wie „Heimat“ und „Boden“ positiv besetzen – um die es sich (später) zu kämpfen lohnt.

Drehorte: u. a.

  • 65549 Limburg a. d. Lahn
  • 56410 Montabaur
  • 56412 Nomborn
  • 16303 Schwedt a. d. Oder
  • 91541 Rothenburg o. d. Tauber
  • Taubertal

Film: „Hans im Glück. Ein heiteres Lied im Volksliedton“ (D, 1936, R: Robert Herlth, Walter Röhrig, D). In einer 25-minütigen Version unter dem Titel „Hans macht sein Glück“ auf DVD bei VZ Medien und Icestorm Entertainment erschienen.

Katzbrui-Mühle/Unterallgäu: „Hans im Glück“ (1949) – auf bayrisch

Wie in den Märchenfilmen von 1928 und 1936 wird auch in einer Adaption von 1949 „Hans im Glück“ als ein fleißiger Müllerbursche vorgestellt, der nach sieben Jahren guter Arbeit seinen Lohn erhält – obgleich die Brüder Grimm in ihrer Vorlage von 1819 keinen Satz darüber verlieren, welches Handwerk Hans überhaupt erlernt hat.

Hans im Glück (1949): Gunnar Möller (l.) spielt die Titelfigur in dem Schwarzweißfilm / © EuroVideo

Hans im Glück (1949): Gunnar Möller (l.) spielt die Titelfigur in dem Schwarzweißfilm / © EuroVideo


Den glücklichen Märchenhelden spielt hier der damals 21-jährige Gunnar Möller, der ein Jahrzehnt zuvor ebenfalls in einem Märchenfilm („Hänsel und Gretel“, D, 1940, R: Hubert Schonger) seine Karriere begann. In „Hans im Glück“ darf Möller auch in der Katzbrui-Mühle spielen, einem der Drehorte des 40-minütigen Märchenfilms.

Katzbrui-Mühle: Sie ist einer der Drehorte im Märchenfilm / © Katzbrui-Mühle

Katzbrui-Mühle: Sie ist einer der Drehorte im Märchenfilm / © Katzbrui-Mühle

Die sich zwei Kilometer südlich von Köngetried im bayrischen Unterallgäu befindende Mühle ist heute Museum und kann besichtigt werden. Regisseur Peter Hamel hat die bäuerliche Getreidemühle aus dem 17. Jahrhundert am Anfang der Filmhandlung eingebunden, als Hans vom Müller seinen Lohn – einen Klumpen Gold – erhält.

Die Szenen, in denen Hans seine Tauschgeschäfte abwickelt, werden zumeist in der Region Donau-Iller gedreht. Zudem trifft er auf seiner Wanderung in die Heimat auf zwei, sehr überzeichnete Vagabunden, einen Polizeidiener und einen Dorfschulzen (Bürgermeister) – die allerdings nicht in der Grimm’schen Vorlage enthalten sind.

Drehorte: u. a.

  • Allgäu
  • Chiemgau
  • 86738 Deiningen im Ries
  • Katzbrui-Mühle, Katzbrui 7, 87742 Köngetried
  • 86650 Wemding
  • 82237 Wörthsee

Film: „Hans im Glück“ (BRD, 1949, R: Peter Hamel). Ist auf VHS bei EuroVideo erschienen.

Blankensee/Brandenburg: „Hans im Glück“ (1998) mit Starbesetzung

Die kleine Ortschaft Blankensee nahe Trebbin zählt zwar nicht mehr als 600 Einwohner, doch im Mai 1998 wird die überschaubare Gemeinde zur Kulisse in einem Märchenfilm. Im ältesten Haus des Dorfes – 1649 gebaut und heute als Bauernmuseum genutzt – entstehen Szenen für „Hans im Glück“.

Hans im Glück (1998): Die Titelfigur (Andreas Bieber) beim Tausch mit Knecht Paul (Fred Delmare) / © EuroVideo

Hans im Glück (1998): Die Titelfigur (Andreas Bieber) beim Tausch mit Knecht Paul (Fred Delmare) / © EuroVideo


Auf dem Regiestuhl sitzt Rolf Losansky, der den Kinderfilm in der früheren DDR mit „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) oder „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) entscheidend mitgeprägt hat. In „Hans im Glück“ lässt er den Protagonisten (Andreas Bieber) stilecht zwischen Schilfdach und einem Hof, in dem traditionelle Gerätschaften des Ackerbaus zu sehen sind, agieren.

Die Windmühle, die in dem 73-minütigen Märchenfilm zu sehen ist, steht allerdings nicht auf dem Gelände des Bauernmuseums in Blankensee, sondern in Langerwisch bei Potsdam. Produzent Gabriel Genschow – Sohn des bekannten Märchenfilm-Regisseurs Fritz Genschow – hat zudem für „Hans im Glück“ viele hochkarätige Namen verpflichten können.

Hans im Glück (1998): Das Bauernmuseum Blankensee ist ein Drehort / © Gunnar Pommerening/Wikimedia Commons

Hans im Glück (1998): Das Bauernmuseum Blankensee ist ein Drehort / © Gunnar Pommerening/Wikimedia Commons


Beispielsweise Rolf Hoppe (Reiter), Günter Naumann (Vater), Walfriede Schmitt (Mutter), Karl Dall (Räuber Grapsch), Fred Delmare (Knecht Paul), Günther Schubert (Gendarm) oder Wolfgang Völz (Metzger). Mit Erfolg: Ein Jahr nach der Kinopremiere von „Hans im Glück“ im April 1999 gewinnt die Adaption beim Alpinale Kurzfilmfestival in Österreich das „Goldene Einhorn“ (2000).

Drehorte: u. a.

  • Bauernmuseum Blankensee, Dorfstraße 4, 14959 Trebbin OT Blankensee
  • Paltrockwindmühle, 14552 Michendorf OT Langerwisch

Film: „Hans im Glück“ (BRD, 1998, R: Rolf Losansky). Ist auf DVD bei EuroVideo erschienen.

Freilichtmuseum am Kiekeberg: „Hans im Glück“ (2016) als ARD-Märchenfilm

Auch die ARD verfilmt für ihre Reihe „Auf einen Streich“ das Märchen im Jahr 2015. Premiere feiert die Adaption ein Jahr später am zweiten Weihnachtstag. Da die Geschichte für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) verfilmt wird, befinden sich die Drehorte natürlich auch im Norden der Republik: in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Hans im Glück (2016): Im Freilichtmuseum am Kiekeberg entstehen einige Aufnahmen / © Cekora/pixelio.de

Hans im Glück (2016): Im Freilichtmuseum am Kiekeberg entstehen einige Aufnahmen / © Cekora/pixelio.de


Darunter ist das Freilichtmuseum am Kiekeberg. Das steht im niedersächsischen Rosengarten, südlich von Hamburg. Auf dem zwölf Hektar großen Freigelände befinden sich mehrere historische Gebäude. Die perfekte Kulisse, in der Hans (ausgezeichnet: Anton Spieker) von seinem Herrn – hier ist es ein Gewürzhändler (Heino Ferch) – den Lohn für seine Arbeit erhält.

Danach wandert er nach Hause zu seiner Mutter ans Meer. Bevor er dort am Ende ankommt – Drehort ist die Region Molfsee südlich von Kiel –, trifft er auf den Kaufmann Knudsen (Gustav Peter Wöhler) und seine Tochter Elisabeth (Michelle Barthel). Hans verliebt sich in das Mädchen.

Hans im Glück (2016): Der Held (Anton Spieker) bittet Elisabeth (Michelle Barthel) zum Tanz / © NDR/Georges Pauly

Hans im Glück (2016): Der Held (Anton Spieker) bittet Elisabeth (Michelle Barthel) zum Tanz / © NDR/Georges Pauly


____________________
MEHR ZUM THEMA
Hans im Glück (D 2016): Aus dem Leben (k)eines Taugenichts

Bis sich beide kriegen, fotografiert Kameramann Simon Schmejkal den Helden mit grandiosen Landschaftsaufnahmen in der norddeutschen Tiefebene. Und das Beste dabei: Als der Film im April 2015 entsteht, hat das Filmteam auch noch Wetter-Glück. Manchmal ist das wahre Leben eben doch ein Märchen.

Drehorte: u. a.

  • Freilichtmuseum am Kiekeberg, Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten-Ehestorf
  • Hamburg
  • 24113 Molfsee

Film: „Hans im Glück“ (BRD, 2016, R: Christian Theede). Ist auf DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Hans im Glück. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 1, S. 407–413.
  • Deutsches Institut für Animationsfilm (DIAF): 18. Januar 1936. „Deutscher Märchenkranz“ startet/2. Dezember 1938. Zensurfreigabe „Ein Märchen“ von Kurt Stordel. In: Chronologie zum Animationsfilm in Deutschland 1930–39 (abgerufen: 30.6.2021)
  • Filmportal.de: Hans im Glück (1928) (abgerufen: 30.6.2021)
  • Film-Prüfstelle Berlin: Zulassungskarte „Hans im Glück“, Prüf-Nr. 20221, 24.9.1928
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Krüger: Filmschau. Drei neue Märchenfilme. In: Bildwart 7 (1929), H. 5, S. 277–281.
  • [o. A.]: In der kleinen Stadt Schwedt. In: Film-Kurier 17 (1935), Nr. 183, 8.8.1935, [o. S.]
  • [o. A.]: Märchenfilme. In: Modenschau. Illustrierte Monats-Zeitschrift für Heim und Gesellschaft 17 (1930), Nr. 211, Juli 1930, S. 3.
  • [o. A.]: Trauer um Schauspieler Gunnar Möller. In: Augsburger Allgemeine (vom 26.5.2017, abgerufen: 30.6.2021, kostenpflichtig)

    • Dieser Beitrag wurde am 1. Juli 2021 aktualisiert.

      Headerfoto: Dreharbeiten: Als „Hans im Glück“ im April 2015 entsteht, hat das Filmteam Wetter-Glück / © NDR/Georges Pauly

Schreibe einen Kommentar