Soundtrack im Märchenfilm: Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976)

Soundtrack im Märchenfilm: Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976)

Ein britisches Label hat bereits 2011 die Musik zum tschechoslowakischen Märchenfilm „Die kleine Seejungfrau“ („Malá mořská víla“) veröffentlicht. Ihr Komponist wurde vor genau 100 Jahren geboren: Zdenĕk Liška (1922–1983).

Wenn Seefahrer vom Gesang der Sirenen – jenen weiblichen Fabelwesen zwischen Mensch, Vogel und Fisch – angelockt wurden, ließen sie sich von ihnen willenlos verführen. Kein Mann konnte den betörenden Klängen widerstehen, von denen eine sonderbar hypnotische Wirkung auszugehen schien.

Aus den Sirenen in der griechischen Mythologie wurden in späteren literarischen Bearbeitungen sogenannte Meer- oder Seejungfrauen – im Deutschen: Nixen. Dass diese Wesen auch noch im 21. Jahrhundert mit ihrem Gesang (nicht nur Seefahrer) verzaubern können, verdanken Musikfans seit 2011 einem kleinen Londoner Plattenlabel.

Finders Keepers Records veröffentlicht damals die Originalmusik zum tschechoslowakischen Märchenfilm „Malá mořská víla“ (1976, dt. „Die kleine Seejungfrau“ oder „Die kleine Meerjungfrau“) erstmals auf CD. Die Kinoadaption in der Regie von Karel Kachyňa geht auf Hans Christian Andersens gleichnamiges Märchen zurück. Sie gilt bis heute als eine der anspruchsvollsten – auch wegen der Filmmusik.

Filmkomponist Zdenĕk Liška vor 100 Jahren geboren

Die schreibt kein Geringerer als Zdenĕk Liška, der – vor 100 Jahren – am 16. März 1922 im tschechischen Smečno geboren wird. Anfang der 1970er-Jahre gehört Liška zu den vielseitigsten und talentiertesten Filmkomponisten in der damaligen ČSSR – und wird zu Lebzeiten bereits der „tschechische Ennio Morricone“ genannt.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Prinzessin (Miroslava Šafránková) ist neugierig auf die Welt / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Prinzessin (Miroslava Šafránková) ist neugierig auf die Welt / © Icestorm


Als er die Kompositionen für „Die kleine Seejungfrau“ beginnt, hat er bereits ein wenig Erfahrung im Kinderfilm- und Märchengenre. So komponiert er die Musik für die Lügengeschichte „Baron Münchhausen“ (ČSSR, 1962, R: Karel Zeman), das Gegenwartsmärchen „Schneewittchen und die 7. Klasse“ (ČSSR, 1973, R: Véra Plívová-Šimková) und die Koproduktion „Die Braut mit den schönsten Augen“ (ČSSR/BG, 1976, R: Jan Schmidt).

Science-Fiction-Film und Märchenfilm

Zudem öffnet sich Liška schon früh experimentell-elektronischen Klangwelten, die er in seinen Filmmusiken neben klassischen Melodien einsetzt, wie zum Beispiel im Science-Fiction-Film „Erfindung zur Zerstörung“ (ČSR, 1958, R: Karel Zeman) – frei nach Werken von Jules Verne.

Dessen Romane spielen teils in Unterwasserwelten, wie „20.000 Meilen unter dem Meer“ (dt. 1874). Vielleicht ist das ein Grund, weshalb Regisseur Kachyňa seinen Komponisten Liška (zuvor hatte er für neun Kachyňa-Filme den Soundtrack verfasst) erneut verpflichtet. Denn auch das Märchen „Die kleine Seejungfrau“ taucht in die uns Menschen unbekannte Welt des Meeres und seiner Bewohnerinnen und Bewohner ein.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Meerhexe (Milena Dvorská, r.) mischt einen Zaubertrank / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Meerhexe (Milena Dvorská, r.) mischt einen Zaubertrank / © Icestorm


Erzählt wird die tragische Geschichte einer 15-jährigen Meerprinzessin, die sich in einen irdischen Prinzen verliebt und ihn vor dem Ertrinken errettet. Um ihren Fischschwanz zu verlieren, damit sie mit dem Prinzen auf der Erde leben kann, geht sie zu einer Meerhexe. Für einen Zaubertrank, der die Prinzessin zu einem ‚Menschen’ macht, verlangt die Hexe aber einen hohen Preis: ihre bezaubernde Stimme.

20-jährige Schauspielerin singt Klagelieder

Das Filmdrehbuch von Ota Hofman variiert hier leicht die Vorlage von Andersen und rückt den Gesang der Prinzessin (Miroslava Šafránková) – und damit auch die Filmmusik von Liška – stärker ins Handlungsgeschehen.

Die „sehnsüchtigen Klageliede[r]“ (Liptay 2004, S. 292), die das tragische Schicksal der Meerprinzessin schon vorwegzunehmen scheinen, lässt Liška von der damals 20-jährigen Schauspielerin Lenka Korínková singen. Ihre Stimme ist kindlich, zerbrechlich, unschuldig.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Sie hat sich in den Prinzen des Südreichs (Pĕtr Svojtka) verliebt / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Sie hat sich in den Prinzen des Südreichs (Pĕtr Svojtka) verliebt / © Icestorm


Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Sie kann ihm ihre Liebe nur zeigen – nicht mit Worten sagen / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Sie kann ihm ihre Liebe nur zeigen – nicht mit Worten sagen / © Icestorm


Im Film hört der Prinz des Südreichs (Pĕtr Svojtka) den Gesang, als er auf dem Meer mit seinem Schiff unterwegs ist. Und er – gleich einem Odysseus – ist von der Stimme verzaubert und möchte um jeden Preis erfahren, wem diese gehört. Somit lernen sich Prinz und Seejungfrau bereits vor der Rettung kennen, wenn auch nur indirekt.

Wird in der deutschen Synchronisation der Text der Lieder übersetzt, so sind auf dem Soundtrack-Album die Originalaufnahmen von Korínková in tschechischer Sprache zu hören – flankiert von Sirenen artigen und traurigen Chorgesängen, die dem Rauschen von Meereswellen gleichen.

Psychedelische Klänge und Renaissance-Tänze

Trotzdem macht Liška nicht den Fehler, ins Triviale abzudriften. Schon der Musikwissenschaftler Wolfgang Thiel lobte einst sein „eigentümliches Schwanken zwischen Klischee-Erfüllung und aparter Abwandlung“ (Thiel 1990, S. 394). Der Klangkünstler konzentriert sich vielmehr auf die musikalischen Gegensätze von realer und irrealer Welt im Märchenfilm, weil sich die Handlung über und unter dem Meeresspiegel abspielt.

Als das Schiff des Prinzen sinkt und er zu ertrinken droht, bringt ihn die Seejungfrau ans rettende Ufer. Doch bevor er erwacht, entdeckt die ‚menschliche’ Prinzessin des Nordreichs (gespielt von Miroslavas Schwester: Libuše Šafránková aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“) den schönen Schlafenden am Strand. Er glaubt, sie sei seine Retterin. Die Seejungfrau flüchtet traurig ins Meer zurück.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Ein Drehort ist das Schloss Veltrusy 25 Kilometer nördlich von Prag / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Ein Drehort ist das Schloss Veltrusy 25 Kilometer nördlich von Prag / © Icestorm


Wird die Unterwasserwelt oftmals mit psychedelischen Geräuschen sowie elektronischen Klangeffekten und -verfremdungen verknüpft, wenn zum Beispiel die Seejungfrau die Höhle der Meerhexe (Milena Dvorská) aufsucht und ihre Stimme opfert, so gewinnen bei den Filmszenen, die auf der Erde spielen, Streichinstrumente die Oberhand. Liška nimmt zudem Anleihen bei Renaissanceklängen, wenn die jetzt ‚menschliche’, aber stumme Seejungfrau mit dem Prinzen im Schlosspark tanzt.

Zusammenhang zwischen Leben und Tod

Obwohl die Adaption ganz im Sinne einer sozialistischen Märcheninterpretation auf „alle religiösen und mystifizierenden Momente“ (Mihan 1990, S. 303) verzichtet, erinnern gerade die Chorstimmen in den Meeressequenzen noch an christliche Kirchengesänge. Und rücken damit die Grundintention der Vorlage – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in den Mittelpunkt.

Denn Andersen thematisiert in „Die kleine Seejungfrau“ auch den „geheimnisvollen Zusammenhang zwischen Leben und Tod, die Frage nach der Auferstehung des Menschen und seiner Unsterblichkeit“ (von Mylius 1999). Wenn sich am Ende des literarischen Märchens der Körper der Meerprinzessin in Schaum auflöst und sie zu den Töchtern der Luft – und zu Gott – aufsteigt, wird auch ihre Seele unsterblich.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Libuše Šafránková spielt die Prinzessin des Nordreichs / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Libuše Šafránková spielt die Prinzessin des Nordreichs / © Icestorm


Der Märchenfilm setzt hier andere Akzente: Als die Seejungfrau auf der Erde erkennt, dass sie den Prinzen an die Prinzessin des Nordreichs verloren hat, gibt es für sie nur noch eine Chance, wieder ins Meeresreich zurückzukehren und nicht zu sterben: ein Tropfen Blut aus dem Herzen des Prinzen.

Optimistisch klingendes Leitmotiv

Doch kann sie ihn nicht töten und gegen ihre Liebe handeln. Ihr Körper löst sich daraufhin im Meer auf und an der Wasseroberfläche erblühen plötzlich weiße Seerosen – musikalisch begleitet vom optimistisch klingenden Leitmotiv aus „Malá mořská víla“.

Dabei sind die Blumen nicht nur ein Geschenk der Seejungfrau an das Brautpaar. Sie verhindern auch, dass das Schiff des Prinzen und der Prinzessin an einem Felsen zerschellt. Märchenhaft wird es mit einem Teppich aus Seerosen zum Stehen gebracht.

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Meeresbewohner können der Prinzessin nicht mehr helfen / © Icestorm

Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Die Meeresbewohner können der Prinzessin nicht mehr helfen / © Icestorm


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Märchenhaft aufwändig hat das Label Finders Keepers Records auch das englischsprachige CD-Booklet gestaltet – und das vor allem textlich: In Kapiteln mit poetischen Titeln wie „The Crashing Wave“ (dt. Stürmische Welle), „Maiden Voyage“ (dt. Jungfernfahrt) oder „The Calming of the Storms“ (dt. Beruhigung der Stürme) enthält es einen Querschnitt durch die tschechoslowakische Märchenfilm-Geschichte.

Zudem erfahren Fans Hintergründe zu Dreharbeiten und Entstehung der Musik von „Malá mořská víla“. Das hätte auch dem schon 1983 verstorbenen Komponisten Zdenĕk Liška gefallen.

© Finders Keepers Records

© Finders Keepers Records

Titel: „Malá mořská víla. Original Orchestral / Electronic Score From Karel Kachyňa’s Czech Film Adaptation. Composed by Zdenĕk Liška“
Formate: CD, Splatter Vinyl Edition, Standard Black Vinyl Edition, Digital (Download-Code)
Tracks: 24 / Hörproben: Hier klicken
Länge: 46:01 Minuten
CD-Booklet: 38 Seiten mit Beschreibungen und Abbildungen
Label: Finders Keepers Records (VÖ: 2011, 2020)

Film: „Die kleine Seejungfrau“ (auch: „Die kleine Meerjungfrau“, ČSSR, 1976, R: Karel Kachyňa). Ist auf VHS und DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Liptay, Fabienne: WunderWelten. Märchen im Film. Remscheid, 2004
  • Mihan, Angelika: Die kleine Seejungfrau. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 299–303.
  • Mylius, Johan von: Hans Christian Andersen. Märchen, Geschichten, Briefe. Frankfurt a. M./Leipzig, 1999
  • Thiel, Wolfgang: Zdenĕk Liška. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 394f.
  • Will, Fabienne: Die kleine Seejungfrau. In: Friedrich, Andreas (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Stuttgart, 2003, S. 106–109.


Headerfoto: Die kleine Seejungfrau (ČSSR 1976): Titelfigur (Miroslava Šafránková) und Prinz (Pĕtr Svojtka) / Quelle: Icestorm

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