Soundtrack im Märchenfilm: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR 1973)

Soundtrack im Märchenfilm: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (ČSSR/DDR 1973)

Der Filmklassiker feiert 2023 gleich zwei Jubiläen: Vor 50 Jahren startete „Aschenbrödel“ in den tschechoslowakischen Kinos. Und vor 20 Jahren erschien die Filmmusik erstmalig in Deutschland auf CD.

Als der Märchenfilm „Tři oříšky pro Popelku“ (dt.: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel) am 16. November 1973* in der ČSSR anlief, soll er schon bald „astronomisch anmutende Besucherzahlen“ (König/Wiedemann/Wolf 1996, S. 191) erreicht haben. Das kam nicht von ungefähr, war er doch in gut 400 Kinos gleichzeitig gestartet, mit oftmals ausverkauften Vorstellungen.

Werbeanzeige (6.3.1974): Sonntag, 13 Uhr, Premiere: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"

Werbeanzeige (6.3.1974): Sonntag, 13 Uhr, Premiere: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“


Wenige Monate später, am Sonntag, den 10. März 1974 um 13 Uhr, feierte die deutsch-tschechoslowakische Koproduktion im Berliner Kino „Babylon“ ihre DDR-Premiere. Die unkonventionelle Geschichte erzählt über ein zurückgesetztes, aber kein passives Aschenbrödel (Libuše Šafránková), das selbstbewusst einen schmucken Prinzen (Pavel Trávniček) erobert.

Fast eine Dreiviertelmillion sahen „Aschenbrödel“

Das gefiel ebenso hier sowohl Publikum als auch Kritik – und der Märchenfilm wurde zum Kassenschlager. Etwa 721.000 Zuschauerinnen und Zuschauer sahen „Aschenbrödel“ im Kino – allein im Premierenjahr 1974. Das reichte für Platz 6 im Jahres-Ranking (vgl. Retzlaff 2015, S. 113).

Nicht ganz so euphorisch wurde die Verfilmung anfangs von der BRD-Filmkritik aufgenommen, als diese in der Vorweihnachtszeit, am 19. Dezember 1974, in den Kinos startete. So urteilte der katholische „film-dienst“, religiöses Fachblatt für Filmkritik:

Aschenbrödel (Libuše Šafránková) beobachtet im Wald unbemerkt den Prinzen / © WDR/Degeto

Aschenbrödel (Libuše Šafránková) beobachtet im Wald unbemerkt den Prinzen / © WDR/Degeto


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TV-TIPP
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Sonntag, 3. Dezember 2023 um 15 Uhr im Ersten.

Um übermütige Stimmung bemühte Verfilmung des Märchens vom Aschenbrödel mit einer nur wenig von der deutschen Fassung abweichenden Handlung. Inszenierung und Darstellung erreichen keine echte Natürlichkeit, so daß der Märchencharakter nicht recht wirksam wird. In Ermangelung eines besseren Angebots jedoch passable Unterhaltung für Kinder ab 8.

Später revidierte man diese Einschätzung und schloss sich weitgehend den positiven Urteilen an. Das Geheimnis des Erfolgs von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ liegt dabei auch in der Filmmusik. Komponiert ist sie – wie später der Soundtrack für „Wie man Prinzessinnen weckt“ (ČSSR 1977) – von Karel Svoboda (1938–2007).

Soundtrack erschien vor 20 Jahren auf CD

Der Musiker, der 1965 im Prager Kellertheater „Laterna magica“ als Pianist begann und im „Theater Rokoko“ mit seiner Band „Mefisto“ auftreten durfte, landete mit dem Schlager „Lady Carneval“ (1969, Text: Jiří Štaidl) einen Hit – gesungen vom damals 30-jährigen Karel Gott (1939–2019). Es sollte Svobodas musikalischer Durchbruch werden (und zugleich der Anfang einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit dem tschechischen Sänger).

„Aschenbrödel“-Regisseur Václav Vorlíček (1930–2019) wurde in eben jener Zeit auf Svoboda aufmerksam. Er beauftragte ihn, die Filmmusik für den Märchenfilm zu schreiben. 30 Jahre später, im Mai 2003, veröffentlichte das tschechische Label Supraphon die Filmmusik erstmalig auf CD – also vor genau 20 Jahren.

Eingängige, aber auch einprägsame Melodien

Schon das Intro (CD-Track 1), in der für die Verfilmung wichtige Figuren – Aschenbrödel, Stiefmutter (Carola Braunbock), Stiefschwester Dora (Dana Hlaváčová) – vorgestellt werden und die Credits zu lesen sind, gibt bereits die Musikrichtung vor. Und jene, so der Musikwissenschaftler Wolfgang Thiel, sei vor allem von „zwei mehrfach wiederholte[n] volksliedhafte[n] Melodien“ (Thiel 1990, S. 406) geprägt.

König (Rolf Hoppe) und Königin (Karin Lesch) wollen den Prinzen (Pavel Trávniček, l.) verheiraten / © WDR/Degeto

König (Rolf Hoppe) und Königin (Karin Lesch) wollen den Prinzen (Pavel Trávniček, l.) verheiraten / © WDR/Degeto


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TV-TIPP
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Sonntag, 10. Dezember 2023 um 14 Uhr im RBB.

Ähnlich argumentiert Erik Daumann. Wobei der Klassik.com-Redakteur sogar nur eine Klangfolge heraushört, „die dann aber in extenso [ausführlich] verarbeitet wird, mal in perlenden Akkordbrechungen durch Klavier und Cembalo, mal in walzerseligem Streicherklang, mal in Dur und mal in Moll“ (Daumann 2003).

Cembalo und Klavier, Blockflöte und E-Gitarre

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass diese Melodie (oder eben Melodien) von Svoboda besonders einprägsam arrangiert und zudem von einem klassischen Orchester eingespielt ist: Es ist das 1943 gegründete Prager Filmsinfonieorchester unter der Leitung von Štěpán Koníček (1928–2006). Neben erwähntem Cembalo, jenem historischen Tasteninstrument mit seinem hellen Klang, und dem Klavier sind übrigens auch Blockflöte und E-Gitarre herauszuhören.

Außerdem wird Musik – ganz traditionell – als Mittel eingesetzt, um einzelne Figuren zu charakterisieren. Hier bieten sich „Klangfarbe und Instrumentation – dabei oft [auch] das solistische Hervorheben eines Instruments“ (De la Motte-Haber/Emons 1980, S. 179f.) an. So werden die Running-Gag-Auftritte des Präzeptors (Jan Libíček), einem mehrgewichtigen Lehrer, der vergeblich versucht, dem Prinzen etwas beizubringen, von einem Blechblasinstrument und dessen tiefen Klangtönen flankiert (CD-Track 9).

Die böse Stiefmutter und das „Teufelsintervall“

Daumann verweist zudem auf das Thema der bösen Stiefmutter (CD-Track 2), das als sogenannter Tritonus („Teufelsintervall“) aufgebaut ist, „einem Intervall, das in der traditionellen Harmonielehre seit jeher als verboten galt und stets Dämonisches und Teuflisches suggerierte“ (ebd.). Dagegen dominieren in den Ballszenen, in denen Aschenbrödel den Prinzen das dritte Mal trifft, musikalisch Renaissance-Anleihen (CD-Track 17) – was zur Ausstattung des Films passt.

Wird der Prinz (Pavel Trávniček, Mitte) die Schöne wiedersehen, der dieser Schuh gehört? / © WDR/DRA

Wird der Prinz (Pavel Trávniček, Mitte) die Schöne wiedersehen, der dieser Schuh gehört? / © WDR/DRA


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TV-TIPP
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Sonntag, 17. Dezember 2023 um 15:50 Uhr im MDR.

Obgleich es sich bei der CD von 2003 um eine Mono-Aufnahme handelt, hat sich das Label Supraphon damals bemüht, den 30 Jahre alten, originalen Tonbändern einen gewissen Stereoeffekt zu verleihen.

Was fehlt auf der „Aschenbrödel“-CD von 2003?

Inhaltlich enthält das Album fast alle Musiksequenzen, die im Märchenfilm zu hören sind. Nur wenige fehlen, zum Beispiel als der Prinz auf dem Ball mit geschlossenen Augen die Reihe mit den Bewerberinnen abschreitet und Kleinröschen (Helena Růžičková) die Chance ergreift.

Zudem sind die Tanz- und Musiksequenzen während des Balls – die im Film via Parallelmontage mit Szenen von Aschenbrödel, das zum Schloss reitet, unterbrochen sind – zusammengeschnitten (CD-Tracks 17 und 18).

Schließlich ist der letzte CD-Track 22 nicht mit der Musik der Schlussszene im Film identisch. Es ist die Szene, in der Aschenbrödel und der Prinz über ein Schneefeld zum Horizont reiten. Vielmehr lehnt sich das Instrumentalstück an CD-Track 13 an, wobei als Soloinstrument zusätzlich eine Oboe herauszuhören ist.

Warum Karel Gott herausgeschnitten wurde

Was nur wenige wissen: Die „goldene Stimme aus Prag“ – Karel Gott – singt dazu im tschechoslowakischen Original das Lied „Kdepak ty ptácku hnízdo máš?“ (dt.: Wo kleiner Vogel ist dein Nest?). Komponiert und getextet vom Gespann Svoboda/Štaidl.

Doch die Deutsche Film-AG, kurz: DEFA, das staatliche Filmstudio der DDR, störte der Gott-Gesang in der Schlussszene. Albert Wilkening (1909–1990), damals DEFA-Chef, kritisierte bei der Abnahme, „dass das von Karel Gott gesungene Lied sowohl kompositorisch als auch gesanglich nicht dem Charakter des Films entspricht und einen Stilbruch bedeutet“ (zitiert nach Retzlaff 2015, S. 109). So wurde der Gesang herausgeschnitten und mit Instrumentalmusik ersetzt.

Endlich kann der Prinz (Pavel Trávniček) sein Aschenbrödel (Libuše Šafránková) in die Arme schließen / © WDR/DRA

Endlich kann der Prinz (Pavel Trávniček) sein Aschenbrödel (Libuše Šafránková) in die Arme schließen / © WDR/DRA


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Im Jahr 2018 spielte das Tschechische National-Sinfonieorchester (auch: Tschechisches Nationales Symphonieorchester) die Filmmusik von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ noch einmal komplett neu ein. Diese unterscheidet sich allerdings hörbar im Klang zum Original-Soundtrack von 1973 beziehungsweise 2003. Beide Filmmusiken sind heute im Übrigen nicht nur auf CD, sondern ebenso in Musikstreamingdiensten nachzuhören.

* Andere Quellen geben den 26.10.1973 oder den 1.11.1973 als Premierendatum an.

© Supraphon

© Supraphon

Titel: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
Format: CD
Tracks: 22 / Hörproben: Hier klicken
Länge: 42:27 Minuten
CD-Booklet: 4 Seiten mit Angaben zu Tracks, Filmstab etc. und mit 4 Original-Standfotos
Label: Supraphon (VÖ: 5.5.2003)

Film: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ČSSR/DDR, 1973, R: Václav Vorlíček). Ist auf DVD/Blu-ray erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Daumann, Erik: Kindheitsträume werden wahr. In: klassik.com (vom: 6.8.2003, abgerufen: 24.10.2023)
  • De la Motte-Haber, Helga/Emons, Hans: Filmmusik. Eine systematische Beschreibung. München, 1980
  • Gott, Karel: Lady Carneval. In: Radio Prague International (abgerufen: 24.10.2023)
  • Hoffmann, Leo: 19. Dezember 1974 – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel startet in BRD-Kinos. In: Kalenderblatt. Bayern 2 (vom: 19.12.2016, abgerufen: 24.10.2023)
  • König, Ingelore/Wiedemann, Dieter/Wolf, Lothar: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1974). In: Zwischen Marx und Muck. DEFA-Filme für Kinder. Berlin, 1996, S. 190–192.
  • Retzlaff, Steffen: Musik Karel Svoboda – es singt Karel Gott? In: Ders.: 3 Haselnüsse für Aschenbrödel. Die Winterausstellung zum Kultfilm auf Schloss Moritzburg. Dresden, 2015, S. 108–111.
  • Svoboda, Karel: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (CD, VÖ: 5.5.2003). In: Supraphon (abgerufen: 24.10.2023)
  • Svoboda, Karel: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (CD, VÖ: 19.10.2018). In: Supraphon (abgerufen: 24.10.2023)
  • Thiel, Wolfgang: Svoboda, Karel. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 406.
  • [o. A.]: Drei Nüsse für Aschenbrödel (Tři oříšky pro Popelku). In: Filme 1977–1980. Kritische Notizen aus vier Kino- und Fernsehjahren. Köln, 1981, S. 62f.


Headerfoto: Der Prinz (Pavel Trávniček) passt Aschenbrödel (Libuše Šafránková) den verlorenen Schuh an / © WDR/Degeto

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