Archiv für den Monat: April 2019

"Die Geschichte vom kleinen Muck" (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © Icestorm

DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

ARD und ZDF produzieren neue Märchenfilme wie am Fließband. Doch den Zauber der DEFA-Märchen aus der untergegangenen DDR billigt man ihnen nur selten zu. Ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit einem Kulturerbe.

Das deutsche Märchenfilm-Genre boomt. Zumindest das Öffentlich-rechtliche. So produzierte die ARD zwischen 2008 und 2018 in ihrer Reihe „Sechs auf einen Streich“ 46 Märchenverfilmungen. Das ZDF brachte es seit 2005 mit seinen „Märchenperlen“ auf immerhin 17 Adaptionen.

Das Konzept der beiden Reihen ist ähnlich: Bekannte oder weniger vertraute Märchenvorlagen werden mit populären Schauspielern an pittoresken Drehorten – wie Schlössern, Burgen oder Freilichtmuseen – zeitgemäß, aber dennoch klassisch verfilmt.

Solide Einschaltquoten, attraktive Sendeplätze

Beide Sender sind stolz auf ‚ihre’ Märchen, weil sie „zu den erfolgreichsten Formaten [zählen], die das Kinderfernsehen hierzulande in den letzten Jahren produziert hat“ (Götz/Innermann 2016, S. 26).

"Das Märchen von der Regentrude" (D 2018): Maren (Janina Fautz) weckt die Trude (Ina Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden

„Das Märchen von der Regentrude“ (D 2018): Maren (J. Fautz) weckt die Trude (I. Weisse) / © NDR/Marion v. d. Mehden


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Erfolg meint hier vor allem solide Einschaltquoten auf attraktiven Sendeplätzen. So knackt das „Sonntagsmärchen“ (12 Uhr) auf dem von ARD und ZDF betriebenen Fernsehkanal KiKA regelmäßig die Millionenmarke. Und auch die TV-Premieren der öffentlich-rechtlichen Märchenfilme an den Weihnachtsfeiertagen kommen gut an: „Das Märchen von der Regentrude“ (ARD, 25.12.2018, 14.50 Uhr) schalteten 2,54 Millionen Zuschauer ein.

Pro und Contra: ARD- und ZDF-Märchenfilme

Doch ebenso regelmäßig wie ARD und ZDF neue Märchenfilme starten, mehren sich kritische Stimmen. Einige sind von den modernen Produktionen schlichtweg enttäuscht. Diskutiert wird darüber zumeist in Internet-Fanforen und sozialen Netzwerken. Dort senken oder heben die Follower den Daumen, wenn es um Neuverfilmungen geht – und sind pro oder contra:

„Ich finde alle neu verfilmten Märchen fürchterlich. Die Neuverfilmung der alten Defa-Märchen hätte man sich meiner Meinung nach sparen können.“ (Astrid Ihmels auf facebook.com/maerchenfilm)

„Ich finde vor allem die ‚6 auf einen Streich’-Filme gut, mit den alten Defa-Filmen tu ich mich schwer, die sind mir zu antiquiert und erinnern mich unangenehm an meine 50er-Jahre-Kindheit.“ (Gudrunmarie Schecker auf facebook.com/maerchenfilm)

„Nein – Märchen müssen alt sein. Modern geht gar nicht! Schon schlimm genug, dass die deutschen Theater die ‚Weihnachtsmärchen’ nur noch modern inszenieren. Da will man es als Film wenigstens noch alt und klassisch sehen.“ (Mirco Heidorn auf facebook.com/maerchenfilm)

Früher war alles besser: die DEFA-Märchenfilme

Der Tenor von einem Teil des Märchenfilm-Publikums: Früher war alles besser. Gemeint sind oftmals die DEFA-Märchenfilme, die zwischen 1949 und 1990 in der DDR entstanden. Besonders die Produktionen aus den 1950er-Jahren mit „Das kalte Herz“ (1950), „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) und „Das singende, klingende Bäumchen“ (1957) gelten als nationales Kulturgut – das es zu ‚schützen’ gilt.

"Das singende, klingende Bäumchen" (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR

„Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR 1957): Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR


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Hinter den sieben sächsischen Bergen: Schneewittchen (DDR 1961)
Zwei ungleiche Frauen: Schneewittchen (DDR 1961)

Rick Krawetzke aus dem thüringischen Zeulenroda betreibt seit 2012 seine „Märchenfilm“-Facebookseite. Er verfolgt die Diskussion seit vielen Jahren. Ihn stört vor allem, dass die Neuverfilmungen an den DDR-Märchenfilmen gemessen werden. Letztere gelten für viele Zuschauer als ‚Originale’.

Krawetzke sieht das anders: „Was heißt ‚Original’? Für mich gibt’s kein ‚Original’. ‚Original’ ist das was im Buch steht“, sagt er Maerchen-im-Film.de. Vielmehr sind die ARD- und ZDF-Märchen für ihn Neuverfilmungen, die andere Akzente setzen und eine Chance verdienen.

„Theateraufführungen im Freilichtmuseum“

Auf die Frage, was das Publikum an den öffentlich-rechtlichen Adaptionen vermisst, könnte Christine Lötscher eine Antwort geben. Die Schweizer Filmkritikerin hat sich die Märchenfilme von ARD und ZDF genauer angesehen. Ihr Eindruck:

Die Neuverfilmungen haben „über weite Strecken den Charme von aufgezeichneten Theateraufführungen im Freilichtmuseum.“ Und: „Sie orientieren sich an der historisierenden Ästhetik der DEFA-Märchenfilme […] Allerdings gelingt es eher selten, den ganz eigenen Zauber der DEFA-Filme zu reproduzieren […]“ (Lötscher 2017, S. 310).

"Das singende, klingende Bäumchen" (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig

„Das singende, klingende Bäumchen“ (D 2016): Prinz (L. Prisor) und Prinzessin (J.-M. Böhrnsen) / © rbb/Theo Lustig


Lötscher vermisst eine „Poetik“ der Inszenierung, also die Kunst, mit Hilfe filmischer Möglichkeiten wie Ausstattung, Schnitt oder Musik, das Publikum mitzureißen. Jenen Zauber in der Inszenierung sieht sie nun gerade bei den Disney-Realmärchenfilmen wie „Die Schöne und das Biest“ (USA 2017) oder „Cinderella“ (USA 2015).

Ein Bruchteil von dem, was Disney hat

Beide sind ohne Frage perfekt inszeniert – stehen aber im Gegensatz zu einem deutschen Märchenfilm-Genre, das sich erstens einer anderen kulturellen Tradition verpflichtet sieht und zweitens mit deutlich weniger Geld auskommen muss. „Cinderella“ kostete knapp 90 Millionen US-Dollar, „Die Schöne und das Biest“ sogar das Doppelte (185 Millionen).

"Der süße Brei" (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH

„Der süße Brei“ (D 2018): Jola (Svenja Jung) mit dem kochenden Topf / © ZDF/Anke Neugebauer/Kinderfilm GmbH


Zum Vergleich: Die ARD gibt den durchschnittlichen Minutenpreis ihrer Märchenfilme mit 20.870 Euro an (Stand: August 2017). Bei 60 Minuten Filmlänge wären das zirka 1,3 Millionen Euro. Das ZDF hat seinen letzten Märchenfilm „Der süße Brei“ (2018) zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert. Kostenpunkt: 1,7 Millionen Euro. Das ist ein Bruchteil von dem, was Disney zur Verfügung hat.

Aber: Ist der Charme oder der Zauber eines Märchenfilms wirklich vom Geld abhängig? Ja und nein. Ja, weil die Inszenierung von märchenhaften Räumen, in denen sich die Figuren bewegen, nicht immer aber oftmals die Kosten in die Höhe treibt.

Alles wirkt wie in einer Natur-Dokumentation

Ein Beispiel: In „Das Märchen von der Regentrude“ (2018), nach einer Geschichte von Theodor Storm, stehen sich zwei Welten gegenüber: eine wirkliche Dorfszenerie und das fantastische Reich der Regentrude. Die ARD-Verfilmung inszeniert beide Orte – wohl auch aus Kostengründen – realistisch in der norddeutschen Tiefebene: karge Landschaften, die unter einer Dürre leiden. Damit geht zugleich ein Märchenzauber verloren. Alles wirkt wie in einer Natur-Doku.

"Die Regentrude" (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR


Eine DDR-Verfilmung von 1976 („Die Regentrude“) baute das Reich der Titelfigur im Atelier künstlich nach, auch weil das DDR-Fernsehen als Auftraggeber finanziell immer aus dem Vollen schöpfen konnte:

„Vertrocknete Weidenwege, ausgedörrte Bachläufe, abgestorbene Pflanzen und totes Wassergetier stellen einen aus realen und phantastischen Elementen erwachsenen Landschafts- und Phantasieraum dar, der unter Studiobedingungen geschaffen wurde“ (Steinke 1990, S. 89).

Damit wurde gleichzeitig jene „Poetik“ erreicht, die das Publikum bei heutigen Märchenfilmen oftmals vermisst. Andererseits wäre es fatal, den Charme einer Verfilmung nur vom Geld abhängig zu machen. Das Zusammenspiel der filmischen Mittel und die Ideen der Filmemacher können, ja, sollten ein finanzielles Manko ausgleichen können.

DDR-Märchendramaturgie lebt bei ARD und ZDF weiter

Neben den Schwächen in der Inszenierung, also dem fehlenden Zauber, gibt es wiederum andere Stimmen, die die Nähe des öffentlich-rechtlichen Märchenfilms zur DDR-Märchendramaturgie geißeln. Für Josef Göhlen, ehemaliger Leiter des Kinderprogramms beim Hessischen Rundfunk (HR) und ZDF, orientiert sich der heutige ARD- und ZDF-Märchenfilm zu sehr an DDR-Produktionen:

„Deshalb sind Könige, Tyrannen und Anführer aller Art, also ‚die da oben’, immer böse Trottel, während ‚die da unten’, also Bettler, Bauern und Wandersleut’, stets die Sympathieträger sind. […] Ich halte es für einen großen Fehler, diese Dramaturgie nachzuahmen“ (Gangloff 2017).

Freilich spitzten die DDR-Filmemacher den bereits bei den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff enthaltenen ‚Klassenkampf’ zu. Dabei zählten die Armen und Unterdrückten immer zu den im ethischen Sinn Guten, die Reichen zu den Bösen. Märchenfilme im Arbeiter-und-Bauern-Staat galten als Vehikel, eine sozialistische Weltanschauung zu transportieren. Schon die Kleinsten sollten auf Linie getrimmt werden.

Es gibt auch Unterschiede zum DDR-Märchenfilm

Doch ist der öffentlich-rechtliche Märchenfilm wirklich genauso einseitig? Ein Blick auf die Figurenkonstellation der ARD- und ZDF-Märchenfilme zeigt ein differenziertes Bild.

Ein ARD-Beispiel: „Das tapfere Schneiderlein“ (2008) erzählt von einem Burschen, der zwei Riesen besiegt und das Herz einer Königstochter erobert. Anders als in der Grimm’schen Vorlage und in einem DEFA-Märchenfilm von 1956, in der der König und die Prinzessin alles daran setzen, das Schneiderlein loszuwerden, stellt ihnen die ARD-Verfilmung einen bösen Minister an die Seite. Er intrigiert gegen das Schneiderlein. König, Prinzessin und Hofstaat sind dem Schneiderlein wohlgesonnen.

"Das tapfere Schneiderlein" (D 2008): Guter König (Axel Milberg), böser Minister (Dirk Martens) / © NDR/Susanne Dittmann

„Das tapfere Schneiderlein“ (D 2008): Guter König (A. Milberg), böser Minister (D. Martens) / © NDR/Susanne Dittmann


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ZDF-Märchenfilm (1989): Ein westdeutsches Aschenputtel verliert seinen Schuh in der DDR

Mitte der 1980er-Jahre war Göhlen an der Konzeption von zehn Märchen beteiligt, die das ZDF in europäischen Koproduktionen verfilmte. Dazu zählten „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR 1984) und „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT 1985). Im Gegensatz zu den DEFA-Märchenfilmen sind diese stilistisch und erzählerisch interessanten Produktionen ein wenig in Vergessenheit geraten.

Ein Grund: Sie entstanden in einer Zeit, in der Fantasyfilme wie „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES 1984) das Märchenfilm-Genre vorerst verdrängten – in West und Ost.

DDR-Märchenfilme ein Stück weit identitätsstiftend

Im Rückblick haben die DDR-Märchenfilme die Jahrzehnte besser überdauert. Nicht nur, weil ihnen jener fantastische Zauber zugebilligt wird, sondern auch, weil sie heute für ehemalige DDR-Bürger ein Stück weit identitätsstiftend sind. Sie sind mit „Frau Holle“ (1963), „König Drosselbart“ (1965) oder „Dornröschen“ (1971) aufgewachsen. Diese Märchenfilme sind ein fester Bestandteil ihrer Kindheit und Jugend – und gehören zu ihrer eigenen (Lebens-)Geschichte.

"Frau Holle" (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR

„Frau Holle“ (DDR 1963): Die faule Tochter (Katharina Lind, l.) soll auch in den Brunnen springen / © MDR


Denn: Die meisten DDR-Bürger finden sich in der offiziellen Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands nicht wieder. Diese reduziert das Leben in der DDR auf Unterdrückung in einem SED-Unrechtsstaat. Punkt. Ihre Ost-Biografien werden damit auch ‚entwertet’.

„DDR-Märchenfilme neu erzählen“

Der Historiker Karsten Krampitz hat in seinem Aufsatz „DDR neu erzählen“ dafür plädiert, einen neuen Blick auf die DDR zu werfen, „ohne sie zu dämonisieren, aber auch ohne sie zu verklären.“ (Krampitz 2018). Was kann das für den DDR-Märchenfilm heißen?

Einerseits sollte er nicht verteufelt werden, nur weil er in einer Diktatur entstanden ist. Andererseits ist eine unkritische Glorifizierung und Überhöhung fehl am Platz, eben weil er in einer Diktatur entstanden ist. Beides ist in einer historisch-kritischen Aufarbeitung des DDR-Märchenfilms zu berücksichtigen. Oder einfacher gesagt: neu zu erzählen.

Filme: (in Reihenfolge der Nennung)

  • „Das Märchen von der Regentrude“ (BRD, 2018, R: Klaus Knoesel)
  • „Das kalte Herz“ (DDR, 1950, R: Paul Verhoeven)
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (DDR, 1957, R: Francesco Stefani)
  • „Das singende, klingende Bäumchen“ (BRD, 2016, R: Wolfgang Eißler)
  • „Die Schöne und das Biest“ (USA, 2017, R: Bill Condon)
  • „Cinderella“ (USA, 2015, R: Kenneth Branagh)
  • „Der süße Brei“ (BRD, 2018, R: Frank Stoye)
  • „Die Regentrude“ (DDR, 1976, R: Ursula Schmenger)
  • „Das tapfere Schneiderlein“ (BRD, 2008, R: Christian Theede)
  • „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR, 1984, R: Miloslav Luther)
  • „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT, 1985, R: Juraj Jakubisko)
  • „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA/ES, 1984, R: Wolfgang Petersen)
  • „Frau Holle“ (DDR, 1963, R: Gottfried Kolditz)
  • „König Drosselbart“ (DDR, 1965, R: Walter Beck)
  • „Dornröschen“ (DDR, 1971, R: Walter Beck)

Verwendete Quellen:


Headerfoto: „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953): Mucks Vater (l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff), dass er ihm etwas beibringt / © MDR

Dieser Artikel wurde am 4. August 2019 aktualisiert.