„... bis sie tot zur Erde fiel“: Zum Umgang mit Grausamkeit im NS-Märchenfilm

„… bis sie tot zur Erde fiel“: Zum Umgang mit Grausamkeit im NS-Märchenfilm

Drakonische Strafen oder kaltblütige Morde: Das Märchen erzählt ohne Umschweife vom Schrecken. Doch wie setzt der Märchenfilm im „Dritten Reich“ – das ja selbst für menschenverachtende Brutalität stand – jenes Grauen um?

Als die westlichen Besatzungsmächte nach Ende des Zweiten Weltkrieges kurzzeitig den Druck der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ verbieten, ist das eine von vielen Maßnahmen im Rahmen der sogenannten Re-Education. Das deutsche Volk soll mit Hilfe demokratischer Bildungsarbeit umerzogen werden – ohne die Märchen der Brüder Grimm.

Ein Grund: Die Siegermächte sehen Parallelen zwischen den Grausamkeiten in den Märchen und den Gräueltaten in den Konzentrationslagern. Das hat auch zur Folge, dass in den Adaptionen der 1950er- und 1960er-Jahre – vor allem im westdeutschen Märchenfilm – Grausamkeiten oftmals weggelassen oder filmisch ‚entschärft’ werden (vgl. Schmitt 1993, S. 382–391).

Zweifellos sind diese aber auch immer ein wesentlicher struktureller Bestandteil des Märchens. So werden in den Grimm’schen Vorlagen Kinder ausgesetzt oder gar versucht, diese im Ofen zu backen („Hänsel und Gretel“), mehrere Mordversuche unternommen („Schneewittchen“) oder grausame Strafen festgelegt, die zum Tod führen („Die Gänsemagd“).

Wie grausam ist der Märchenfilm im „Dritten Reich“?

Unbeantwortet ist bisher die Frage, ob grausame Elemente vor 1945 – im nationalsozialistischen Märchenfilm – dramaturgisch verstärkt, abgemildert oder eliminiert wurden. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil fast alle der etwa zwanzig im „Dritten Reich“ produzierten Schauspieler-Märchenfilme „zur öffentlichen Vorführung in der Bundesrepublik Deutschland durch Militärregierung und FSK [Freiwillige Selbstkontrolle] freigegeben worden sind“.

Um es vorwegzunehmen: Das Bild, das die NS-Adaptionen in puncto Grausamkeiten zeichnen, ist uneinheitlich. Der erzählerische und ästhetische Umgang mit Strafen oder Gewaltdarstellungen wird in den Verfilmungen unterschiedlich gehandhabt, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Der Hase und der Igel (D 1940): Nur Erschöpfung statt Tod

Die Geschichte über den ungleichen Wettkampf zwischen einem hochmütigen Hasen und einem cleveren Igel nehmen sowohl die Brüder Grimm („Der Hase und der Igel“, 1843) als auch der Märchensammler Ludwig Bechstein („Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“, 1853) in ihre Märchenbücher auf.

Der Hase und der Igel (1951): Der Leipziger Fritz Baumgarten (1883–1966) illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Der Hase und der Igel (1951): Der Leipziger Fritz Baumgarten (1883–1966) illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Darin soll sich in einem Wettrennen zeigen, wer von beiden der Schnellste ist. Der Igel – sich seiner kurzen Beine bewusst – wendet eine List an. Er platziert seine Frau, die ihm täuschend ähnlich sieht, an einem Ende der Rennstrecke und stellt sich selbst an das andere. Der Hase erreicht immer das Ziel – ist aber nie der Erste. Er rennt und rennt und das dreiundsiebzig Mal:

Zum vierundsiebzigsten Mal aber kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten auf dem Acker stürzte er zur Erde, das Blut floss ihm aus dem Halse und er blieb tot auf dem Platze. (Bechstein 2011, S. 284)

In der Verfilmung „Der Hase und der Igel“ (1940), in der kleinwüchsige Schauspieler die Rollen übernehmen, wird das Ende des Wettrennens zwar inszeniert, aber der grausame Showdown mit der vernichtenden Niederlage des Kontrahenten bleibt aus. Nach mehreren Läufen in Zeitraffertechnik liegt der Hase (Paul Walker) ‚nur’ völlig erschöpft in einer Ackerfurche.

Der Hase und der Igel (D 1940): Meister Lampe (Paul Walker) vor dem Rennen / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Der Hase und der Igel (D 1940): Meister Lampe (Paul Walker) vor dem Rennen / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek


Die ‚Strafe’ für seinen Hochmut wird vielmehr mit einer moralischen Lektion ersetzt. Es sei falsch, sich über jemanden lustig zu machen, „auch wenn man sich noch so vornehm benimmt“, sagt der Igel (Robert Baum) im belehrenden Ton am Ende des 21-minütigen Märchenfilms.

Und: Die mit dem Prädikat „volksbildend“ ausgezeichnete Adaption zeigt ebenso, dass der Erfolg in einem Kräftemessen unabhängig von den körperlichen Voraussetzungen errungen werden kann. Was letztlich zählt, sind Cleverness, Taktik und Ideen – eine nicht zu unterschätzende ‚Botschaft’ des im zweiten Kriegsjahr gestarteten Märchenfilms.

Film: „Der Hase und der Igel“ (D, 1940, R: Alf Zengerling). Noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939): Glühende Eisenpantoffeln

Das Märchen von der schönen Königstochter, deren böse Stiefmutter erst ihre Ermordung befiehlt und dann selbst dreimal versucht, sie zu töten, ist bereits in der Erstauflage der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ (1812) enthalten. Trotz dieser Grausamkeiten gilt „Schneewittchen“ als eines der bekanntesten – und auch meist verfilmten Märchen. 1939 wird die Vorlage in Deutschland adaptiert, allerdings als Schauspieler-Märchenfilm.

Zwei Jahre zuvor feiert in den USA die Zeichentrickversion „Snow White and the Seven Dwarfs“ (USA, 1937, R: Walt Disney) Premiere, die aber nicht in die deutschen Kinos kommt. Darin enthalten ist der misslungene Tötungsversuch des Jägers – flankiert von aufwühlender Musik und einer fesselnden Licht-Schatten-Dramaturgie. Gleichzeitig entfallen aber zwei (Schnürriemen/Gürtel, Kamm) der drei Mordversuche seitens der Königin.

Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937): Ein folgenschweres Geschenk / © Disney. All rights reserved.

Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937): Ein folgenschweres Geschenk / © Disney. All rights reserved.


Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937): Die Königin flieht vor den Zwergen / © Disney. All rights reserved.

Schneewittchen und die sieben Zwerge (USA 1937): Die Königin flieht vor den Zwergen / © Disney. All rights reserved.


Am Ende verfehlt der vergiftete Apfel seine Wirkung nicht. Danach wird die als Hexe verkleidete Stiefmutter von den Zwergen gejagt und stürzt einen Felsabgrund hinunter. Ihr Tod wird nur angedeutet, als zwei (Aas-)Geier – Symbol des Todes – in eben jene Schlucht hinabgleiten. Dann wird die Szene abgebrochen.

Im deutschen Realfilm-Pendant „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1939) leidet Schneewittchen bereits als Kleinkind psychisch unter dem Hass seiner Stiefmutter (Elisabeth Wendt). So herrscht sie das Mädchen in einer Szene an, als es ausgelassen spielen möchte, dass es ihr aus den Augen gehen soll.

Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939): Guter König (Walter Kynast), böse Königin (Elisabeth Wendt) / © Schongerfilm

Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939): Guter König (W. Kynast), böse Königin (E. Wendt) / © Schongerfilm


Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939): Die Prinzessin (Marianne Simson) im Zauberspiegel / © Schongerfilm

Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939): Die Prinzessin (Marianne Simson) im Zauberspiegel / © Schongerfilm


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Das Imperium schießt zurück: Schneewittchen und die sieben Zwerge (D 1939)

An Schneewittchens (Marianne Simson) 18. Geburtstag befiehlt die Königin dem Jäger (Alfred Bussert), das Mädchen zu töten. Nachdem dieser Plan sowie zwei der drei Mordversuche seitens der Stiefmutter fehlschlagen, klappt es beim dritten Mal. Als Schneewittchen später wieder erwacht ist, wird die Königin zu ihrer Hochzeit eingeladen. Bei den Grimms heißt es:

Und wie sie hineintrat, erkannte sie S[ch]neewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel. (Grimm 1980, S. 278)

Der NS-Märchenfilm hält sich bis zum Tanz an die Vorlage. Zudem wird die visuell-konkrete Inszenierung auf der Tonebene mit Geräuschen (vor Schmerzen stöhnende Königin, lautbare Reaktionen der Hochzeitsgesellschaft) und Musik (dramatisierend) flankiert beziehungsweise potenziert. Als die Stiefmutter zusammenbricht, wird sie von Dienern hinausgetragen. Erst dann wird die Szene abgebrochen. Mit dem anschließenden (Hochzeits-)Besuch der sieben Zwerge versucht die Verfilmung, das kindliche Publikum wieder zu ‚beruhigen’.

Zwar enthält im literarischen Märchen diese grausame Strafe „heilmachende Elemente“, mit denen eine „vorübergehend gestörte Weltordnung“ (Scherf 1960, S. 506) wieder zurechtgerückt wird: Die böse Königin muss leiden, damit sie Schneewittchen nicht mehr schaden kann. Doch eine 1:1-Umsetzung in der mit dem Prädikat „volksbildend“ ausgezeichneten Verfilmung – vor allem für ein Kinderpublikum von Vier- bis Achtjährigen – bleibt am Ende mehr als fraglich.

Film: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D, 1939, R: Carl Heinz Wolff). Noch nicht auf VHS/DVD erschienen.

Rumpelstilzchen (D 1940): Vom Gegenspieler zur Helferfigur

Wie „Schneewittchen“ ist auch das Märchen vom „Rumpelstilzchen“ in der 1812 erschienenen Erstauflage der „Kinder- und Hausmärchen“ enthalten: Darin wird die Geschichte eines Müllers erzählt. Er prahlt, dass seine schöne Tochter Stroh zu Gold spinnen kann. Der König hört davon und stellt das Mädchen auf die Probe.

Rumpelstilzchen (1894): Die Schlüsselszene vom Illustrator Gordon Brown (1858–1932) / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Rumpelstilzchen (1894): Die Schlüsselszene vom Illustrator Gordon Brown (1858–1932) / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Dreimal hilft ihm „ein kleines Männchen“ (Grimm 1980, S. 285) und spinnt alle Spulen zu Gold – muss ihm aber als Königin ihr erstes Kind versprechen. Ein Jahr nach der Geburt fordert der Zwerg seinen Lohn ein, hat aber Mitleid und gibt drei Tage Zeit, seinen Namen herauszufinden. Dies gelingt der Königin – und sie darf ihr Kind behalten.

Im „Rumpelstilzchen“-Märchenfilm (1940) werden neben „isolierenden Elementen“ (Scherf 1960, S. 504) aus der Vorlage (Müllerstochter wird unter Androhung der Todesstrafe in eine Kammer gesperrt bzw. „isoliert“) ebenso verbale „prüfende Elemente“ (ebd. S. 505) der Grausamkeit (Müllerstochter muss dem Männchen ihr erstes Kind versprechen) dramaturgisch umgesetzt.

Rumpelstilzchen (D 1940): Königin (Trude Haefelin) mit Männchen (Paul Walker) / Quelle: SDK

Rumpelstilzchen (D 1940): Königin (Trude Haefelin) mit Männchen (Paul Walker) / Quelle: SDK


Doch in der charakterlichen Zeichnung des Zwerges geht die Adaption neue Wege: Aus Rumpelstilzchen (Paul Walker) wird eine Helferfigur, welche die Guten unterstützt und die Bösen bestraft: Sie verwandelt einen geldgierigen Schatzkanzler (Kurt Lauermann), als neu ins Figurenensemble aufgenommenen Gegenspieler der Königin (Trude Haefelin), auf deren Wunsch in einen Esel. Danach verschwindet der gute Kobold via Stopptrick.

Das noch bei den Grimms grausame Ende des zornigen Rumpelstilzchens,

[es] stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei (Grimm 1980, S. 288),

ist demnach hinfällig: Um wie schon in „Schneewittchen“ die vorübergehend aus den Fugen gebrachte Weltordnung zurechtzurücken, reicht die Verwandlung des Schatzkanzlers in einen Esel aus. Somit kann er der Königin nicht mehr gefährlich werden.

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„Heilmachende Elemente“ sind demnach im NS-Märchenfilm nicht zwingend mit Gewaltanwendung und Schmerz verbunden, sondern werden auch spielerischer mit Tierverwandlungen umgesetzt. Dass dies allerdings von der Filmprüfstelle nicht honoriert wird – die ideologisch unauffällige Adaption erhält kein Prädikat – zeigt, dass die staatliche Behörde andere Maßstäbe setzt.

Film: „Rumpelstilzchen“ (D, 1940, R: Alf Zengerling). Ist auf DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Bechstein, Ludwig: Deutsches Märchenbuch (1857). In: Sämtliche Märchen. Vollständige Ausgabe der Märchen Bechsteins nach der Ausgabe letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Mit 187 Illustrationen von Ludwig Richter. Mannheim, 2011.
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 1–2.
  • Deutsches Institut für Filmkunde e. V.: Mitteilungen, Nr. 66/67, Februar/März 1957, S. 3–12.
  • Grimm-Bilder Wiki: Der Hase und der Igel. Rumpelstilzchen. Illustrationen (abgerufen: 12.4.2022)
  • Scherf, Walter: Was bedeutet dem Kind die Grausamkeit der Volksmärchen? Zur aktuellen Polemik gegen das Volksmärchen. In: Jugendliteratur. Monatshefte für Jugendschrifttum 6 (1960) S. 496–514.
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen. Eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt am Main, 1993.


Headerfoto: Schneewittchen un die sieben Zwerge (D 1939): Die Königin (Elisabeth Wendt) befragt den Spiegel / Quelle: Schongerfilm

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