Etwas dürr: Das Märchen von der Regentrude (D 2018)

Eher dürr als grün: Das Märchen von der Regentrude (D 2018)

Sonne satt und so gut wie kein Regen. Das Wetter im Juni 2018 bot ideale Drehbedingungen für den ARD-Märchenfilm. Dennoch ist die Geschichte über die eingeschlafene Regenfrau kein gelungenes ‚Sommermärchen’ geworden.

An Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ kommt bis heute keiner vorbei. Die gespenstische Geschichte um den jungen Deichgrafen Hauke Haien gehört an vielen Schulen zum Lehrplan. Dass der norddeutsche Dichter auch Märchen schrieb, ist weniger bekannt.

Vielleicht, weil diese immer ein wenig im Schatten Storm’scher Gedichte und Novellen standen. Verfilmt wurden seine Märchen dennoch, wie die Gute-Nacht-Geschichte „Der kleine Häwelmann“ (D 1940 und DDR 1956), jeweils als Realfilm mit Tricksequenzen.

Just im Nachgang des Storm-Jahres 2017 – der Dichter wurde 1817 geboren – hat die ARD sein wohl populärstes Märchen wiederentdeckt: „Die Regentrude“. Regie führte Klaus Knoesel. Das Drehbuch für „Das Märchen von der Regentrude“ (D 2018) schrieb Leonie Bongartz.

Eingeschlafene Fee, die geweckt werden muss

© Hamburger Lesehefte Verlag

© Hamburger Lesehefte Verlag

Die Geschichte gilt bis heute als eines „der schönsten Kunstmärchen der deutschen Literatur“ (Goldammer 1979, S. 20). Es erzählt von einer eingeschlafenen Fee, die geweckt werden muss, damit es auf der Erde wieder regnet.

Schuld an dieser misslichen Lage, die Mensch und Tier bedroht, ist eine „ausschließlich [von] materieller Gesinnung“ (Freund 2005, S. 58) geprägte Welt. In dieser lebt ein reicher Wiesenbauer, der aus der Dürre, die das Land heimsucht, Profit schlägt. Leidtragende sind die ärmeren Kleinbauern, die wenig besitzen, aber an geheime Naturkräfte und übernatürliche Gestalten glauben: eben die Regentrude.

DDR-Verfilmung verstärkt Klassengegensätze

Dieser „Gegensatz von arm und reich auf dem Dorfe“, mit dem „Storm einen ganz realen sozialen Konflikt seiner Zeit dar[stellte]“ (Goldammer 1968, S. 128) – so die DDR-Kritik –, mag ein Grund sein, dass das Märchen bereits in der DDR adaptiert wurde.

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR

„Die Regentrude“ (DDR 1976): Andres (Ingolf Gorges) und Maren (Brigitte Heinrich) suchen die Trude / © MDR


Die TV-Verfilmung, die 1976 in der Regie von Ursula Schmenger entstand, verstärkt denn auch die Klassengegensätze, vergisst dabei aber die Eindringlichkeit der Bilder nicht. Einerseits die fast spürbare flirrende Hitze in der realen Dorfwelt, andererseits das fantastische unterirdische Reich der Regentrude, das im Studio entstand und von einem der wichtigsten DEFA-Filmarchitekten in Szene gesetzt wurde: Alfred Hirschmeier.

ARD-Märchenfilm setzt auf „Tatort“-Kommissar

Vor diesem Hintergrund war das Publikum gespannt, als an Weihnachten 2018 die erste gesamtdeutsche Verfilmung dieses Storm-Märchens über die Bildschirme flimmerte. Produziert wurde für die 2008 entstandene ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“. Gedreht im Juni 2018 bei schönstem Sommerwetter.

Und weil der Norddeutsche Rundfunk (NDR) das Märchen verfilmte, wurde für die Rolle des reichen Wiesenbauern Iven „Tatort“-Kommissar Axel Prahl angeheuert – dessen Ermittlungsgebiet Münster bekanntlich im NDR-Land liegt. Dass Prahl auch als Märchenheld ein guter Quotenbringer ist, bewies er bereits 2011 im Märchenfilm „Die Sterntaler“: 2,2 Millionen schauten ihm damals zu (ARD, 26.12.2011, 14.20 Uhr).

Quotengarant: Axel Prahl als Wiesenbauer Iven mit Gabriela M. Schmeide als Stine / © NDR/Marion v. d. Mehden

Quotengarant: Axel Prahl als Wiesenbauer Iven mit Gabriela M. Schmeide als Stine / © NDR/Marion v. d. Mehden


„Das Märchen von der Regentrude“ konnte diese Zahl noch toppen: 2,54 Millionen schalteten diesmal bei der TV-Premiere ein (ARD, 25.12.2018, 14.50 Uhr). Auch wegen Axel Prahl.

„Das Märchen von der Regentrude“ – qualitativ überzeugend?

Doch sagen Einschaltquoten nicht immer etwas über die Qualität eines Märchenfilms aus. Waren „Die Sterntaler“ auch qualitativ überzeugend, wofür Regisseurin Maria von Heland 2012 den „Bayerischen Fernsehpreis“ in der Kategorie „Kinderfilm (Regie)“ erhielt, so stimmt das für „Das Märchen von der Regentrude“ nur bedingt.

Es war einmal: Mutter Stine (Gabriela Maria Schmeide, r.) erzählt Andrees (Rafael Gareisen) und Maren (Janina Fautz) von der Regentrude / © NDR/Marion v. d. Mehden

Es war einmal: Mutter Stine (Gabriela Maria Schmeide, r.) erzählt Andrees (Rafael Gareisen) und Maren (Janina Fautz) von der Regentrude / © NDR/Marion v. d. Mehden


Zwar lobte das Feuilleton, die „Bildlichkeit“, die aus der Vorlage schöpft, „eigene Akzente, die organisch aus dem Text erwachsen“ (Spreckelsen 2018) sowie eine „verblüffend[e] Aktualität“ (Gangloff 2018) mit Parallelen zur aktuellen Klimakrise, dennoch wirkt die Verfilmung so unmärchenhaft ‚realistisch’. Und erinnert an eine Natur-Dokumentation.

Realistische und fantastische Elemente

Gewiss, im Realismus geht es um die Darstellung der Welt ‚wie sie ist’, ohne eine romantisch-fantasievolle Verklärung. Doch der Storm-Experte Peter Goldammer stellte schon für das literarische Märchen „Die Regentrude“ fest:

„Der besondere Reiz der Dichtung besteht darin, daß das ‚Wunderbare’ sich ohne Bruch in die Geschichte einfügt, daß realistische und phantastische Elemente zur künstlerischen Einheit verschmolzen sind.“ (Goldammer 1968, S. 129)

Diese verschiedenen realistischen und fantastischen Elemente lassen sich auch auf die zwei Welten beziehen, von denen das Märchen erzählt: eine wirkliche Dorfszenerie und das unterirdische Reich der Regentrude.

Maren und Andrees suchen die Regentrude

In der einen leben Maren (Janina Fautz) und Andrees (Rafael Gareisen, „Das kalte Herz“), die heiraten möchten. Doch Marens Vater, der reiche Wiesenbauer Iven, will nicht, dass seine Tochter den Sohn der verarmten Stine (Gabriela Maria Schmeide, „Allerleirauh“) zum Mann nimmt. Auch an das Märchen von der Regentrude (Ina Weisse), die es regnen lassen kann, glaubt Iven nicht.

Gefahrensituation: Der Feuermann (Jörn Knebel, r.) will die Wiesen abfackeln. Bauer Iven (Axel Prahl) und Mutter Stine (Gabriela Maria Schmeide) sind erschrocken / © NDR/Marion v. d. Mehden

Gefahrensituation: Der Feuermann (Jörn Knebel, r.) will die Wiesen abfackeln. Bauer Iven (Axel Prahl) und Mutter Stine (Gabriela Maria Schmeide) sind erschrocken / © NDR/Marion v. d. Mehden


Dennoch lässt er sich auf eine Wette ein: Regnet es vor dem nächsten Sonnenuntergang, stimmt er der Heirat zu. Maren und Andrees machen sich auf die abenteuerliche Suche nach der Regenfrau, um sie zu wecken. Ihr Gegenspieler, der Feuermann (Jörn Knebel), setzt alles daran, das zu verhindern.

Für beide Drehorte – Dorfszenerie und Fantasiewelt – filmt Regisseur Knoesel in der norddeutschen Tiefebene: hier und dort karge Landschaften, die unter einer Dürre leiden. Was bei Storm noch literarisch in höchster Vollendung funktionierte, bietet in der Verfilmung wenig Märchenzauber. Die bloße Nähe zur Vorlage gerät hier zur visuellen Einbahnstraße.

Blasser Andrees ohne richtigen Gegenspieler

Auch auf der Figurenebene läuft es nicht rund. Das gilt besonders für die Rolle von Andrees, der allzu oft auf bloße Mimik reduziert wird. Schuld ist ein Drehbuch, das ihm wenig Möglichkeiten zum Agieren bietet. Die wenigen Sequenzen mit dem Feuermann – der schauspielerisch überzeugt – gleichen das nicht aus. Die erwähnte DDR-Verfilmung machte es hier besser. Sie erweiterte das Ensemble mit einer neuen Figur: dem Moorbauern.

Bad Guy: Der teuflische Feuermann (Jörn Knebel) steht für eine zerstörerische Hitze / © NDR/Marion v. d. Mehden

Bad Guy: Der teuflische Feuermann (Jörn Knebel) steht für eine zerstörerische Hitze / © NDR/Marion v. d. Mehden


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Obwohl er für „eine Bauerngeneration [steht], die sich im Zuge zunehmender Kapitalisierung auf Kosten des Gemeinwohls zu bereichern sucht“ (Steinke 1990, S. 88), und damit wie so oft in filmdramatischen DDR-Bearbeitungen, vor allem Klassengegensätze verbildlicht, wird er zudem als Andres’ Gegenspieler aufgebaut. Auch der Moorbauer will Maren heiraten.

Der Vorteil: Die Erweiterung der Vorlage gibt der Andres-Figur mehr Raum zu agieren, sie kann in zusätzliche Situationen gestellt werden, in denen ihr Charakter deutlich wird. Damit wird die Nebenfigur Andres sinnhaft in die Handlung integriert.

‚Dekor’-Nebenfiguren und starkes weibliches Trio

Zwar bietet auch die ARD-Verfilmung neue Figuren, zum Beispiel einen Fährmann (Özgür Karadeniz) und eine Elfe (Lisa Marie Trense). Trotzdem bleiben diese Nebenfiguren eher ‚Dekor’, weil sie gleichsam nur am ‚Wegesrand’ der Handlung positioniert sind.

Bitte lächeln: Andrees (Rafael Gareisen) und Maren (Janina Fautz) sind schwer verliebt / © NDR/Marion v. d. Mehden

Bitte lächeln: Andrees (Rafael Gareisen) und Maren (Janina Fautz) sind schwer verliebt / © NDR/Marion v. d. Mehden


Die blasse Figur des Andrees hat aber einen positiven Nebeneffekt. Sie rückt die drei weiblichen Hauptfiguren in den Vordergrund: das Mädchen Maren, die Mutter Stine und die Regentrude selbst. Ihnen gelingt es als starkes weibliches Trio – und als „Träger der Fruchtbarkeit“ (Freund 2005, S. 59) –, den Einklang zwischen Mensch und Natur wiederherzuherstellen.

Filme:

  • „Die Regentrude“ (DDR, 1976, R: Ursula Schmenger)
  • „Das Märchen von der Regentrude“ (BRD, 2018, R: Klaus Knoesel)

Drehorte:

  • Freilichtmuseum am Kiekeberg, Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten-Ehestorf
  • 21147, 21149 Neugraben-Fischbek
  • 21465 Ohe (Reinbek)

Verwendete Quellen:

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