Märchenhafte Drehorte: Wo Frau Holle das Bett schüttelt

Wer hat Angst vor Frau Holle? Keiner? Dabei ist die Sagengestalt nicht nur die nette Alte, die es schneien lässt. Im Märchenfilm kann sich der Zuschauer ein Bild von ihr machen. Und die Drehorte kennenlernen, an denen das Grimmsche Märchen verfilmt wird, zum Beispiel das Spreewalddorf Lehde oder den Park Klein-Glienicke in Berlin.

Frau Holle (um 1910). Illustration von Otto Ubbelohde

Frau Holle (um 1910). Illustration von Otto Ubbelohde

Frau Holle, das unbekannte Wesen? Fast jeder kennt die Titelfigur aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Hier schüttelt sie als altes Mütterchen die Betten, damit es auf der Erde schneit. In anderen Sagen wird sie hingegen als Fee und „schönes, geisterhaftes Wesen in einem langen, weißen Gewand mit einem Schleier“ beschrieben, die bezaubernd singt und ihre goldenen Locken kämmt. Manchmal soll sie auch als kleine, hässliche Frau mit „glühenden Augen (und, d. A.) einem feurigen Mund“ (Rumpf) erscheinen.

Als der Stummfilm das Märchen entdeckt, wird dennoch meist die Grimmsche „Frau Holle“ adaptiert. Trotzdem versuchen deutsche Regisseure in der Titelfigur eigene Akzente zu setzen. 1928 verfilmt Hanns Walter Kornblum das Märchen im Studio mit gemalten Kulissen. Als seine Frau Holle (Jeanette Bethge) einerseits mit weißem Kleid, Schleier und Kopfschmuck, andererseits mit grauen Haaren und schlechten Zähnen erscheint, wird klar, dass er sie als facettenreiche, eigenwillige Titelfigur auf der Leinwand sieht.

Berlin (West): „Frau Holle“ wird im Park Klein-Glienicke gedreht

Greifen- oder Johannitertor im Park Klein-Glienicke / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikipedia.de

Greifen- oder Johannitertor im Park Klein-Glienicke / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikipedia.de

Nachdem Regisseur Alf Zengerling 1934 („Frau Holle“, D) und 1950 („Goldmarie und Pechmarie“, BRD) die Geschichte verfilmt, adaptiert Märchenfilm-Produzent Fritz Genschow 1954 das „Frau-Holle“-Märchen. Es ist zugleich die erste deutsche Farbversion. Und: Anders als im Kornblum-Stummfilm von 1928 dreht Genschow nicht nur im Atelier, sondern vor allem an Außenschauplätzen. Zudem verpasst er dem Märchen von den zwei Töchtern – die eine fleißig, die andere faul – zusätzliche Figuren und Handlungsstränge.

Obgleich die Kritik eine „in zu viele unverbundene Einzelheiten aufgelöste Darstellung“ (Filmdienst) bemängelt, wird der Märchenfilm mit dem Prädikat „wertvoll“ prämiert. Teilweise zu Recht, weil das Drehbuch Frau Holle (Renée Stobrawa) nicht nur aufs Bettenschütteln reduziert, sondern als Magna Mater („Große Mutter“) elternlosen Kindern ein Zuhause gibt. Drehort für den Märchenfilm ist auch der Park Klein-Glienicke in Berlin – mit Aufnahmen von Greifen- oder Johannitertor, Rotunde – ein Teepavillon – und Remise.

Drehort: u. a. Park Klein-Glienicke, Moorlakeweg 6, 14109 Berlin-Wannsee

Film: „Frau Holle“ (1954, R: Fritz Genschow, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Allgäu in Bayern: „Frau Holle“ schüttelt ihre Betten im Atelier aus

Allgäu in Bayern / Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Allgäu in Bayern / Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Obwohl Hubert Schongers erster Märchenfilm über „Frau Holle“ bereits 1948 uraufgeführt wird, produziert er 13 Jahre später ein Remake: „Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie“. Regie führt Peter Podehl, der einige Jahre zuvor aus der DDR ausgereist war, weil er sich als Drehbuchautor zu gegängelt fühlte. Das Märchen von der Witwe Berta (Addi Adametz), die ihre elternlose Nichte Goldmarie (Madeleine Binsfeld) aufnimmt und ihre eigene faule Tochter Marie (Iris Mayer) verhätschelt, wird in Bayern gedreht.

Und das in typischer Heimatfilm-Ästhetik: hohe Berge, weite Wiesen, blauer Himmel – und bayrische Volksmusik. Im Gegensatz dazu entsteht das unterirdische, in der Dekoration bisweilen kitschige Reich der Frau Holle (Lucie Englisch) im Studio. Die Titelfigur wird zur „Wetterfee“ und managt – dank einer Uhr – die Vorhersage, sodass es auf der Erde regnet, stürmt, schneit oder die Sonne scheint. Das hindert sie allerdings nicht daran, „in deutlicher moralischer Pointierung“ (Freund) den Fleiß zu belohnen und die Faulheit zu strafen.

Drehort: Bayern

Film: „Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie“ (1961, R: Peter Podehl, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Potsdam-Babelsberg: „Frau Holle“ im DEFA-Studio für Spielfilme

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Zwei Jahre nach dem Schonger-Film wird „Frau Holle“ das erste und einzige Mal in der DDR als Realfilm adaptiert. Alle Innen- und Außenschauplätze für den DEFA-Streifen entstehen ausschließlich in den Filmstudios von Potsdam-Babelsberg. Mehr noch: Die Drehorte werden in ihrer Ausstattung sparsam und minimalistisch dargestellt – nicht nur der Ort, an dem Marie (Karin Ugowski) mit Stiefmutter (Elfriede Florin) und Stiefschwester (Katharina Lind) lebt, sondern auch das Reich der Frau Holle (Mathilde Danegger).

Die Ausstattung in Bilderbuch-Ästhetik betont „das Detail in seiner Stellvertreterfunktion für das Ganze“ (Giera) – ähnlich wie im Schonger-Film. Doch weniger kleinteilig oder verniedlichend, eher auf das Wesentliche reduziert, erscheint die Frau-Holle-Welt. Kühl, bisweilen autoritär mit sonorer Stimme tritt die Hausherrin auf. Mit ihr ist nicht gut Schneeballwerfen. Doch die farbintensive Dekoration, eine lustige Musik oder erzählerische Ergänzungen, wie die coolen Holzfäller, lassen die angestaubte 1960er-Jahre-Moral der Titelfigur schnell vergessen.

Drehort: Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin

Film: „Frau Holle“ (1963, R: Gottfried Kolditz, DDR). Ist auf DVD erschienen.

Spreewalddorf Lehde: ARD-Märchenfilm entsteht im Freilandmuseum

Spreewalddorf und Freilandmuseum Lehde / Foto: Horst Schröder / pixelio.de

Spreewalddorf und Freilandmuseum Lehde / Foto: Horst Schröder / Pixelio.de

Es ist eines der ersten Märchen, das die ARD in ihrer „Auf-einen-Streich“-Reihe ab 2008 verfilmt. Gedreht wird im Spreewalddorf und heutigen Freilandmuseum Lehde, von dem schon Theodor Fontane in seinen „Märkischen Wanderungen“ (1861) schwärmt: „Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag (…).“ Darin lebt eine Mutter (Johanna Gastdorf) mit ihren Töchtern: der fleißigen Marie (Lea Eisleb) und der nicht sehr arbeitsfreudigen Luise (Camille Dombrowsky).

Die ARD entscheidet sich für „Out-of-Rosenheim“-Darstellerin Marianne Sägebrecht als Frau Holle. Das hätte eigentlich recht lustig werden können. Doch das Drehbuch von Marlis Ewald lässt „Zuckerbaby“ nur wenig Spielraum. Sicher, sie strahlt Wärme und Herzensgüte aus, doch wirkt Frau Holle dadurch auch eindimensional – wie im Grimmschen Märchen vor 200 Jahren. Dagegen werden die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts – die Frau-Holle-Welt entsteht im Bluescreen-Verfahren – bis zum letzten Motiv ausgereizt.

Drehorte:

  • Havelstudios Berlin, Havelchaussee 161, 14055 Berlin
  • Spreewaldmuseum Lübbenau/Lehde, Am Topfmarkt, 03222 Lübbenau/Spreewald

Film: „Frau Holle“ (2008, R: Bodo Fürneisen, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Literatur:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 81
  • Fontane, Theodor: Von Rheinsberg bis zum Müggelsee. Märkische Wanderungen Theodor Fontanes. Mit einem Nachwort von Gotthard Erler. Berlin, 1973, S. 390
  • Giera, Joachim: Frau Holle, in: Berger, Eberhard und Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 55
  • Rumpf, Marianne: Frau Holle, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Forschung. Herausgegeben von Kurt Ranke. Bd. 5, Berlin/New York, 1987, Sp. 159-168
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