Märchenhafte Drehorte: Wo Frau Holle das Bett schüttelt

Wer hat Angst vor Frau Holle? Keiner? Dabei ist die Sagengestalt nicht nur die nette Alte, die es schneien lässt. Im Märchenfilm kann sich der Zuschauer ein Bild von ihr machen. Und die Drehorte kennenlernen, an denen das Grimmsche Märchen verfilmt wird, zum Beispiel das Spreewalddorf Lehde oder den Park Klein-Glienicke in Berlin.

Frau Holle (um 1910). Illustration von Otto Ubbelohde

Frau Holle (um 1910). Illustration von Otto Ubbelohde


Frau Holle, das unbekannte Wesen? Fast jeder kennt die Titelfigur aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Hier schüttelt sie als altes Mütterchen die Betten, damit es auf der Erde schneit. In anderen Sagen wird sie hingegen als Fee und „schönes, geisterhaftes Wesen in einem langen, weißen Gewand mit einem Schleier“ beschrieben, die bezaubernd singt und ihre goldenen Locken kämmt. Manchmal soll sie auch als kleine, hässliche Frau mit „glühenden Augen [und] einem feurigen Mund“ (Rumpf) erscheinen.

Düsseldorf: Vom Spielzeug zur Filmfigur „Frau Holle“ (1920/21)

Als die Bilder ab 1895 laufen lernen, gehören Märchen zu den ersten Stoffen, die verfilmt werden. Die Geschichten, stumm für die Kinoleinwand inszeniert, faszinieren das erwachsene Publikum bis zum Beginn der 1920er-Jahre. Genau in dieser Zeit sucht die Nürnberger Firma Bing, nach eigener Aussage die „größte Spielwarenfabrik der Welt“, nach neuen Geschäftsfeldern. Als spätere Bing-Werke AG gründet das Unternehmen in Düsseldorf eine FITA-Abteilung, in der u. a. sogenannte Fitaskope (Fotobetrachter) mit Fotoserien hergestellt werden.

Hier sollen 1920/21 auch bekannte Märchen verfilmt worden sein, wie „Rotkäppchen“, „Rapunzel“, „Hänsel und Gretel“, „Dornröschen“, „Schneewittchen“ – und „Frau Holle“. Allerdings als Einakter, das sind Kurzfilme, die damals auf eine Filmrolle passen. Ob diese Adaptionen Realfilm und Puppentrick miteinander verbinden, ist nicht bekannt. Denkbar wäre, dass die nach dem Vorbild von Märchenfiguren gefertigten Bing-Spielzeugpuppen, wie Frau Holle, in den Stummfilmen ihren ersten Kinoleinwand-Auftritt haben.

Drehort: FITA-Düsseldorf (Hier mehr erfahren)

Film: „Frau Holle“ (1920/21, R: unbekannt, D).

Berlin: „Frau Holle“ (1928) als Lehrfilm anerkannt

1928 verfilmt Hanns Walter Kornblum das Märchen als Schauspielerfilm im Studio mit gemalten Kulissen. Obgleich er dabei die Vorlage der Brüder Grimm adaptiert, versucht er als Regisseur in der Titelfigur eigene Akzente zu setzen. Als seine Frau Holle (Jeanette Bethge) einerseits mit weißem Kleid, Schleier und Kopfschmuck, andererseits mit grauen Haaren und schlechten Zähnen erscheint, wird klar, dass er sie als facettenreiche, eigenwillige Figur auf der Leinwand sieht.

Kornblum verfilmt schon früh Märchen, darunter „Hänsel und Gretel“ (1921). In „Frau Holle“ zeigt er, dass er immer noch voller Ideen ist, stellt aber auch die Moral der Geschichte nicht nur in der Handlung, sondern mit Zwischentiteln heraus. So erfahren die Kinder in den Grundschulklassen, denn für sie ist der Märchenfilm gedacht, „daß dem Fleißigen die Arbeit mühelos vonstatten geht, während dem Faulen schon eine leichte Arbeit als schwere Last erscheint, […]“ (Bildwart). Dass „Frau Holle“ dafür als Lehrfilm anerkannt wird, versteht sich von selbst.

Drehort: Berlin

Film: „Frau Holle“ (1928, R: Hanns Walter Kornblum, D). Im Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin ist eine Kopie mit einer Länge von 29 Minuten vorhanden. Die ursprüngliche Fassung laut Zulassungskarte vom 20.12.1928 beträgt 44 Minuten.

Berlin: Stumme „Frau Holle“ (1934) lernt sprechen

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Obwohl sich der Tonfilm seit 1929 durchsetzt, zeigen die Kinos in Deutschland Anfang der 1930er-Jahre dennoch entweder stumme oder nachsynchronisierte Märchenfilme. Alf Zengerling, der mit seiner Berliner Firma seit 1928 Märchenstummfilme produziert, vertont ab 1930 einen Teil dieser Adaptionen und startet sie erneut.1934 kauft er vom Bildspielbund, der in Deutschland die Verwendung von Lichtbildern an den Schulen koordiniert, den Stummfilm „Frau Holle“. Der Grund: Im April 1934 wird die Organisation von den Nationalsozialisten zwangsaufgelöst.

Zengerling synchronisiert das Märchen nach und zeigt die neue Tonfilmfassung in den Kinos. Wer den Stummfilm, vermutlich in den 1920er-Jahren entstanden, ursprünglich gedreht hat, ist unbekannt. Zudem gilt der Film als verschollen. Ein Anhaltspunkt ist die Zulassungskarte vom 21. November 1935: So kommt das Märchen „Frau Holle“ auf eine Filmlänge von gut 30 Minuten. Und die Musik komponiert damals einer der bekanntesten Stummfilm-Pianisten Deutschlands: Willy Sommerfeld (1904–2007).

Drehort: unbekannt

Film: „Frau Holle“ (1934, R: unbekannt, D).

Bayern: „Frau Holle“ (1944/48) als Überläuferin

Inning am Ammersee / Foto: Wolfgang Dirscherl / Pixelio.de

Inning am Ammersee / Foto: Wolfgang Dirscherl / Pixelio.de

Im Sommer 1944 beginnen die Dreharbeiten für den ersten wirklichen Märchentonfilm „Frau Holle“. Naturfilm Hubert Schonger mit Sitz in Inning am Ammersee leitet die Produktion. Die Firma hat seit 1938 elf Märchen mit Schauspielern verfilmt, allerdings überwiegend im Atelier. Für „Frau Holle“ entstehen Außenaufnahmen in der bayrischen Provinz, weitab von Fliegeralarm und Bombardierung, die das Leben in den deutschen Großstädten bestimmen. In einem pittoresken Dorf-Milieu lebt Blondmarie (Elfie Beyer) mit Stiefmutter und Stiefschwester.

Als das fleißige Mädchen eine Spindel in den Brunnen fallen lässt, wünscht es sich, dass Frau Holle (Hertha von Hagen) ihm hilft. Bald darauf schwebt es mittels Trick auf einer Wolke ins Land der guten Alten. Die Frau-Holle-Welt wird allerdings im Studio nachgebaut. Obwohl 1944 schon viele Szenen des Märchenfilms abgedreht sind, wird er nicht fertiggestellt. Als sogenannter „Überläufer“, ein Film, der vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedreht, aber erst nach 1945 im Kino gezeigt wird, startet „Frau Holle“ 1948 in Westdeutschland und den drei Berliner Westsektoren.

Drehort: Bayern

Filmfotos: Hier klicken

Film: „Frau Holle“ (1944/48, R: Hans Grimm, D). Im Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin ist eine Kopie mit einer Länge von 58 Minuten vorhanden.

Berlin (West): Park Klein-Glienicke ist Drehort in „Frau Holle“ (1954)

Greifen- oder Johannitertor im Park Klein-Glienicke / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikipedia.de

Greifen- oder Johannitertor im Park Klein-Glienicke / Foto: Andreas F. E. Bernhard / Wikipedia.de

Nachdem Alf Zengerling 1950 („Goldmarie und Pechmarie“, BRD) die Geschichte selbst noch einmal verfilmt, adaptiert Märchenfilm-Produzent Fritz Genschow 1954 das „Frau-Holle“-Märchen. Es ist zugleich die erste deutsche Farbversion. Und: Anders als im Kornblum-Stummfilm von 1928 dreht Genschow nicht nur im Atelier, sondern vor allem an Außenschauplätzen. Zudem verpasst er dem Märchen von den zwei Töchtern – die eine fleißig, die andere faul – zusätzliche Figuren und Handlungsstränge.

Obgleich die Kritik eine „in zu viele unverbundene Einzelheiten aufgelöste Darstellung“ (Filmdienst) bemängelt, wird der Märchenfilm mit dem Prädikat „wertvoll“ prämiert. Teilweise zu Recht, weil das Drehbuch Frau Holle (Renée Stobrawa) nicht nur aufs Bettenschütteln reduziert, sondern als Magna Mater („Große Mutter“) elternlosen Kindern ein Zuhause gibt. Drehort für den Märchenfilm ist auch der Park Klein-Glienicke in Berlin – mit Aufnahmen von Greifen- oder Johannitertor, Rotunde – ein Teepavillon – und Remise.

Drehort: u. a. Park Klein-Glienicke, Moorlakeweg 6, 14109 Berlin-Wannsee

Film: „Frau Holle“ (1954, R: Fritz Genschow, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Allgäu in Bayern: „Frau Holle“ (1961) schüttelt Bett im Atelier

Allgäu in Bayern / Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Allgäu in Bayern / Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Obwohl Hubert Schongers erster Märchenfilm über „Frau Holle“ bereits 1948 uraufgeführt wird, produziert er 13 Jahre später ein Remake: „Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie“. Regie führt Peter Podehl, der einige Jahre zuvor aus der DDR ausgereist war, weil er sich als Drehbuchautor zu gegängelt fühlte. Das Märchen von der Witwe Berta (Addi Adametz), die ihre elternlose Nichte Goldmarie (Madeleine Binsfeld) aufnimmt und ihre eigene faule Tochter Marie (Iris Mayer) verhätschelt, wird in Bayern gedreht.

Und das in typischer Heimatfilm-Ästhetik: hohe Berge, weite Wiesen, blauer Himmel – und bayrische Volksmusik. Im Gegensatz dazu entsteht das unterirdische, in der Dekoration bisweilen kitschige Reich der Frau Holle (Lucie Englisch) im Studio. Die Titelfigur wird zur „Wetterfee“ und managt – dank einer Uhr – die Vorhersage, sodass es auf der Erde regnet, stürmt, schneit oder die Sonne scheint. Das hindert sie allerdings nicht daran, „in deutlicher moralischer Pointierung“ (Freund) den Fleiß zu belohnen und die Faulheit zu strafen.

Drehort: Bayern

Film: „Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie“ (1961, R: Peter Podehl, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Potsdam-Babelsberg: „Frau Holle“ (1963) im DEFA-Filmstudio

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Eingangstor zum Filmstudio Potsdam-Babelsberg / Foto: Studio Babelsberg AG

Zwei Jahre nach dem Schonger-Film wird „Frau Holle“ das erste und einzige Mal in der DDR als Realfilm adaptiert. Alle Innen- und Außenschauplätze für den DEFA-Streifen entstehen ausschließlich in den Filmstudios von Potsdam-Babelsberg. Mehr noch: Die Drehorte werden in ihrer Ausstattung sparsam und minimalistisch dargestellt – nicht nur der Ort, an dem Marie (Karin Ugowski) mit Stiefmutter (Elfriede Florin) und Stiefschwester (Katharina Lind) lebt, sondern auch das Reich der Frau Holle (Mathilde Danegger).

Die Ausstattung in Bilderbuch-Ästhetik betont „das Detail in seiner Stellvertreterfunktion für das Ganze“ (Giera) – ähnlich wie im Schonger-Film. Doch weniger kleinteilig oder verniedlichend, eher auf das Wesentliche reduziert, erscheint die Frau-Holle-Welt. Kühl, bisweilen autoritär mit sonorer Stimme tritt die Hausherrin auf. Mit ihr ist nicht gut Schneeballwerfen. Doch die farbintensive Dekoration, eine lustige Musik oder erzählerische Ergänzungen, wie die coolen Holzfäller, lassen die angestaubte 1960er-Jahre-Moral der Titelfigur schnell vergessen.

Drehort: Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin

Film: „Frau Holle“ (1963, R: Gottfried Kolditz, DDR). Ist auf DVD erschienen.

Hohe Tatra/ČSSR: „Frau Holle“ (1984/85) über den Wolken

Hohe Tatra / Foto: chris_sunshine / Pixelio.de

Hohe Tatra / Foto: chris_sunshine / Pixelio.de

Als das ZDF in den 1980er-Jahren aufwändig und zumeist in europäischen Koproduktionen Märchen verfilmt, ist darunter auch „Frau Holle“. Die deutsch-tschechoslowakisch-österreichische Adaption erinnert nur noch wenig an die Vorlage der Brüder Grimm. Die Drehbuchautoren Ľubomír Feldek und Juraj Jakubisko binden neue, slawische Motive ein und erweitern das Figurenensemble. Frau Holle, gespielt von Giulietta Masina, stellt der Film Frau Hippe (Valerie Kaplanová), eine Art Todesgöttin, gegenüber.

Die malerischen Außenaufnahmen entstehen in der damaligen ČSSR, darunter an der Lomnitzer Spitze, dem dritthöchsten Berg in der Hohen Tatra, und in den Ortschaften Rosenau sowie Martin. Die Wahl der Drehorte hat aber auch wirtschaftliche Gründe, wie Hans-Dieter Radke aus der damaligen ZDF-Redaktion „Kinder und Jugend“, einräumt: „Die ČSSR kann für uns sehr viel kostengünstiger arbeiten. Der Aufwand, den wir da treiben, wäre im Westen unbezahlbar“ (KJK 30-2/1987). Dieser hat sich aber gelohnt.

Drehorte:

  • Arwa (Landschaft)
  • Burg Súľov, Súľov-Hradná (Ortschaft)
  • Freilichtmuseum Múzeum slovenskej dediny (Museum des slowakischen Dorfes), Martin (Stadt)
  • Lomnitzer Spitze, Hohe Tatra (Gebirge)
  • Rosenau (Stadt)

Film: „Frau Holle“ (1984/85, R: Juraj Jakubisko, BRD/ČSSR/AT). Ist auf DVD erschienen.

Spreewalddorf Lehde: „Frau Holle“ (2008) entsteht im Freilandmuseum

Spreewalddorf und Freilandmuseum Lehde / Foto: Horst Schröder / pixelio.de

Spreewalddorf und Freilandmuseum Lehde / Foto: Horst Schröder / Pixelio.de

Es ist eines der ersten Märchen, das die ARD in ihrer „Auf-einen-Streich“-Reihe ab 2008 verfilmt. Gedreht wird im Spreewalddorf und heutigen Freilandmuseum Lehde, von dem schon Theodor Fontane in seinen „Märkischen Wanderungen“ (1861) schwärmt: „Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag […].“ Darin lebt eine Mutter (Johanna Gastdorf) mit ihren Töchtern: der fleißigen Marie (Lea Eisleb) und der nicht sehr arbeitsfreudigen Luise (Camille Dombrowsky).

Die ARD entscheidet sich für „Out-of-Rosenheim“-Darstellerin Marianne Sägebrecht als Frau Holle. Das hätte eigentlich recht lustig werden können. Doch das Drehbuch von Marlis Ewald lässt „Zuckerbaby“ nur wenig Spielraum. Sicher, sie strahlt Wärme und Herzensgüte aus, doch wirkt Frau Holle dadurch auch eindimensional – wie im Grimmschen Märchen vor 200 Jahren. Dagegen werden die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts – die Frau-Holle-Welt entsteht im Bluescreen-Verfahren – bis zum letzten Motiv ausgereizt.

Drehorte:

  • Havelstudios Berlin, Havelchaussee 161, 14055 Berlin
  • Spreewaldmuseum Lübbenau/Lehde, Am Topfmarkt, 03222 Lübbenau/Spreewald

Film: „Frau Holle“ (2008, R: Bodo Fürneisen, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Literatur:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005, S. 81
  • Fontane, Theodor: Von Rheinsberg bis zum Müggelsee. Märkische Wanderungen Theodor Fontanes. Mit einem Nachwort von Gotthard Erler. Berlin, 1973, S. 390
  • Giera, Joachim: Frau Holle, in: Berger, Eberhard und Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 55
  • P., H.: Filmschau. Frau Holle. In: Der Bildwart 7 (1929), H. 2
  • Rumpf, Marianne: Frau Holle, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Forschung. Herausgegeben von Kurt Ranke. Bd. 5, Berlin/New York, 1987, Sp. 159-168
  • Schmitt, Christoph: Die Welt des Märchens – neuer Programmschwerpunkt des Zweiten Deutschen Fernsehens. Gespräch mit Hans-Dieter Radke, Redaktion „Kinder und Jugend“. In: Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz (KJK) 8 (1987), H. 30-2


Headerfoto: Szenenfoto aus „Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie“ (BRD 1961)

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