Landgraf Konrad (Peter Foyse) heiratet – aber wen eigentlich? / © BR/Hubert Mican

Prinzessin Maleen (D 2015): Die wahre und die falsche Braut

Schon die Brüder Grimm loben „Jungfrau Maleen“ – so der Originaltitel – als „ausgezeichnetes Märchen“. Das findet auch die ARD und verfilmt die Geschichte über zwei Heiratskandidatinnen für ihre Reihe „Auf einen Streich“. Dabei spinnt der Märchenfilm ein vielfältiges Netz von Bezügen und Verweisen, um bestimmte Lesarten anzudeuten.

Filme arbeiten nicht selten mit einem „System von Verweisen“, das sich zum Beispiel auf historisch-kulturelles Wissen bezieht. Diese Andeutungen, die hier „auf außerhalb der Filmwelt liegende Kontexte“ (Bienk) zurückgreifen, werden ganz allgemein unter dem Begriff der Intertextualität zusammengefasst. Im klassischen Märchenfilm sind oftmals Anspielungen zu erkennen, die sich auf populäre Texte, wie die Bibel, aber auch – augenzwinkernd – auf Aberglauben beziehen, weil die Märchen in einer Zeit spielen, in der magisches Wissen genutzt wird.

Falscher Bräutigam: Raimund (Götz Otto) buhlt um die Gunst von Maleen (Cleo von Adelsheim) / © BR/Hubert Mican

Falscher Bräutigam: Raimund (Götz Otto) buhlt um die Gunst von Maleen (Cleo von Adelsheim) / © BR/Hubert Mican


So heißt das tapfere und gegen Riesen kämpfende Schneiderlein im ARD-Märchenfilm von 2008 David. Der Vorname verweist intertextuell auf den Hirtenjungen David im Alten Testament, der gegen den Riesen Goliath antritt und ebenso als Sieger hervorgeht. In „Prinzessin Maleen“, einem Märchenfilm, der wie „Das tapfere Schneiderlein“ für die ARD-Reihe „Auf einen Streich“ produziert wird, finden sich gleichfalls offensichtliche Bezüge zu anderen medialen Texten. Dabei stellt sich die wichtige Frage, welche Lesarten damit für den Zuschauer nahegelegt werden.

Maleen – zwischen Büßergestalt und modernem Frauenbild

Dass bereits die Grimmsche Märchenvorlage Anspielungen in sich trägt, zeigt der Vorname der Titelheldin: Maleen „ist [sprachlich] aus Maria Magdalena zusammengezogen“ (Lüthi) und erinnert damit an die „Gestalt der Büßerin“ (Maennersdoerfer) aus dem Neuen Testament. Der Märchenfilm verändert den Titel von „Jungfrau Maleen“ in „Prinzessin Maleen“, wohl um zeitgemäß zu wirken und ein modernes Frauenbild abzubilden. Im Kern geht es allerdings um Schein und Sein. Es ist ein Märchen von „der falschen und der rechten Braut, […].“ (Lüthi)

Kriegspläne: Baron Raimund (Götz Otto, r.) überzeugt Fürst Theodor (Günther Maria Halmer) / © BR/Hubert Mican

Kriegspläne: Baron Raimund (Götz Otto, r.) überzeugt Fürst Theodor (Günther Maria Halmer) / © BR/Hubert Mican


Maleen liebt einen Prinzen. Ihr Vater ist gegen die Heirat und mauert sie zur Strafe für sieben Jahre in einem Turm ein. Als die Zeit vorüber ist, haben Feinde „das Reich verwüstet, den König verjagt […]“. Die mittellose Maleen muss an einem Königshof in der Küche dienen. Es ist aber das Reich ihres Prinzen, der eine andere heiraten soll, „die ebenso hässlich von Angesicht als bös von Herzen war.“ Sie zwingt Maleen, bei der Hochzeit die Braut zu spielen. Doch der Prinz schöpft Verdacht, weil Maleen ihn durch vieldeutige Verse verwirrt. Als er nach der Trauung die andere zur Rede stellt, gibt sie den Schwindel zu. Der Prinz erkennt Maleen als die rechte Braut.

Magische Bezüge im Märchen werden im Film ausfabuliert

„Jungfrau Maleen“, das seit 1850 in den „Kinder- und Hausmärchen“ zu finden ist, gehört zum allgemeineren Erzähl-Typ „Prinzessin in der Erdhöhle“. In ihm steht „das Motiv der unschuldig leidenden Frau in Verbindung mit Isolation und Magddiensten, […]“ (Maennersdoerfer) im Vordergrund. Der Märchenfilm „Prinzessin Maleen“, für den der türkischstämmige Autor Su Turhan das Drehbuch schreibt, orientiert sich an der Vorlage. Zugleich nutzt er schon im Märchen vorhandene magische Bezüge und fabuliert diese aus, um die Geschichte abzurunden.

Heiratsantrag: Landgraf Konrad (Peter Foyse) bittet Maleen (Cleo von Adelsheim) um ihre Hand / © BR/Hubert Mican

Heiratsantrag: Landgraf Konrad (Peter Foyse) bittet Maleen (Cleo von Adelsheim) um ihre Hand / © BR/Hubert Mican


Das zeigt sich am Beginn, als der Zuschauer die Heldin Maleen (Cleo von Adelsheim) kennenlernt. Sie ist ein naturverbundenes Wesen, das die Blumen im Schlossgarten liebt und sogar einem Brennnesselstrauch sein Dasein nicht abspricht. Obwohl in einer Parkanlage des 17. Jahrhunderts, denn zu dieser Zeit spielt die Handlung, vieles wachsen darf, aber sicher keine Brennnesseln, so kennt der Leser dieses unscheinbare Kraut schon aus der Vorlage: Als sich Maleen aus dem Turm befreit hat, muss „sie ihren Hunger an einem Brennnesselstrauch stillen […]“.

Brennnessel verweist als Aphrodisiakum auf die Liebe

Im Film hat die magische Pflanze schon in der Exposition ihren ersten Auftritt. Und es ist kein Zufall, dass gerade Maleens Verlobter, Landgraf Konrad (Peter Foyse), hinzutritt als sie einen selbst verfassten Lobreim auf den „krautigen Brennnesselstrauch“ rezitiert. Denn die Brennnessel ist nicht nur eine exzellente Heil- und Esspflanze, sondern auch ein Aphrodisiakum, von dem „Wirksamkeit im Liebeszauber […] bis in die neueste Zeit erwartet [wird].“ (Harmening) Somit verweist die Brennnessel auch ein wenig auf die Liebe zwischen Prinzessin Maleen und Konrad.

Überlebenskampf: Prinzessin Maleen (Cleo von Adelsheim) stillt mit Brennnesseln ihren Hunger / © BR/Hubert Mican

Überlebenskampf: Prinzessin Maleen (Cleo von Adelsheim) stillt mit Brennnesseln ihren Hunger / © BR/Hubert Mican


Fürst Theodor (Günther Maria Halmer), Maleens Vater, will von dieser Liebe nichts wissen. Denn seine Tochter soll Baron Raimund (Götz Otto), einen Kriegstreiber, heiraten. Als die Prinzessin sich weigert, sperrt sie der Fürst für sieben Jahre in einen Wehrturm, damit sie zur Vernunft kommt. Konrad wird vom Fürstenhof gejagt. Weil die „Helden des Märchens […] die ewige Jugend [besitzen]. […] keine Zeitspanne […] und die schlimmsten Schicksalsfälle“ (Lüthi, 1) ihr Aussehen ändern, hinterlassen die sieben Jahre auch bei Maleen keine äußerlichen Spuren.

Archetypen wie Mentor und Verbündeter helfen Maleen

Trotzdem verliert die Adaption hier an Wirkung, weil Maleen, wie schon in der Vorlage, „einen jämmerlichen Tod“ vor Augen hat und „das Letzte“ versucht, um die Mauer des Turms zu durchbrechen. Im Märchenfilm spürt der Zuschauer davon wenig. Doch ein Märchenfilm darf hier spannend in Bildern erzählen, die filmischen Mittel nutzen und den Zuschauer mitfiebern lassen. Eine Dramatik entsteht hier nur aus den Monologen der Titelheldin, die zwar – in Versform gesprochen – an die Liebe Maleens zu Reim und Poesie erinnern, aber letztlich zu schwach sind.

Verbündeter: Der stumme Peter (Lucas Reiber) hilft Maleen (Cleo von Adelsheim) uneigennützig / © BR/Hubert Mican

Verbündeter: Der stumme Peter (Lucas Reiber) hilft Maleen (Cleo von Adelsheim) uneigennützig / © BR/Hubert Mican


Besser gelingt die Idee, sinnhaft neue Helferfiguren in die Handlung zu integrieren. Einerseits den weisen Greis (Peter Mitterrutzner): Maleen trifft den Alten, der nach den Archetypen von Christopher Vogler als „Mentor“ auftritt, als sie sich aus dem Turm befreit hat. Er motiviert Maleen, an sich zu glauben und ihr Glück aktiv zu suchen. Andererseits stellt ihr das Drehbuch den stummen Peter (ausgezeichnet gespielt von Lucas Reiber) als „Verbündeten“ zur Seite, der sie vor dem Hungertod rettet und ihr eine Stellung als Küchenmagd verschafft.

Name und Muttermal lassen sich als Hexenzeichen deuten

Dass Maleen am Hof ihres Verlobten Konrad Obdach gefunden hat, weiß sie anfangs nicht. Der arme Landgraf soll auf Raten seines Gutsverwalters Lothar (Thorsten Nindel) endlich heiraten – und zwar die reiche Walpurga von Schwarztal (Mariella Ahrens). Ihr Vorname erinnert an die Walpurgisnacht, das Fest zu Ehren der Heiligen Walpurgis (auch Wal[d]burg[a]), an dem die Hexen vertrieben werden. Die historische Walpurgis war allerdings keine Hexe, sondern eine Missionshelferin (Harmening). Dennoch rückt der Name die Trägerin in die Hexen-Ecke.

Falsche Braut: Walpurga (Mariella Ahrens) will Landgraf Konrad (Peter Foyse, r.) heiraten / © BR/Hubert Mican

Falsche Braut: Walpurga (Mariella Ahrens) will Landgraf Konrad (Peter Foyse, r.) heiraten / © BR/Hubert Mican


Diese Vorahnung bestätigt ein großes Muttermal auf ihrer rechten Gesichtshälfte, das sie – ihrer Meinung nach – entstellt (Maske: Gerhard Nemetz, Jeanette Tripodi). Deshalb trägt sie fast immer einen Schleier. Im Aberglauben gilt ein Muttermal auch als Hexenmal, das „der Teufel den Hexen zur Besiegelung des Teufelspaktes […] mit seiner Hand o. Klaue […] aufdrückt.“ (Harmening) Ihr teuflisches Vorhaben, den Landgrafen Konrad nach der Hochzeit zu vergiften, unterstützt die Hexenvermutung vollends, obwohl sie keine Hexe ist, sondern eine Frau, deren Umwelt sie erst zudem gemacht hat, was sie eigentlich ist: eine bemitleidenswerte Kreatur.

Im Wein liegt die Wahrheit (und manchmal auch der Tod)

Walpurga will mit einem vergifteten Glas Rotwein der Sorte „Cabernet Sauvignon 1665“ Konrad töten. Das Jahr auf dem Flaschenetikett verweist nochmals auf das Setting des Märchenfilms, obwohl umstritten ist, wann diese Weinsorte erstmals gekeltert wird (Ausstattung: Hermann Gross, Bea Kosubek). Durchaus spielt Wein auch eine Rolle in Magie und Zauberei. Und: Einerseits ist er „Saft des Lebens, bedeutet Wahrheit (»in vino veritas«, »im Wein ist Wahrheit«) […]“, andererseits gilt Wein als „Blut Christi“ (Harmening). Leben und Tod ganz nah beieinander.

Wahre Braut: Maleen (Cleo von Adelsheim) hat Konrad (Peter Foyse) erkannt, aber er sie nicht / © BR/Hubert Mican

Wahre Braut: Maleen (Cleo von Adelsheim) hat Konrad (Peter Foyse) erkannt, aber er sie nicht / © BR/Hubert Mican


Wie in der Vorlage legt Maleen unfreiwillig das Brautkleid an und tritt mit Konrad vor den Altar, weil Walpurga befürchtet, der Bräutigam könne wegen ihres Aussehens einen Rückzieher machen. An dieser Stelle bewährt sich die Drehbuchidee, bereits am Beginn Maleens Liebe zum poetischen Reimen in den Vordergrund zu rücken: Sie, verschleiert und damit unkenntlich, lenkt Konrads Interesse mit vieldeutigen Versen auf sich. Maleens Reime „auf dem Höhepunkt der Handlung [bringen zwar noch nicht] den Durchbruch zu einem glücklichen Ende […]“ (Zymner), aber sie geben einen wichtigen Schub: „Kirchentrepp brich nicht, bin die rechte Braut nicht!“

Im juristischen Sinn mag das für den Moment stimmen, „aber im tiefern Sinn ist sie doch die rechte Braut, das wird schließlich offenbar.“ (Lüthi)

Film: „Prinzessin Maleen“ (2015, R: Matthias Steurer, D). Auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Biotop Castelfeder, Südtiroler Unterland, Italien
  • Ruine Mayenburg, Südtirol, Italien
  • Schloss Englar, Pigeno, 42, 39057 Eppan an der Weinstraße, Bozen, Italien
  • Schloss Lebenberg, Lebenbergstraße 17, 6370 Kitzbühel, Österreich
  • Schloss Moos-Schulthaus, Schulthauserweg 4, 39057 Eppan an der Weinstraße, Bozen, Italien

Literatur:

  • Bienk, Alice: Filmsprache. Einführung in die interaktive Filmanalyse. Marburg, 2006, S. 101f.
  • Brüder Grimm: Jungfrau Maleen, in: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 2007, Bd. 2, S. 419-425.
  • Harmening, Dieter: Wörterbuch des Aberglaubens. Stuttgart, 2005, S. 85 (Brennnessel), S. 211 (Hexenmal), S. 441f. (Walpurgisnacht), S. 449 (Wein).
  • Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. 3., unveränderte Auflage. Göttingen, 1989, S. 117, 123f.
  • Ders. (1): Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. 11., unveränderte Auflage. Tübingen, 2005, S. 21.
  • Maennersdoerfer, Maria Christa: Prinzessin in der Erdhöhle, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 10, Berlin/New York, 2002, Sp. 1337, 1339.
  • Zymner, Rüdiger: Vers, Verse, in: ebd. Bd. 14, Berlin/New York, 2014, Sp. 110.


Headerfoto: Landgraf Konrad (Peter Foyse) heiratet – aber wen eigentlich? / © BR/Hubert Mican

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