Zwischen Held und Opfer: Der kleine Muck im Märchenfilm

Zwischen Held und Opfer: Der kleine Muck im Märchenfilm

Figuren mit Behinderung im Märchenfilm? Drehbuchautoren und Regisseure tun sich oft schwer mit dem Thema. Wilhelm Hauffs „Der kleine Muck“ weiß das aus eigener Erfahrung.

Wer an Märchenfiguren denkt, dem fallen wohl zuerst schöne Prinzessinnen oder edle Prinzen auf weißen Pferden ein, die als Idealtypen immer auch ein wenig zur Identifikation einladen. Dabei ist das Märchenland nicht nur ein Laufsteg der Reichen und Schönen – oft auch ein „Freakland“ (Eggli 2007).

In dem begegnen blinde, bucklige, kleinwüchsige oder verstümmelte Gestalten. Dennoch spielen „alters- oder geburtsbedingte Behinderungen“ und „Einstellungen Nichtbehinderter zu Behinderten“ (Uther 2002) im Volksmärchen selten eine größere Rolle.

Der kleine Muck mit Frau Ahavzi: Illustration von Bertall (1820–1882)

Der kleine Muck mit Frau Ahavzi: Illustration von Bertall (1820–1882)

Im Kunstmärchen schon eher, zum Beispiel in Wilhelm Hauffs „Die Geschichte von dem kleinen Muck“, die er 1825 für seinen ersten Märchen-Almanach dichtet: Der Teenager Muck – ein armes Waisenkind mit körperlicher Behinderung – zieht in die Welt hinaus und erlebt märchenhafte Abenteuer.

So kommt er in den Besitz von Zauberpantoffeln und einem Wunderstöckchen. Als Ober-Leibläufer macht er Karriere am Königshof, fällt aber in Ungnade. Am Ende rächt er sich bei seinen Feinden mit köstlichen, aber besonderen Feigen: Wer diese isst, dem wachsen große Ohren und eine lange Nase.

Kleinwüchsig mit ungewöhnlichen Proportionen

Doch, wie schaut dieser kleine Muck eigentlich aus? Im Märchen beschreibt ihn Hauff als „sonderbare Gestalt“, die „nur 3–4 Schuh hoch“ ist. Ein Schuh (oder: ein Fuß) ist ein noch im 19. Jahrhundert gebräuchliches Längenmaß, das im damaligen Württemberg – Hauffs Wohnort – 28,6 Zentimeter entspricht.

Der kleine Muck mit dem Ober-Leibläufer: Illustration von Bertall (1820–1882)

Der kleine Muck mit dem Ober-Leibläufer: Illustration von Bertall (1820–1882)

Und: „[…] sein Leib, so klein und zierlich er war, musste einen Kopf tragen, viel größer und dicker, als der Kopf anderer Leute; […].“ Der literarische Muck ist demnach ein kleinwüchsiger Kerl mit ungewöhnlichen Proportionen.

Neben körperlicher Behinderung wird ihm auch noch Dummheit verpasst, denn Mucks Vater konnte seinen Sohn „nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schämte, und ließ ihn […] in Unwissenheit aufwachsen“.

Doch der Eindruck täuscht: Als „Dummling“ wird der kleine Muck zwar von seiner Umwelt gehänselt („Bist ein braver, kleiner Zwerg, Hast ein Köpflein wie ein Berg“) – zugleich aber auch verkannt, denn er steht für „eine spezielle Ausprägung des unpromising hero, des unterschätzten Helden“ (Lüthi).

„Der kleine Muck“: 3-mal in Deutschland verfilmt

Genau das macht den kleinen Muck zu einer vielschichtigen Märchenfigur. Den frühen Durchbruch als Filmfigur auf der Kinoleinwand verdankt Hauffs Märchen aber eher dem orientalischen Setting aus Tausendundeiner Nacht und den spektakulären, tricktechnisch exzellent umgesetzten Zaubergaben.

Diese lässt Muck im Haus der Frau Ahavzi – eine schrullige Alte, die er um Essen und Trinken bittet – mitgehen: Pantoffeln, mit denen er fliegen kann und ein Stöcklein, das zeigt, wo Schätze vergraben sind. Aber, wie setzt der Film dabei die Figur des kleinen Mucks selbst um?

Ein Blick in deutsche Filmarchive zeigt, dass Hauffs Märchen bisher dreimal fürs Kino adaptiert wird:

Drei ganz unterschiedliche gesellschaftspolitische Epochen mit verschiedenen filmtechnischen Möglichkeiten (Stummfilm, Tonfilm, Schwarzweiß-/Farbfilm) und drei Regisseure, die wiederum unterschiedliche Akzente setzen in der Darstellung von Behinderung – oder Nicht-Behinderung des kleinen Mucks.

„Der kleine Muck – Ein Märchen aus dem Morgenlande“ (D 1921)

Als 1920/21 die Kulturabteilung der Universum-Film AG (Ufa) erstmals den „Kleinen Muck“ verfilmt, ist das nicht nur eine Premiere für das Märchen selbst – weil das Team bis dato überwiegend Dokumentar- und Lehrfilme dreht.

Der kleine Muck (1921): Ein gemaltes Kinoplakat bewirbt den Märchenfilm / Quelle: Universum-Film AG (Ufa)

Der kleine Muck (1921): Ein gemaltes Kinoplakat bewirbt den Märchenfilm / Quelle: Universum-Film AG (Ufa)


Auch wird mit „Der kleine Muck – Ein Märchen aus dem Morgenlande“ zum ersten Mal ein Märchen als Familienfilm produziert, der im Kino das geltende „Jugendlichenverbot“ (Der Film 1921) für Kinder geschickt umgeht – höhere Umsätze für die Ufa und glückliche Lichtspielhausbesitzer inklusive.

Johannes Meyer und Wilhelm Prager schreiben für den Stummfilm das Drehbuch. Prager führt auch Regie. Die Zwischentitel zeigen, dass nah an Hauffs Vorlage adaptiert und seine Rahmenhandlung genutzt wird.

‚Andersartige’ schwarze Märchenfigur

Muck, den „Kinder oft ärgerten“, wird als „arm und unwissend“ beschrieben, der von „hartherzigen Verwandten“ weggejagt wird. Seine soziale Situation erweckt beim Zuschauer Mitgefühl. Charakterisiert wird er zudem durch sein armseliges Äußeres, denn „des Vaters Kleider waren Mucks einziges Erbteil“.

Der kleine Muck (1921): Der schwarze Kinderschauspieler Willy Allen in der Titelrolle / Quelle: Universum-Film AG (Ufa)

Der kleine Muck (1921): Der schwarze Kinderschauspieler Willy Allen in der Titelrolle / Quelle: Universum-Film AG (Ufa)


Mit einem „ungeheuren Turban“, den er auf seinem „riesigen Wuschelkopf“ trägt – so damalige Kritiken –, wird ein komisches und lustiges, aber zugleich auch fremdes ‚Anderssein’ vermittelt. Denn die Titelfigur spielt der damals zwölfjährige, nicht-behinderte Willy Allen, Sohn eines ostafrikanischen Banjo-Spielers und einer deutschen Musikerin.

Allen bedient hier auf der Leinwand „das koloniale Klischee des ‚niedlichen’, vor allem aber ungefährlichen Schwarzen Kindes“ (Verwobene Geschichte*n), dem das weiße Publikum im Zuschauerraum entzückt folgt. Der orientalische Märchenheld wird somit zwar als physisch ‚normale’, aber eben doch ‚andersartige’, hier schwarze Märchenfigur inszeniert.

„Der kleine Muck – Ein Märchen für große und kleine Leute“ (D 1944)

Als das Märchen 1943/44 erneut verfilmt wird, greift Regisseur Franz Fiedler auf ein bereits bekanntes Bühnenstück von 1930/31 zurück. Diese Theaterversion von Friedrich Forster-Burggraf erlebt im „Dritten Reich“ ein furioses Comeback – und wird auch fürs Kino von Ruth Hoffmann, der Ehefrau des Regisseurs, bearbeitet.

Der kleine Muck (1944): Die Titelfigur (Willy Puhlmann) mit Stock, Charme und Melone / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK)

Der kleine Muck (1944): Die Titelfigur (Willy Puhlmann) mit Stock, Charme und Melone / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK)


Anders als in Hauffs Vorlage und im Stummfilm wird das Setting ins deutsche Barock verlegt. Der kleine Muck ist hier der Sohn eines Schmiedes: ein Waisenkind mit Schulden, das von fiesen Gläubigern bedrängt wird. Zwar ist der Held ebenso verarmt, doch flickt er fleißig seine Hosen und hinterlässt beim Zuschauer einen ‚sauberen’ Eindruck: arm, aber ordentlich.

Dass der nicht-behinderte Kinderschauspieler Willy Puhlmann die Hauptrolle übernimmt, überrascht nicht. Gewiss stehen in einigen NS-Märchenfilmen kleinwüchsige Darsteller vor der Kamera, zum Beispiel in „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (D, 1939, R: Carl Heinz Wolff) oder als fleißige Kobolde in „Die Heinzelmännchen“ (D, 1939, R: Hubert Schonger).

Behinderte Identifikationsfigur im NS-Kino?

Doch sind das eher Nebenrollen, die auf Humor und Komik ausgelegt sind. Denn: Eine behinderte Identifikationsfigur ist für das NS-Kino problematisch, vor allem vor dem Hintergrund der sogenannten „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – die damals die systematische Ermordung von psychisch kranken und geistig behinderten Menschen bedeutet.

Der kleine Muck (1944): Willy Puhlmann spielt die Rolle frech und mutig / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK)

Der kleine Muck (1944): Willy Puhlmann spielt die Rolle frech und mutig / Quelle: Stiftung Deutsche Kinemathek (SDK)


Vielleicht ist auch deshalb der kleine Muck des „Dritten Reichs“ so betont mutig, tapfer, klug und voller Tatendrang – ohne körperliche Beeinträchtigung und mit weißer Hautfarbe, der immer einen frechen Spruch auf den Lippen hat.

„Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR 1953)

Zehn Jahre später wagt sich Regisseur Wolfgang Staudte an eine neue Verfilmung. Im DDR-Sozialismus der 1950er-Jahre lehnt sich „Der kleine Muck“ wieder mehr an der Hauff’schen Vorlage an – nicht nur in Ausstattung mit Setting (Orient) und Kostümen.

Die Geschichte vom kleinen Muck (1953): Mucks Vater (Wilhelm Otto Eckhardt, l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff) / Quelle: MDR

Die Geschichte vom kleinen Muck (1953): Mucks Vater (Wilhelm Otto Eckhardt, l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff) / Quelle: MDR


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DDR reloaded: Der identitätsstiftende DEFA-Märchenfilm

Neu ist, dass die Kamera Mucks Leben als einen behinderten Menschen in einer Welt von nicht-behinderten Menschen einfängt. Als buckliger alter Muck (Johannes Maus), der wegen seines Aussehens verspottet wird, zwingt er eine Meute Kinder, seine Lebensgeschichte – die des kleinen Mucks – anzuhören.

Alltagssituationen – der vergebliche Versuch vom Vater, seinen behinderten Sohn in einer Schule anzumelden oder das Scheitern Mucks, eine Arbeit zu finden – bebildern Ausgrenzung und Diskriminierung. Dass das nicht mit dem Holzhammer geschieht, ist Drehbuchschreiber Peter Podehl zu verdanken – und dem liebenswert-naiven Schauspiel von Thomas Schmidt als kleinem Märchenhelden mit großem Turban.

Kein Held. Kein Opfer. Einfach ein Mensch

Sein glatt gebürsteter Charakter und „subjektive Kameraeinstellungen“ (Kümpel 2009), die Muck oft als „Opfer“ darstellen, sind da fast vergessen. Am Schluss des DEFA-Films wird den Kindern klar, dass sie dem buckligen alten Mann unrecht getan haben.

Anders als in der Hauff’schen Vorlage, in der Muck „in großem Wohlstand, aber einsam [lebt], denn er verachtet die Menschen“, ist er am Ende des DDR-Märchenfilms kein Menschenfeind, sondern ein Menschenfreund: zwar arm an materiellen Dingen, doch reich an Respekt, Anerkennung und echten Freunden. Kein Held. Kein Opfer. Einfach ein (sozialistischer) Mensch.

Umso interessanter wäre eine neue Adaption des Märchens im 21. Jahrhundert. Dabei sollte Behinderung aber ebenso als ein „selbstverständlicher Teil des Lebens“ im Mittelpunkt stehen – weitab von „Klischees, wie das Opfer oder den Superhelden“ (Gehlhaar).

Filme:

  • „Der kleine Muck – Ein Märchen aus dem Morgenlande“ (D, 1921, R: Wilhelm Prager). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.
  • „Der kleine Muck – Ein Märchen für große und kleine Leute“ (D, 1944, R: Franz Fiedler). Ist auf VHS erschienen.
  • „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (DDR, 1953, R: Wolfgang Staudte). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Verwendete Quellen:

  • Der Film 8 (1921), S. 47
  • Eggli, Ursula: Von der Fee mit den vier Rädern am Hintern, dem blinden Maulwurf und dem Zauberer, der sich sehnlichst ein Holzbein wünschte. In: Crain, Fitzgerald (Hrsg.): Dummlinge, bucklige Hexen, böse Stiefschwestern. Vom Umgang des Märchens mit Behinderung. Bern/Stuttgart/Wien, 2007
  • Film-Kurier, 12.2.1921
  • Film-Prüfstelle: Zulassungskarte „Der kleine Muck“ (Schmalfilm), Prüf-Nr. 41039, 6.1.1936 (erneute Zulassung)
  • Gehlhaar, Laura: Drama, Scherben, Wunderheilung – Klischees der Behinderung in Film und Fernsehen. In: Leidmedien.de – Über Menschen mit Behinderung berichten (vom 13.7.2012, abgerufen: 30.8.2021)
  • Hauff, Wilhelm: Sämtliche Märchen. Mit den Illustrationen der Erstdrucke. Herausgegeben von Hans-Heino Ewers. Stuttgart, 2002
  • Kümpel, Patricia: Zur Stilistik der DEFA-Märchen. Exemplarische Analysen zur filmischen und narrativen Gestaltung von Märchenverfilmungen aus der ehemaligen DDR. Saarbrücken, 2009
  • Lüthi, Max: Dummheit. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 3, Berlin/New York, 1981
  • Uther, Hans-Jörg: „Ein Blinder sieht weiter als der Sehende mit zwei Augen“. Behinderte in Volkserzählungen. In: Lox, Harlinda/Vogt, Renate (Hrsg.): Abenteuer am Abgrund. Risiko und Ressource des Märchenhelden. Außenseiter im Märchen. Krummwisch, 2002
  • [o. A.]: Willy Allen (1909–1969). In: Verwobene Geschichte*n – Themen. Menschen. Orte. (abgerufen: 30.8.2021)

Weiterführende Literatur: Helduser, Urte: Monster und Freaks. Kulturelle Konstruktionen körperlicher (A-)Normalität, in: Der Deutschunterricht, 5/2010

Headerfoto: Die Geschichte vom kleinen Muck (DDR 1953): Die Titelfigur (Thomas Schmidt) bei der Frau Ahvazi (Trude Hesterberg) / Foto: MDR

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