Archiv für den Monat: September 2022

Märchenhafte Drehorte: Wo das tapfere Schneiderlein die Riesen überlistet

Märchenhafte Drehorte: Wo das tapfere Schneiderlein die Riesen überlistet

Es gehört zu den beliebtesten Märchenfiguren: das tapfere Schneiderlein. Schon früh legt es Nadel und Faden beiseite und wandert mutig durch Filmkulissen. Das sind die Drehorte im deutschen und österreichischen Märchenfilm.

Sein Slogan „Sieben auf einen Streich“ inspirierte sogar die ARD, als sie ihre 2008 gestartete Märchenfilmreihe – leicht abgewandelt – „Sechs auf einen Streich“ nannte. Soviel Ruhm und Ehre wird nicht jedem Märchenheld zuteil.

Gerade auch, weil das tapfere Schneiderlein als eine ambivalente Figur gilt. Ist es anfangs ein „lächerliche[r] Aufschneider“, so entwickelt es sich zum Ende hin durchaus zu „eine[r] Identifikationsfigur, nicht nur für Kinder und sozial Niedrigstehende, sondern für ein sehr breites Publikum“ (van der Kooi 2010, Sp. 216).

Die zwei bekanntesten deutschen Fassungen des Schwankmärchens stammen von den Grimms („Das tapfere Schneiderlein“, 1819) und Ludwig Bechstein („Vom tapfern Schneiderlein“, 1845).

Worüber erzählt „Das tapfere Schneiderlein“?

Hier wie dort erschlägt es in seiner Schneiderstube sieben Fliegen, als sich diese auf seinen Apfel beziehungsweise sein Musbrot setzen. Plötzlich fühlt es sich als „Held“, und schreibt auf seine Ritterrüstung oder seinen Gürtel: „Sieben auf einen Streich“. Jeder denkt aber, es hätte sieben Kerle erschlagen und hat Respekt vor ihm.

Das tapfere Schneiderlein (1904): Der Maler Paul Hey (1867–1952) illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Das tapfere Schneiderlein (1904): Der Maler Paul Hey (1867–1952) illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Mit einem Stück Käse und einem Vogel zieht das Schneiderlein in die Welt hinaus. Damit überlistet es bravourös zwei Riesen, die es töten wollen, und gelangt später zu einem König. Für ihn soll der Held die zwei Riesen ausschalten sowie ein Einhorn und ein Wildschwein fangen. Meisterhaft besteht das Schneiderlein die schwierigen Aufgaben mit Klugheit und Fantasie. Dafür erhält es am Ende die Königstochter zur Frau und das halbe Königreich.

Burg Kreuzenstein/Leobendorf: „Das tapfere Schneiderlein“ (AT 1921)

Das tapfere Schneiderlein (o. J.): Paul Hey / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Das tapfere Schneiderlein (o. J.): Paul Hey / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Schon früh wurde das Märchen mit Schauspielerinnen sowie Schauspielern in Filmstudios oder an Außendrehorten adaptiert. Im deutschsprachigen Raum ist hier der österreichische Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“ (AT, 1921, R: Rudolf Walter, auch: Walter-Cocl) zu nennen. Kein Geringerer als Eduard von Borsody (1898–1970) stand hinter der Kamera. Die 1919 gegründete Staatliche Filmstelle, Wien, produzierte den Streifen.

In dem 30-minütigen prächtig fotografierten und humorvollen Stummfilm übernahm der damals populäre Komiker Josef „Seff“ Holub (1890–1965) die Rolle der Titelfigur. Seine drahtige und schmale Physiognomie entsprach der Märchenvorlage, die den Helden als „leicht und behend“, aber „schwach“ beschreibt. Zudem spielte Karl Etlinger (1879–1946) mit (u. a. „Die Feuerzangenbowle“, D, 1944, R: Helmut Weiss).

Die gute Nachricht: Der österreichische Märchenfilm hat sich im Filmarchiv Austria in voller Länge erhalten – und wurde im Atelier und an Außenschauplätzen gedreht. Dabei nimmt sich die anfangs gezeigte Schneiderwerkstatt, die vermutlich im Studio entstand, offenbar eine Illustration von Ludwig Richter (1803–1884) zum Vorbild: So sitzt auch die Filmfigur auf einem Schneidertisch, der vor einem großen Rundbogenfenster steht, und näht aus Leibeskräften.

Vom tapfern Schneiderlein (1853): Ludwig Richter illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki

Vom tapfern Schneiderlein (1853): Ludwig Richter illustrierte es / Quelle: Grimm-Bilder Wiki


Auf seiner Wanderung kommt das Schneiderlein an der nahe Wien gelegenen Burg Kreuzenstein vorbei, die als „Königspalast“ zur Filmkulisse wurde – wie ein extra aufgestellter Wegweiser in Sütterlinschrift kundtut. Hier entstanden zum Beispiel Szenen im ersten Hof der 1945 stark zerstörten Burganlage sowie vor dem pittoresken Burgbrunnen, wo sich die Titelfigur auf einer Bank ausruht.
Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Die Titelfigur (Josef Holub) vor dem Drehort Burg Kreuzenstein / Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO

Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Die Titelfigur (Josef Holub) vor dem Drehort Burg Kreuzenstein / Quelle: Österreichische Nationalbibliothek/ANNO


Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Die Burg Kreuzenstein im 21. Jahrhundert / © Alisha/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Die Burg Kreuzenstein im 21. Jahrhundert / © Alisha/pixelio.de


Dass Kreuzenstein bewusst für den Märchenfilm ausgesucht wurde, begründete der Leiter der Staatlichen Filmstelle, Karl Imelski (1887–1938) einst mit den Worten: weil sie „selbst Wahrheit gewordenes Märchen verklungener Zeiten“ (Neues Wiener Tagblatt, 22.9.1920) sei.
Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Der Laubengang in einer Fotografie von 2011 / © Günter Hommes/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (AT 1921): Der Laubengang in einer Fotografie von 2011 / © Günter Hommes/pixelio.de


Der „Königspalast“ setzte sich dennoch aus mindestens zwei Drehorten zusammen. Dazu gehörte der Laubengang im Kronprinzengarten von Schloss Schönbrunn in Wien: Zwei Adlige durchschreiten ihn, um dem König vom Helden „Sieben auf einen Streich“ zu berichten. Wo sich der Außendrehort befindet, an dem das auf einem Baum sitzende Schneiderlein die zwei Riesen foppt, ist allerdings nicht auszumachen. Doch auch hier geht die Titelfigur als Sieger hervor.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (AT, 1921, R: Rudolf Walter, auch: Walter-Cocl). Ist im Filmarchiv Austria (Wien) erhalten.

Drehorte: u. a.

  • Burg Kreuzenstein, Kreuzensteiner Straße, 2100 Leobendorf, Österrreich
  • Schlosspark Schönbrunn, Schönbrunner Schlossstraße 47, 1130 Wien, Österreich

Verwendete Quellen:

„Das tapfere Schneiderlein“ (D 1921)

Ob die österreichische Verfilmung von 1921 auch in den deutschen Kinos startete, ist bislang noch unklar. Denn auch ein deutscher Märchenstummfilm „Das tapfere Schneiderlein“ feierte im selben Jahr seine Kinopremiere: Dieser gilt aber als verschollen.

Überliefert ist nur, dass der ebenso halbstündige Streifen am 29. Juni 1921 von der Filmprüfstelle – einer Behörde, die über die Kinozulassung entschied – freigegeben wurde. Als Produktionsfirma wird Amboß-Film Dworsky & Co. aus Berlin angegeben, die in den 1910er- und 1920er-Jahren auch Fantasyfilme herstellte, wie „Der Ring der drei Wünsche“ (D, 1918, R: Arthur Wellin).

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (D, 1921, R: [unbekannt]). Gilt als verschollen.

Drehort: [unbekannt]

Filmstudio/Berlin: „Das tapfere Schneiderlein“ (1941)

Als sich zu Beginn der 1930er-Jahre der Tonfilm durchsetzte, gehörte „Das tapfere Schneiderlein“ anfangs nicht zu den Märchen, die jetzt mit sprechenden Figuren adaptiert wurden. Erst 1941 wurde es wieder, nun im nationalsozialistischen Märchenkino, verfilmt. Drehbuchschreiber und Regisseur Hubert Schonger (1897–1978) entschied sich für eine aufwändige Studioproduktion, die im dritten Kriegsjahr vermutlich im Berliner Tobis-Lignose-Atelier entstand.

Filmarchitekt Carl Ludwig Kirmse (1888–1982) stellte das Märchen in die Epoche des Rokoko (1730–1780), „weil gerade diese Zeit einer überfeinerten Kultur einen plastischen Gegensatz zu dem naturhaften, naiven, volkstümlichen Element gibt, das das Schneiderlein verkörpert“, wie Schonger in einem propagandistisch etwas zugespitzten Vorwort zum Drehbuch schrieb („Dem Mutigen gehört die Welt“).

Das tapfere Schneiderlein (1941): Die mittelalterliche Gasse entstand im Filmatelier / Quelle: SDK

Das tapfere Schneiderlein (1941): Die mittelalterliche Gasse entstand im Filmatelier / Quelle: SDK


Das tapfere Schneiderlein (1941): Der Königspalast erinnert an Schloss Solitude in Stuttgart / Quelle: SDK

Das tapfere Schneiderlein (1941): Der Königspalast erinnert an Schloss Solitude in Stuttgart / Quelle: SDK


Das tapfere Schneiderlein (1941): Die Titelfigur (Hans Hessling) mit den beiden Riesen / Quelle: SDK

Das tapfere Schneiderlein (1941): Die Titelfigur (Hans Hessling) mit den beiden Riesen / Quelle: SDK


Deshalb stehen sich einerseits die Gasse einer pittoresken, altdeutschen Kleinstadt, in der sich auch die einfache Schneiderstube des Helden (Hans Hessling, 1903–1995) befindet, andererseits die repräsentativen Säle im Königsschloss gegenüber: Hier dominieren wiederum verspielte, grazile Rocaille-Motive mit ihrem typischen C-Schwung, die eben jene Überfeinerung, aber auch eine gewisse Entfremdung des Hofes widerspiegeln sollen.

Zudem baute man die schaurige Höhle der beiden Riesen (Wolfgang von Schwind [1879–1949], Kurt Zehe [1913–1969]) im Studio nach. Im Unterschied zur Grimm’schen und Bechstein’schen Vorlage führt der Held die beiden Goliaths schon beim ersten Zusammentreffen so an der Nase herum, dass sie sich beide in ihrer Höhle gleich selbst erschlagen.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (D, 1941, R: Hubert Schonger). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Es ist vermutlich das Tobis-Lignose-Atelier (vormals: Rex-Atelier) in Berlin-Wedding, Sellerstraße 35/Ecke Müllerstraße 182–183.

DEFA-Filmstudio/Potsdam: „Das tapfere Schneiderlein“ (1956)

15 Jahre später wurde das Märchen erneut verfilmt, diesmal in der DDR von der Deutsche Film AG, kurz: DEFA, dem staatlichen Filmstudio. Die Adaption hat besonders im Jahrzehnt ihrer Entstehung, der 1950er-Jahre, viele Negativschlagzeilen produziert. Grund war eine ideologische Anpassung, weil der Titelheld zum „Volkshelden gegen feudale Unterdrücker“ (Richter-de Vroe 1990, S. 21) aufstieg. Das kritisierten DDR-Filmfunktionärinnen und -funktionäre scharf.

Diese Diskussion versperrte allerdings lange Zeit den Blick auf andere Aspekte, zum Beispiel die Gestaltung des Märchenfilms, der zwar auch – wie schon 1941 – komplett im Studio entstand, aber von Filmarchitekt Karl Schneider (1916–1996) fantasievoll ausstaffiert wurde. Obgleich die Vorgabe im Raum stand, kein naturalistisches, das heißt: naturgetreues Szenenbild zu entwerfen, entzog sich Schneider dieser Anordnung bisweilen (vgl. Rader 2021, S. 71).

Das tapfere Schneiderlein (1956): Die Handwerkergasse entstand im Filmstudio / © Icestorm/Progress/DEFA-Stiftung

Das tapfere Schneiderlein (1956): Die Handwerkergasse entstand im Filmstudio / © Icestorm/Progress/DEFA-Stiftung


Das tapfere Schneiderlein (1956): Der mutige Held (Kurt Schmidtchen) mit der bösen Schneidermeisterin (Ellen Plessow) / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Das tapfere Schneiderlein (1956): Der mutige Held (Kurt Schmidtchen) mit der bösen Schneidermeisterin (Ellen Plessow) / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer


Das tapfere Schneiderlein (1956): Das Königsschloss ist nur ein bemalter Prospekt / © Icestorm/Progress/DEFA-Stiftung

Das tapfere Schneiderlein (1956): Das Königsschloss ist nur ein bemalter Prospekt / © Icestorm/Progress/DEFA-Stiftung


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TV-TIPP
Das tapfere Schneiderlein (1956): Sonntag, 5. Dezember 2021 (2. Advent) um 14.10 Uhr im MDR.

So entstand das Bild „einer Handwerkergasse in einer blühenden Renaissancestadt“ (ebd. S. 72), in der auch das Schneiderlein (Kurt Schmidtchen, 1930–2003) lebt. Als der Held später durch verschiedene Landschaften wandert, bedient das Szenenbild dann aber doch stilisierte Welten mit überdimensionalen Fliegen- sowie Knollenblätterpilzen, Glockenblumen sowie Fingerhüten oder Farnen in expressiven Farben.

Das Äußere des Königsschlosses – hier nur als Prospekt im Hintergrund – orientiert sich an naturgetreuen Baustilen: eine wehrhafte, mittelalterliche Burganlage mit gotischen Elementen wie Spitzbögen. Den ‚Kampf’ mit den Riesen (Wolf Kaiser [1916–1992], Gerhard Frei [1911–1989]) nimmt die Titelfigur hingegen wieder in einer stärker stilisierten Landschaft auf, die surrealistisch ausgeleuchtet wird. Davon lässt sich das Schneiderlein aber nicht beeindrucken und überlistet auch hier die Grobiane.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (DDR, 1956, R: Helmut Spieß). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: VEB DEFA Studio für Spielfilme, 1502 Potsdam-Babelsberg, August-Bebel-Straße 26–53

Theater der Freundschaft/Berlin: „Das tapfere Schneiderlein“ (1960)

Vier Jahre später sendete der Deutsche Fernsehfunk (DFF), so hieß das DDR-Fernsehen bis 1971, „Das tapfere Schneiderlein“ als Märchenfernsehspiel – aufgezeichnet im Ostberliner „Theater der Freundschaft“. Die Uraufführung fand dort am 3. Oktober 1960 statt. Drehbuchautorin Gisela Schwarz-Marell ließ neue Figuren auftreten, zum Beispiel den Bäckerlehrling Hörnchen – ein Freund des tapferen Schneiderleins, wieder gespielt von Kurt Schmidtchen.

Das tapfere Schneiderlein (1960): Kurt Schmidtchen übernimmt auch im Märchenfernsehspiel die Titelrolle / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Das tapfere Schneiderlein (1960): Kurt Schmidtchen übernimmt auch im Märchenfernsehspiel die Titelrolle / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer


Die Rolle des Königs übernahm Heinz Schröder (1921–2018), die Prinzessin spielte Gerti Eichler und im Kostüm der Riesen namens Protzpranke und Wolfswanst steckten Karl Sturm (1935–2017) – der im DEFA-Märchenfilm von 1956 noch der siebte Ritter war – sowie Horst Friedrich (1911–1975).
Foyer im Theater der Freundschaft (1959) / Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-64719-0002/CC-BY-SA 3.0

Foyer im Theater der Freundschaft (1959) / Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-64719-0002/CC-BY-SA 3.0


Obgleich sich die Inszenierung nicht erhalten hat, so lobten doch damalige Theaterkritiken „eine überaus gelungene Ausstattung“ (Neue Zeit, 8.10.1960). Szenenbildner Werner Schulz habe, „vor allem mit phantastischen Masken der Riesen und mit Einhorn und Wildschwein, die so schauerlich und lustig sind, wie es nur in Märchen möglich ist“, überzeugt, schrieb der Rezensent der „Berliner Zeitung“ Walther Pollatschek (1901–1975) – der zuvor selbst „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ für drei Bände bearbeitete und herausgab (1952–1954, Kinderbuchverlag, Berlin).

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (DDR, 1960, R: Kurt Rabe). Erstausstrahlung: 16.11.1960/DFF, Wiederholung: 28.1.1962/DFF.

Drehort: Theater der Freundschaft (seit 1991: Theater an der Parkaue), Parkaue 29, 10367 Berlin

Fernsehstudio/Berlin-Adlershof: „Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein“ (1968)

Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein (1968): FZ Adlershof (2005) / Foto: Georg Slickers/Wikimedia Common

Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein (1968): FZ Adlershof (2005) / Foto: Georg Slickers/Wikimedia Common

Gisela Schwarz-Marell, die 1960 noch das Drehbuch für die Theateraufführung schrieb, setzte sich acht Jahre später selbst auf den Regiestuhl und inszenierte das Märchen für den DFF – als einstündiges Weihnachtsmärchen. Sendetermin war der erste Weihnachtstag um 10 Uhr. Über das Szenenbild, das J. Siegel im Fernsehzentrum (FZ) Berlin-Adlershof gestaltete, ist bislang nichts bekannt.

Das Manuskript für „Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein“ schrieb diesmal Rüdiger Volkmer. Darin hält er sich im Kern an die Grimm’sche Vorlage: Die Titelfigur (Victor Deiß, *1935) zieht in die Welt und überlistet dabei die Riesen namens Eisenschlag (Siegfried Kilian, 1928–1983, u. a. „Der große und der kleine Klaus“, DDR 1971) – und Vielfraß (Klaus Bergatt, *1935), der Feinschmecker-Fürst aus „Zwerg Nase“ (DDR 1978).

Doch am Ende lehnt es das Schneiderlein ab, König zu werden und die Prinzessin (Renate Geißler, *1940) zu heiraten. Es will mit dem verkommenen Hof nichts zu tun haben und kehrt lieber zu den ‚Seinigen’ zurück, wie der Musfrau (Henny Müller), dem Bäcker (Hans-Georg Voigt), dem Schmied (Erich Brauer, 1914–1989) – der Schlossgärtner aus „Dornröschen“ (DDR 1971) – sowie dem einfachen Mädchen Katrin (Karin Steinbach).

Film: „Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein“ (DDR, 1968, R: Gisela Schwarz-Marell). Erstausstrahlung: 25.12.1968/DFF, 1. Wiederholung: 23.8.1970/DFF, 2. Wiederholung: 14.9.1972. Nicht auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Deutscher Fernsehfunk (DFF), Studio Berlin-Adlershof, Rudower Chaussee 3, 12489 Berlin

Fernsehstudio/Berlin-Adlershof: „Das tapfere Schneiderlein“ (1981)

1981 inszenierte das DDR-Fernsehen die Grimm’sche Geschichte erneut für sein Kinderprogramm – wieder als Weihnachtsmärchen. Denn die Erstausstrahlung fand am 25. Dezember statt. Drehort waren ebenso die Studios des Fernsehens der DDR in Berlin-Adlershof.

Uwe-Detlev Jessen (1931–2019, u. a. „Die goldene Gans“, DDR 1964) führte Regie. Die Rolle der ärmlichen Titelfigur übernahm der Komiker Heinz Rennhack (*1937). Das „Rotkäppchen“ von 1962, Blanche Kommerell (*1950), spielte die Musfrau, Kaspar Eichel (*1942, u. a. „Die goldene Gans“) den König. Hinter den zwei Riesenmasken steckten Roland Knappe (1944–1995) und Roman Silberstein (1932–2001).

Das tapfere Schneiderlein (1981): Heinz Rennhack spielte die Titelfigur / Quelle: Cinema

Das tapfere Schneiderlein (1981): Heinz Rennhack spielte die Titelfigur / Quelle: Cinema


Das tapfere Schneiderlein (1981): Rokoko-Mobiliar trifft auf grobes Kellergewölbe / Quelle: Cinema

Das tapfere Schneiderlein (1981): Rokoko-Mobiliar trifft auf grobes Kellergewölbe / Quelle: Cinema


Das tapfere Schneiderlein (1981): Blanche Kommerell übernahm die Rolle der Musfrau / Quelle: Cinema

Das tapfere Schneiderlein (1981): Blanche Kommerell übernahm die Rolle der Musfrau / Quelle: Cinema


Szenenbildnerin Jutta Betzin verlegte das Märchen, das sich im Kern an die Vorlage hält, ins biedermeierliche 19. Jahrhundert. Dabei wirken manche Räume, besonders der Thronsaal mit seinen einerseits mittelalterlich, grob behauenen Steinquadern und andererseits einem Polsterhocker mit geschweiften Rokoko-Füßen, eher uneinheitlich. Mitunter mag das aber auch Kalkül sein, um das Rückwärtsgewandte des Königtums zu verdeutlichen.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (DDR, 1981, R: Uwe-Detlev Jessen). Erstausstrahlung: 25.12.1981/DDR 1, Wiederholung: 16.8.1983/DDR 1. Nicht auf VHS/DVD erschienen.

Drehort: Fernsehen der DDR, Studio Berlin-Adlershof, Rudower Chaussee 3, 12489 Berlin

Schloss Český Krumlov/ČSSR: „Das tapfere Schneiderlein“ (1989)

Das tapfere Schneiderlein (1989): Miro Noga als Held / ©‎ Ascot

Das tapfere Schneiderlein (1989): Miro Noga als Held / ©‎ Ascot

„Das tapfere Schneiderlein“ zählte auch zu den Vorlagen, die das ZDF ab Mitte der 1980er-Jahre in europäischen Koproduktionen neu verfilmte. Hans-Dieter Radke aus der damaligen ZDF-Redaktion „Kinder und Jugend“ wollte mit den TV- und Kinofilmen „große und kleine Zuschauer gleichzeitig ansprechen“ (Schmitt 1987).

Auch deshalb entstanden für die europäische Koproduktion, an der sich gleich fünf Länder beteiligten (BRD, ČSSR, Italien, Frankreich, Spanien), aufwändige Außenaufnahmen. Allerdings beschränkten sich diese auf das Gebiet des heutigen Tschechiens. Darunter ist die weitläufige Schloss- und Burganlage Český Krumlov, die erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt wurde, mit ihren vielen Innenhöfen.

Das tapfere Schneiderlein (1989): Schloss Český Krumlov ist einer der Drehorte / © Gabi Eder/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (1989): Schloss Český Krumlov ist einer der Drehorte / © Gabi Eder/pixelio.de


Das tapfere Schneiderlein (1989): Aufgemalten Steinquader im Schlossinnenhof / © Christina Maderthoner/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (1989): Aufgemalte Steinquader im Schlossinnenhof / © Christina Maderthoner/pixelio.de


Die ersten Bilder zeigen allerdings nicht die Werkstatt des Schneiders, der hier auf den Namen Simon (Miro Noga, *1959) hört, sondern das Lustschloss Bellarie (auch: Bellaria). Das befindet sich im Schlossgarten von Český Krumlov. Hier tanzt Prinzessin Helena (Amanda Sandrelli, *1964) verbotenerweise auf einem Ball, den der verfeindete Nachbarstaat Romadia – Bechstein erwähnte diesen Fantasienamen schon – veranstaltet. Denn in Helenas Heimat Arkonia sind Tanz und Spiel tabu …

Drehbuchschreiber Dušan Trančík (*1946), der auch Regie führte, und Tibor Vichta (1933–1991) verlegten die Handlung ins 18. Jahrhundert. Bohuslav Pokorný übernahm die Ausstattung des ZDF-Märchenfilms, der im Rokoko schwelgt. Dennoch punktet die Geschichte mit vielen neuen Ideen. So erkennt Simon, dass die Riesen (Christopher Greener [1943–2015], Alexander Sizonenko [1959–2012]) „Menschen wie wir sind“, nur ein bisschen größer (2,29 und 2,39 Meter) – und gar nicht böse. Im realen Leben waren beide sympathische Basketballspieler.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (auch: „Sieben auf einen Streich“, BRD/ČSSR/I/F/E, 1989, R: Dušan Trančík). Ist auf VHS/DVD erschienen.

Drehorte: u. a. Schloss Český Krumlov (dt.: Schloss Krumau), Zámek 59, 381 01 Český Krumlov, Tschechien mit

  • Lustschloss Bellarie (auch: Bellaria) im Schlossgarten
  • Schlosshöfe von Český Krumlov (Fassaden mit aufgemalten Steinquadern)
  • Schlossgarten von Český Krumlov

Schloss Ahrensburg/Schleswig Holstein: „Das tapfere Schneiderlein“ (2008)

Als die ARD im Jahre 2008 ihre neue Märchenfilmreihe „Sechs auf einen Streich“ nannte, gehörte die Geschichte vom tapferen Schneiderlein auch zu denen, die zuerst adaptiert wurden. Und: Es ist erst die zweite Verfilmung des Märchens, die komplett an Außenschauplätzen und nicht im Studio gedreht wurde.

Drehbuchschreiber Leonie (*1981) und Dieter Bongartz (1951–2015) gaben ihrer Titelfigur, gespielt vom damals 24-jährigen Kostja Ullmann, den Namen David – gleich dem tapferen Hirtenjungen aus der Bibel, der den Riesen Goliath besiegt. Szenenbildner Andreas Lupp (*1958) verlegte die Handlung in etwa ins 18. Jahrhundert. Regie führte Christian Theede (*1972), der in den kommenden Jahren zu den produktivsten ARD-Märchenfilmregisseuren aufsteigen sollte.

Das tapfere Schneiderlein (2008): In der Lüneburger Altstadt ‚wohnte’ die Titelfigur / © Stefanie Rosenthal/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (2008): In der Lüneburger Altstadt ‚wohnte’ die Titelfigur / © Stefanie Rosenthal/pixelio.de


Das tapfere Schneiderlein (2008): Der mutige Held (Kostja Ullmann) mit dem Einhorn / © NDR/Susanne Dittmann

Das tapfere Schneiderlein (2008): Der mutige Held (Kostja Ullmann) mit dem Einhorn / © NDR/Susanne Dittmann


Das tapfere Schneiderlein (2008): Drehort Schloss Ahrensburg liegt in Schleswig-Holstein / © Sybille Daden/pixelio.de

Das tapfere Schneiderlein (2008): Drehort Schloss Ahrensburg liegt in Schleswig-Holstein / © Sybille Daden/pixelio.de


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Drehort für die Gasse, in der sich die Schneiderwerkstatt befindet, war die Hansestadt Lüneburg mit ihrer mittelalterlichen Architektur. Von dort zieht der Held in die Welt hinaus, trifft aber im Lauf der Geschichte gleich auf fünf Riesen, die im Land des Königs Ernst (Axel Milberg, *1956) und der Prinzessin Paula (Karoline Schuch, *1981) ihr Unwesen treiben.

Das Märchenschloss setzte sich – wie es der Zufall wollte – ebenfalls „aus fünf Locations zusammen, unter anderem den Schlössern von Ahrensburg und Reinbek und dem Rathaus Bergedorf“, wie Produzentin Elke Ried (*1953) in einem Interview verriet. Was allerdings nicht ungewöhnlich ist, weil ein Drehort zumeist nicht alle baulichen Möglichkeiten für einen Film bietet.

Film: „Das tapfere Schneiderlein“ (BRD, 2008, R: Christian Theede). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Lüneburg (Gasse mit Schneiderwerkstatt)
  • Rathaus Bergedorf, Wentorfer Straße 38, 21029 Hamburg
  • Schloss Ahrensburg, Lübecker Straße 1, 22926 Ahrensburg
  • Schloss Reinbek, Schlossstraße 5, 21465 Reinbek

Verwendete Quellen:

  • Bechstein, Ludwig: Vom tapfern Schneiderlein. In: Sämtliche Märchen. Vollständige Ausgabe der Märchen Bechsteins nach der Ausgabe letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Mit 187 Illustrationen von Ludwig Richter. Mannheim, 2011, S. 7–15.
  • Brüder Grimm: Das tapfere Schneiderlein. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 1, S. 127–136.
  • Das tapfere Schneiderlein (AT, 1921, R: Rudolf Walter). In: Filmportal (abgerufen: 7.9.2022)
  • Das tapfere Schneiderlein (D, 1921, R: [unbekannt]). In: Filmportal (abgerufen: 7.9.2022)
  • Das tapfere Schneiderlein (DDR, 1960, R: Kurt Rabe). In: Fernsehen der DDR (abgerufen: 8.9.2022)
  • Die Geschichte vom tapferen Schneiderlein (DDR, 1968, R: Gisela Schwarz-Marell). In: Fernsehen der DDR (abgerufen: 8.9.2022)
  • Das tapfere Schneiderlein (DDR, 1981, R: Uwe-Detlev Jessen). In: Fernsehen der DDR (abgerufen: 8.9.2022)
  • Grimm-Bilder Wiki: Das tapfere Schneiderlein (Illustrationen). (abgerufen: 12.9.2022)
  • H. U.: Sieben auf einen Streich. Uraufführung des Märchenspiels „Das tapfere Schneiderlein“. In: Neue Zeit (16) 1960, 8.10.1960, Nr. 237, S. 3.
  • Kleber, Reinhard: „Das tapfere Schneiderlein“ kehrt zurück. Gespräch mit Elke Ried, Produzentin des Films „Das tapfere Schneiderlein“. In: Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz (KJK) 28 (2008), H. 116–4 (abgerufen: 12.9.2022); auch in: Magie der Märchenfilme. Sonderdruck der Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz, München, 2009, S. 15–17.
  • Kooi, Jurjen van der: Tapferes Schneiderlein. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 13, Berlin/New York, 2010, Sp. 210–219.
  • Pollatschek, Walther: Märchenspiel im Theater der Freundschaft. In: Berliner Zeitung (16) 1960, 6.10.1960, Nr. 271, S. 7.
  • Rader, Corinna Alexandra: Das tapfere Schneiderlein, DEFA 1956. Kunterbunte Kindererziehung. In: Dies.: Von wahren Kunstwelten. Szenographie im DEFA-Märchenfilm. Weimar, 2021, S. 68–74.
  • Richter-de Vroe, Klaus: Zwischen Wirklichkeit und Ideal. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 15–23.
  • Schmitt, Christoph: Die Welt des Märchens – neuer Programmschwerpunkt des Zweiten Deutschen Fernsehens. Gespräch mit Hans-Dieter Radke, Redaktion „Kinder und Jugend“. In: Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz (KJK) 8 (1987), H. 30–2.
  • Schonger, Hubert: Vorwort. In: Drehbuch „Das tapfere Schneiderlein“ (1941). Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Schriftgutarchiv, Berlin. Bestand: 4.4–199011,15, [o. S.].


Headerfoto: Das tapfere Schneiderlein (2008): Die Titelfigur (Kostja Ullmann) ruht sich vor Schloss Ahrensburg aus / Foto: NDR/Susanne Dittmann

Dieser Beitrag wurde am 1. Oktober 2022 aktualisiert.