Zurück in die Zukunft: Der Märchenfilm in der BRD (1949–1990)

Zurück in die Zukunft: Der Märchenfilm in der BRD (1949–1990)

Die westdeutsche Märchenfilmproduktion orientierte sich anfangs an überholter Ästhetik und Pädagogik. Einen Neubeginn startete in den 1980er-Jahren das ZDF.

Im Gegensatz zur Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und späteren DDR, in der erst vier Gegenwarts-Kinderfilme entstanden bis das erste Märchen „Das kalte Herz“ (1950, R: Paul Verhoeven) adaptiert wurde, startete in den westdeutschen Besatzungszonen schon 1948 mit „Frau Holle“ (R: Hans Grimm) der erste Schauspieler-Märchenfilm.

Frau Holle (1948): Die Titelfigur spielte die damals 68-jährige Hertha von Hagen / Quelle: SDK

Frau Holle (1948): Die Titelfigur spielte die damals 68-jährige Hertha von Hagen / Quelle: SDK


Allerdings war die Grimm’sche Adaption ein sogenannter ‚Überläufer’, weil die Verfilmung bereits 1944 begonnen, aber erst nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes fertiggestellt und im Kino gezeigt wurde. Produzent war die neue Firma Schongerfilm, die aus der Naturfilm Hubert Schonger (1923–1947) hervorgegangen war.

Schonger, Zengerling, Genschow

Deren Inhaber, der populäre Produzent, Regisseur und Drehbuchschreiber Hubert Schonger (1897–1978), hatte bereits im „Dritten Reich“ die Märchenfilmproduktion maßgeblich mitbestimmt, wie auch Alf Zengerling (1884–1961), der sich 1949 mit einem vertonten Remake seines Stummfilms „Hampelmanns Traumfahrt“ (1929) in der neu gegründeten BRD zurückmeldete: „Der Hampelmann und die Puppenprinzessin“.

Als 1953 der Berliner Kinder- und Märchenfilmproduzent Fritz Genschow (1905–1977) mit seiner 1951 gegründeten Firma seinen ersten Nachkriegs-Märchenfilm „Rotkäppchen“ drehte – ebenfalls ein Remake seiner 1937 entstandenen Adaption „Rotkäppchen und der Wolf“ – lief die westdeutsche Märchenfilmproduktion längst auf Hochtouren.

Rotkäppchen (1953): Die Titelfigur heißt hier Heidi (Daniela Maris) / © Medienproduktion und Vertrieb Genschow

Rotkäppchen (1953): Die Titelfigur heißt hier Heidi (Daniela Maris) / © Medienproduktion und Vertrieb Genschow


Hänsel und Gretel (1954): Die Titelfiguren (Jürgen Micksch, Maren I. Bielenberg) haben sich verirrt / © Studiocanal

Hänsel und Gretel (1954): Die Titelfiguren (Jürgen Micksch, Maren I. Bielenberg) haben sich verirrt / © Studiocanal


Zusammen mit zehn weiteren Produktionsfirmen verfilmten Schonger, Zengerling und Genschow von 1948 bis 1957 eine beachtliche Anzahl von zirka 35 Märchen, in denen Schauspielerinnen und Schauspieler die Rollen übernahmen. In der Mehrzahl wurden Vorlagen der Brüder Grimm für die Adaptionen genutzt, ein Viertel ging auf Kunstmärchen von Wilhelm Hauff (1802–1827) oder Hans Christian Andersen (1805–1875) zurück.

Märchenfilm-Ästhetik aus der Vorkriegszeit

Doch die Quantität in der BRD-Märchenfilmproduktion ging nicht immer mit der Qualität einher. Oftmals wurde die in den 1930er-Jahren begonnene künstlerische Linie unverändert fortgesetzt, was nicht zuletzt dazu führte, dass noch während der 1950er-Jahre Märchenfilme entstanden, „die auf den gleichen oder zumindest sehr ähnlichen ästhetischen (stilistischen bzw. gestalterischen und technischen) und pädagogischen Konzeptionen beruhten“ (Wolf 1969, S. 70). Künstlerische Stagnation dominierte.

Die Bremer Stadtmusikanten (1959): Die Verfilmung zählte zu den vorerst letzten Produktionen / © Studiocanal

Die Bremer Stadtmusikanten (1959): Die Verfilmung zählte zu den vorerst letzten Produktionen / © Studiocanal


Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie (1961): Der Kinofilm startete am 12.11.1961 / © Studiocanal

Frau Holle – Das Märchen von Pechmarie und Goldmarie (1961): Der Kinofilm startete am 12.11.1961 / © Studiocanal


Zudem mussten die Märchenfilmhersteller mit möglichst geringem technischen, personellen und vor allem finanziellen Aufwand produzieren: Sie erhielten keine oder wenig Unterstützung staatlicher Stellen. Als 1957 eine Novelle zum Jugendschutzgesetz verabschiedet wurde, die ein generelles Kino-Verbot für Kinder unter sechs Jahren vorsah, wirkte sich das „insofern katastrophal aus, weil bisher etwa 50 bis 70 % der Besucher von Märchenfilmveranstaltungen Kinder unter sechs Jahren“ (ebd. S. 50) waren.

Das hatte zur Folge, dass zwischen 1958 und 1961 nur noch zwei Adaptionen entstanden – danach wurde die westdeutsche Märchenfilmproduktion praktisch eingestellt.

„Deutscher Kinderfilmpreis und Jugendfilmpreis“

Nach der nicht unumstrittenen Änderung des Jugendschutzgesetzes und dem damit einhergehenden Wegfall der Existenzgrundlage für die Produzenten wurden Stimmen laut, die für eine Förderung des Kinder- bzw. Märchenfilms eintraten. 1959 stiftete deshalb der Bundesminister für Familien- und Jugendfragen den „Deutschen Kinderfilmpreis und Jugendfilmpreis“. Eine unabhängige Jury konnte Preise und Prämien in einer Gesamthöhe von 275.000 DM vergeben – doch oftmals waren die eingereichten Filme qualitativ so unterdurchschnittlich, dass die Fördergelder meist einbehalten wurden.

Die Diebin von Bagdad (1952): Die Titelfigur (Sonja Ziemann, 2. v. l.) bei der ‚Arbeit’ / © Rough Trade Distribution

Die Diebin von Bagdad (1952): Die Titelfigur (Sonja Ziemann, 2. v. l.) bei der ‚Arbeit’ / © Rough Trade Distribution


Neben Märchenfilmen für Kinder erlebten in den 1950er- und 1960er-Jahren auch fantastische Adaptionen für ein erwachsenes Publikum ein kurzes Revival, zum Beispiel „Blaubart“ (BRD/F/CH, 1951, R: Christian Jaque) nach dem gleichnamigen Schauermärchen von Charles Perrault (1628–1703). Hans Albers (1891–1960) übernahm die Titelrolle. Angelehnt an erfolgreiche ausländische Kinofilme, wie „Der Dieb von Bagdad“ (GB, 1940, R: Ludwig Berger u. a.), entstand zudem mit Sonja Ziemann (1926–2020) „Die Diebin von Bagdad“ (1952, R: Carl Lamac).
Das Wirtshaus im Spessart (1958): Liselotte Pulver (r.) als Comtesse Franziska Sandau / © Alive

Das Wirtshaus im Spessart (1958): Liselotte Pulver (r.) als Comtesse Franziska Sandau / © Alive


In der Tradition arabisch-persischer Literatur sah sich ebenso die Koproduktion „Kapitän Sindbad“ (USA/BRD, 1963, R: Byron Haskin) mit Heidi Brühl (1942–1991) als Prinzessin Jana. Dagegen ging „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958, R: Kurt Hoffmann) mit Liselotte Pulver (*1929) auf romantisch-mystische Erzählliteratur deutschen Ursprungs (Wilhelm Hauff) zurück – und wurde von der Filmbewertungsstelle mit dem Prädikat „wertvoll“ ausgezeichnet. Zudem erhielt die Verfilmung 1959 den Medienpreis „Bambi“ als „geschäftlich erfolgreichster deutscher Film 1958“.

Fernsehen bringt keinen neuen Schub

Ende der 1950er- bzw. Anfang der 1960er-Jahre etablierte sich zunehmend eine Konkurrenz zum Medium Kino: Zu diesem Zeitpunkt wurde „die Zweimillionen-Grenze bei den Besitzern von Fernsehapparaten überschritten“ (ebd.) – das Fernsehen begann seinen Siegeszug in den westdeutschen Haushalten.

Peterchens Mondfahrt (1959): Der Fernsehfilm wurde aufwändig im Studio inszeniert / © Leonine

Peterchens Mondfahrt (1959): Der Fernsehfilm wurde aufwändig im Studio inszeniert / © Leonine


Die Märchenfilmproduktion in der BRD erlebte dadurch aber keinen neuen Schub. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verfilmten nur sporadisch Märchen, zum Beispiel der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mit „Peterchens Mondfahrt“ (1959, R: Gerhard F. Hering) nach dem gleichnamigen Märchen von Gerdt von Bassewitz (1878–1923), der Südwestrundfunk (SWR) mit „Der falsche Prinz“ (1967, R: Peter Trabold) oder das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) mit „Das kalte Herz“ (1977, R: Werner Reinhold) – beide nach Vorlagen von Wilhelm Hauff.

Räuber Hotzenplotz, Gurkenkönig, Pan Tau

Weitaus erfolgreicher wurden in den 1970er-Jahren moderne Kinderbuchklassiker in Gegenwartsmärchen für das Kino adaptiert, zum Beispiel „Der Räuber Hotzenplotz“ (1973, R: Gustav Ehmck) nach der Vorlage von Otfried Preußler (1923–2013) oder „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1975, R: Hark Bohm) von Christine Nöstlinger (1936–2018).

Der Räuber Hotzenplotz (1973): Die Titelfigur (Gert Fröbe) mit der Großmutter (Lina Carstens) / © Concorde

Der Räuber Hotzenplotz (1973): Die Titelfigur (Gert Fröbe) mit der Großmutter (Lina Carstens) / © Concorde


Pinocchio (1972): Die Geschichte einer Holzpuppe wurde auch in den frühen 1970er-Jahren verfilmt / © Pidax

Pinocchio (1972): Die Geschichte einer Holzpuppe wurde auch in den frühen 1970er-Jahren verfilmt / © Pidax


Die Märchenbraut (1979–1981): Familie Majer wundert sich mit den Märchenfiguren vor dem Fernseher / © Leonine

Die Märchenbraut (1979–1981): Familie Majer wundert sich mit den Märchenfiguren vor dem Fernseher / © Leonine


Zudem setzten westdeutsche Hersteller auf europäische Koproduktionen, zum Beispiel „Pinocchio“ (I/F/BRD, 1972, R: Luigi Comencini) nach dem Kinderbuch von Carlo Collodi (1826–1890). Und öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten, wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR), verfilmten mit dem tschechoslowakischen Filmstudio Barrandov fantastische Geschichten rund um die moderne Märchenfigur Pan Tau (ČSSR/BRD, 1970–1978, R: Jindřich Polák) oder „Die Märchenbraut“ (ČSSR/BRD, 1979–1981, R: Václav Vorlíček) fürs Fernsehen.

Dagegen hatten es klassische Märchenvorlagen schwer – auch weil das Genre Märchenfilm immer noch mit den stark moralisierenden und kindertümelnden BRD-Adaptionen der 1950er-Jahre assoziiert wurde.

ZDF-Märchenfilme für Kinder – und Erwachsene

Trotzdem – oder gerade deshalb – wagte sich das ZDF 1981/82 an Neuverfilmungen von klassischen Märchen, die im TV und Kino gezeigt werden sollten. Um den Produktionsaufwand gering zu halten, kooperierte das ZDF nicht nur mit öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Europa, sondern auch mit privat-rechtlichen Produktionsfirmen, wie der deutschen Kirch-Gruppe.

In den Verträgen wurde festgehalten, dass pro Film entweder zwei deutsche Schauspielerinnen bzw. Schauspieler oder ein weltbekannter Star engagiert werden sollten. So spielte zum Beispiel in „Frau Holle“ (BRD/ČSSR/AT, 1984, R: Juraj Jakubisko) die Italienerin Giulietta Masina (1921–1994), bekannt aus „La Strada – Das Lied der Straße“ (I, 1954, R: Federico Fellini), eine der Hauptrollen.

Frau Holle (1984): Die Charakterschauspielerin Giulietta Masina galt als der weibliche Chaplin / © Ascot

Frau Holle (1984): Die Charakterschauspielerin Giulietta Masina galt als der weibliche Chaplin / © Ascot


Hans-Dieter Radke aus der ZDF-Redaktion „Kinder und Jugend“ fasste das Ziel der Koproduktionsreihe damals so zusammen:

Und zwar wollen wir zwei Dinge gleichzeitig machen: Für den kleinen Zuschauer das ihm bereits bekannte Märchen im großen Stil zeigen, so dass er Bekanntes ausgeschmückt, groß und schön wiederentdeckt. Darüber hinaus soll eine dramaturgisch gut gebaute Geschichte so interessant ablaufen, dass sie den großen Zuschauer anspricht und am Bildschirm hält. (Schmitt 1987)

Bis 1990 entstanden über zehn zum Teil beachtenswerte Märchenfilme in europäisch-westdeutschen Koproduktionen, wie „Der Salzprinz“ (BRD/ČSSR, 1983, R: Martin Hollý), „König Drosselbart“ (BRD/ČSSR, 1984, R: Miloslav Luther) und „Aschenputtel“ (BRD/E/F/I/ČSSR, 1989, R: Karin Brandauer).

Der Salzprinz (1983): Das ‚Aschenbrödel’ Libuše Šafránková (M.) liebt die Titelfigur (l.) / © Ascot

Der Salzprinz (1983): Das ‚Aschenbrödel’ Libuše Šafránková (M.) liebt die Titelfigur (l.) / © Ascot


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An den Erfolg der zeitgleich im Kino anlaufenden Gegenwartsmärchen wie „Die unendliche Geschichte“ (BRD/USA, 1984, R: Wolfgang Petersen) oder „Momo“ (BRD/I, 1986, R: Johannes Schaaf) konnten sie allerdings nicht anknüpfen.

Verwendete Quellen:

  • Schmitt, Christoph: „Die Welt des Märchens“ – neuer Programmschwerpunkt des ZDF. Gespräch mit Hans-Dieter Radke, Redaktion „Kinder und Jugend“ des ZDF. In: Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz (KSK), Nr. 30, S. 26–28, 1987.
  • Wiedemann, Dieter: Es war einmal … Märchenfilme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR. In: In: Dettmar, Ute/Pecher, Claudia Maria/Schlesinger, Ron (Hrsg.): Märchen im Medienwechsel – Zur Geschichte und Gegenwart des Märchenfilms. Stuttgart, 2017, S. 179–228.
  • Wolf, Steffen: Kinderfilm in Europa. Darstellung der Geschichte, Struktur und Funktion des Spielfilmschaffens für Kinder in der Bundesrepublik Deutschland, ČSSR, Deutschen Demokratischen Republik und Großbritannien 1945–1965. München/Berlin, 1969, S. 23–74.


Headerfoto: Aschenputtel (1955): Prinz (Rüdiger Lichti) und Titelheldin (Rita-Maria Nowotny) / © Medienproduktion/Vertrieb Genschow

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