Die verkaufte Prinzessin (D 2023) – oder: Die neue Liebe im Märchenfilm

Die verkaufte Prinzessin (D 2023) – oder: Die neue Liebe im Märchenfilm

Das ARD-Märchen erzählt von einer Fürstentochter, die gekidnappt wird. Doch kein Prinz, sondern eine junge Frau – in Männerklamotten – befreit sie aus den Fängen der Räuber.

Als im ARD-Märchenfilm „Das Märchen von den zwölf Monaten“ (2019) in der Schlusseinstellung nicht König und Königin oder Prinz und Prinzessin vom Schlossbalkon dem Volk zujubelten, sondern plötzlich zwei Frauen freudestrahlend winkten, fiel das nur wenigen auf.

Denn in der Geschichte geht es zuvorderst um den Monat Februar (Christoph Bach), dem es nicht mehr gefällt, der kürzeste zu sein. Doch das Frauenpaar – gespielt von Friederike Linke und Marie Rönnebeck – stahl ihm auf der Zielgeraden ein wenig die (Märchen-)Show.

Das Märchen von den zwölf Monaten: März (F. Linke, l.), Königin Klara (M. Rönnebeck) / © Radio Bremen

Das Märchen von den zwölf Monaten: März (F. Linke, l.), Königin Klara (M. Rönnebeck) / © Radio Bremen


Nicht dass sie sich ewige Liebe geschworen oder zu einem Kuss hätten hinreißen lassen (dafür fehlte es dann doch am Mut), trotzdem bedienten die drei Filmemacherinnen – Regisseurin Frauke Thielecke, Drehbuchschreiberin Anette Schönberger (u. a. „Der Geist im Glas“, 2021) und Produzentin Katarina Wagner – damit neue, nicht-heteronormative Märchenbilder.

„Die verkaufte Prinzessin“

Vier Jahre später geht der ARD-Märchenfilm „Die verkaufte Prinzessin“ (nicht zu verwechseln mit Bedřich Smetanas komischer Oper „Die verkaufte Braut“, 1866) diesen Weg konsequent weiter. Diesmal steht ein Männerquartett dahinter: Regisseur Matthias Steurer (u. a. „Der starke Hans“, 2020), Drehbuchautor Su Turhan (u. a. „Prinzessin Maleen“, 2015) sowie die Produzenten Marcus Roth und Sven Burgemeister.

Eisacktal: Das Südtiroler Alpental ist einer der Drehorte des bayerischen Märchenfilms / © Andreas Agne / pixelio.de

Eisacktal: Das Südtiroler Alpental ist einer der Drehorte des bayerischen Märchenfilms / © Andreas Agne / pixelio.de


Interessantes Detail: Der Märchenfilm wurde im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) produziert. Eine Landesrundfunkanstalt, die in ihrer Geschichte nicht immer für Toleranz, Diversität und Innovation stand.

So boykottierte der BR am 15. Januar 1973 den Rosa-von-Praunheim-Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971). Und am 8. November 1977 klinkte sich der BR ebenso bei einer anderen ARD-Übertragung aus: „Die Konsequenz“ (R: Wolfgang Petersen), ein prämierter Film über die Liebe zwischen zwei Männern.

Frauen in einer Männerwelt

Dabei ist „Die verkaufte Prinzessin“, wie auch schon „Das Märchen von den zwölf Monaten“, kein Märchenfilm, in dem eine Liebesgeschichte dominiert. Sie ist aber eng mit der Handlung verknüpft, in der sich zwei junge Frauen näher kommen: die Titelfigur, Prinzessin Sophia (Kristin Alia Hunold), und das einfache Mädchen Melisa (Judith Neumann).

Neue Liebe: Mathis (Judith Neumann, l.), Sophia (Kristin Alia Hunold) / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini

Neue Liebe: Mathis (Judith Neumann, l.), Sophia (Kristin Alia Hunold) / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini


Beide müssen sich in einer (Männer-)Welt behaupten, die ihnen als Frau den Zugang zu Macht beziehungsweise beruflicher Selbstentfaltung verwehrt: Prinzessin Sophia wird als Erstgeborene das rechtmäßige Thronerbe streitig gemacht, von ihrem Onkel Graf Rudolf (Pasquale Aleardi) im Verbund mit ihrem eigenen Zwillingsbruder Prinz Berthold (Langston Uibel) – auch weil sie eine Frau ist. Da nützt ebenso kein Hufeisenwerfen, eine ‚Sportart’, in der sich Sophia mit ihrer Dienerschaft misst, wenngleich doch gerade das „Pferdehufeisen als magisch u[nd] apotropäisch [Unheil abwehrend]“ gilt (Harmening 2005, S. 125f.).

Melisa muss sich hingegen als junger Mann Mathis ‚verkleiden’, weil es „hilft, an Arbeit und Brot zu kommen“ (O-Ton) und das Bergmanns-Handwerk erlernen zu können. Das Privileg der Wanderschaft war – im 19. Jahrhundert, in dem der Märchenfilm in etwa zeitlich angesiedelt ist – zum Beispiel Handwerksgesellen vorbehalten, die damals Erfahrung sammelten. Sozial tiefer gestellten Frauen war das schlichtweg nicht erlaubt.

Nicht Rübezahl, sondern Merich

Doch über Melisa/Mathis hält – unwissentlich – ein Berggeist seine schützende Hand. Es ist nicht Rübezahl, der ‚lebt’ im schlesischen Riesengebirge, das sich heute zwischen Polen und Tschechien befindet. Es ist der sagenhafte Merich (Emanuel Fellmer), der ähnlich wie Rübezahl jedwede Gestalt (hier: die Helferfiguren Bergmann, Kräuterfrau, Apfelbauer) annehmen kann und den Guten hilft sowie die Bösen bestraft.

Kein Spiegeltrick: Der Kamera gelingen auch ohne Kunstgriff besondere Bilder / © BR/TV60Filmproduktion GmbH

Kein Spiegeltrick: Der Kamera gelingen auch ohne Kunstgriff besondere Bilder / © BR/TV60Filmproduktion GmbH


Felswand bei Klausen (1875): Der Berliner Spätromantiker Rudolf Schick malte Südtiroler Landschaften / Quelle: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger (CC BY-NC-SA)

Felswand bei Klausen (1875): Der Berliner Spätromantiker Rudolf Schick malte Südtiroler Landschaften / Quelle: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger (CC BY-NC-SA)


Obgleich das Filmmanuskript „frei nach bayerischen Sagen“ entstanden sein soll, wird nicht im Freistaat, sondern in Südtirol/Italien gedreht. Hier gelingen Kameramann Ralf K. Dobrick durchkomponierte Bilder im Stil von Gemälden aus der Romantik (ca. 1795–ca. 1835), die mittels bestimmter Einstellungen zum Beispiel den verwandelten Berggeist plötzlich riesengroß, den Menschen zwergenklein zeigen.

Kein Prinz befreit Prinzessin

Sie entstehen vor dem Bergwerk Villanders (Eisacktal), in dem es den Elisabeth-Stollen (dessen Schild im Film zu sehen ist) wirklich gibt (Szenenbild: Günther Gutermann). Doch Stollen und Bergwerk sind verschlossen. Melisa will den Grund erfahren. Zuvor befreit sie Prinzessin Sophia mutig aus den Händen von Räubern, die Graf Rudolf und Prinz Berthold angeheuert haben, um die Thronerbin nach Indien zu verkaufen – daher der Filmtitel.

Gefangen: Sophia (Kristin Alia Hunold), Räuberhauptfrau (Eva Kuen) / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini

Gefangen: Sophia (Kristin Alia Hunold), Räuberhauptfrau (Eva Kuen) / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini


Dennoch landet die Prinzessin in den Fängen der Räuberhauptfrau Medusa (Eva Kuen), deren Vorbild das Andersen’sche Räuberweib aus „Die Schneekönigin“ (1844) sein könnte. Doch Melisa resp. Mathis befreit Sophia ein zweites Mal, das heißt auch: Kein Prinz – wie bei Andersen oder Grimm – sondern ein einfaches Mädchen, wenngleich in Männerkleidung, übernimmt einmal mehr diese Aufgabe.

Kutsche ohne Pferde

Dass „Die verkaufte Prinzessin“ keine klassische Märchen-Verfilmung ist, zeigen augenzwinkernd auch ‚moderne’ Requisiten. So sitzt der kranke Fürst Ingolf (in einer Doppelrolle: Pasquale Aleardi), Zwillingsbruder von Graf Rudolf und Vater von Sophia und Berthold, an einer Art Gesundheitsmaschine, mit er der durch Drähte an den Fingern verbunden ist. Und die Fürstenkinder fahren mit einer Kutsche ohne Pferde (aber offenbar mit Elektromotor) durchs Land.

Falscher Bruder: Prinz Berthold (L. Uibel, l.) treibt ein doppeltes Spiel / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini

Falscher Bruder: Prinz Berthold (L. Uibel, l.) treibt ein doppeltes Spiel / © BR/TV60Filmproduktion GmbH/Martin Rattini


Dabei erinnert gerade letztgenannte Requisitverschiebung an den tschechoslowakischen Märchenfilm „Die wahnsinnig traurige Prinzessin“ (1968), in der eine königliche Kutsche – hupend und mit einem gemalten Autonummernschild versehen – ebenso durchs Märchenland holpert. Hier dient es der „komischen Brechung“ sowie „als Möglichkeit der aktualisierenden Interpretation“ (Liptay 2004, S. 108) – was auch für „Die verkaufte Prinzessin“ gelten mag.

Dennoch, und das hielt die Filmwissenschaftlerin Fabienne Liptay bereits Anfang der 2000er-Jahre fest, finde eine Annäherung des Märchenfilms an die Gegenwart eher nicht über Requisiten, sondern beispielsweise über Figurencharakterisierungen oder thematische Ausrichtungen statt (ebd. S. 110).

Die neue Liebe stößt an Grenzen

In „Die verkaufte Prinzessin“ ist das auch die wenngleich zaghaft inszenierte Liebe zwischen zwei Frauen. „Das mit dem Herzen ist kompliziert“, findet Melisa, als sie mit Sophia streitet, sich am Ende aber wieder mit ihr versöhnt. Das große (lesbische) Happy End bleibt allerdings aus.

Die verkaufte Prinzessin (D 2023) – oder: Die neue Liebe im Märchenfilm

Ein Bett im Wald: Sophia (Kristin Alia Hunold), Melisa (Judith Neumann) / © BR/TV60Filmproduktion GmbH


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Zwar besteigt Sophia nach der Abdankung ihres Vaters den Thron und Melisa alias Mathis kann als Bergmann (oder Bergfrau) den Elisabeth-Stollen wieder zum Leben erwecken, doch die neue Liebe im bundesdeutschen Märchenfilm darf sich dann doch (noch) nicht durchsetzen.

Film: „Die verkaufte Prinzessin“ (BRD, 2023, R: Matthias Steurer). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte: u. a.

  • Bergwerk Villanders, Oberland 36, 39040 Villandro BZ, Südtirol/Italien
  • Eisacktal, 39043 Klausen, Südtirol/Italien
  • Schloss Enn, Schloss-Enn-Straße, 14, 39040 Montan BZ, Südtirol/Italien

Verwendete Quellen:


Headerfoto: Prinzessin Sophia (Kristin Alia Hunold, l.) und Melisa (Judith Neumann) kommen sich näher / Screenshot: BR/TV60Filmproduktion GmbH

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