Keine Revolution: Der Zauberlehrling (D 2017)

Keine Revolution: Der Zauberlehrling (D 2017)

Sie gehört zum Deutschunterricht wie Orthografie und Grammatik: Goethes Ballade vom „Zauberlehrling“. Genau 220 Jahre nach ihrem Erscheinen inspiriert sie ZDF und MDR zu einem 90-minütigen Märchenfilm.

Obwohl Johann Wolfgang Goethe wenig mit Märchen in Verbindung gebracht wird, so hat er 1795 ein solches verfasst. Es trägt sogar die Gattungsbezeichnung im Titel: „Das Märchen“. Doch die Geschichte um einen Fährmann, dessen Goldstücke eine Schlange verschlingt, der danach viele Abenteuer erlebt und am Ende die Welt rettet, ist höchst vertrackt (das fand einst sogar Adelbert von Chamisso) und taugt nach dem ersten Lesen nicht für eine filmische Bearbeitung.

Trotzdem ist es im Kern eine hübsche, symbolisch aufgeladene Utopie, die in den Wirren der Französischen Revolution (1789–1799) ein wenig Sanftmut, Weisheit und Liebe propagiert (vgl. Freund 2005, S. 46).

Das „schrecklichste aller Ereignisse“

Weitaus gefälliger scheint da Goethes fantasievolle Ballade „Der Zauberlehrling“ (1797), die zwei Jahre nach „Das Märchen“ entsteht – und mit der bis heute Generationen von Schülerinnen und Schülern geärgert werden. Denn die Ballade war und ist Teil des Schulstoffs in Ost und West.

Doch auch wenn es anfangs nicht so aussieht: Das 14-strophige Gedicht über einen Zauberlehrling, der seinem Meister gleichkommen will, aber an seinem (Nicht-)Können scheitert, ist durchaus ebenso als ‚Antwort’ auf das damalige politische Chaos in Europa zu verstehen.

Denn für Goethe war die Revolution das „schrecklichste aller Ereignisse“. Und sein Zauberlehrling kann für all die frechen Revoluzzer stehen, die sich anmaßten, die ursprüngliche Ordnung infrage zu stellen.

Valentin will Zauberlehrling werden

Als das ZDF – 220 Jahre später – die Ballade für seine Filmreihe „Märchenperlen“ entdeckt und zusammen mit dem MDR adaptiert, scheinen jene einst so großen Deutungsschemata längst verblasst. Viel offenkundiger ist zunächst, dass einmal eine Ballade den Kern für einen 90-minütigen Märchenfilm stellt. Orientiert man sich sonst doch an Grimm, Andersen und Co.

Der Zauberlehrling (2017): Valentin (Max Schimmelpfennig) trifft kuriose Gestalten / © MDR/Kinderfilm GmbH/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Valentin (M. Schimmelpfennig) trifft kuriose Gestalten / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Mittelpunkt der neuen Geschichte ist der umherstreunende, elternlose Valentin (Max Schimmelpfennig), der unbedingt zaubern lernen möchte. Er kommt in eine von Ratten befallene Stadt. Es ist die Zeit des Spätmittelalters, in dem noch die Pest wütet und sich Ärzte mit Schnabelmasken vor Ansteckung schützen (Kostüme: Katharina Schnelting, Stefanie Fürst).

Frodo und Krabat, Harry und Luke

Wie es der Zufall will, sucht der Zaubergroßmeister Ambrosius (Christoph Bach) – bekannt aus den ARD-Märchen „Das blaue Licht“ (D 2010) und „Das Märchen von den zwölf Monaten“ (D 2019) – gerade einen Gehilfen.

Doch die Mitbewerberin Katrina (Pauline Rénevier) trickst Valentin aus, sodass er nur beim Ex-Meister und jetzigen Apotheker Zacharias (Felix von Manteuffel) hinterm Ladentresen landet. Obwohl Valentin doch sichtbar das Zeichen der Auserwähltheit in seiner Handfläche trägt.

Der Zauberlehrling (2017): Das magische Hörrohr kennt schon Harry Potter / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Das magische Hörrohr kennt schon Harry Potter / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Damit steht „Der Zauberlehrling“ den Geschichten um Frodo („Der Herr der Ringe“, NZ/USA 2001–2003) und Krabat („Krabat“, D 2008) sowie Harry Potter („Harry Potter“, GB/USA 2001–2011) und Luke Skywalker („Star Wars“, USA 1977–1983) nahe: Alle sind Waisen, den Tod von Harrys und Lukes Eltern umgibt zudem ein Rätsel. Dessen Lösung ist ihre Aufgabe. Ihre besondere Gabe hilft ihnen dabei (vgl. Kachel 2003, S. 237).

Gesellschaftliche Diversität im Märchen

In „Der Zauberlehrling“ ist allerdings nicht der Tod von Valentins Eltern, sondern ein zu Stein erstarrtes – (schein-)totes – Mädchen die Mission, der sich der Held stellt. Um aber die männliche Perspektive (Frodo, Krabat, Harry, Luke) inmitten der heutigen Debatten um gesellschaftliche Diversität aufzubrechen, stellt ihm das Drehbuch (Anja Kömmerling/Thomas Brinx) die weibliche Figur Katrina zur Seite.

Denn ihre Schwester Clara (Krista Tcherneva) ist es, die durch einen missglückten Zauber in Stein verwandelt wurde. Deshalb hat sich Katrina die Stellung bei Ambrosius erschlichen: Sie will herausfinden, wie Clara erlöst werden kann.

Der Zauberlehrling (2017): Katrina (Pauline Rénevier) trauert um ihre Schwester / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Katrina (Pauline Rénevier) trauert um ihre Schwester / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Der Zauberlehrling (2017): Zacharias (F. v. Manteuffel, l.), Ambrosius (C. Bach) / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Zacharias (F. v. Manteuffel, l.), Ambrosius (C. Bach) / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Ambrosius und auch sein Gegenpart Zacharias nehmen dabei ebenso Anleihen bei „Harry Potter“: Lord Voldemort und Albus Dumbledore. Kostüm und Maske (Dorothea Wiedermann, Peggy Billing) in „Der Zauberlehrling“ unterstützen das noch. Aber im Unterschied zur Hogwarts-Geschichte bleibt noch offen, wer gut und wer böse ist, und welcher Zauberer wirklich für Claras Schicksal verantwortlich ist.

„Ein bisschen exotisch, ein bisschen rassistisch“

Obwohl das (Märchen-)Drehbuch in Bezug auf Geschlechterdemokratie heutig erscheint, ist angesichts Rassismusdebatten Rückwärtsgewandtes spürbar. So trägt Ambrosius überflüssigerweise und vollkommen ohne Bezug einen orientalistischen Turban und spricht mit einer Wunderlampe, als er die Rattenplage – die er selbst durch Magie ausgelöst hat – auf Wunsch der Königin Anna (Sandra Borgmann) beendet und sich so für sie unabkömmlich macht.

Schwerer wiegt aber, dass der Schwarzen Schauspielerin Dennenesch Zoudé die Rolle der Hüterin angeboten wurde: Als mystische, geheimnisvolle Figur bewacht sie hier eine geheime Blume, die jeden Zauber auflösen und mit deren Hilfe Katrinas Schwester erlöst werden kann.

Der Zauberlehrling (2017): Valentin und Katrina fahren durchs magische Tor / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Valentin und Katrina fahren durchs magische Tor / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Der Zauberlehrling (2017): Klischeehafte Hüterin (Dennenesch Zoudé) / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Klischeehafte Hüterin (Dennenesch Zoudé) / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Dabei bedient Zoudé als Beschützerin noch alte Denkmuster wie im ARD-Märchenfilm „Das Wasser des Lebens“ (D 2017), als die Schwarze Denise M’Baye gleichfalls die Rolle einer rätselhaften Schwellenhüterin übernimmt: „ein bisschen exotisch, ein bisschen Voodoo-Zauber, ein bisschen rassistisch“ (vgl. Schlesinger 2019).

Anna und Elisabeth

Dagegen orientiert sich die Figur der Allein-Herrscherin Anna charakterlich, historisch und vor allem äußerlich an der englischen Königin Elisabeth I. (1533–1603). Sie war unter dem Namen „The Virgin Queen“ oder „The Maiden Queen“ (dt.: Die jungfräuliche Königin) bekannt, weil sie unverheiratet blieb. Obwohl sie viele Verehrer hatte – ganz so wie Zaubergroßmeister Ambrosius und Ex-Meister Zacharias im ZDF-Märchenfilm.

Der Zauberlehrling (2017): Ambrosius (Christoph Bach) will die Königin besitzen / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Ambrosius (Christoph Bach) will die Königin besitzen / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Der Zauberlehrling (2017): Königin Anna (Sandra Borgmann) goes to Elisabeth / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Königin Anna (Sandra Borgmann) goes to Elisabeth / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


Elizabeth – Das goldene Königreich (GB/F 2007): Schauspielerin Cate Blanchett / © Universal Pictures

Elizabeth – Das goldene Königreich (GB/F 2007): Schauspielerin Cate Blanchett / © Universal Pictures


Elizabeth (USA/GB 2005): Schauspielerin Helen Mirren in der Titelrolle / © Channel 4

Elizabeth (USA/GB 2005): Schauspielerin Helen Mirren in der Titelrolle / © Channel 4


Ihr Kostüm- und Maskenbild lässt sich dabei von früheren Elisabeth-Gemälden, aber vor allem vom Film inspirieren, der besonders in den letzten 25 Jahren diese (starke) Frau neu entdeckte, wie beispielsweise die Blockbuster „Elizabeth“ (GB 1998) und „Elizabeth – Das goldene Königreich“ (GB/F 2007) mit Cate Blanchett sowie der TV-Film „Elizabeth“ (USA/GB 2005) mit Helen Mirren in der Titelrolle.

Einige Zauberverse, kein Trick-Feuerwerk

Dass bei soviel Geschichtsverliebtheit die eigentliche Inspiration von „Der Zauberlehrling“, nämlich die Ballade, nicht vergessen wird, beweist die Sequenz, in der die Titelfigur ganz nach Goethe einen (Zauber-)Besen für sich tanzen beziehungsweise die Arbeit machen lässt („Und nun komm, du alter Besen! […] bist schon lange Knecht gewesen: nun erfülle meinen Willen! Auf zwei Beinen stehe, oben sei ein Kopf, eile nun und gehe mit dem Wassertopf!“).

Wer aber nun auf ein Feuerwerk an Spezial- oder visuellen Effekten hofft, wird enttäuscht. Denn der Film vertraut – wohl auch aus finanziellen Gründen – von Beginn an neben der Tonebene (Dialog, Musik: Mathias Rehfeldt) vor allem auf das Szenenbild (Leitung: Martin Schreiber), das das Märchenhafte bedienen soll. So entstehen die Aufnahmen unter anderem im märchenfilmerprobten Görlitz („Die Elixiere des Teufels“, DDR 1972; „Gevatter Tod“, DDR 1980).

Loblied auf die alte Ordnung

Hier befindet sich der sogenannte Braune Hirsch, ein barockes Bürgerhaus, das Zacharias’ Apotheke beherbergt. Dagegen logiert Ambrosius im Alten Rathaus am Görlitzer Untermarkt. Und im Kulturhistorischen Museum der ostsächsischen Stadt, resp. in den historischen Räumen der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, ist Ambrosius’ Bibliothek eingerichtet, in der Katrina und Valentin ein Buch finden, das am Ende der Schlüssel für die Erlösung von Clara ist.

Der Zauberlehrling (2017): Alle freuen sich über das Wunder der Erlösung / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans

Der Zauberlehrling (2017): Alle freuen sich über das Wunder der Erlösung / © MDR/Kinderfilm/Steffen Junghans


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Dass eine Lesart der Goethe-Ballade – die Kritik an Anmaßung und ein Loblied auf die alte Ordnung – auch im Märchenfilm erkennbar ist, schließt den Bogen zur Vorlage: Sowohl Ambrosius als auch Zacharias konnten der Versuchung nicht widerstehen und wollten ein noch größerer Zauberer sein. Anders als bei Goethe muss einer aber dafür mit dem Leben bezahlen.

Film: „Der Zauberlehrling“ (BRD, 2017, R: Frank Stoye). Ist auf DVD erschienen.

Drehorte:

  • Altes Rathaus, Untermarkt 6, 02826 Görlitz (Haus von Ambrosius)
  • Brauner Hirsch, Untermarkt 26, 02826 Görlitz (Apotheke von Zacharias)
  • Wasserschloss Tauchritz, 02827 Görlitz
  • Kulturhistorisches Museum, Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, Neißstraße 29, 02826 Görlitz (Ambrosius’ Bibliothek)
  • Rakotzbrücke, Kromlauer Park, Halbendorfer Straße, 02953 Gablenz (Magisches Tor)
  • Schloss Muskau (Neues Schloss), 02953 Bad Muskau (Schloss von Königin Anna)

Verwendete Quellen:

  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Jantschek, Torsten: Der Dichter und die Revolution: War Goethe ein Revolutionär? In: Deutschlandfunk Kultur (vom: 31.10.2014, abgerufen: 27.4.2023)
  • Kachel, Jörg C.: Harry Potter und der Stein der Weisen (USA 2001). Harry Potter und die Kammer des Schreckens (USA 2002). In: Friedrich, Andreas (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Stuttgart, 2003, S. 234–239.
  • Romantische Märchen. Ausgewählt von Sigrid Damm. Mit farbigen Abbildungen. Frankfurt a. M./Leipzig, 2002
  • Schlesinger, Ron: Das Wasser des Lebens (D 2017) – oder: Die zwei ungleichen Brüder. In: Märchen im Film (vom: 31.3.2019, abgerufen: 28.4.2023)


Headerfoto: Max Schimmelpfennig als Valentin im ZDF-Märchenfilm „Der Zauberlehrling“ (2017)/Foto: ZDF/Steffen Junghans/Kinderfilm GmbH

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