Der Schwarzwald / Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Märchenhafte Drehorte: Wo das kalte Herz schlägt

Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ wird bis heute für Kino und Fernsehen verfilmt. Obwohl die Geschichte im Schwarzwald spielt, entstanden Außenaufnahmen für Märchenfilme vom „Kalten Herz“ aber nicht nur dort, sondern manchmal an ganz anderen Drehorten: Thüringer Wald statt Schwarzwald und Wannsee statt Schluchsee.

© Hamburger Lesehefte Verlag

© Hamburger Lesehefte Verlag

Im Gegensatz zu Märchen, die überall und nirgends spielen, ist die Geschichte vom „Kalten Herz“ fest mit einem Ort verknüpft: dem Schwarzwald. Schon im ersten Satz des Märchens von Wilhelm Hauff taucht der Name des höchsten Mittelgebirges Süddeutschlands auf. Inmitten einer „unermessliche[n] Menge aufgeschossener Tannen“ und „merkwürdig[er]“ Bewohner – so Hauff – trägt sich die Geschichte von Peter Munk zu: Der arme Köhler gibt sein Herz dem bösen Holländer-Michel, um endlich reich zu werden. Dafür bekommt er ein kaltes Herz in seine Brust.

Erst spät bereut Peter seinen Handel. Am Ende des Märchens gelingt es ihm mit Hilfe des guten Glasmännleins, sein eigenes Herz wiederzugewinnen … Vielleicht liegt es ja am Schwarzwald, der in keinem anderen deutschen Märchen eine so zentrale Rolle spielt, dass „Das kalte Herz“ seit der Stummfilmzeit immer wieder für die Leinwand adaptiert wird. Vielleicht ist es aber auch das Zusammenspiel von märchenhafter Fantasie und romantisch-antikapitalistischem Kern, das Drehbuchautoren an dieser offenbar so zeitlosen Geschichte fesselt. Wie auch immer, bis heute wurde das Märchen mehr als achtmal in Deutschland verfilmt – nicht nur im Schwarzwald …

Das kalte Herz (1922/23): Der Schwarzwald liegt am Wannsee

S-Bahnhof Berlin-Wannsee / Foto: Florian L / pixelio.de

S-Bahnhof Berlin-Wannsee / Foto: Florian L / pixelio.de

Anfang der 1920er-Jahre entsteht eine erste Verfilmung vom „Kalten Herz“. Walter Wassermann und Fred Sauer, der auch Regie führt, schreiben das Manuskript. Einige Innenaufnahmen werden in einer Villa am Berliner Wannsee gedreht. Es sind Szenen eines Dorffestes, auf dem Peter (Fritz Schulz) die Tochter des reichen Ezechiel, Maria (Grete Reinwald), zum Tanz auffordert. Obwohl sich Peter und Maria – bei Hauff heißt sie Lisbeth – im Märchen erst später kennenlernen, heißt es bereits im Filmvorspann, dass beide sich lieben. Aber die Standesunterschiede trennen sie.

Peters Wunsch nach Reichtum wird somit nicht nur mit sozialem Aufstieg begründet, sondern auch mit dem Traum, Maria heiraten zu können. Diese dramaturgische Idee übernehmen später andere Verfilmungen. Im Juni 1923 fährt das Filmteam für Außenaufnahmen in den Schwarzwald, um dem Märchenfilm „das charakteristische Gepräge“ (Film-Kurier, 4.6.1923) zu geben. Doch es sind weniger die Naturaufnahmen, sondern Dekor, Kostüm und das Spiel der Darsteller, die den Streifen in die Nähe eines märchenhaften Filmexpressionismus rücken.

Drehorte:

  • Schwarzwald
  • 14109 Berlin-Wannsee

Film: „Das kalte Herz“ (1922/23, R: Fred Sauer, D). Ist noch nicht auf DVD erschienen.

Das kalte Herz (1933/2016): Holländer-Michel lebt in den Dolomiten

Dolomiten / Foto: Günter Hommes / pixelio.de

Dolomiten / Foto: Günter Hommes / pixelio.de

Wenige Jahre später bringt die Münchner Produktionsfirma Mercedes-Film ihre Version vom „Kalten Herz“ auf die Kinoleinwand. Doch der Stummfilm, der am 16. Januar 1930 seine Zulassung erhält, gilt bis heute als verschollen. Ein ähnliches Schicksal teilte bis vor Kurzem eine andere Verfilmung, die der Berliner Filmregisseur Karl Ulrich Schnabel 1932/33 dreht. Filmhistoriker und Kinotechniker Raff Fluri aus Bern hat unlängst diese Verfilmung von „Das kalte Herz“ wiederentdeckt. Eine kleine Sensation, weil der Stummfilm 80 Jahre unauffindbar war.

Zurzeit wird der Film dank Crowdfunding restauriert. 2016 soll „Das kalte Herz“ von 1933 auf der Leinwand gezeigt werden. Dann wird der Zuschauer erkennen, dass Außenaufnahmen für den Märchenfilm in Berlin entstanden. Die Domäne Dahlem, heute Landgut und Museum, dient als Außenkulisse für Szenen, die Peter (Franz Schnyder) in einem Schwarzwalddorf zeigen. Das Reich des Holländer-Michel (Stefan Schnabel) liegt dagegen, so Raff Fluri, in der Bergkette der Dolomiten. Zudem sind Aufnahmen vom Tessin, Comer See und Schwarzwald zu sehen.

Drehorte:

  • Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, 14195 Berlin: Stellmacherei (heute einziges noch erhaltenes Kalk-Piseé-Gebäude in Berlin), Pferdestall (heute CULINARIUM mit Dauerausstellung zur Kulturgeschichte der Ernährung)
  • Schwarzwald
  • Italien: Dolomiten, Tessin u. a.
  • Schweiz: Comer See

Film: „Das kalte Herz“ (1933/2016), R: Karl Ulrich Schnabel, D). Aufführung in der Reihe „Wiederentdeckt“ im Zeughauskino, Berlin: 4. November 2016, 19 Uhr

Trailer: Hier klicken

Das kalte Herz (1949/50): Thüringer Wald statt Schwarzwald

DVD-Cover / Icestorm Distribution GmbH

DVD-Cover / Icestorm Distribution GmbH

Nachdem die UFA noch 1944 eine Neuverfilmung des „Kalten Herz“ plant, die aber nicht mehr zustande kommt, entscheidet 1948/49 eine anderes Filmunternehmen das Hauffsche Märchen auf die Kinoleinwand zu bringen. Die DEFA verfilmt die Geschichte um den Kohlenmunk-Peter – erstmals als Tonfilm und als Farbfilm. Die politische Situation in Deutschland ist damals aber alles andere als märchenhaft; das beeinflusst auch die Auswahl der Drehorte. Die deutsche Teilung, erst in Besatzungszonen, später in zwei Staaten, erfordert Improvisationstalent der Filmemacher.

Thüringer Wald / Foto: Hans-Jürgen Steglich / pixelio.de

Thüringer Wald / Foto: Hans-Jürgen Steglich / pixelio.de

Weil der Schwarzwald, in dem „Das kalte Herz“ spielt, im West-Teil Deutschlands liegt, wird im Thüringer Wald bei Tabarz* gedreht. Das Dorf, in dem Peter (Lutz Moik) lebt, und andere Filmkulissen werden in den DEFA-Ateliers nachgebaut.** Dort entstehen auch Szenen, die den kaltherzigen Peter in Holland mit profitgierigen Kaufleuten zeigen. „Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel“, so beschreibt schon Hauff in „Das kalte Herz“ die Geldaristokraten. Die Adaption übersetzt das exakt in Bilder, auch um die Hauffsche Kapitalismus-Kritik im sozialistischen Märchenfilm herauszuarbeiten.

Drehorte:

  • Lauchagrund (in der Umgebung), 99891 Tabarz
  • Marienglashöhle (in der Umgebung), 99894 Friedrichroda
  • Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin

Film: „Das kalte Herz“ (1949/50, R: Paul Verhoeven, DDR). Ist auf DVD erschienen.

Das kalte Herz (1977/78): Märchen im Freilichtmuseum und Wildgehege

Vogtsbauernhof / Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof

Vogtsbauernhof / Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof

Nicht nur in der DDR auch für eine westdeutsche Kinderfernsehserie wird „Das kalte Herz“ verfilmt – wenngleich in einem ungewöhnlichen Format. Die TV-Sendung „Lemmi und die Schmöker“ stellt in den 1970er-Jahren Kinder- und Jugendbücher vor. Der Clou: Die Geschichten werden vorgelesen und in Filmen nachgespielt, um Kinder fürs Lesen zu begeistern. Ein Kopf hinter dieser Idee ist damals Peter Podehl, der 1953 das Drehbuch von „Die Geschichte vom kleinen Muck“ mitverfasst und wenig später der DDR den Rücken kehrt.

Podehl schreibt ebenso am Drehbuch und führt Regie in „Das kalte Herz“, das am 19. März 1978 in der WDR-Fernsehserie gezeigt wird. Außenaufnahmen für den 40-minütigen Märchenfilm entstehen im Schwarzwälder Vogtsbauernhof in Gutach, dem ältesten Freilichtmuseum Baden-Württembergs. Hier ist Kohlenmunk-Peter (Jan Koester) zwischen Bauernhöfen zu sehen, die das Typische ländlicher Schwarzwaldregionen zeigen. Ebenso dreht das Filmteam im Wildgehege Hellenthal, einem Tierpark in der südlichen Eifel mit einer Greifvogelstation.

Drehorte:

  • Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, Vogtsbauernhof 1, 77793 Gutach
  • Wildgehege Hellenthal, Am Wildgehege 1, 53940 Hellenthal

Film: „Das kalte Herz“ (1977/78, R: Peter Podehl, BRD). Ist noch nicht auf DVD erschienen.

Das kalte Herz (1978): Filmdreh in Berlin und Iberger Tropfsteinhöhle

Großer Stalagmit in der Iberger Tropfsteinhöhle / Foto: Günter Jentsch / Bildrechte: HEZ

Großer Stalagmit in der Iberger Tropfsteinhöhle / Foto: Günter Jentsch / Bildrechte: HEZ

Nach dem WDR verfilmt auch das ZDF Hauffs Märchen „Das kalte Herz“: als sechsteilige Fernsehserie für das Weihnachts- und Neujahrsprogramm 1978/79. Einige Innenaufnahmen entstehen in den Tempelhofer Film-Studios in Berlin. Dort werden damals ZDF-Shows wie die „Hitparade“ oder „Der große Preis“ produziert. Für „Das kalte Herz“ bauen die Filmarchitekten den Schwarzwald nach – mit Bäumen aus dem Harz, wie die „Berliner Morgenpost“ weiß. Drehort für Außenaufnahmen ist die Iberger Tropfsteinhöhle – auch im Harz.

Dorthin verschlägt es Kohlenmunk-Peter (Thomas Ahrens) als er sich mit dem Holländer-Michel (Reinhard Koldehoff) einlässt. Regisseur Werner Reinhold verrät damals in einem Interview, dass die Dreharbeiten im Sommer 1978 in der Tropfsteinhöhle nicht ganz leicht waren: „Mancher aus dem Team bekam so etwa 200 Meter unter der Erde Höhlenangst […]“. Die erste der sechs 25-minütigen Folgen von „Das kalte Herz“ wird am 11. Dezember 1978 gesendet – aber noch nicht unter dem populären Namen „ZDF-Weihnachtsserie“. Erst ein Jahr später beginnt der Siegeszug dieses TV-Flaggschiffs mit „Timm Thaler“ und märchenhaften Einschaltquoten.

Drehorte:

  • HöhlenErlebnisZentrum Iberger Tropfsteinhöhle, 37539 Bad Grund
  • Tempelhofer Film-Studios, Oberlandstraße 26-35, 12099 Berlin-Tempelhof

Film: „Das kalte Herz“ (1978, R: Werner Reinhold, BRD). Ist noch nicht auf DVD erschienen.

Das kalte Herz (2013/14): Zwischen Erdmannshöhle und Hotzenwald

Erdmannshöhle / Foto: Gryffindor / Wikimedia Commons

Erdmannshöhle / Foto: Gryffindor / Wikimedia Commons

Als Mitte der 2000er-Jahre bei ARD und ZDF ein Märchenfilm-Revival beginnt, werden anfangs vor allem populäre Geschichten der Brüder Grimm adaptiert. Erst später stehen Hauffsche Märchen auf dem Programm. Das ZDF verfilmt 2013/14 „Das kalte Herz“. Darin rückt Regisseur Marc-Andreas Bochert die christlichen Elemente des Märchens wieder in den Vordergrund, verzichtet auf Grusel-Momente: Sein Holländer-Michel (Thomas Thieme) wirkt fast kumpelhaft. Doch das ist Kalkül, weil das Böse nicht immer am Äußeren sichtbar wird. Das ist ja das eigentlich Schlimme.

DVD-Cover / Rough Trade Distribution

DVD-Cover / Rough Trade Distribution

Vielmehr setzt Bochert auf authentische Drehorte, spielt mit Licht und Schatten. So werden Peter (Rafael Gareisen) und Holländer-Michel in der Erdmannshöhle Hasel, einer der ältesten Tropfsteinhöhlen Deutschlands gefilmt. In der kleinen Gemeinde Murg im Südschwarzwald nutzt Kameramann Hermann Dunzendorfer die Alte Poststraße und im nahegelegen Hännemer Wald das sogenannte Elendslöchle als Filmkulissen. Auch der Solfelsen im Hotzenwald, ein 775 Meter hoher Findling, der seit 1950 Naturdenkmal ist, wird zum heimlichen Star im ZDF-Märchenfilm „Das kalte Herz“.

Drehorte:

  • Erdmannshöhle, Wehrer Straße 25, 79686 Hasel
  • Elendslöchle im Hännemer Wald, 79730 Murg
  • Alte Poststraße, 79730 Murg
  • Naturdenkmal Solfelsen, 79736 Rickenbach
  • Écomusée d’Alsace (Freilichtmuseum/Museumsdorf), Chemin du Grosswald, F-68190 Ungersheim

Film: „Das kalte Herz“ (2013/14, R: Marc-Andreas Bochert, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Das kalte Herz (2015/16): Zurück zu den (Schwarzwald) Wurzeln

Schluchsee / Foto: Stefan Schwarz / pixelio.de

Schluchsee / Foto: Stefan Schwarz / pixelio.de

Nach über 65 Jahren entsteht in den Babelsberger Studios eine neue Verfilmung von „Das kalte Herz“. Und: Im Gegensatz zum DEFA-Klassiker von 1949/50 dreht Regisseur Johannes Naber diesmal auch im Schwarzwald, um den Kurort Schluchsee. Die Koproduktion mit Studio Babelsberg und dem öffentlich-rechtlichen SWR, MDR und der ARD-Degeto startet am 20. Oktober 2016 in den deutschen Kinos. Die Rolle des Peter Munk übernimmt Frederick Lau, der unlängst den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller für „Victoria“ erhielt.

Moritz Bleibtreu spielt den Bösewicht Holländer-Michel. Henriette Confurius („Allerleirauh“) schlüpft in die Rolle der Lisbeth. Mit dabei sind zudem André Hennicke („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) und Milan Peschel („Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“), der das gute Glasmännlein spielt. Naber, der zusammen mit Christian Zipperle und Co-Autor sowie Horrorfilm-Spezialist Andreas Marschall („Alraune“) das Drehbuch geschrieben hat, will „Das kalte Herz“ als toughe Abenteuergeschichte auf die Leinwand bringen.

Drehorte:

  • Felsenlabyrinth, 01819 Langenhennersdorf
  • Filmstudios Potsdam-Babelsberg, Havelchaussee 161, 14055 Berlin
  • Walterhof, Hinterrötenberg 3, 72290 Loßburg-Schömberg
  • 42103 Wuppertal (in der Umgebung)
  • 72290 Loßburg (in der Umgebung)
  • 79859 Schluchsee/Schwarzwald (in der Umgebung)

Film: „Das kalte Herz“ (2016, R: Johannes Naber, BRD). Kinostart: 20. Oktober 2016.

Weitere Verfilmung:

  • „Das kalte Herz“ (1965, R: unbekannt, BRD: NDR-Fernsehspiel)

Literatur:

  • Hauff, Wilhelm: Sämtliche Märchen. Mit den Illustrationen der Erstdrucke. Herausgegeben von Hans-Heino Ewers. Stuttgart, 2002
  • * Kümpel, Patricia: Zur Stilistik der DEFA-Märchen. Exemplarische Analysen zur filmischen und narrativen Gestaltung von Märchenverfilmungen aus der ehemaligen DDR. Saarbrücken, 2009, S. 47
  • ** Reimer, Dieter (Hrsg.): DEFA-Stars. Legenden aus Babelsberg. Leipzig, 2004, S. 40
  • Sommer, Chris: Alte Geschichte von der Sucht nach Reichtum: „Das kalte Herz“, in: Berliner Morgenpost, 15.7.1978


Headerfoto: Schwarzwald / Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Teile den Artikel via email rss facebook google plus twitter

Schreibe einen Kommentar