Das tapfere Schneiderlein (1956): Die Titelfigur (Kurt Schmidtchen) setzt auf unorthodoxe (Fang-)Methoden / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Zwischen Kunstanspruch und Erziehung: Der Märchenfilm in der DDR

Gut ein Viertel der DDR-Kinderfilme zählten zum Märchengenre. Die verfilmten Geschichten sollten begeistern, aber auch im Sinne des Sozialismus belehren. Ein Spagat, den viele Filmschaffende dennoch meisterten.

Im Gegensatz zur westdeutschen Märchenfilmproduktion – die bereits 1948 mit „Frau Holle“ (D/West, R: Hans Grimm) in den Kinos startete – ließen sich die Filmemacherinnen und -macher in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ein bisschen Zeit mit ihrem ersten Schauspieler-Märchenfilm. Erst nach drei Kinder- und Jugendfilmen, die in der Nachkriegsgegenwart spielten, wurde im Dezember 1950 „Das kalte Herz“ (R: Paul Verhoeven) uraufgeführt.

Das kalte Herz (1950): Holländer-Michel (Erwin Geschonneck) bedrängt Peter (Lutz Moik) / © MDR/Progress

Das kalte Herz (1950): Holländer-Michel (Erwin Geschonneck) bedrängt Peter (Lutz Moik) / © MDR/Progress


Das verfilmte Kunstmärchen Wilhelm Hauffs war allerdings nicht nur für Kinder gedacht. Die Verantwortlichen hatten von Anfang an auch das Erwachsenenpublikum im Blick – und investierten viel Herzblut in das Filmprojekt. Das bewiesen sowohl der technisch-ökonomische Aufwand als auch das hochkarätige Schauspielensemble und eine fortgeschrittene Tricktechnik. All das zeigte, dass sich das verantwortliche staatliche DEFA-Studio für Spielfilme von Beginn an hohe Maßstäbe setzte.

Diese sollten später für die gesamte Märchenfilmproduktion der DDR gelten, wenngleich gerade „Das kalte Herz“ im Hinblick auf Filmstab und Ästhetik – ausdrücklich nicht in seiner humanistischen Botschaft – noch an das NS-Kino erinnerte: Paul Verhoeven (1901–1975) war einer der produktivsten Regisseure von Unterhaltungsfilmen im „Dritten Reich“ und Kameramann Bruno Mondi (1903–1991) hatte zuvor an NS-Propagandastreifen wie „Jud Süß“ (D, 1940, R: Veit Harlan) mitgewirkt – wofür er nach 1945 kurz Berufsverbot erhielt.

Die 1950er-Jahre: Vielseitig und experimentell

Mit dem zweiten Märchenfilm „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953, R: Wolfgang Staudte) führte die DEFA ihren erfolgreichen Weg fort und produzierte eine weitere „demokratische humanistische Adaption“ (Häntzsche 1985, S, 253) eines klassischen Stoffes: Staudte (1906–1984) und Drehbuch-Co-Autor Peter Podehl (1922–2010) nahmen in der Verfilmung von Wilhelm Hauffs Kunstmärchen über einen sozial benachteiligten Helden allerdings die Bedeutung des Materiellen zurück.

Die Geschichte vom kleinen Muck (1953): Mucks Vater (Wilhelm Otto Eckhardt, l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff) / © MDR/Progress Film-Verleih

Die Geschichte vom kleinen Muck (1953): Mucks Vater (Wilhelm Otto Eckhardt, l.) bringt seinen Sohn (Thomas Schmidt) zu einem Schulmeister (Wolf Beneckendorff) / © MDR/Progress Film-Verleih


Dafür traten Sozialkritik, Nächstenliebe, Toleranz, Vergebung und – in einer neu ins Drehbuch aufgenommenen Schlüsselszene – Pazifismus sowie die Absage an Kriegstreiberei in den Vordergrund. Auch aufgrund des wieder hohen technisch-künstlerischen Niveaus wurde der Film 1956 auf Festivals in Montevideo (Uruguay) und Edinburgh (Schottland) ausgezeichnet und gilt als der internationale DEFA-Erfolg.

In den folgenden Jahren setzten die Filmschaffenden weiterhin auf „eine progressive Interpretation des klassischen Erbes“ (ebd.) der Volks- und Kunstmärchen. Daneben sah die DDR-Märchenfilmproduktion ihre Aufgabe ebenso darin „bei der sozialistischen Erziehung der Kinder mitzuhelfen“ (Wilkening 1966, S. 287) – was aus Sicht der Filmfunktionärinnen und -funktionäre nicht immer gelang:

Das singende, klingende Bäumchen (1957): Der König (Charles Hans Vogt) bringt es der hochmütigen Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR/Progress-Filmverleih

Das singende, klingende Bäumchen (1957): Der König (Charles Hans Vogt) bringt es der hochmütigen Prinzessin Tausendschön (Christel Bodenstein) / © MDR/Progress-Filmverleih


TV-TIPP
Das singende, klingende Bäumchen (DDR 1957): Ostermontag, 18. April 2022 um 16.45 Uhr im MDR.

Ein „handfeste[r] Männerfilm“ statt eines Kinderfilms („Der Teufel vom Mühlenberg“, 1955, R: Herbert Ballmann), „vulgär-marxistische Interpretation“ eines klassischen Volksmärchens („Das tapfere Schneiderlein“, 1956, R: Helmut Spieß) oder „verlogen[e] Monarchenromantik“ („Das singende, klingende Bäumchen“, 1957, R: Francesco Stefani) tönte es seitens der DDR-Filmkritik. Dennoch: Aus heutiger Sicht gelten gerade die 1950er-Jahre als ein besonders vielseitiges und experimentelles Jahrzehnt in der DDR-Märchenfilmproduktion.

Die 1960er-Jahre: Stilisierte Theaterinszenierungen

Die ab 1959 adaptierten Märchen versuchten sich weniger an Interpretationen, die sich vollständig von der klassischen Vorlage entfernten. Vielmehr wurden vorhandene sozialkritische Elemente in den Märchen unaufdringlich und behutsam verstärkt („Das Feuerzeug“, 1959, R: Siegfried Hartmann). Zudem blieb die Neugier an neuen Wegen der Inszenierung erhalten. So ließen sich Regisseure von Theaterinszenierungen inspirieren („Das Zaubermännchen“, 1960, R: Christoph Engel/Erwin Anders; „Rotkäppchen“, 1962, R: Götz Friedrich).

Das Feuerzeug (1959): Der Soldat (Rolf Ludwig) mit der Prinzessin (Barbara Mehlan) / © MDR/Progress Film-Verleih

Das Feuerzeug (1959): Der Soldat (Rolf Ludwig) mit der Prinzessin (Barbara Mehlan) / © MDR/Progress Film-Verleih


TV-TIPP
Das Feuerzeug (DDR 1959): Samstag, 16. April 2022 um 6.20 Uhr im MDR.

Einen Schritt weiter gingen Gottfried Kolditz (1922–1982) in „Frau Holle“ (1963) und Walter Beck (*1929) in „König Drosselbart“ (1965). Ihre stilisierte Märchenwelt in der Filmarchitektur brach mit bisherigen Sehgewohnheiten und fokussierte den Blick auf das Figurenensemble sowie die Wandlung seiner Charaktere. Beck ging in seinen nachfolgenden Adaptionen diesen Weg konsequent weiter wie in „Dornröschen“ (1971), „Der Prinz hinter den sieben Meeren“ (1982), „Der Bärenhäuter“ (1986).

Wie heiratet man einen König (1969): Die kluge Bauerntochter (Cox Habbema) erobert den Herrscher (Eberhard Esche) / © MDR/RBB/DEFA

Wie heiratet man einen König (1969): Die kluge Bauerntochter (Cox Habbema) erobert den Herrscher (Eberhard Esche) / © MDR/RBB/DEFA


____________________
TV-TIPP
Wie heiratet man einen König (DDR 1969): Sonntag, 1. Mai 2022 um 10.55 Uhr im MDR.

Eine Zäsur in der DDR-Märchenfilmproduktion war Rainer Simons (*1941) „Wie heiratet man einen König“ (1969): Das Debüt des damals 28-jährigen Regisseurs, das auf das Grimm’sche Märchen „Die kluge Bauerntochter“ zurückging, wirkte im Vergleich zu bisherigen DDR-Märchenfilmen frisch, modern, unkonventionell.

Die 1970er-Jahre: Märchenfilme für das Fernsehen der DDR

Auch die deutsch-tschechoslowakische Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973, R: Václav Vorlíček) erzählte ihre Geschichte leicht und ungezwungen und präsentierte zudem emanzipierte Frauen- sowie Männerbilder – mit Erfolg. Fast zeitgleich produzierte das DEFA-Studio für Spielfilme den ersten Märchenfilm im Auftrag des Fernsehens der DDR: „Der kleine und der große Klaus“ (1971, R: Celino Bleiweiß).

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Titelfigur (Libuše Šafránková) mit Prinz (Pavel Trávnicek) / © MDR/RBB/DEFA

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Titelfigur (Libuše Šafránková) mit Prinz (Pavel Trávnicek) / © MDR/RBB/DEFA


Bis 1990 sollten weitere folgen. Dabei wurden auch weniger bekannte Vorlagen verfilmt, wie „Die schwarze Mühle“ (1975, R: Celino Bleiweiß) nach einer Erzählung von Jurij Brĕzan (1916–2006), „Die Regentrude“ (1976, R: Ursula Schmenger) nach einer Novelle von Theodor Storm (1817–1888) oder „Die Geschichte vom goldenen Taler“ (1985, R: Bodo Fürneisen) nach einem Märchen von Hans Fallada (1893–1947).

Dass die DEFA eine Grimm’sche Vorlage auch als Märchenfilm-Komödie mit burlesken Elementen umsetzen konnte, bewies Regisseur Egon Schlegel (1938–2013) mit „Wer reißt denn gleich vor’m Teufel aus“ (1977), frei nach dem Grimm’schen Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Aber: Bei allen komischen und grotesken Einlagen, die der Film bot, wies die westdeutsche Kritik auch auf eine subtil pro-militaristische Grundhaltung hin. Denn der Held verteidigt sich mit einer ‚schießenden’ Schalmei vor einem wortbrüchigen König. Das Instrument erinnere an eine sogenannte ‚Stalinorgel’, ein nach dem sowjetischen Diktator benannter Raketenwerfer aus den 1940er-Jahren (vgl. Schmitt 1993, S. 373).

Wer reißt denn gleich vor’m Teufel aus (1977): Jakob (Hans-Joachim Frank) lässt den Teufel (Dieter Franke) nach seiner Pfeife tanzen / © MDR/Progress/Heinz Wenzel

Wer reißt denn gleich vor’m Teufel aus (1977): Jakob (Hans-Joachim Frank) lässt den Teufel (Dieter Franke) nach seiner Pfeife tanzen / © MDR/Progress/Heinz Wenzel


Einem durchweg humanistisch-pazifistischen Grundgedanken sah sich dagegen „Das blaue Licht“ (1976, R: Iris Gusner) verpflichtet – der König wurde hier nicht mit Waffen besiegt, sondern mit Hilfe des Wunderlichts einfach weg gepustet.

Die 1980er-Jahre: Von „Die vertauschte Königin“ zum „Eisenhans“

Anfang der 1980er-Jahre nutzten die DEFA-Drehbuchschreiberinnen und -schreiber neben Märchen der Brüder Grimm beispielsweise eine Vorlage des russischen Dichters Andrej Platonow (1899–1951) in „Die vertauschte Königin“ (1984, R: Dieter Scharfenberg). Daneben ging „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ (1985, R: Jürgen Brauer) auf einen Roman von Bettina von Arnim (1785–1859) zurück, den sie 1844/45 zusammen mit ihrer Tochter Gisela (1827–1889) schrieb. Dass der DDR-Märchenfilm auch von diesen Vorlagen profitierte, bewies vor allem letztgenannter Film, der in seinem Szenenbild von Alfred Hirschmeier (1931–1996) ein Feuerwerk an Ideen und Einfällen zündete und das Romantikmärchen in den Dialogen erfrischend modernisierte.

Ab 1986 orientierte sich das DEFA-Studio für Spielfilme dann wieder zunehmend an den Volksmärchen der Brüder Grimm: sechs von sieben Adaptionen gingen auf ihre Vorlagen zurück. Doch meist waren es nur Motive oder einzelne Figuren, derer sich die Autorinnen und Autoren bedienten. Denn auch in diesen Märchenfilmen wurde die „Betonung und Herausarbeitung, einzelner für die Gegenwart bedeutsamer historischer, sozialer, moralischer und psychologischer Aspekte“ (Richter -de Vroe 1990, S. 23) konsequent weiterverfolgt.

Jorinde und Joringel (1986): Der 25-jährige Thomas Stecher spielt die männliche Hauptrolle / © MDR/Progress

Jorinde und Joringel (1986): Der 25-jährige Thomas Stecher spielt die männliche Hauptrolle / © MDR/Progress


____________________
MEHR ZUM THEMA
Krieg und Frieden: Pazifistische und militaristische Botschaften im Märchenfilm
„… in den wagte sich kein Mensch“: Der Wald im deutschen Märchenfilm (1924–1990)
Die ostdeutsche Übernahme – oder: Der Märchenfilm in der BRD von 1990 bis heute

Beispielsweise für den Film „Jorinde und Joringel“ (1986, R: Wolfgang Hübner), in dem die Vorlage zu einem Plädoyer für Frieden und Anti-Militarismus weiterentwickelt wurde. Oder für den „Eisenhans“ (1988, R: Karl-Heinz Lotz): Ein noch bei den Grimms unscharf gezeichneter „wilder Mann, der braun am Leib war, wie rostiges Eisen“ (Brüder Grimm 1980, S. 234), wurde hier zu einer Figur des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur stilisiert. Es sollte einer der letzten DDR-Märchenfilme werden.

Verwendete Quellen:

  • Brüder Grimm: Der Eisenhans. In: Dies.: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart, 1980, Bd. 2, S. 233–242.
  • Ewald, Charlotte: Weshalb wurde „Der Teufel vom Mühlenberg“ kein Kinderfilm? In: Deutsche Filmkunst 3 (1955), Nr. 3. S. 111–113, hier: S. 113.
  • Ewald, Charlotte: Zwei neue Kinderfilme der DEFA. „Das singende, klingende Bäumchen“. In: Deutsche Filmkunst 6 (1958), Nr. 1, S. 2–4, hier: S. 2.
  • Häntzsche, Hellmuth (Hrsg.): … und ich grüße die Schwalben. Der Kinderfilm in europäischen sozialistischen Ländern. Berlin, 1985.
  • Meyer, Hansgeorg: Gebrüder Grimm auf Breitwand. „Das tapfere Schneiderlein“ und seine filmische Interpretation. In: Leipziger Volkszeitung, 11 (1956), Nr. 237, 10.10.1956, S. 4.
  • Richter-de Vroe, Klaus: Zwischen Wirklichkeit und Ideal. In: Berger, Eberhard/Giera, Joachim (Hrsg.): 77. Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin, 1990, S. 15–23.
  • Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen. Eine volkskundlich-filmwissenschaftliche Dokumentation und genrespezifische Analyse der in den achtziger Jahren von den westdeutschen Fernsehanstalten gesendeten Märchenadaptionen mit einer Statistik aller Ausstrahlungen seit 1954. Frankfurt am Main, 1993.
  • Wilkening, Albert: Kinder- und Jugendfilm. In: Wilkening, Albert/Baumert, Heinz/Lippert, Klaus: Kleine Enzyklopädie Film. Mit 70 Strichzeichnungen und über 400 Photos. Leipzig, S. 287–300.


Headerfoto: Das tapfere Schneiderlein (1956): Die Titelfigur (Kurt Schmidtchen) setzt auf unorthodoxe (Fang-)Methoden / © MDR/Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.