Flóra (Sára Cernochová), Leona (Dorota Šlajerová) und Sophie (Josefína Marková) sind die „Drei Prinzessinnen“ / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Drei Prinzessinnen (ČZ/D 2024): Eine für alle, alle für eine!

Mit dem Wahlspruch der Musketiere versuchen drei Königstöchter, auf friedliche Weise einen Krieg zu verhindern. Dabei schlägt der tschechisch-deutsche Märchenfilm gesellschaftskritische Töne an und stellt klassische Rollenbilder auf den Kopf.

Der tschechisch-slowakische Märchenfilm hat in seiner über 100-jährigen Geschichte bereits hier und dort über drei (verschiedene) Prinzessinnen erzählt. Zweimal in Verbindung mit dem bekannten Motiv „Lieb wie das Salz“.

Darin fragt der väterliche König seine drei Töchter, wie sehr sie ihn mögen. Die Jüngste erwidert – im Gegensatz zu ihren Schwestern – sie liebe ihn so wie das Salz und wird daraufhin verstoßen („Es war einmal ein König“, ČSR 1955, DDR-Kinostart: 25.12.1955; „Der Salzprinz“, ČSSR/BRD 1983, DDR-Kinopremiere: 20.7.1985).

In „Der Prinz und der Abendstern“ (ČSSR 1979, DDR-Kinostart: 18.7.1980) sucht dagegen ein Königssohn seine drei sehnsüchtig auf einen Bräutigam wartenden Schwestern, die er zuvor mit dem Windfang, Mondmann und Sonnenmann verkuppelt hat.

Erwähnenswert ist noch der Märchenfilm „Die drei müden Prinzessinnen“ (ČZ 1998), der Motive aus dem Grimm’schen „Die zertanzten Schuhe“ verwendet. Doch oftmals sind die drei schwesterlichen Königstöchter in den Geschichten eher passive Nebenfiguren, die zwar hübsch anzusehen sind, denen das Drehbuch aber wenig Tiefgang in den Charakteren zugesteht.

„Klassische Motive etwas umgedreht“

Nun, im 21. Jahrhundert und ganz dem Zeitgeist entsprechend, geht der tschechisch-deutsche Märchenfilm „Drei Prinzessinnen“ (ČZ/D 2024) einen anderen Weg. „Wir haben versucht, die einzelnen klassischen Motive und Elemente etwas umzudrehen“, sagt Regisseur Tomáš Pavlíček. „Der Charakter der Prinzessinnen bestimmt den Stil des ganzen Märchens – es ist dynamisch, mitreißend und ziemlich kühn“ (vgl. Honigmann, 15.11.2024).

Genau genommen schickt er drei charakterlich äußerst verschiedene Königstöchter auf eine gefährliche Reise, bei der Zusammenhalt und Teamgeist letztlich zum guten Ende führen.

Dabei fällt auf, dass sich sowohl Drehbuch als auch Inszenierung an die jahrzehntelange Tradition des tschechisch-slowakischen Märchenfilms anlehnen. Zudem spielen klassische Erzähleinstiege eine Rolle.

Gute-Nacht-Geschichte als Rahmenhandlung

So bettet der Film das eigentliche Märchen in eine Rahmenhandlung ein. Darin wird drei kleinen Prinzessinnen (!) von ihrer Großmutter (Anna Šišková) eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Die Idee verweist zwar generell auf die mündliche Überlieferung von Märchen, hier wird sich aber am Ende die Frame Story auf märchenhafte Weise mit der erzählten Geschichte verbinden. Fiktion und Wirklichkeit scheinen ein und dasselbe.

Bevor es soweit ist, erleben die Prinzessinnen Leona (Dorota Šlajerová), Flóra (Sára Cernochová) und Sophie (Josefína Marková) spannende Abenteuer. Dabei ist die Bedeutung ihrer Vornamen eng mit ihrem Wesen verknüpft. Leona (lat.; dt. die Löwin) ist mutig und tapfer, Flóra (lat.; dt. die Blühende) schön und naturliebend, Sophie (lat.; dt. die Weisheit) klug und vernünftig.

Leona (Dorota Šlajerová, v. l. n. r.), Sophie (Josefína Marková), Flóra (Sára Cernochová) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Leona (Dorota Šlajerová, v. l. n. r.), Sophie (Josefína Marková), Flóra (Sára Cernochová) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


Dass der Vorname ein Etikett ist, kann ebenso für ihre Gegenspielerin Königin Mortana (Klára Melíšková) aus dem Nachbarreich gelten, die hier auch noch als böse Stiefmutter auftritt: Sowohl Mors (lat.; dt. Tod) als auch Montanus (lat.; dt. Berg) stecken darin – weil sie in Bergwerken sogenannte Leuchtsteine abbauen lässt (die in Wasser aufgelöst ihre Jugend erhalten), aber am Ende im Reich des Herrn der Unterwelt (Björn Harras) landet.

„Krieg ist keine Lösung!“

Weil ihre eigenen Vorkommen an Leuchtsteinen erschöpft sind, fordert sie vom friedlichen König des Nachbarlandes (Martin Pechlát) dessen Vorräte – ansonsten drohe Krieg. Dabei schlagen Regisseur und Drehbuchteam Hana Cielová/Zdeněk Jecelin auch gesellschaftskritische Töne an, wenn Flóra den Bergbau kritisiert („[d]er Abbau zerstört die Landschaft, Blumen, Wiesen!“) und Leona und Sophie über richtige Antworten auf aggressive Expansionspolitik streiten („Sie können ihren Krieg haben!“ – „Krieg ist keine Lösung! Es muss einen anderen Weg geben.“).

Ähnlich dem – im Film allerdings unerwähnten – Motto „Bella gerant alii, tu felix Austria nube […]“ (lat.; dt. „Andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich, heirate […]“) machen sich die Mädchen auf ins Nachbarreich, um dort auf Bräutigamschau zu gehen – und Prinz sowie Stiefsohn Felix (Josef Trojan, u. a. „Franz K.“, ČZ/D 2025) einen Heiratsantrag zu machen. Denn: Es sei verboten, einen Krieg zu führen, wenn eine Hochzeit geplant sei, so ein Gesetz.

„Eine für alle, alle für eine!“

Mit dem aus Alexandre Dumas’ Roman „Die drei Musketiere“ (1844) entlehnten „Eine für alle, alle für eine!“ eignen sich die Schwestern nicht nur bislang ausschließlich männlich besetzte Schlachtrufe an, es fließen wiederholt zeitgenössische Bezüge ein, wenn das weibliche Trio hier die Initiative ergreift und althergebrachte Konventionen über Bord wirft („Es steht nirgends geschrieben, dass Prinzessinnen nicht auf Brautschau gehen dürfen.“).

Positive Entwicklung: Prinz Felix (Josef Trojan) reift zum mutigen jungen Mann / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Positive Entwicklung: Prinz Felix (Josef Trojan) reift zum mutigen jungen Mann / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


Neben diesen keineswegs neuen Geschlechterkonstruktionen im Märchengerne (dazu zählt ebenso der etwas verkopfte, sich für Kunst, Natur oder Technik, z. B. Flugapparate, interessierende Prinz, vgl. „Dornröschen“, D 2008; „Zitterinchen“, D 2022; „Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“, ČZ/D 2024), bedient „Drei Prinzessinnen“ zugleich klassische Bild- und Erzählideen.

Damit sind nicht erstrangig die gut fotografierten Schlösser gemeint (Kamera: Pavel Berkovič), in denen die Königsfamilien leben: In der neuromanischen Burg Bouzov residiert Mortana; die Prinzessinnen wohnen hingegen in Schloss Hrubý Rohozec, das im 19. Jahrhundert im neugotischen Stil umgebaut wurde.

Pfauenfedern und die Farbe Lila

Vielmehr sind es z. B. kontrastreiche Settings, die sowohl das Gute als auch das Böse verbildlichen. Dazu gehört eine Farbdramaturgie, die dem Reich von Königin Mortana vor allem dunkle Farben zuordnet. Die Herrscherin selbst trägt u. a. ein Kleid, dessen Farbe Lila zwar auf Macht und Magie, aber eben auch den Tod verweist (vgl. „If it’s purple, someone’s gonna die. The Power of color in visual storytelling“, 2005).

Die Farbe Lila: Königin Mortana (Klára Melíšková) auf dem Thron / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Die Farbe Lila: Königin Mortana (Klára Melíšková) auf dem Thron / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


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Dass sie auf ihrem Thron sitzt, den Pfauenfedern schmücken, sagt gleichfalls etwas über ihren Charakter aus. Denn der Vogel steht für Imponiergehabe, Eitelkeit, Stolz, Hochmut und Narzissmus. Doch sie stellt den Mädchen auch eine unlösbar scheinende Aufgabe. Die Drei sollen aus der Unterwelt einen Leuchtstein holen, der nie mehr erlischt. Wer ihn bringt, wird die Gemahlin von Prinz Felix und die Kriegspläne sind passé.

Spiegel, Dolch, Kompass

Hierbei bedient sich der Märchenfilm wiederholt populärer Urstoffe der menschlichen Erfahrung (Suchwanderung, böse Stiefmutter, herabgesetzter Stiefsohn), Orte (Unterwelt als Reich der Toten) oder handlungsauslösender Motive (Androhungen, Versprechen, Heirat). Auch die drei Geschenke ihrer verstorbenen Mutter (Spiegel, Dolch, Kompass), die jedes der drei Mädchen auf die Reise mitnimmt, sind aus der Erzähltradition des Märchens bekannt – aber hier ebenso „etwas umgedreht“, wie Regisseur Tomáš Pavlíček formuliert.

Hades mit Stundenglas: Herr der Unterwelt (Björn Harras) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Hades mit Stundenglas: Herr der Unterwelt (Björn Harras) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


Denn der Dolch (u. a. Symbol für Tapferkeit) – und nicht der Spiegel – hilft Flóra, böse Geister abzuwehren, die für ihr eitles Ich stehen. Und dank des Spiegels (u. a. Symbol für Eitelkeit) schafft es die sich selbst überschätzende Leona, den Sonnenmann (Vojtěch Vondráček) im Schwertkampf zu besiegen. Denn das Tor zur Unterwelt öffne sich nur, wenn ein Mond- und Sonnenstrahl gleichzeitig darauf scheinen – und deshalb müssen die Mädchen beide erst einmal einfangen.

Kühl und unnahbar: Sonne und Mond

Gerade der Sonnenmann und auch der Mondmann (Cyril Dobrý), den Flóra austrickst, erinnern dabei an den bereits erwähnten „Der Prinz und der Abendstern“, der wiederum auf die tschechische Märchendichterin Božena Němcová zurückgeht („O Měsíčníku, Slunečníku a Větrníku“) – wobei das Sympathische im Charakter der beiden eher kühl und unnahbar wirkenden fantastischen Figuren hier fehlt.

Kein römischer Krieger: König Sonne (Vojtěch Vondráček) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Kein römischer Krieger: König Sonne (Vojtěch Vondráček) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


Der Prinz und der Abendstern (ČSSR 1979): Mondmann, Abendstern, Sonnenmann, Windfang

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Silberfarbenes Outfit: König Mond (Cyril Dobrý) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

Silberfarbenes Outfit: König Mond (Cyril Dobrý) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota


So erscheint die spätere Heirat von Leona mit König Sonne sowie Flóra mit König Mond ein wenig konstruiert – und bei Leona zudem nicht bis zum Schluss in der Figur durchdacht, wenn sie anfangs sagt: „Allerdings will ich auf keinen Fall heiraten.“ (Besser gelingt das z. B. im ARD-Märchenfilm „Schneeweißchen und Rosenrot“, D 2012, in dem Rosenrot am Ende aufs Heiraten pfeift und sich lieber die Welt ansieht.)

Ferner wirken in „Drei Prinzessinnen“ die Sonne und Mond spielenden, jungen Männer (*1994 und *1996) durch Kostüm (u. a. Helena Dvořáková Rovná), Maske und Tontechnik (Mischtonmeister: Jakub Jurásek) ungewöhnlich ältlich im Vergleich mit den drei deutlich jüngeren Schauspielerinnen (*2007 und *2008).

Sozial mitfühlendes Herrscherpaar

Abseits dessen funktioniert die Liebesgeschichte zwischen Sophie und Felix als Haupterzählstrang; er gibt dem Märchenfilm ein Handlungsgerüst, das auch den im Schloss lebenden Prinzen sinnhaft miteinbezieht, z. B. wenn seine Brieftauben wichtige Nachrichten an Sophie überbringen (Schnitt: Michal Hýka), sodass sie am Ende den Weg zur Unterwelt findet und mit Felix zusammen den niemals erlöschenden Leuchtstein entdeckt.

Flóra (Sára Cernochová), Sophie (Josefína Marková), Leona (Dorota Šlajerová) / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

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Dieser kommt – ganz im Sinne eines sozial mitfühlenden Herrscherpaares – z. B. den Bergleuten zu Gute, wenn „Leuchtstein-Bäder“ eingerichtet werden, weil die Bergmänner „in den Minen ihre Gesundheit gelassen haben“. So macht „Drei Prinzessinnen“, aus heutiger Sicht, auch noch ein bisschen Werbung für die tschechischen Heilbäder, in denen Körper und Seele ‚königlich‘ verwöhnt werden.

Drehorte: u. a.

  • Burg Bouzov (dt. Busau), Bouzov 8, 783 25 Bouzov, Tschechien
  • Schloss Hrubý Rohozec (dt. Schloss Groß Rohosetz), Hrubý Rohozec 1, 511 01 Turnov 1, Tschechien

Verwendete Quellen:

  • Bellantoni, Patti: If it’s purple, someone’s gonna die. The Power of color in visual storytelling. Oxford: Focal Press, 2005
  • Drei Prinzessinnen (ČZ/D 2024): Märchenfilm voller Magie feiert am 5. Oktober 2025 bei KiKA Premiere. Gefährliche Prüfungen und die Kraft des Zusammenhalts in neuem tschechischen Märchen. In: KiKa von ARD und ZDF (vom: 1.10.2025, abgerufen: 30.11.2025)
  • Honigmann, Daniela: Weihnachtsprogramm im Tschechischen Fernsehen wartet mit neuem Märchen „Die drei Prinzessinnen“ auf. In: Radio Prague International (vom: 15.11.2024, abgerufen: 30.11.2025)

Weiterführende Literatur:

Schmitt, Christoph: Lieb wie das Salz. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner, Helge Gerndt, Lutz Röhrich und Klaus Roth. Bd. 8, Berlin/New York: De Gruyter, 1996, Sp. 1038–1042.

Headerfoto: Flóra (Sára Cernochová), Leona (Dorota Šlajerová) und Sophie (Josefína Marková) sind die „Drei Prinzessinnen“ / © KiKA/Česká televize/Slovenská televízia a rozhlas/Jaroslav Fikota

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